magazin info3/archiv/September 1999

Die Falun Gong-Bewegung

Mehr als eine »Sekte«

Von Judith Krischik

Drei Monate nach der überraschenden Demonstration von Anhängern der Falun Gong-Bewegung in Peking, wurde diese Qigong-Schule im vergangenen Juli verboten und gegen den heute in New York lebenden Gründer Li Hongzhi Haftbefehl erlassen. Was steckt hinter dieser Bewegung, die im Westen schnell im Anschluß an den Wortgebrauch der chinesischen Führung als »gefährliche Sekte« bezeichnet wird?

Als im April Meldungen über eine stille Demonstration in Peking, begleitet von eindrucksvollen Photos erschienen, konnte ich es fast nicht glauben: 10.000 Anhänger der Falun Gong-Bewegung hatten sich im Regierungsviertel von Peking in Stille versammelt, stehend und sitzend meditiert und waren nach einiger Zeit wieder im Nichts verschwunden. Das hatte Eindruck auf mich gemacht, besonders als ich noch auf das Datum schaute. War es Zufall, daß fast genau zehn Jahre zuvor die junge Demokratiebewegung in ihrer Demonstration auf dem Tiananmen-Platz brutal niedergemetzelt worden war? Welche spirituelle Bewegung zeigt heute auf eine so einfache, aber um so kraftvollere Weise soviel Engagement und Mut, um gegen die Festnahme einiger ihrer Mitglieder zu protestieren und die offizielle Anerkennung ihrer Gruppierung zu fordern? Mir fallen nur noch die Tibeter ein, die jedoch vom Westen aus nur einen schwachen Einfluß auf die Regierung in China haben.
Doch die chinesische Regierung hat es mit der Angst zu tun bekommen und mußte noch schnell vor der Feier zum fünzigjährigen Bestehen der Kommunistischen Partei ihre Stärke demonstrieren. Sie haben eine schlechte Kopie der »Großen Kulturrevolution« in Gang gesetzt. Dieser Vergleich kommt auf, wenn man auf die Auswirkungen des Verbotes der Falun Gong im vergangenen Juli schaut: Millionen Bücher ihres Gründers Li Hongzhi wurden verbrannt, weiteres Schulungsmaterial vernichtet, Zentren und Übungsräume geschlossen, ihre Mitglieder wurden gezwungen, sich von Falun Gong loszusagen, Tausende wurden in Schulen und Sportsstadien einer Gehirnwäsche unterzogen, gegen den in New York lebenden Li Hongzhi wurde Haftbefehl erlassen und später sogar ein Kopfgeld ausgesetzt,- in einer Höhe, die auf einen Westler erst gar keinen Eindruck machen kann.
Selbstverständlich spielt auch die chinesische Propaganda eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Falun Gong. Und so haben deren Verunglimpfungen in den Medien hochaktuelle Themen wie die Taiwan-Krise auf den zweiten Platz verdrängt. Erstaunlich ist aber auch wieder einmal, mit welchem Eifer westliche Medien auf diese Propaganda hereinfallen und die Terminologie der Regierungsorgane aufgreifen. Von »buddhistischer Sekte«, »messianischem Sektierer«, »dem großen Meister Li«, »rassistischen und faschistoiden Zügen« ist in deutschsprachigen Tageszeitungen die Rede. Das kann nur mit der Unsicherheit und Skepsis erklärt werden, mit der ein Westmensch auf eine spirituelle Bewegung in China reagiert, die in knapp sieben Jahren an die hundert Millionen Anhänger gewonnen haben soll und von der man nicht viel mehr weiß, als daß sie täglich ziemlich banale Körperübungen pflegen. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Mit zynischem Unterton wird in westlichen Kommentaren häufig Distanz aufgebaut. Die Amerikaner - in Angelegenheiten, die die Akzeptanz religiöser Gruppierungen betreffen, ohnehin liberaler als die Europäer - kamen mit ihrem Urteil besser zurecht. Sie waren auch näher dran; denn Li Hongzhi lebt seit anderthalb Jahren in New York City. In dieser Zeit konnte sich bereits eine Infrastruktur von Falun Gong-Gruppen in fast allen US-Bundesstaaten bilden. Seit dem Verbot der Falun Gong im Juli wurde Li Hongzhi von Maryland und Houston zum Ehrenbürger erklärt und in Chicago, Philadelphia, Baltimore und andernorts Falun Gong-Tage gefeiert.
Vielleicht schiebt man das alles einmal an die Seite und schaut sich das Phänomen selbst an. Die Demonstration kam überraschend und hatte deshalb auch eine so ungeheure Kraft. Nach der Kulturrevolution, Ende der siebziger Jahre, als alles aus seinen gewohnten Bahnen gerissen worden war, erlebte China in den achtziger Jahren eine Phase der »Liberalisierung«. Die chinesische Regierung ließ zu, daß die Wirtschaft in westlicher Manier begann aufzublühen, daß eine Demokratiebewegung entstand und daß die Qigong-Bewegung ihr Comeback feiern konnte. Die Demokratiebewegung wurde 1989 mit Gewalt aus dem Weg geräumt. Die Qigong-Bewegung war weiterhin akzeptiert, da sie eine positive Wirkung auf die Gesundheit der Praktizierenden hatte. Daraus konnte ökonomischer Nutzen gezogen werden. Das Gesundheitsministerium wußte genau, wieviel Geld sie einsparen konnte, wenn sie die Qigong-Bewegung weiter zuließ.

Keine »Gesundheitsbewegung«

Das alles bietet die Falun Gong-Bewegung auch - aber ihr eigentliches Ziel ist viel idealistischer. Li Hongzhi wird nicht müde zu erklären, daß er jeden seiner Schüler zur Erleuchtung führen wird. Das ist schon ein starkes Stück! Es zeigt aber auch, daß es in China Ansätze dieser traditionellen Schulungsweise gibt - Falun Gong soll mittlerweile die größte unter mehreren hundert Qigong-Schulen sein -, die zu ihren Wurzeln zurückkehren und mehr erreichen möchte, als nur ein materialistisch gefärbtes Wohlbefinden. Das wird von Li Hongzhi gleich auf einen Nebenschauplatz verbannt. Er hält sich nicht für einen Heiler und in der persönlichen Schulung sieht er das Verbessern der Gesundheit nur als ein Nebenresultat an. Vielmehr geht es in großen Schritten dem Wahren Selbst (»Benti«) entgegen.
In initiationsartigen Massenveranstaltungen hilft Li Hongzhi seinen Schülern dabei. Während eines solchen Ereignisses »pflanzt« er jedem Anwesenden das »Falun« (Gebotsrad) in den Unterleib, in die Nähe des Nabelchakras, ein. Dieses wird durch das alte buddhistische Symbol der Swastika dargestellt, das im Westen natürlich leicht falsche Assoziationen auslöst. Der Meister setzt das Gebotsrad in Bewegung, das von nun an nicht mehr aufhört, sich zu drehen. Das Falun ist eine Miniatur des Makrokosmos, das jeden, der es aktiviert, mit den kosmischen Energien in Verbindung setzt. Positive Energien fließen durch diesen Mikrokosmos in die Energiekanäle, die den ganzen Körper durchziehen; negative und andere kranke Energien können hinausfließen, wenn sich in rhythmischem Wechsel das Rad in die andere Richtung dreht.
Doch die Schulung beginnt erst danach. Täglich meditiert der Falun Gong-Schüler und macht seine Körperübungen - im Falun Gong sind es fünf Bewegungsabläufe. Die Atemschulung hat dagegen in dieser Qigong-Schule keine Bedeutung. Der Falun Gong-Anhänger kann sein bisheriges Leben weiterführen, auch wenn er seinen Lebensstil ändern, etwa das Rauchen und Trinken, aufgeben sollte. »Wir müssen wie ganz gewöhnliche Leuten leben,« sagt Li Hongzhi.
Wenn in einem von Li Hongzhis Grundwerken, dem China Falun Gong, zunächst von dem Gebotsrad, den Energiekanälen, dem Dritten Auge und dem Erlangen übersinnlicher Kräfte die Rede ist, ist man um so überraschter, wenn man später plötzlich liest: »Praktizierende der Falun Gong müssen der Schulung ihrer Geistnatur (Xinging) die erste Priorität geben.« Der Grad der Schulung dieser Geistnatur bestimmt, wieviel positive Lebensenergie durch das Gebotsrad aus dem Kosmos aufgenommen werden kann. Mit den positiven Energien sind die kosmischen Qualitäten von Wahrhaftigkeit, Mitleid und Nachsicht (»Zhen«, »Shan« und »Ren«) gemeint, die - so Li Hongzhi - auf der Erde das Karmagesetz vollziehen, das heißt, gute Taten belohnen und schlechte Taten bestrafen.
Das erwähnte Einführungsbuch strotzt vor Einfachheit. Li Hongzhi will sicherlich kein neues philosophisches System aufstellen. Nur mit einer einfachen Sprache kann er die Massen von Menschen erreichen, die er in erster Linie unter den einfachen Leuten, den Hausfrauen, Rentnern und Buchhaltern, aber auch in den höchsten militärischen Kreisen und Regierungsstellen findet. Mein Berührtsein von der Leistung dieser einfachen Leute, die diese besondere Demonstration wagten, ist weiterhin stärker als alle Skepsis und Verleumdung, die nach Erteilung des Verbotes in die Welt gesetzt wurden. Ich kann mich der so sicher daherkommenden Überzeugung, daß man es bei Falun Gong mit einer Sekte und bei Li Hongzhi mit einem Verführer der Massen zu tun hat, nicht anschließen. Vielleicht sollte man eher auf das Phänomen aufmerksam werden: was erlebt China nun am Jahrhundertende und was versucht man da, zu zerschlagen. Es gibt mir mein Interesse an China und sogar meine Hoffnung wieder, die in all den politischen und wirtschaftlichen Nachrichten aus China mehr oder weniger untergegangen waren.
Ich hoffe, daß die Falun Gong-Anhänger auf die Säuberungsaktion und die angelaufene Propagandamaschinerie weiterhin gelassen reagieren und mit ihrer Schulung fortfahren. Vielleicht entsteht in China eine Kraft, die einen ursprünglichen Weg bahnen könnte, wenn der Kommunismus in nicht allzu weiter Ferne zum Aufgeben gezwungen sein wird und bevor auch der Rest dieses gigantischen Landes unter die westlichen Wirtschaftsräder gerät.