magazin info3/archiv/April 1999

Grenzen der Naturwissenschaft

»Das Denken könnte für die Welt konstitutiv sein«

Von Anton Zeilinger , Felix Hau , Ralf Vanscheidt , Jens Heisterkamp

Bei bahnbrechenden Experimenten im Bereich der Quantenphysik, die manche Beobachter an das aus der Science-Fiction bekannte »beamen« erinnern, stößt Professor Anton Zeilinger auf Phänomene, die mit der klassischen Physik nicht zu erklären sind. In einem Gespräch an der Universität Wien ging es um die sich verändernden Begriffe von Materie und Information, um die Bedeutung der Philosophie für die Physik und die Rolle des erkennenden Menschen für die Wissenschaft. Herr Professor Zeilinger, eines Ihrer Forschungsfelder ist die Teleportation von Photonen .

Vor kurzem sind Sie einem Ruf an die Universität Wien gefolgt. Lief die Umsiedelung noch auf herkömmlichen Wegen oder wurden Sie bereits »gebeamt«?
Zeilinger: Bei unserem Experiment wurden einzelne Photonen teleportiert. Nach heutigem Wissen wird die Teleportation von Atomen bald funktionieren und für große Moleküle in vielleicht zehn bis zwanzig Jahren. Alles darüber hinaus ist reine Phantasie und Zukunftsmusik.


Ist es Ihnen möglich, die Ergebnisse Ihrer quantenmechanischen Experimente so zu erläutern, daß man sie auch als physikalischer Laie versteht?
Zeilinger: Das werden wir heute nicht schaffen. Es ist ein Großprojekt mit erheblichem Publikationsaufwand, an dem ich allerdings arbeite. In den Ursprüngen der Quantenphysik ging es darum, zu klären, warum glühende Körper eine bestimmte Farbe aussenden. Dabei wurde eine völlig neue physikalische Theorie entworfen und man sah bald - Einstein war der erste - daß diese Theorie auch zu einer ganz neuen Sicht der Welt führte, die mit der »klassischen Welt«, mit der Welt unserer Alltagserfahrung, im Konflikt steht.


Inwiefern?
Zeilinger: Die klassische Sichtweise, daß Objekte diejenige Farbe haben, die wir sehen, weil sie eine Eigenschaft in sich tragen, die diese Farbe festlegt, und daß Dinge existieren, unabhängig davon, ob wir sie beobachten oder nicht - solche Aussagen werden in der Quantenphysik zumindest sehr fraglich, wenn nicht in manchen Situationen sogar falsch. In den dreißiger Jahren wurde diese Theorie vehement diskutiert. Es gibt einen berühmten Dialog zwischen Albert Einstein und Niels Bohr über die Bedeutung dieser neuen quantenphysikalischen Weltsicht. Damals bestand die Grundlage dieser Diskussion in Gedankenexperimenten. Was würde man sehen, wenn man Versuche mit einzelnen Quanten machen könnte? Der Fortschritt besteht nun darin, daß wir heute all diese Experimente tatsächlich machen und somit sehr viel tiefer bohren können.


Besteht Ihre Arbeit aber nicht in einer gedanklichen Interpretation der experimentellen Beobachtung?
Zeilinger: Da muß man vorsichtig sein. Eine Interpretation ist immer etwas, das nicht aus dem Experiment herausgeholt, sondern hineingelegt wird. Wir haben Phänomene und versuchen, diese Phänomene zu deuten, wobei eines klar gesagt werden muß: Die Quantentheorie gestattet uns die exakte Vorhersage dieser Phänomene; da gibt es gar keine Probleme. Die entstehen erst dann, wenn ich versuche zu verstehen, was die Beobachtung eigentlich bedeutet. Und dann kommen wir eben zu der Schwierigkeit, daß ich zum Beispiel über einzelne Photonen nur sprechen kann, wenn ich über den gesamten experimentellen Apparat spreche; »Quantendinge« haben keine unabhängige Existenz mehr für sich allein.


Was bedeutet das für die Qualität der Aussagen?
Zeilinger: Letztlich sprechen wir über Eigenschaften des Apparates. Wir haben hier diesen Kristall, dort diesen Laser und sehen, daß jener Detektor das und das macht. Wenn wir hingegen auf der Quantenebene davon sprechen, daß ein Photon auf einen Kristall auftrifft, dann ist das nur ein Bild. Ein »Photon« ist sozusagen ein Ausdruck für den Umstand, daß wir diesen experimentellen Aufbau haben und hinten am Detektor eine bestimmte Beobachtung machen. Sich jetzt ein Teilchen vorzustellen, das durch den Apparat wandert, hilft manchmal beim Nachdenken, ist aber mit größter Vorsicht zu genießen.


Das heißt, diese Aussagen sind lediglich mögliche Erklärungen?
Zeilinger: Sagen wir so: In der Alltagswelt sehen wir bestimmte Phänomene und versuchen, diese Phänomene zu erklären, wir versuchen, eine Ursache zu finden aufgrund von Denkregeln, die sich bewährt haben. Bei einem Autounfall überlegen wir etwa: Ist das passiert, weil zu schnell gefahren wurde, ist der Fahrer abgelenkt worden? Man versucht, eine Ursache zu rekonstruieren. Und genau so geht man bei Quantenexperimenten vor. Nur kommt man in diesem Gebiet meist darauf, daß diese Kausalkette nicht voll durchziehbar ist. Ich kann Vorhersagen machen, die aber statistischer Natur sind. Den Einzelfall kann ich nicht voraussagen.


Die oben erwähnten exakten Voraussagen sind also statistisch exakte Voraussagen?
Zeilinger: Ja. Wobei eines sehr wichtig ist: Das quantenmechanische Einzelereignis ist zufällig. Dieser Zufall, in dem es sich ereignet, ist aber »objektiver« oder »reiner« Zufall.


Können Sie das erläutern?
Zeilinger: Ich kann für diesen Zufall nicht ? wie im Alltagsleben ? letztlich einen Grund finden. Wenn ich sage: Ich treffe jemanden zufällig auf der Straße, dann treffe ich ihn deshalb, weil ich zu der und der Zeit aus dem Haus gegangen bin, er zu einer bestimmten Zeit aus der Straßenbahn gestiegen ist, usw. Ich kann eine Kausalkette für das zufällige Einzelereignis aufbauen. Das ist sogenannter »subjektiver« Zufall: Ich weiß zwar die Ursachen nicht alle, kann sie aber bei genauer Beobachtung prinzipiell finden. Anders bei quantenmechanischen Einzelereignissen: Sie geschehen ohne zureichenden Grund. Sie erwähnten vorhin die Notwendigkeit, beim Sprechen von Quanten immer den gesamten Apparat zu berücksichtigen.


Gehört der Beobachter für Sie auch dazu?
Zeilinger: In einem gewissen Sinne schon. Der Beobachter wählt den experimentellen Aufbau aus und definiert ihn. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, zu sagen, daß das Bewußtsein des Beobachters einen unmittelbaren Einfluß auf das Geschehen hat. Manche Kollegen gehen soweit. Für mich persönlich gibt es dafür keinen Grund.


Man kann die Frage auch umdrehen: Gibt es einen Grund, nicht so weit zu gehen?
Zeilinger: Es gibt einen ökonomischen Grund: Ich versuche, mit sowenig Annahmen wie möglich auszukommen und so konservativ wie möglich vorzugehen. Solange niemand kommt und mir zeigt, daß es notwendig ist, einen Einfluß des Bewußtseins anzunehmen, mache ich das nicht.


Das ist aber genau die Frage: Liegt nicht in den quantenmechanischen Experimenten die Notwendigkeit für diese Annahme?
Zeilinger: Das glaube ich nicht, nein. Schalten wir einen Gang zurück: Dann wäre die Frage, was man mit den gewonnenen Ergebnissen anfängt. Das Experiment selbst bietet ja wenig Hilfestellung für das Durchdenken.


Gibt es nicht viele Kollegen, die sich mit der philosophischen Dimension gar nicht auseinandersetzen?
Zeilinger: Doch. Das ist eine weitverbreitete Position - auch unter Theoretikern. Die sagen: Mir reicht es, wenn ich die Dinge statistisch ausrechnen kann und bin nicht interessiert daran, zu verstehen, was das im Tieferen bedeutet. Das ist auch eine legitime Position. Warum nicht? Es ist eigentlich nur die Frage, welche Haltung sich als fruchtbarer erweisen wird. Welche Position weist in die Zukunft? Meine persönliche Meinung ist, daß wir diesen philosophischen Fragen nicht ausweichen können, wenn wir wissen wollen, wie es weiter geht. Sind wir mit der Quantentheorie in der bekannten Form zufrieden oder wollen wir mehr wissen, mehr verstehen? Und ein Blick in die Geschichte der Naturwissenschaften zeigt, daß - nicht immer, aber oftmals - solche Persönlichkeiten neue Einblicke eröffnen konnten, die ihre Überlegungen auch auf eine philosophische Ebene ausdehnten. Dazu gehören mit Sicherheit Albert Einstein und Werner Heisenberg.


War dieses Interesse bei Ihnen ursächlich für Ihre Tätigkeit?
Zeilinger: Ja - das ist es, was mich an der Physik fasziniert hat, und ich schätze mich glücklich, daß ich heute in diesem Bereich arbeiten kann.


Ist es nicht schwierig, heutzutage für nicht primär anwendungsbezogene Forschungsprojekte genügend Mittel zu bekommen?
Zeilinger: Noch hatte ich keine Probleme. Es gibt natürlich diese tragische Entwicklung momentan. Die Leute glauben, man müsse mehr direkt anwendungsbezogen arbeiten. Tragisch ist das deshalb, weil mangelnde Grundlagenforschung sich gerade auf den Anwendungsbereich schädigend auswirkt. Da wird zu kurzfristig gedacht. Es gibt tausende Beispiele aus den Naturwissenschaften, die zeigen, daß die wirklich großen technisch und wirtschaftlich wichtigen Neuerungen meist eine Folge von Entdeckungen im Rahmen von Grundlagenforschungen waren.


Aber müssen Sie nicht trotzdem begründen, warum Ihr grundsätzliches Interesse nicht nur ein Hobby ist, warum Sie beispielsweise Seminare zusammen mit Philosophen machen?
Zeilinger: Mit dieser Argumentation könnten Sie die gesamte Astronomie, die ganze Astrophysik abschaffen. Wozu schauen wir uns eine Milchstraße an, die viele Milliarden Lichtjahre von uns entfernt ist? Die wird unsere Existenz auf der Erde nicht beeinflussen. Ich akzeptiere die Rechtfertigung von Wissenschaft aus ihrem Nutzen heraus grundsätzlich nicht. Der Mensch hat nun einmal einen Wissensdrang, ein Interesse, zu erfahren, wie die Welt entstanden ist. Ich merke das auch an der Resonanz bei Vorträgen. Offensichtlich interessieren die Menschen gerade solche Themen. Und ich garantiere Ihnen: Wenn irgendein Politiker die Abschaffung dieser »Kuriositäts«- Wissenschaften betriebe, würde er das politisch nicht überleben.


Ihren Mitarbeitern haben wir vorhin schon die Frage gestellt, inwiefern die Quantentheorie und das Experimentieren im quantenoptischen Bereich Auswirkungen auf die persönliche alltägliche Weltsicht hat. Denn man kommt ja hier sehr schnell an Grenzen, an denen klassische Möglichkeiten, Beobachtungen zu interpretieren, nicht mehr greifen. Es fällt beispielsweise schwer, verstandesgemäß zu begreifen, wie ein Teilchen gleichzeitig durch zwei Tore geführt werden kann. Löst sich da der gewöhnliche Begriff von Materie nicht zwangsläufig auf?
Zeilinger: Ja, der gewöhnliche Begriff sicherlich. Was sich in jedem Fall auflöst, ist der extrem materialistische Standpunkt. Oder drehen wir's um: Es gibt in der Philosophiegeschichte dieses ständige Pendeln zwischen den Extremen eines Materialismus und eines reinen Idealismus, der womöglich bis zum Solipsismus gehen kann. Ich habe das Gefühl, daß diese Dinge, die wir in der Quantenphysik sehen, zeigen, daß man so etwas wie einen goldenen Mittelweg benötigt. Die Welt ist nicht rein materiell; man kommt ohne eine geistige Komponente nicht aus. Sie ist aber andererseits auch nicht rein ideeller Natur.


Was weist in Ihren Experimenten darauf hin?
Zeilinger: In den Teleportationsexperimenten lernen wir, daß zwar die Vorstellung eines materiellen Transportes falsch ist. Die Materieteilchen selbst aber sind wichtig; ohne die geht es nicht. Allerdings kommt in diesem Prozeß dem Informationsbegriff eine neue Bedeutung zu: Für die meisten Menschen ist Information ein abgeleitetes Konzept. Da draußen sind die Dinge; wir sammeln darüber Informationen, verarbeiten diese und reagieren dann entsprechend. Das ist in dieser Form nicht mehr haltbar. Ich vermute - genau daran arbeite ich, und das ist jetzt die vorderste Front der philosophischen Überlegungen -, daß es darauf hinausläuft, daß Information und Wirklichkeit auf gleichen Beinen stehen, daß wir beides benötigen, um zu einem Verständnis der Welt zu kommen.


Dann wäre nach Ihrem Verständnis Information nicht nur eine menschliche, eine sekundäre Kategorie, sondern eine primäre?
Zeilinger: Sie ist genauso primär wie die sachlich-materielle Ebene.


Wäre der etwas abgegriffene Begriff »Geist« für diese Kategorie angemessen?
Zeilinger: Geist ja. Aber nicht in der naiven Form, daß man sich etwas Wesenhaftes darunter vorstellt.


Die oppositionelle Frage: Wie denken Sie denn Materie? Wenn ich jetzt in naiver Weise an Materielles denke, dann denke ich beispielsweise an diesen Tisch hier: an etwas Festes, Gefügtes. Ist das in dieser Form noch haltbar?
Zeilinger: Das würde ich schon sagen. Davon gehen wir aus. Aber wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß es nicht gelingt, diesen Tisch reduktionistisch in all seine Bestandteile aufzulösen; das funktioniert nicht mehr. Wir müssen inzwischen den Tisch als etwas primär Gegebenes annehmen. Ich muß auch die Apparate im Labor als etwas primär Gegebenes akzeptieren. In jedem axiomatischen System, in jeder Naturbeschreibung muß es notwendigerweise Dinge geben, die nicht mehr weiter herleitbar sind. Die Frage ist: Welche sind das? Oder - noch spannender -: wieviele verschiedene Weltmodelle sind möglich?


Geht das nicht zwangsläufig einher mit einem neuen Verständnis von Zeit? Führt es nicht dazu, daß man von der Gegenwart ausgeht? Wenn Sie sagen, Sie akzeptieren diesen Tisch als gegeben und betrachten jetzt gar nicht mehr, aus welchen Teilen er zusammengesetzt wurde - dann setzen Sie doch die Gegenwart als den Beginn einer Chronologie...
Zeilinger: In gewissem Sinne. Das andere ist dann alles schon eine Konstruktion. Vergangenheit und Zukunft sind Konstruktionen, die konsistent sein müssen, auch konsistent mit dem, was wir Erinnerung nennen. Wir hatten in der Philosophiegeschichte ja immer wieder diese großen Fragen: was ist Zeit, was Materie, was Raum? Und der große Erfolg der Naturwissenschaften baute darauf auf, daß man diese Fragen erst einmal zur Seite geschoben hat. Galilei hat gesagt, mich interessiert nicht, was Zeit und Raum sind, sondern ich kann mathematisch beschreiben, wie etwas hinunterfällt. Man kümmerte sich nicht mehr darum, was etwas an sich ist, sondern beschrieb die Phänomene. Ich habe das Gefühl, daß wir nun langsam wieder diese Grundfragen stellen können.


Wenn ich nicht irre, hat sich die Qualität der Antworten auf dieselben Fragen jedoch gewandelt: Man erkennt, daß nicht das Sein, sondern vielmehr das Werden der Wahrheit nahe kommt. Würden Sie da zustimmen?
Zeilinger: Ich würde sagen, das ist vollkommen offen. Man kann noch nicht einmal das sagen. Man muß an viele Fragen mit einer neuen Offenheit herantreten; ich glaube nicht, daß in der Philosophie bereits gefundene Antworten helfen. Wenn man die Quantenmechanik in sich betrachtet, ist sie ja alles andere als anschaulich.


Kann man sie anschaulich machen? Viele Medien bemühen sich ja bereits darum, in populärwissenschaftlicher Weise dieser Forderung gerecht zu werden, was allzuoft zu einem Spiritualismus merkwürdiger Prägung führt. Aber gibt es jenseits davon eine Möglichkeit, Parallelen zum quantenmechanischen Geschehen im Erfahrungsbereich jedes Menschen aufzuzeigen, die begreifbar machen, was uns die aktuelle Physik lehrt?
Zeilinger: Zur Frage der Anschaulichkeit gibt es prinzipiell sehr unterschiedliche Meinungen. Eine davon ist, daß uns immer dann etwas anschaulich erscheint, wenn wir in der Evolution an einen Punkt kommen, wo das für den Fortschritt sinnvoll ist. Ich glaube, daß die Frage tiefer verfolgt werden muß, daß es grundsätzliche Prinzipien gibt, wie Information geordnet werden kann. In der Quantenphysik ist es so, daß man sehen kann, wie die anschaulichen Bilder nur in begrenzter Form funktionieren. Und gerade jetzt - man sieht das an meinen jungen Leuten sehr schön - wächst eine neue Generation von Physikern heran, die einen intuitiven Zugang zu den Phänomenen haben, ohne sie im üblichen Sinne zu »verstehen«. Das ist sehr faszinierend. Es ist ein emotioneller Zugang: Die wissen: Das kann so funktionieren, das muß so gehen. Ob es darüber hinaus Erfahrungsparallelen im Leben oder im Denken gibt, ist offen. Beispiel Hirnforschung: bis heute ist nicht bekannt, ob die Quantenphänomene für das Gehirn eine wesentliche Rolle spielen oder nicht.


Weil man bislang keine Möglichkeit des Experimentierens gefunden hat?
Zeilinger: Ja; daran ist man bislang gescheitert. Die Kenntnis der Funktionsweise des Gehirns ist noch sehr global. Wie das wirklich auf der elementaren Ebene abläuft, weiß man erst ein bißchen. Ganz abgesehen von Fragen, wie: Was ist das Bewußtsein? Das ist ja eine der größten Fragen, die man sich stellen kann. Es wird die zentrale Frage der Wissenschaften im nächsten Jahrhundert sein. Ist das Bewußtsein wirklich nur etwas, das - wie manche Leute glauben - aus hinreichend komplexen Strukturen emergiert?


Nochmal zurück zu Ihrem Informationsbegriff: Sie legten ja nahe, daß Zeilinger: Information auch eine ontologische Dimension hat. Traditionellerweise ordnet man Information ja nur der menschlichen Seite, dem Bewußtsein, zu. Hier rücken plötzlich zwei Enden der Welt ganz nah zusammen: Dasjenige, was Phänomen in der Welt ist und dasjenige, das dieses Phänomen erkennt. Gewinnt dadurch die Stellung des Menschen in der Welt nicht eine ganz andere Bedeutung?
Zeilinger: Sicher, da ist etwas dran. Für mich ist das eigentlich klar. Man muß nur aufpassen: Gerade solche Gedankengänge werden sehr oft von Leuten verwendet, die behaupten, das unterstreiche irgendwelche mystischen oder esoterischen Gedanken. Dafür gibt es keinerlei Hinweise. Aber in der Fragestellung darf man natürlich durchaus radikal sein.


Ich dachte eher daran: Wenn Sie und Ihr Team hier als Forscher die Erfahrung machen, daß plötzlich aus einer experimentellen Situation heraus ein Phänomen auftaucht, dem gegenüber man eine gewisse Verwandtschaft empfindet: Etwas, das bislang Informationscharakter hat, ist plötzlich etwas Wirksames in der Welt...
Zeilinger: Das habe ich noch nicht erlebt. Soweit würde ich den Informationsprozeß nicht fassen; das ist mir fast schon wieder zu mechanistisch. Vielleicht habe ich Sie jetzt falsch verstanden - aber das wäre mir eine zu einfache Erklärung.


Ich meinte das nicht etwa als Projektion. Vielleicht noch einmal anders gefragt: Wenn man sich vorstellt, daß die Evolution über Jahrmillionen ein Wesen wie den Menschen hervorbringt: Müßte es mir nicht als fragwürdig erscheinen, daß in diesem Wesen nun die Möglichkeit zur Ideenbildung über diese enorm verwickelten Abläufe auftaucht, zu einer Welterklärung, die auch noch dasjenige exakt treffen soll, was da bislang passiert ist? Wie kommt es dazu, daß das Gären der Materie sozusagen Gärungsblasen erzeugt, die geeignet sein sollen, die gesamte Entwicklung ab dem physikalischen Urknall gedanklich zu durchdringen und noch einmal aufzurollen? Es gibt da eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder ist das wie ein Sechser im Lotto oder es handelt sich ? wie etwa Hegel das gesehen hat ? um den Prozeß des allmählichen Zu-Sich-Selbst-Kommens der Welt, was die Stellung des Menschen im Weltganzen dann allerdings als eine zentrale erscheinen lassen würde.
Zeilinger: Also mit der Sonderstellung des Menschen bin ich auch sehr vorsichtig geworden. Wenn wir behaupten, nur der Mensch hätte Bewußtsein, dann ist das meiner Meinung nach unglaublich arrogant. Ich sehe keine Evidenz, warum Tiere nicht auch Bewußtsein haben sollten. Die Leute, die die Sonderstellung des Menschen behaupten, sehe ich in einem ständigen Rückzugsgefecht: Die Gründe von vor fünfzig Jahren tragen nicht mehr, also sucht man neue Gründe. Zuletzt wird man die Besonderheit des Menschen dann wohl nur mehr an seinen Genen festmachen wollen. Ich glaube, daß die Kommunikationsbarriere zwischen Menschen und Tieren in den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren fallen wird. Und dann werden wir unsere Wunder erleben. Das muß ja die Wertschätzung von Tieren nicht ausschließen.


Es bleibt aber dennoch der Umstand, daß nun gerade Menschen diese Apparaturen aufbauen, um mit aller Gewalt herauszubekommen: Wo ist denn zum Beispiel jetzt die Grenze der Materie? Ich lege ja keinen Wert darauf, daß man das besonders feiert, daß wir es sind, die das machen, aber das Zusammenfallen von etwas Bewußtseinsartigem und demjenigen, worauf dieses Bewußtseinsartige eben kommt, ist doch sehr interessant. Geist in der Welt und Geist im Menschen...
Zeilinger: Ich würde eher dazu tendieren zu sagen, daß jedes Wesen, das Informationen ordnet und auf einer hinreichend hohen Entwicklungsstufe ist - da gibt es graduelle, aber keine prinzipiellen Unterschiede - wahrscheinlich zu ähnlichen Formen der Erkenntnis kommen würde, wie wir. Ob andere Zivilisationen auf fernen Planeten oder in anderen Galaxien nun gerade auf unsere Art der Physik kommen, ist eine gute Frage. Es könnte ja durchaus sein, daß unsere Physik nicht gerade die einzig mögliche Entwicklung durchgemacht hat.


Welche Rolle würden Sie generell dem Denken beim Zustandekommen der Welt zusprechen - ganz gleich, ob das nun das Denken des Menschen oder dasjenige eines anderen intelligenten Wesens ist?
Zeilinger: Es könnte durchaus sein, daß es eine hat. Es könnte sogar sein, daß das Denken für die Welt konstitutiv ist. Ich würde auch das offen lassen, aber es könnte durchaus sein.


Im Herbst des vergangenen Jahres hatten Sie - damals noch in Innsbruck - den Dalai Lama zu Besuch und haben sich mit ihm über eventuelle Gemeinsamkeiten zwischen Buddhismus und moderner Physik ausgetauscht. Meinen Sie, daß die Aussichten, diese Dinge zu begreifen, im Westen schlechter sind? Ist das Weltbild des Ostens dafür geeigneter?
Zeilinger: Das glaube ich nicht. Außerdem habe ich festgestellt, daß das buddhistische Weltbild gar nicht so anders ist, wie es häufig im Westen dargestellt wird. Das Weltbild des Dalai Lama ist viel rationaler und logischer, als man gemeinhin annimmt. Diese Erfahrung habe ich jetzt schon mehrfach gemacht. Ich sehe den Buddhismus als eine der großen geistigen Traditionen der Menschheit. Wenn wir weiterkommen wollen, müssen wir auch das, was andere Traditionen gelernt haben, einbeziehen. Ich habe zum Beispiel erfahren, daß es auch im Buddhismus einen Streit zwischen Realisten und Idealisten gegeben hat, und daß daraus ein Weg entstanden ist, der dem des Entwicklungsganges unserer modernen Physik ähnelt. Ich würde aber nicht sagen, daß dort unsere Ergebnisse vorweggenommen wurden. Ich glaube nicht, daß Buddhisten eher die Möglichkeit haben, die Quantenphänomene zu begreifen als wir. Der Dalai Lama wollte zum Beispiel nicht den reinen Zufall akzeptieren.


Können das denn klassische Naturwissenschaftler akzeptieren?
Zeilinger: Das ist eine gute Frage. Wahrscheinlich nicht alle. Jedenfalls sehe ich weder auf der einen noch auf der anderen Seite einen Vorteil. Manche Parallelen sind allerdings erstaunlich, und ich habe gelernt, daß auf dem Weg eines tibetischen Mönches ? dem der Introspektion verbunden mit dialektischem Diskurs ? offensichtlich sehr Interessantes zutage befördert werden kann. Mich würde es sehr interessieren, auch mit anderen geistigen Traditionen zu sprechen. Und ich teile in dieser Hinsicht die Einschätzung des Dalai Lama, der sagt, daß so ein Dialog nur dann einen Sinn hat, wenn man von einer festen eigenen Position ausgeht.


Was kommt in den nächsten zehn Jahren auf quantenphysikalischem Felde auf uns zu?
Zeilinger: Wir werden die ersten Versuche sehen, einen Quantencomputer zu bauen. Ob das funktionieren wird oder nicht, weiß heute noch niemand. Ansonsten ist mein persönliches Bild von den Naturwissenschaften ? im Gegensatz zu demjenigen vieler Kollegen ?, daß wir gerade erst begonnen haben, die Oberfläche anzukratzen; das wirklich Spannende kommt erst. Von einer »theory of everything«, wie sie etwa Hawking diskutiert, sind wir noch sehr weit entfernt.


Es gibt diesen Ausspruch von Richard Feynman: »Nobody understands quantum mechanics«...
Zeilinger: Ich glaube, das werden wir in nächster Zeit überwinden können. Es wird nicht einfach für den Laien werden, aber er wird Vorgehensweise, Problemstellung und Ergebnisse dieser Wissenschaft verstehen können. Und die nächsten großen Fragen warten schon: Was ist Zeit, was ist Raum, was ist Bewußtsein? Bei diesem Thema fällt mir immer Wilhelm Busch ein: Es ist sehr schwer, etwas vorherzusagen. Besonders die Zukunft. Ich glaube, wir werden alle noch sehr überrascht sein.

Die Fragen stellten Felix Hau, Ralf Vanscheidt und Jens Heisterkamp.

Die Teleportation von Photonen: Versuch einer einigermaßen verständlichen Beschreibung