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Florian Henckel von Donnersmarck: Das Leben der Anderen

Zwei Seelen

Von Ute Hallaschka

Eine DDR-Geschichte im Film

Die Kritik überschlug sich schon vorab. "Virtous" (Focus), "Eine der reifsten Leistungen des deutschen Films seit langem" (Filmecho); "Eine grandiose Mischung aus Thriller, Melodram und DDR Sittengemälde" (Spiegel). Es ist und bleibt ein Rätsel, warum dieser Film, der bereits im Wettbewerb der Berlinale vorgesehen war, auf dubiose Weise wieder aus dem Programm entfernt wurde.

Das Leben der Anderen ist eine strenge, stille und erschütternde Zeitreise, die sich von allem unterscheidet, was bisher zum Thema DDR im Kino zu sehen war. Der Film funktioniert wie ein griechisches Drama, er führt den Zuschauer in eine Situation, in der alle Urteilskräfte und alle Gefühle von Sympathie und Antipathie so kollabieren, dass man hineingestürzt in fremdes Schicksal und zum Mittäter gemacht wird. Denn was der Hauptfigur, dem Stasi-Hauptmann Wiesler (gespielt vom wunderbaren Ulrich Mühe) zustößt, das erleidet der Zuschauer im umgekehrten Prozess mit. Das Innenleben dieser Figur des Überwachers stülpt sich im Gang der Handlung so über uns, dass wir am Schluss wirklich in seiner Haut stecken. Er ist die große Schattenfigur, der Gegenspieler, der uns immer ähnlicher wird. Wenn wir endlich an diesem Hüter der Bewusstseinsschwelle vorbeikommen, nachdem das unausweichliche Schicksal sich vollzogen hat, dann droht die schreckliche und kathartische Anerkenntnis: jeder ist ein Verräter am Leben.

Die DDR - ob sie nun das bessere oder das schlechtere Deutschland repräsentiert hat - war auf jeden Fall eins: das zweite Gesicht der alten BRD. Sie sind nicht zu trennen, die Zwillinge des Krieges. Was als ausgesprochener Gegen-Entwurf zum Faschismus des Nationalsozialismus gegründet wurde und geradewegs, nach kurzer Zeit, zum Faschismus des Sozialismus degenerierte - wo ist das denn heute? Ist es bewältigt, oder hat es sich einfach aufgelöst in Luft? Die nachhaltig verdrängte Wunde, das Phantom, das Pestgeschwür der deutschen Geschichte - es gehört zur Banalität des Bösen (Hannah Arendt), dass es im selben Grund wie der Idealismus wurzelt. An dieser Stelle fängt der Film den Zuschauer ab und wirft ihn mit voller Wucht gegen die Wand des eigenen Innern. Mit Mitleid und Schrecken steht man vor sich selbst.

Ein wahrhaft grandioses Schauspielerquartett trägt diesen schwierigen Film. Sie spielen ungebrochen ihre Figuren, in eindringlicher Verwandlungskraft. Ulrich Mühe als Stasi-Hauptmann ein tragischer Anti-Held, verkörpert den Handlanger der Macht. Ein Mensch, der wie ein Werkzeug arbeitet, der blind, seelenlos, schmerzlos funktioniert. Die Chance zur Menschwerdung im System ist zugleich seine Vernichtung. Er erhält den Auftrag, ein Künstlerpaar zu überwachen, den Dichter Georg Dreyman (Sebastian Koch) und seine Lebensgefährtin, die Schauspielerin Christa-Maria (Martina Gedeck). Ein unglaublicher Vorgang, wie es Mühe gelingt, mimisch-anatomisch die Handlung in Szene zu setzen. Seine einzige Spielfläche ist das Gesicht, die hängenden Schultern, der geradezu körperlose Schleichgang auf dem Dachboden des Hauses. Da hockt er am Abhörgerät und belauscht fremdes Leben. Er erhört es wortwörtlich und wird so in dieser inneren Aufmerksamkeit, wie in einer Meditation, in das ihm feindliche Potential hereingezogen, sinnlich einbezogen - eine Feier des Gehörsinns am Rande - bewirkt dieses Einlauschen in ihm Anteilnahme. Er hat Zugang zur Elektrifizierung der Wohnung, er kann Zufall spielen und die Türklingel läuten lassen, von seinem Dachboden aus, wenn er will. Wie in einer Art tierischer, unbewusster Übersprungshandlung greift er plötzlich tatsächlich ins Geschehen ein. Das ist der Anfang vom Ende, er kann jetzt nicht mehr zurück, aus seiner eigenen Beteiligung heraus.

Schritt für Schritt wird er zum Täter des Guten im weiter fortbestehenden Bösen seiner Handlungen. Dies zwingt ihn zum Doppelspiel, seinem Vorgesetzten, dem Oberstleutnant Grubitz gegenüber (glänzend gespielt von dem als Fiesling oft erprobten und bewährten Ulrich Tukur). Die Spirale von ideeller Gewalt und Gegengewalt, die so in Gang gesetzt wird, ist szenisch atemberaubend dicht wie ein Duell und nicht minder spannend. Ein geistiges Gefecht, furchtbar beklemmend, in dem es für alle Beteiligten um Leben und Tod geht. Dieser Film kann gewiss keinen glücklichen Ausgang haben. Dennoch setzt er am Ende ein Zeichen für das, was Menschen hoffen und weiterleben lässt. Regisseur und Drehbuchautor Florian Henckel von Donnersmarck realisiert die zweistündige Filmhandlung mit kompromissloser Strenge und bringt seine Schauspieler zu einem Maximum an Sensibilität, was die Subtexte angeht. Ein Filmbuch ist im März bei Suhrkamp erschienen.

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