Fakten? Fakten? Fakten?
Kinder müssen fernsehen!
Von Sebastian Gronbach
Aus guten und wissenschaftlich umfangreich belegten Gründen sollen Kinder und Jugendliche so lange wie möglich vor dem Fernsehapparat und seinen Programmen geschützt werden. Besonders in Wohnzimmern von Waldorfeltern bleibt die Glotze für die Kinder weitgehend kalt. Nun versuchte die Wochenzeitschrift Focus allen diesen Eltern ein schlechtes Gewissen einzureden und das Gewissen der anderen zu beruhigen. Sebastian Gronbach hat den Artikel gelesen und ihn anschließend für Info3 verrissen.
Manchmal tut Dummheit weh und ich möchte meine gute (Waldorf)erziehung über den Haufen werfen und laut brüllen: »Ja, seid ihr denn von allen guten Geistern verlassen?« Da hat sich das »moderne Nachrichtenmagazin« mal wieder selbst an schmerzhafter Dummheit übertroffen und allmählich kann man in diesem Fall wohl chronische Debilität diagnostizieren. Was war passiert? Nur wenige Wochen nach PISA springt dem ahnungslosen Kioskkunden die kalkuliert frech-forsche Schlagzeile »Kinder müssen fernsehen« ins Auge. Dazu das Bild eines kleinen Jungen, der mit dem Patzlaffschen »gefrorenen Blick« in die Röhre glotzt. Ohne dass man das Heft aufschlagen muss, wird schon auf dem Titel verkündet, dass die Wissenschaft mit »einem Tabu« bricht und »TV für die Entwicklung wichtig ist«. Die Grundthese des Artikels im Inneren des Blattes lautet: Fernsehgucken macht Kinder schlau und sozial - kein Fernsehgucken macht Kinder dumm und asozial.
Um es gleich zu sagen, zwischen der Totalabstinenz und der 24-Stunden-Dauerdröhnung gibt es sicherlich einige gesunde und pädagogisch vernünftige Abstufungen und die von anthroposophischen Autoren geforderte »Glotze freie Zone« bis zum Ende der Grundschulzeit ist nur in wenigen tapferen Fällen dokumentiert. Fernsehen ist nicht für alle kulturellen Niedergänge verantwortlich und der Mensch wäre ein albernes Wesen, wenn er durch ein paar Stunden »TV-Total« zum geistig-seelisch und körperlichen Krüppel werden würde. Die Menschen des 21. Jahrhunderts wären heute nicht hier, wenn sie diesen Versuchungen nicht angemessen begegnen könnten, Kulturpessimismus und nachplappernde Medienkritik liegt mir fern.
Aber wenn Focus nun postuliert »Kinder müssen fernsehen, um kompetent groß zu werden«, und das Ganze mit »Ohne Glotze geht's nicht« überschreibt, dann darf man sich doch ernsthaft fragen, ob den »Faktenjournalisten« irgendeine Sicherung durchgebrannt ist.
Meinungsmanipulation statt Wissenschaftlichkeit Zu Beginn werden zwei Wissenschaftler zitiert, die beide das Fernsehen als dringend notwendige pädagogische Lebensbegleitung ansehen und sich zu der Behauptung hinreißen lassen, dass es »gefährlich« für Kinder sei, sie TV-abstinent zu erziehen, weil Fernsehen zur »gesellschaftlichen Wirklichkeit« gehört. Muss denn wirklich jede Gruseligkeit, die zur gesellschaftlichen Realität gehört, in den Erziehungskanon mit aufgenommen werden?
Dass die beiden zitierten Wissenschaftler (Hans Dieter Erlinger und Dirk Ulf Stötzel) ihre Thesen für den »Verband Privater Rundfunk und Telekommunikation - VPRT« publizieren, bleibt unerwähnt. Dieser Verband wurde mit dem Ziel gegründet, »den privaten Rundfunk zu fördern und die Märkte für Handwerk und Industrie zu liberalisieren«, außerdem arbeitet die »Interessenvertretung« an einer »gesellschaftlichen Etablierung und wirtschaftlichen Stabilisierung des privaten Rundfunks«. Mitglied dieses Verbandes ist neben den bekannten nationalen und internationalen privaten Rundfunksendern auch die in Wissenschaftskreisen besonders geschätzte »Beate Uhse TV GmbH«.
Muss man ein Schelm sein, um den beiden Wissenschaftlern der VPRT eine gewisse tendenziöse Wissenschaftlichkeit zu unterstellen? Focus jedenfalls schließt messerscharf, dass es wichtig sei, die Kinder vor die Kiste zu setzen, und fügt diskret an: »aber richtig«. Wie das geht, steht ganz am Ende des elfseitigen Artikels in einem kleinen Kästchen, wo wir erfahren, dass die Eltern das Kind nicht nahtlos von den »Simpsons« ins Traumparadies gleiten lassen sollen. Außerdem lernen wir, dass Krimis und Mehrteiler nichts für Kinder sind, Gewaltszenen in Zeichentrickfilmen sind allerdings »problemlos«, weil diese als »Fiktion« erkannt würden. Den Tipp der »Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung«, dass Drei- bis Fünfjährige nicht länger als täglich eine halbe Stunde in die Ferne sehen dürfen, nehmen wir gerne auch noch mit.
Das schlechte Gewissen der Eltern, wenn ihre Sprösslinge mal wieder friedlich erstarrt dahocken, wird von der Medienpädagogin Maya Götz beruhigt: »Fernsehen ist als Entspannung für manche Kinder sehr wichtig. Hobby und Freunde forderten die Kleinen in unserer Gesellschaft sehr - da bräuchten sie auch mal eine Rückzugsmöglichkeit. Früher waren das eben die Hörspielkassetten, heute bietet die Glotze kleine Fluchtmöglichkeiten«.
Dabei kann wirklich jeder einigermaßen begabte Erzieher heute aus eigener Erfahrung eines mit Sicherheit sagen: Fernsehen als Rezept gegen Überforderung und Überreizung anzubieten, das ist wie Kaffee trinken gegen Bluthochdruck.
Muss man erwähnen, dass Maya Götz Medienpädagogin beim »Internationalen Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen« ist?
Verdächtige Kronzeugen Überhaupt sind die Kronzeugen, die Focus für die pädagogische Glotze auffährt, irgendwie etwas einseitig ausgewählt: Neben den erwähnten Interessenvertretern finden sich so prominente Fürsprecher wie die TV-Moderatorin Amelie Fried (»TV nur am Wochenende«), der Moderator und Fernseh-Kinderstar Thomas Ohrner (»sonst gelten die Kinder als Hinterwäldler«), Geschäftsführer Josef Andorfer (»nach 21 Uhr ist für meine 11- und 13-Jährigen Schluss«), der Geschäftsführer des Senders, den die meisten Kids favorisieren SuperRTL-Mann Claude Schmit (»freie Auswahl unter den Kindersendungen«), Kino-Held Til Schweiger und Frau (»Fernsehen kann die Phantasie von Kindern positiv anregen und sie inspirieren«) und letztlich die heute-Moderatorin Petra Gerster (»Schmuddel-Talk-Shows sind tabu«). Der Kirch-Aufsichtsrat Jan Mojto und Ex-ZDF Stolte (»ZDF = Zufrieden Durch Fernsehen«) verkünden unisono: Deutschland hat »das beste Fernsehen der Welt«. Na dann.
Kein TV - keine Freunde Neben dem erwähnten Entspannungseffekt ist den genannten Medienpädagogen vor allem eines wichtig: Das »Mitredenkönnen«. Sonst stünden die armen Kinder, die statt »Wetten dass« zu gucken nur Strohsterne basteln, im Abseits und wüssten nicht, was auf dem Schulhof gespielt wird. Zwar würden die Kinder »Pokémon« und Co. eigentlich gar nicht mögen, aber »weil es Bestandteil unseres Lebens« ist und weil sie sonst von diesem Leben ausgeschlossen wären, sei es für die Kinder halt unheimlich wichtig zu wissen, was läuft. Ob man den Nachwuchs auch gegen seinen Willen vor den Kasten setzten soll, wird nicht erwähnt, aber vielleicht habe ich es auch nur überlesen. Jedenfalls würden bereits Kindergartenkinder ohne entsprechende mediale Kenntnisse über Maus, Glücksrad und Exclusiv zu isolierten Außenseitern, und was aus Außenseitern so werden kann, sieht man ja dann bei »Richterin Barbara Salesch«.
Sogar Container-Sendungen á la »Big Brother« und der tägliche geistige Seriensondermüll »Gute Zeiten schlechte Zeiten« findet den Segen der Medienfachleute. Durch solche Sendungen würden sich ungeahnte Möglichkeiten zur Identifizierung ergeben und Tipps fürs Großwerden gäbe es noch obendrauf, so könne Zlatkos Brusthaar auszupfen von den pubertierenden Jünglingen als »modernes Mannsein« erkannt werden. Langsam wird mir klar, welche entscheidenden Meilensteine der Menschheitsentwicklung die Vorfernsehgeneration verpasst hat.
Werte und Wissen durch glotzen Für die Vermittlung von Werten sei das Fernsehen ohnehin ein unverzichtbarer Helfer geworden, aber den Aufklärern vom Focus geht es natürlich nicht nur um Werte, sondern auch um Fakten. Und Fakt sei, dass spätestens seit Günther Jauch die Glotze als »Bildungsanstalt« nicht mehr wegzudenken und die Wissensvermittlung unserer Nachkommen durch die Mattscheibe gesichert sei. Ich frage mich, ob wir anstatt teure Lehrer auszubilden, nicht einfach ein paar Fernsehempfänger in die Schulen stellen sollten, damit unsere SchülerInnen beim nächsten PISA-Test glänzen.
Waldorfschulen als »Insel der Seligen« Und dann darf in einem Artikel der sich am unteren Rand der journalistischen Unerträglichkeiten bewegt und sämtliche dramatischen Folgen des Fernsehens für Kinder und Erwachse ausspart, natürlich eines auf gar keinen Fall vergessen werden. Da gab es doch noch eine kleine aber tapfere Minderheit, die sich bisher weigerte, sich dem Medienwahn völlig preiszugeben. Da waren doch noch irgendwo ein paar Eltern und Lehrer, die sich, wenn auch manchmal etwas hilflos, gegen die Fernsehflut stämmten: »Als Insel der Seligen in einer Welt zappelnder Medienmonster sehen sich immer noch die Waldorfschulen, die den Nachwuchs mit Theaterspiel, Blockflötenstunden und« - Achtung, bitte setzten - »musischer Spezialgymnastik aufs Erwachsenenleben vorbereiten, während sie Fußball, Fernsehen und Plastik verdammen.«
Oh, ihr Focusfritzen, da bemühen sich einige einsame Eltern ihren Kindern ein Leben ohne oder mit geringem Fernsehkonsumterror zu ermöglichen und ihr haut denen solch einen pseudowissenschaftlichen Müll um die Ohren. Ihr produziert literweise Wasser auf die Mühlen der Eltern, für die der Kasten zur Entsorgungsstation für ihre Kinder geworden ist.
Und wenn ihr von der Faktenfraktion dann noch schreibt, dass sogar die drei Teenager vom BundesWaldi Walter Hiller »mit Begeisterung diese Daily-Soaps« gucken, dann sei euch eines gesagt: Denen und allen anderen Waldis schadet Fernsehen und Co. am wenigsten, weil sie durch »musische Spezialgymnastik« und andere geheime anthroposophische Techniken vor den gravierendsten Folgen der optischen und akustischen Vermüllung geschützt sind - wenn jemand vor den Schäden des medialen Overkills geschützt ist, dann sind das wir Waldorfs und Anthros. Und wenn die Focus-Journalisten und ihre Artikel ein Beweis dafür sein sollen, wie wunderbar klug Fernsehen macht, dann sollten sie in Zukunft lieber schweigen, denn alles was sie sagen, kann gegen sie verwandt werden.
So ist das nämlich. Manchmal tut Dummheit wirklich weh.
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