Missbrauch von Mythen im Nationalsozialismus
Schwarze Sonne
Von Ralf Sonnenberg
Differenzierte Kritik anstelle verächtlicher Pauschalurteile: der Filmemacher und Autor Rüdiger Sünner geht der Rolle von Mythen und Symbolen nach.
Auf dem Boden des sogenannten Obergruppenführersaals der ehemaligen SS-Kult- und Schulungsstätte Wewelsberg nahe Detmold prangt ein aus zwölf Sig-Runen zusammengesetztes Sonnenrad, das an den Mythos grauer Vorzeit erinnert. In seinem Buch der deutschen Sinnzeichen deutet der SS-Runen-Forscher Walther Blachetta das 12-speichige Rad als »Zeichen der Vollendung«, Sinnbild einer höheren Ordnung, welches so unterschiedliche Motive wie den germanischen Götterhimmel, die Tierkreiszeichen, den Konvent des mittelalterlichen Deutschritterordens oder die Gralsritterformation der Parzival-Saga in sich berge. Eine Etage unter dem Raum der »Schwarzen Sonne«, wie die neonazistische Esoterikszene das archaisch anmutende Symbolum getauft hat, befindet sich eine kuppelförmige Krypta. Diese weist im Zentrum eine kreisartige Vertiefung mit den Überresten einer Gasleitung auf. Der Schluss liegt nahe, dass hier nach dem Willen des Architekten, der die Burgruine im Auftrag Heinrich Himmlers zu einer mit Wagnerianischem Fluidum aufgeladenen Wallfahrtsstätte für NS-Eliten ausbauen ließ, eine »Ewige Flamme« brennen sollte. Das Feuer wies möglicherweise verstorbenen SS-Männern den Weg nach Walhalla oder diente als Brücke zwischen Lebenden und Toten. Der Edda kundige Besucher fühlt sich hier offensichtlich in die Unterwelt der germanischen Weltesche Yggdrasill versetzt, wozu auch die geographische Nähe der ebenfalls Mythen umwobenen Externsteine passen würde. Besonderheiten der Akustik sowie der Lichtverhältnisse unterstreichen zusätzlich den rituellen Charakter dieses Ortes. Rüdiger Sünner, Drehbuchautor und Filmemacher in Berlin, hat die Thematik seines gleichnamigen Films über die Macht politischer Mythen in diesem Buch aufgegriffen und um einiges Material angereichert. Der Verfasser unternimmt einen Streifzug durch ein von Historikern meist gemiedenes und politisch vermintes Terrain. Das Themenspektrum dieser Exkursion in düstere Wahnwelten, die von nordischen Heroen und ihren Widersachern in Gestalt der »Äfflinge«, »Tschandalen« oder »Schrättlinge« künden, umfasst in etwa die Palette der in Deutschland seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert kursierenden Varianten des Ariermythos: Angefangen von Protagonisten des Germanischen Frühlings wie Guido von List oder Jörg Lanz von Liebenfels über die chiliastischen Heilsbotschafter Dietrich Eckart, Karl Maria Wiligut und Herman Wirth bis hin zu neuheidnischen Ufologen und rechten Hardcore-Bands wie Voice of Blood reicht der von Sünner gezogene Darstellungsbogen eines an kruden Amalgamfüllungen nicht gerade armen Sujets. Obwohl sich sein Werk an ein breiteres Publikum wendet, der Autor den Besonderheiten der unterschiedlichen Ideologieentwürfe nicht gerecht wird und er zudem einer verschwommen-hermeneutischen Darstellung gegenüber einer deskriptiven den Vorzug einräumt, unterscheidet sich das Buch von den gängigen populärwissenschaftlichen Kommentaren zur Konvergenz von NS und Esoterik. Sünner vermeidet die den Repräsentanten dieses Genres sonst so eigentümliche Pose des moralisch Sakrosankten. Pauschale Verdikte einer Jutta Ditfuth oder eines Peter Bierl, die aus der Arroganz der Nachgeborenen resultieren und die darüber hinaus alles Mythologische als »abwegig« und »faschistoid« denunzieren, sind nicht des Autors Sache. Zu Recht weist Sünner darauf hin, dass die germanischen Skalden Motive von Mitleid, Läuterung und Wandlung aufwiesen, dass den Helden der Edda und Nibelungenlegende keinesfalls nach »Rassenreinheit« oder verstandesblinder Gefolgschaft der Sinn stand, wie es die selektive Ausschlachtung dieser Sagenstoffe durch deutschtümelnde Eklektizisten des 19. und 20. Jahrhunderts vielfach nahelegt. Im Brennpunkt der alten Überlieferungen stand eben nicht die Glorifizierung von Fanatismus, Dumpfheit und Irrationalismus, wie sie dilettierende NS-Eleven vom Schlage Himmlers oder Rosenbergs vornahmen. Die germanische Mythenwelt spiegelte vielmehr die Auseinandersetzung um unterschiedliche Grade von Bewusstheit wider, wobei dem Heros die Aufgabe zufiel, infolge verschiedener Prüfungen einen Zuwachs an Urteilskompetenz und verantwortlichem Handeln zu erzielen. Im letzten Kapitel dieses Buches, das mit dem Titel Vom Mißbrauch und Gebrauch der Mythen überschrieben ist, unterbreitet der Autor eine der Tiefenpsychologie C.G. Jungs geschuldete Interpretation der Läuterungs- und Wandlungssymbolik germanischer Mythologien. Die heute gängige Verächtlichmachung solcher »Archetypen des kollektiven Unbewussten« hält Sünner für gefährlich, da das Verdrängte in pervertierter Gestalt um so vehementer zur Oberfläche dränge. Interessant sind derartige Deutungen nicht zuletzt vor dem Hintergrund dessen, was Rudolf Steiner bereits im Jahre 1910 in seinem in Norwegen gehaltenen Volksseelenzyklus ausführte. Der Begründer der Anthroposophie verwies auf die Möglichkeit eines Missbrauchs mythologischer Motive der Edda, die aus einem »ungeklärten, chaotischen Hellsehen«, das atavistisch sei, herrühre. Vergegenwärtigt man sich die vielfach überlieferte somnambule Neigung eines Hitler, Rosenberg, Wiligut oder Himmler, dann kommt der folgenden Warnung Steiners eine nicht unbeträchtliche Brisanz zu: »Mit furchtbarer Gewalt würden sich rächen solche Überbleibsel des alten Hellsehens, die mit allerlei chaotischen Bildern die Anschauungen der Menschen verwirren könnten.« Der Vortragsredner versuchte der Gefahr der Entfesselung und des Missbrauchs von Mythen die Spitze abzubrechen, indem er den Zuhörern eine strenge Schulung des Denkens auf der Grundlage des modernen rosenkreuzerischen Erkenntnisweges anempfahl. Wäre es vorstellbar, dass wir gegenwärtig gerade deshalb eine Renaissance pseudogermanischer und nazistischer Obskurantismen verzeichnen können, weil wir es in der Vergangenheit versäumt haben, den Inhalten der altgermanischen Mysterien- und Götterwelt mit geisteswissenschaftlich geschulten Wahrnehmungen und Fähigkeiten zu begegnen? Rüdiger Sünner: Schwarze Sonne. Entfesselung und Missbrauch der Mythen in Nationalsozialismus und rechter Esoterik, Verlag Herder, Freiburg i. Br. 1999, 256 Seiten, DM 36,-.
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