Auf den Spuren von Cap Anamur in der Türkei
Zwischen Orient und Okzident
Von Rupert Neudeck
Entweder hat die türkische Gesellschaft so viel an Geschichte zu verdauen wie der Balkan und ist deshalb indifferent geworden. Oder sie hat kein Verständnis für die eigene Geschichte. Atatürk, Mustafa Kemal Pascha, ihr Gründer und erster Präsident, hat ihnen den letzten Rest an Verständnis für die Zeit vor der Türkischen säkularen Republik geraubt. Jedenfalls erscheint es dem Besucher an diesen Orten so - hier an der Küste zum Mittelmeer. Vielleicht kommt noch etwas hinzu, was uns aber erst direkt in Kap Anamur auffiel.
Wir hatten uns auf die einfachste Art der Welt aufgemacht: mit einem Touristenflieger von Köln bis Antalya. Von dort geht es mit dem Auto die Küstenstraße entlang nach Alanya, von da mit dem Bus noch mal drei Stunden bis zu dem Ort Anamur oder Kap Anamur, beide Versionen gibt es auf den Straßenschildern. Der Ort ragt als südlichste Spitze des türkischen Festlandes ins Mittelmeer, und an den beiden südlichen Punkten sind die beiden Sehenswürdigkeiten »angebracht«. Einmal das Kastell Anamur, das da auf einen Felsen hingebaut wurde in alter Kreuzritterzeit. Und an der westlichen Seite der Bucht ein fast noch spannenderes Feld, das »Anamurion«, das aus einer Reihe von mit Gras und Gestrüpp völlig überwachsener Ruinen besteht - eine wohl vormals römischen Ansiedlung, die mit einer Art Amphitheater, mit Bädern und Wohnhäusern hier auf dem sanften Hügel bis zu der Berghöhe angelegt war. Aber allein die Tatsache einer kleinen Schranke und eines Polizisten verdeutlicht, dass der Gemeinde von Anamur deutlich ist, was sie auf und unter ihrer Erde alles noch an archäologischen Schätzen birgt.
Mit dem Bus landet man in dem hässlichen Zentrum von Anamur, von dort sind es sechs Kilometer nach Osten zum Kastell und sechs Kilometer nach Westen zum »Anamurion«. Der Busunternehmer warnte uns, wir sollten uns in den hässlichen (fast an die Städte Albaniens erinnernden) Stadtteilen von Anamur nicht festhalten, sondern uns nur an die beiden Orte begeben, die einigermaßen sehenswert wären.
Wir zogen also los, der Taxichauffeur verstand englisch, so dass wir uns auch bekannt machen konnten. Ich hatte schließlich das T-Shirt von Cap Anamur, der deutschen Organisation an. Aber auch das Zeitgeschichtliche geht an dieser Türkei vorbei. Keiner hatte je von dieser Organisation und dem Rettungsschiff mit dem Namen Cap Anamur gehört. Immerhin haben ja Generationen von Türken in Deutschland erfahren, dass es dieses Rettungsschiff mit dem Namen des türkischen Hafens gab und vielleicht auch, dass mit diesem Schiff 11488 Menschen gerettet wurden. Unsere freundlichen Hotel-Leute, junge neugierige Menschen, wie uns scheint, haben noch nicht einmal in ihrem Leben den Weg nach Anamur geschafft.
Wir kamen in den Innenraum der Kreuzritterburg hinein, deren mächtige Außenmauern zum Meer immer noch fest in der Erde stehen mit ihren langgezogenen und verschieden großen Schießscharten. In den Ritzen dieser Steingebirge ist eine große Zahl von Eidechsen, Schlangen und Gekos untergekommen. Die ganze Wand scheint zu kriechen.
Zwischen Rom und Mekka
Die Burg-Anlage hat aber seit Jahrzehnten keine Restaurierung oder auch nur geringfügige Wartung erfahren. Man zahlt allerdings pro Person eine Million Türkische Lira (rund zwei DM), auf der Burg von Analya fünf Mio Lira (etwa zehn DM). Der gesamte Innenraum ist mit ungeschnittenem Gras überwachsen. Wir steigen auf die Türme, die in einem erbärmlichen Zustand sind, noch gerade begehbar. In der Mitte des Kastell-Innenhofes wurde eine Moschee gebaut, die aber ganz offenbar nicht mehr »arbeitet«. Ich konnte der Tafel entnehmen, dass diese Moschee hier nach der Eroberung des Kastellortes durch die Osmanen hingesetzt wurde. Das Osmanische Reich hatte im 15. Jahrhundert einmal die Attacken von Timur Leng abzuwehren - gegen den das Osmanische Heer 1402 bei Ankara eine klare Niederlage erlitt. 1444 konnten die Osmanen den letzten Kreuzzug zur Rettung des Byzantinischen Reiches abwehren.
Der ehemalige deutsche Botschafter Adolf Sonnenhol hat einmal geschrieben: Das Osmanische Reich sei ohne Byzanz nicht zu verstehen: »Es ist sein Nachfolger weit über die Gemeinsamkeiten hinaus wie Herrschaftsraum, Theokratie, Protokoll und Prinzenmord.« Byzanz habe das Abendland verteidigt, nicht nur der Franke Karl Martell. Noch der letzte byzantinische Kaiser fiel kämpfend 1453 auf den Mauern seiner Stadt - trotz Dekadenz und Niedergang. Sie fiel zuletzt. Der halbe Balkan war schon lange erobert, die Schlacht auf dem Amselfeld geschlagen, das letzte Kreuzzugsheer gegen die Türken vernichtet, der Sultan Beyazit 1402 bei Ankara von den Mongolen geschlagen und gefangengenommen. Mit Atatürk hätten, so meinte der Botschafter - die Türken den Weg zur Antike, und wenn auch zögernd zu Byzanz zurückgefunden. Würde man, behaupte ich mal, im »Anamurion« mit archäologischen Ausgrabungen beginnen, man würde auf erstaunliche Funde stoßen, so viel Ungeordnet-Spannendes ist an dieser westlichen Seite von Kap Anamur zu entdecken. Schon an der Oberfläche.
Was alles - so dachten wir uns - ließe sich aus einem landschaftlich und historisch so berauschenden Platz machen? Im geräumigen Innenhof des Kastells könnte man mit einer prominenten Theatertruppe die Königsdramen von Shakespeare und Lessings Nathan der Weise aufführen! Man könnte wie in Baalbek im Libanon zur Tourismus-Zeit hier einen ganz anderen kulturellen Schwerpunkt setzen, auch um die Banalität des Tourismus zu überholen: Man könnte hier wirklich Theater-Sommer-Festspiele West-Ost unternehmen, wo sich der Okzident und der Orient begegnen könnten. Die Theaterautoren der türkischsprachigen Länder könnten hier eine Begegnung feiern und würden mit den Autoren aus Europa und Amerika - vor rauschender, aber lärmgeschonter Kulisse - diese umkämpfte Welt zwischen Christentum West und Christentum Ost, zwischen Rom und Konstantinopel, zwischen Byzanz und Mekka, zwischen den kirchlichen Konzilien von Nicäa und Chalcedon, zwischen dem Christentum und dem Islam kennenlernen. Und wären nicht mehr allein von Vorurteilen der Neuzeit abhängig, dem Clash of Civilisations von Huntington. Lärmschutz wäre gewährleistet - durch die zwei Meter dicken Kastellmauern.
Das alles kann man aber in dieser Kultur-dürftigen Landschaft nur träumen, die nur durch berauschende Naturschönheit wirkt und sonst höchstens noch durch die Entwicklung von immer größeren und gewagteren Hotelgroßbauten. Wir fahren zurück an der Küstenstraße und sehen zwischendurch noch hier und da eine verfallene kleine Ruine oder einen Ruinenrest. Man geht durch eine geschichts-getränkte, ja geradezu geschichts-triefende Landschaft. Aber die Atatürk-Türken haben keinen Sinn mehr für Geschichte. »History is mainly bunk!« (»Geschichte, das ist eigentlich Humbug!«) sagen sie sich mit Henry Ford und treiben die industrielle und touristische Hässlichkeit in diesen Jahren auf einen Gipfelpunkt.
Hilfe vom Weltbank-Tropf
Es sind die Tage Anfang Mai 2001, da die Türkei von der US-beherrschten Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds - und nicht von Arabischen Banken gerettet wurde. Die Verhältnisse haben sich in dieser Welt wirklich umgedreht, so wie sich dem Beobachter und Zeitgenossen manchmal auch der Magen umdreht. Der Retter der Türkei ist ein hoher Funktionär der Weltbank, Kemal Dervis. Die gleiche Weltbank, die einmal als das Symbol für den die Ausbeutung und die Verarmung der Menschheit riskierenden, mörderischen Kapitalismus galt. Fünfzehn Milliarden Dollar Kredite soll er zugesagt bekommen haben. Kemal Dervis wird als der Hoffnungsträger der neuen Türkei gehandelt. In den Zeitungen wird berichtet, dass er morgens seinen Tee mit den Taxifahrern schlürft. Als Zeichen des Neuanfangs wird gewertet, dass Dervis auch seine Rechnung im Hilton Hotel bezahlte, nachdem er als Finanzminister eine Wohnung bekommen hatte. Das gilt in der Türkei schon als eine große Leistung.
»In der Türkei sind alle Millionäre!« sagten wir immer, wenn wir mal wieder für ein banales Abendessen mit Köfte, Döner, Salat, einem Orangenschnaps und zwei oder drei EFES-Bieren fünfzehn Millionen Lira zahlten. Das sind dann gerade mal dreißig Mark. In der gleichen Zeit fasten und hungern sich Häftlinge in türkischen Gefängnissen zu Tode. Die Zahl derer, die in den Gefängnissen gegen ihre unmöglichen und mit den EU Standards in keiner Weise zu vergleichenden, tödlichen Bedingungen schmachten und die in den Hungerstreik getreten sind, waren seit Oktober 2000: 222. Weitere 569 Gefangene haben sich im März und April 2001 den Hungernden angeschlossen. Von diesen Hungernden, so erklärte der Staatssekretär im Gesundheitsministerium, Haluk Tokucoglu, seien 153 in Krankenhäuser verlegt worden. Sie lehnten allerdings jede medizinischen Eingriffe zur Rettung ihres Lebens ab. So starb am 16. April in Izmir Sedat Akmaz - das 13. Opfer des Todesfastens. Am 15. April starb die erst 19 Jahre alte Canan Kulaksiz, am 137. Tag ihres Todesfastens. Sie hatte in ihrem Haus im Istambuler Stadtteil Kücük Arutlu gleichzeitig mit ihrer Schwester das Hungern begonnen, um ihren im Gefängnis Tekirdag inhaftierten Onkel zu unterstützen.
Drei Aufgaben
»Ne Mutlu Türküm diyene« - »Ich bin stolz, ein Türke zu sein« - diesen Slogan, der als ein chauvinistisch-pädagogisches Symbol auf allen Schulen, Krankenhäusern, Polizeistationen in der Ost-Türkei prangt, haben wir in den Touristenorten der West-Türkei vergebens gesucht. Wie überhaupt die Türkei es verstanden hat, die zwölf Millionen Touristen ganz von den dunklen Seiten des innertürkischen Lebens abzulenken. In den Orten von Antalya und Alanya bis nach Anamur gibt es überhaupt keine Straßensperre der Polizei. In Alanya hält sich die Polizei so zurück, dass man sich zwischendurch immer fragen möchte: Gibt es sie denn auch hier, die Türkische Polizei?
Aber der Türkei stehen noch alle großen Aufgaben bevor: Erstens muss sich das Land daran gewöhnen, dass es nicht mehr eine Großmacht ist, auch wenn es eine weltweit hochgelobte Armee gewaltigen Ausmaßes hat.
Zweitens: die Türkei kann den Beginn der Aufarbeitung immer verschieben, von dem an sie sich mit einem der schwärzesten Kapitel der eigenen Geschichte auseinandersetzen muss. Die Türkei muss irgendwann ein Mahnmal für die ermordeten Armenier bauen. Das wird geschehen im Auftrag der Türkischen Regierung und stellvertretend für das Türkische Volk. Und dieses Mahnmal wird der offizielle Ausdruck der Trauer darüber sein, dass so etwas in der stolzen Geschichte der Türken möglich und wirklich war.
Drittens - gewaltig auch die Aufgabe, eine Verständigung mit den acht Millionen Kurden zu erreichen. Die Mehrheit der Kurden will einfach als gute Bürger in der Türkei leben, aber dabei ihre Sprache und ihre Kultur pflegen und ausüben.
Erst wenn der Staat es nicht mehr nötig hat, eine völlig unbegründete Art von Minderwertigkeit durch Unterdrückung anderer wie der Kurden zu kompensieren, erst dann wird die Türkei ein Partner der EU werden können. Das Komitee Cap Anamur organisiert derzeit Hilfsprojekte in Tschetschenien, im Kosovo, in Bosnien, Serbien, im Südsuda, in Kenia, Ruanda und Nord-Korea. Informationen unter www.cap-anamur.org Spendenkonto Nr. 2 222 222 bei Stadtsparkasse Köln, BLZ 370 501 98
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