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John Twelve Hawks: Traveler
Leben außerhalb des Rasters - Ein Epos für das 21. Jahrhundert
Von Frank Meyer
Der Roman "The Traveler" von John Twelve Hawks ist, ein Jahr nach seinem Erscheinen in den USA, schon so etwas wie ein Klassiker des 21. Jahrhunderts. Inzwischen ist auch die deutsche Übersetzung erschienen. Dabei handelt es sich nur um den ersten Band einer geplanten Trilogie mit dem Titel "The Fourth Realm" (dt. "Das vierte Reich"). "Das vierte Reich" ist nach den Lehren des tibetischen Buddhismus das Reich der Menschen. In dem Roman, einem spirituellen Thriller, geht es um nichts weniger als den Kampf um dieses Reich - eine Art Endkampf, der sich in der Gegenwart und der nahen Zukunft abspielt. "Traveler" handelt von dem "Raster" (engl. "grid"), einem weltumspannenden Überwachungssystem. Auf der Grundlage bereits existierender Technologien wie Überwachungskameras, Navigationssystemen, Computervernetzung, Email- und Telefonüberwachung, elektronischen Transaktionen, Mikrochips, die personalisierte Daten senden, Marktforschung, usw. dient das "Raster" der totalen, weltweiten Kontrolle über die Menschen. Alles Übertreibung? Dem Autor, John Twelve Hawks, ist es sehr ernst mit diesem Thema. So ernst, dass er selbst, mit enormem Aufwand, extrem zurückgezogen, anonym - außerhalb des "Rasters" lebt.
Hawks gibt seine Identität nicht preis - auch weil er will, dass sich die Öffentlichkeit auf das Buch konzentriert und nicht auf seine Person. Damit stellt er sich in eine Tradition des anonymen Publizierens, die beispielsweise bei den Rosenkreuzern und anderen esoterischen Gruppierungen weit verbreitet war. Selbst sein Verleger hat ihn nie zu Gesicht bekommen - für Verhandlungen und Interviews verwendet er ein nicht lokalisierbares Satellitentelefon mit Sprachverwürfelung. Über seine Person gibt es nur wenige Anhaltspunkte und Vermutungen: etwa, dass er männlich und älter als 30 Jahre ist, dass er in New York, Los Angeles oder London lebt und keinen Fernseher besitzt. "The Traveler" ist sein Erstlingsbuch. Als er diesen Roman geschrieben habe, so Hawks in einem seiner seltenen Interviews, habe er eigentlich gar nicht an die Veröffentlichung gedacht, sondern die Welt um sich herum verstehen lernen wollen.
"The Traveler" ist in den USA übrigens im selben Verlag und unter demselben Lektor wie der Bestseller "Sakrileg" ("The Da Vinci Code") von Dan Brown erschienen - auch die Filmrechte sind bereits an ein großes Studio vergeben. Im Internet gibt es bereits ein ganzes Labyrinth von interaktiven Websites, die sich mit dem "Traveler" beschäftigen, die Geschichte ausmalen und die breit angelegte Vermarktungskampagne des Buches unterfüttern. Der den üblichen markttechnischen Gepflogenheiten folgende Medienhype um den "Traveler" steht im krassen Gegensatz zum zurückgezogenen Dasein des Autor und zur soliden, fast altmodisch zu nennenden Machart des Buches: Es ist mit Herzblut geschrieben. Es lebt von der Betroffenheit des Autors. Durch diese Authentizität unterscheidet es sich maßgeblich vom "Da Vinci Code" und anderen von vorne herein auf Vermarktung getrimmten Genrepublikationen. John Twelve Hawks schreibt, was er lebt. Als er einmal gefragt wurde, wie lange er gebraucht habe, um sein Buch zu schreiben, antwortete Hawks: "Mein ganzes Leben."
Der Kampf um das "vierte Reich" - die Menschen - wird im "Traveler" zwischen den Angehörigen uralter Bruderschaften und Geheimbünden ausgetragen, zwischen Menschen, die übersinnliche Fähigkeiten besitzen (die "Traveler"), ihren Verbündeten und solchen, die im Auftrag der "Tabula", eines Geheimbundes, seit Jahrhunderten gegen die "Traveler" kämpfen. Der Name der "Tabula" leitet sich von dem lateinischen Begriff "tabula rasa" her, was so viel wie "reiner Tisch" oder "leere Tafel" bedeutet. Der einflussreiche materialistische englische Philosoph John Locke verwendete diese Metapher gegen Ende des 17, Jahrhunderts für die menschliche Seele, die bei der Geburt eben leer wie ein "unbeschriebenes Blatt" sei, lediglich durch die Erfahrungen zwischen Geburt und Tod geprägt werde und insofern in jeder Hinsicht formbar sei.
Die "Tabula" versucht, das menschliche Bewusstsein ausschließlich mit vorsortierten Informationen zu füllen und durch gezielte Desinformation und Gehirnwäsche die Weltbevölkerung unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei der angestrebten permanenten Überwachungen der Menschen bedient sich die "Tabula" außerdem des Prinzips des Panopticon. Dieses Prinzip geht auf einen anderen englischen Philosophen, Jeremy Bentham (1748 - 1832), den Mitbegründer des Utilitarismus, zurück. Das Panopticon ist das Modell eines Gefängnisses, bei dem die Zellen ringförmig um einen zentralen, in der Mitte des Kerkers gelegenen Turm gebaut sind. Von diesem Turm aus können alle Häftlinge rund um die Uhr beobachtet werden. Das Panopitcon ist so entworfen, dass die Gefangenen ihre Bewacher nicht sehen oder hören können, weshalb sie davon ausgehen müssen, ständig unter Beobachtung zu sein - selbst dann, wenn sich kein Wächter in dem Turm befindet. Das Gefühl des Ausgeliefertseins an die totale und permanente Überwachung wird im Extremfall so weit verinnerlicht, dass es zur Selbstdisziplinierung führt, ohne dass überhaupt noch eine direkte Kontrolle stattfinden muss. Benthams Gefängnisbau wurde nie errichtet - jedoch verwendet die Tabula die Technologien des "Rasters" dazu, die Welt in ein globales, von ihr kontrolliertes Panopticon zu verwandeln.
In Hawks Roman tritt die "Tabula" nach außen als gemeinnützige Organisation ("Evergreen Foundation") auf und unterhält weitreichende Verbindungen zu Regierungen, Universitäten und zur Wirtschaft. Bei der Verfolgung ihrer Ziele schreckt sie jedoch vor keiner verbrecherischen Methode zurück. Mit Hilfe des "Rasters" können sie Gegner auf der ganzen Welt orten und ausschalten. In ihrem Bestreben, unveränderliche Verhältnisse, Wohlstand, politische Ordnung und Stabilität auf der Grundlage strikter Rationalität herzustellen, versucht die "Tabula" all jene zu vernichten, die diesen Plan als unberechenbare, irrationale Elemente gefährden könnten. Das sind vor allem die "Traveler", die über seelisch-geistige Fähigkeiten verfügen, mit denen sie die herkömmliche Realität, das "vierte Reich" verlassen und in andere, seelisch-geistige Dimensionen der Wirklichkeit "reisen" können. Von ihren Reisen in die höhere Wirklichkeit bringen sie neue Impulse, wissenschaftliche, kulturelle und religiöse Ideen mit.
Auf diesem Austausch mit den höheren Welten beruht alle Veränderung und Entwicklung in der menschlichen Gesellschaft. Solche neuen Ideen stellen die größte Bedrohung für die Ziele der "Tabula", die sich gegen Ende der Renaissance formiert und dem Materialismus verschworen hat, dar. Sie will die Erde zu einem berechenbaren, sterilen, kalten Ort machen. Für die Begründer der "Tabula" war die Seele, war das menschliche Bewusstsein nur das Ergebnis biochemischer Prozesse. Nichts gefährdet die Pläne der "Tabula" mehr als neue, nicht vorhersehbare Ideen. Die Anhänger der "Tabula" hassen und fürchten daher die "Traveler" zugleich. Söldner der "Tabula", aber auch die Apparate totalitärer Staaten, vernichten daher seit Jahrhunderten systematisch alle "Traveler", was ihnen fast gelungen ist. In jedem Jahrhundert gelingt es nur wenigen "Travelern", mit Hilfe der geheimnisvollen Bruderschaft der "Harlequins" zu überleben. Die "Harlequins" bilden eine kleine, kriegerische Gemeinschaft von Menschen, die sich zum Schutz der "Traveler" und zum Kampf gegen die "Tabula" verpflichtet haben. Einige "Traveler" gewinnen unter dem Schutz der "Harlequins" Einfluss und Anhänger; sie gehen dann beispielsweise als Religionsstifter oder Wissenschaftler in die Geschichte ein.
Die Heldin des Romans ist Maya, die als Tochter eines legendären "Harlequins" in London aufwächst, und ihre Bestimmung, selbst ein "Harlequin" zu werden, ablehnt, bis ihr Vater in Prag von der "Tabula" bestialisch ermordet wird. Die Kriegerin Maya, die mit dem Schwert genauso gut umzugehen weiß wie mit High-Tech-Waffen, wird mit dem Schutz der beiden letzten überlebenden "Traveler" - zwei in Los Angeles lebenden Brüdern - betraut. Im Gegensatz zu den "Travelern" kann Maya das "vierte Reich", die Menschenwelt, nicht verlassen. Sie ist, wie alle "Harlequins", erdgebunden, jedoch jederzeit bereit, ihr Leben zu opfern, um die "Traveler" zu retten.
Einer der schutzbefohlenen Brüder, Gabriel, lebt, wie der Autor des Romans, "außerhalb des Rasters", während der andere, Michael, beschließt, ein reguläres, bürgerliches Leben zu führen. Daraufhin wird Michael von der "Tabula" enttarnt und in deren Hauptquartier an der amerikanischen Ostküste verschleppt. Während die "Tabula versucht", Michael umzupolen und auf ihre Seite zu ziehen, erhält Gabriel unter Anleitung einer "Pfadfinderin" eine spirituelle Schulung in eine Kommune in Arizona. Er lernt, aus eigener Kraft, seine, im Roman "Licht" genannten Energien zu bündeln, seinen physischen Leib zu verlassen und in übersinnliche Welten zu reisen. Michaels Fähigkeiten hingegen werden durch die Manipulationen der "Tabula" auf der anderen Seite des Kontinents mit Hilfe einer psychedelischen Droge und Neurotechniken zur Entfaltung gebracht.
Die "Tabula", die inzwischen, entgegen ursprünglicher Überzeugungen, die wahren Fähigkeiten der "Traveler" erkannt hat, will sich diese zunutze machen, indem sie Michael zu einem "cold Traveler" umformt. Michael soll seine übersinnlichen Fähigkeiten auf irreguläre Weise ausbilden und der "Tabula" als willenloses Werkzeug zur Verfügung stehen. Gabriel macht sich auf eine Reise quer durch die USA, um seinen Bruder aus den Händen der "Tabula" zu befreien. Dabei wird er von der schwertkämpfenden Heroine Maya begleitet, deren Name, wie zahlreiche Elemente in diesem Roman, mit Bedacht der Mythologie und alter Weisheit entlehnt ist. Es gibt viele Hindernisse zu überwinden und Gefahren zu bestehen, so dass Hawks modernes Märchen auf über fünfhundert Seiten nie langweilig wird, sondern echte Spannung aufbaut. Während die Handlung zielsicher auf die Begegnung der ungleichen Brüder mit den Erzengelnamen, Gabriel und Michael, zuläuft, werden psychologische, philosophische und spirituelle Zusammenhänge von einer Tiefe entwickelt, dass es, anders als bei konventionellen Thrillern, von großem Gewinn sein kann, bei den Einzelheiten zu verweilen und nicht zu schnell vorwärts, dem heiß erwarteten Plot entgegen zu blättern.
Hawks widmet, wie er in dem bereits genannten Interview äußerte, die Trilogie seinen eigenen, persönlichen "Pfadfindern", darunter christliche, jüdische und buddhistischen Lehrer. Selbst steht er, nach eigenem Bekunden, keiner besonderen Religionsgemeinschaft nahe. Früher sei er Atheist gewesen, jetzt bete er jeden Tag zu Gott und hebt, ohne die Unterschiede zwischen den einzelnen Religionen verwischen zu wollen, das allen Religionen gemeinsame Bestreben hervor, die Macht des Mitleids zu lehren und die Fähigkeit dazu in unseren Herzen wachsen zu lassen. Diese tief religiöse Haltung ohne ein spezielles Bekenntnis verbindet Hawks mit vielen modernen Sinnsuchern in der globalen Kultur des 21. Jahrhunderts.
Aber - kommt diese humanistische Botschaft auch in Hawks Roman zum tragen? Ja, das tut sie, vor allem in der Suche nach menschlicher Nähe und der spirituellen Offenheit der Hauptpersonen, in deren Sinnsuche, aber auch in ihrer entschiedenen, kampfbereiten Absage an die Schablonenhaftigkeit des "Rasters". So, wie die Handlung auf einen äußeren Endkampf von apokalyptischem Ausmaß hin steuert, der wohl dem dritten Band der Trilogie vorbehalten bleibt, machen die Helden innere Entwicklungen durch. Diese innere Entwicklung stellt die verborgene, okkulte, vielleicht sogar eigentliche Seite des Romans dar.
"The Traveler" ist ein eindrücklicher Appell für ein angstfreies, bewusstes Lebens jenseits des "Rasters" - jenseits aller Raster -, Thriller und Entwicklungsroman in einem. Die Geheimbünde in dem Roman sind frei erfunden. Der Hintergrund - der Kampf um die menschliche Seele - ist hingegen höchst real. Hawks verfügt über profunde Kenntnisse der für die Gegenwart in Betracht kommenden Geistesströmungen, vom alt-europäischen Rationalismus und Utilitarismus über verschiedene spirituelle und religiöse Traditionen bis hin zum amerikanischen Westküstenesoterik. Aus seinen Schilderungen sprechen Weisheit und Liebe. Vor allem aber vermag er seine Menschenweisheit in eine Hollywood-kompatible Form zu bringen, ohne dass dabei etwas verloren ginge - und das macht das besondere an diesem großartigen ersten Band aus. "The Traveler" lässt eine Trilogie von epischen Dimensionen mit größter Aktualität und Breitenwirkung erwarten.
Interaktive Websites:
www.traveler-book.com
www.bookwrapcentral.com/thetraveler.htm
www.traveler-buch.de (deutsch)
www.evergreen-foundation.com
www.geocities.com/judithstrand
www.resurrectionautoparts.com
www.hollismartialarts.com
Traveler Roman von John Twelve Hawks Deutsche Übersetzung von Eva Bonné und Claus Varrelmann Gebundenes Buch, 544 Seiten, 13,5 x 21,5 cm Page & Turner (Random House/Bertelsmann) Erscheinungsdatum: 22. Februar 2006 ISBN: 3-442-20300-7 Preis: EUR 19,95 [D] / EUR 20,60 [A] / SFr 35,00
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