magazin info3/archiv/Juli 2000

Protokoll eines Erkenntnisgesprächs

Was reinkarniert sich eigentlich?

Von Christian Grauer , Felix Hau

Am Anfang war die Resignation: Info3 -Redakteur Felix Hau wollte seinen Versuch zum Thema Reinkarnation schon verschieben und suchte per e-mail Trost bei Christian Grauer. Dann aber entspann sich zu später Stunde mit unserem philosophisch versierten Internet-Dienstleister aus Berlin ein Dialog über die zentrale Frage der Reinkarnation: welches ist das Subjekt der Wiederverkörperung – wer reinkarniert sich eigentlich?

Felix Hau: Also - ich muss es wohl vorerst aufgeben mit dem Beitrag über Reinkarnation. Die Umsetzung in Denkbares klappt so nicht. Das muss reifen...

Christian Grauer: Wie schade. Dann vielleicht in der nächsten Inkarnation? (lacht)

Felix Hau: Ja, möglicherweise. Es gibt da diverse Darstellungsschwierigkeiten. Meine Hauptschwierigkeit (Steiner hatte sie übrigens, wie ich gerade nachgelesen habe, auch schon) ist, das ganze Thema nachvollziehbar "schematisch" darzustellen. Insoweit das möglich ist, ist es schon geschehen (z.B. in der Theosophie). Steiner sagt dazu (GA 135, Vortrag vom 23. 1. 1912): "Was darüber gesagt werden kann, das ist im Grunde alles gesagt in dem Kapitel über Reinkarnation und Karma in der Theosophie oder in der kleinen Schrift Reinkarnation und Karma, vom Standpunkte der modernen Naturwissenschaft aus notwendige Vorstellungen. Man wird kaum viel hinzufügen können zu dem, was in diesen beiden Schriften gesagt ist."

Das Problem dabei ist, dass diese Vorlage - um einen Ausdruck von Lorenzo Ravagli aus dem Jahrbuch für anthroposophische Kritik 1999 aufzugreifen - lediglich "Plausibilitätsgründe" liefert. Es gibt aber ebenso gute "Plausibilitätsgründe", die dem Dargelegten widersprechen. Ich neige dazu, diesen letzteren den Vorrang zu geben. Das ist das erste Problem.

Christian Grauer: Welche Plausibilitätsgründe sprechen denn dagegen?

Felix Hau: Da müssen wir erstmal die einzelnen angeführten Gründe trennen, die scheinbar dafür sprechen; das sind vor allem zwei: Der eine ist "Lebendiges kann nur aus Lebendigem entstehen". Gegen den kann nicht ernsthaft etwas ins Feld geführt werden; aber er sagt noch nichts über die Wiederverkörperung einer in sich abgeschlossenen Individualität. Der andere ist der, dass ein Mensch mit bestimmten (geistig-seelischen) Anlagen auf die Welt kommt - die woher stammen? Da kommt es jetzt darauf an, was man darunter versteht. Mir ist noch kein einziger Mensch begegnet, bei dem ich diese bestimmten "Anlagen" (z.B. in Form von Interessen für ein bestimmtes Lebensgebiet) nicht vollständig hätte aus seiner aktuellen Inkarnation erklären können, unter Berücksichtigung vorgeburtlicher Erfahrungen.

Christian Grauer: Vorgeburtlicher Erfahrungen? Das liegt ja gerade nicht innerhalb der Inkarnation...

Felix Hau: Ich meine Erfahrungen im pränatalen Stadium, also zwischen Empfängnis und Geburt. Das Problem, das ich habe, ist nicht etwa, dass sich DER GEIST reinkarniert, der in sich die Summe der durch Inkarnationen erworbenen Fähigkeiten birgt; das ist evident und das würde ich auch gerne darstellen. Sondern, dass sich eine in sich selbst abgeschlossene Individualität reinkarnieren soll. Was ist das? Was bleibt nach dem Tod von ihr übrig - und wo, in welcher Art und Weise - wenn sich doch die Seele und mit ihr alles "Seelische" nach dem Tode auflöst?

Christian Grauer: Ja, das ist das Problem des Ich als Wesensglied. Aber ich denke, die These, dass das gesamte Seelenleben nur ab der Geburt bzw. der Empfängnis aufgebaut und geprägt wird, ist doch ziemlich unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, wie unterschiedlich Menschen eben sind und wie "gleich" sie sein könnten, wenn man sich die doch ganz ähnlich empfangenden und gebärenden (Säuge-)Tiere betrachtet.

Das Problem mit dem Ich liegt wohl darin, dass diese Essenz, als das, was "hinübergerettet" wird, zwischen den Inkarnationen in der Umwelt liegt. Ich finde das schon ziemlich plausibel, dass alles was ich tue, Reaktionen in der Welt hinterlässt, die - wie Wellen in einem Becken - irgendwann wieder zurückkommen und sich auf einen Punkt konzentrieren. Dass dabei Selbstbewusstsein entsteht, ist m.E. unabhängig davon ein in den Inkarnationsbedingungen (also der speziellen physisch-seelisch-geistigen Konstitution des Menschen) liegender Prozess. Denn eine sich über die Inkarnationen hinaus als Ich begreifende Person entsteht ja erst durch dieses irdische Selbstbewusstsein, das gewissermaßen die zurückkommenden Wellen als Wirkungen "seiner" Handlungen wiedererkennt. Diese Frage ist verknüpft mit der Frage der Biologie, woher die beiden Zellen nach der ersten Zellteilung wissen, dass die eine Nase, die andere großer Zeh werden soll. Für den Versuch der Lösung dieser Frage sind schon Nobelpreise verteilt worden, aber so richtig klar ist das nicht. Aber offenbar kommt die "Information" dazu keineswegs aus der DNA, sondern aus den äußeren Zellbereichen. Das ist ziemlich interessant und man kann sich bei genauerem Hindenken rein biologisch nicht so recht vorstellen, dass aus der doch eher indifferenten Zellsubstanz in einem bloß mechanistischen Vorgang eine so komplexe Ausdifferenzierung entsteht.

Felix Hau: Ja, das ist es! Dass meine Taten in der Welt bleiben, Auswirkungen haben und an ihren Ursprung zurückkehren, bezweifle ich nicht. Nur ist das eben überhaupt noch keine hinreichende Bedingung für die "an und für sich-Existenz" einer in sich abgeschlossenen "Individualiät", die sich dann als sie selbst wieder inkarniert und mit ihren Handlungen, bzw. deren Folgen konfrontiert wird. Dieser "Welt-Teil" des Ich - Karma - bereitet mir keine Probleme. Aber warum sollte nicht in die "passende Lücke", die in der Welt von "mir" hinterlassen wird, sich wiederum DER GEIST inkarnieren, mit - potentiell - all seinen bislang in Inkarnationen gesammelten Fähigkeiten, der dann anhand der "Umgebungskonfiguration" zunächst ein partielles Bewusstsein ausbildet und möglicherweise sogar eine Erinnerung an diejenige Inkarnation haben kann, in der "an dieser Stelle" er selbst als Individuum durchs Leben gewandelt ist. Die Identität wäre auch gegeben, weil DER GEIST eben DER GEIST ist.

Aber wo ist die (zusätzliche) Individualität? Das ist mein Hauptproblem. Ich kann diese letztere weder aus meiner Erfahrung, noch aus derjenigen Steiners wirklich gewinnen. Es gibt sie in dieser in sich abgeschlossenen Form schlicht nicht. Das würde auch in Bezug auf alles andere keinen Sinn machen. Und dazu kommt noch, dass Steiner in der berühmten letzten Ansprache diesen netten Satz über die Erkenntnis einer "Individualität" sagt, der ausgesprochen aufschlussreich ist. Nur widerspricht das alles derart dem herkömmlichen "Verständnis" von Reinkarnation, dass ich es nicht ad hoc in Worte fassen kann.

Und natürlich gibt es einen nicht zu übersehenden Unterschied zwischen Mensch und Säugetier: eben seine Biographiefähigkeit. Aber der kann doch auch dadurch erklärt werden, dass sich eben in DEM GEIST die Fähigkeiten summieren, die in einer Inkarnation erworben werden. Und dieser ist es, der sich ständig und überall inkarniert.

Christian Grauer: Natürlich. Aber er inkarniert sich individuell, während er das im Tier nicht bzw. nur in Gruppen tut. Da gibt es keine zusätzliche Individualität. Der Geist, der zu sich Ich sagt, ist die Individualität. Das ist alles. Ich ist Handlung, kein Eimer. Es gibt auch keinerlei Hinweis darauf, dass das, was morgens in meinem Bett aufwacht, das war, was abends darin eingeschlafen ist. Ich weiß nicht, inwieweit man sich als "sich" erkennen würde, wenn man in gänzlich veränderter Umgebung erwachte. Verändert heißt dann natürlich auch: ein anderer Körper, ganz unbekannte Gegenstände etc. Aber das Entscheidende ist wahrscheinlich in der Tat, dass da außer diesem webenden und waltenden Geist kein weiteres Substrat ist, das Ich heißt und als Individualität irgendwo da oben wartet, bis es weitergeht. So zumindest habe ich Steiner immer verstanden.

Felix Hau: So verstehe ich es auch. Aber es gibt eben doch Aussagen von Steiner - und anscheinend werden nur diese zur Kenntis genommen - die man so interpretieren kann, dass noch eine (zusätzliche) Individualität behauptet wird. Steiner legt Wert darauf (ohne es näher zu erläutern), dass das östlich-spirituelle "Aufgehen im Allgeist" nicht so vorzustellen sei, dass sich die Persönlichkeit (er sagt wirklich Persönlichkeit!) auflöse. Da gab es doch auch mal den Averoisten-Streit....

Als Mensch inkarniert sich DER GEIST individuell; aber individuell nicht als "eigene Fähigkeit" eines schon vorher bestehenden Individuums, das nicht vollkommen identisch mit DEM GEIST wäre, sondern aufgrund der "biographischen Lücke", die in der Welt klafft. DER GEIST individualisiert sich anhand der Bedingungen, die er sich in der und als Welt selbst bereitet und durch die er sich als Ich erfassen kann. Reinkarnation ist Weltschöpfung. Welt ist ein Selbst-Verhältnis. DER GEIST reinkarniert sich entsprechend seiner Handlungen immer wieder neu an der "entsprechenden Stelle".

Christian Grauer: Ja, das kommt eben darauf an, auf welcher Ebene das gedacht ist. Das ist ja ein hin und her zwischen Extremen, die nicht ganz erreicht werden. Auch hier und jetzt sind wir nicht komplett auf einen Punkt inkarniert, sondern leben ja zu gutem Teil noch in unserer Umwelt. Die Frage wäre, ob sich während des Todes dieses Inkarniertsein tatsächlich zu 100< auflöst, oder ob nur zu 97> und eine gewisse Konzentration, d.h. Differenz zur Umwelt und damit Person, erhalten bleibt. Ich weiß das nicht, aber ich kann es mir vorstellen.

Felix Hau: Vorstellen kann ich mir alles mögliche! Aber es widerspricht meiner Erfahrung. Ich wüsste nicht, wo ich "hängenbleiben" sollte. Diese Initiationserfahrung ist ja jetzt schon möglich; aus dem Stand heraus. Sie findet sich in sämtlichen Religionen; am ausführlichsten ausgeführt und kommentiert im Buddhismus. Und ich weiß einfach nicht, wie und unter welchen Umständen das anders sein könnte.

Christian Grauer: Na, zum Hängenbleiben gibt's genug in der Welt. Allein die Tatsache, dass "jemand" diese Initiationserfahrung macht, zeigt doch, dass er sich nicht völlig aufgelöst hat. Wenn man das Ich nicht als Punkt oder Eimer oder dergleichen betrachtet, sondern als Negation der Umwelt, dann gibt es gar keine Schwierigkeiten dabei, hängen zu bleiben. Das Ich, die Individualität ist auch im inkarnierten Zustand in der Umwelt zu suchen, nur ist sie anders konfiguriert, auf ein Zentrum hin gerichtet. Sonst müsste die ganze Welt ja völlig indifferent werden.

Felix Hau: Das "wird" sie ja eben. Das ist Nirwana. Die "Negation" der Umwelt hört genau dort auf. ICH BIN ALL-EIN. Punkt. Das Neue (im Verhältnis zum Buddhismus) sehe ich einzig und allein darin, dass dasjenige, was Buddha als "Großzügigkeit" ausgelegt wird - nämlich der Verzicht auf dauerhaftes Nirwana - "systematisiert" wird, weil es der Realität entspricht, dass die Inkarnationen eben nicht irgendwann aufhören, sondern sich in jedem Augenblick neu vollziehen. Nirwana ist hier und jetzt auf einer anderen Bewusstseinsebene - und eben nicht das Ende der Geschichte.

Christian Grauer: Aber Nirwana ist hier und jetzt nicht absolut und nicht vollkommen (das hätte ich mitbekommen). Die Frage wäre wirklich, ob Steiner sich irgendwo dazu äußert, wie weit der Auflösungsprozess nach dem Tode schreitet, ob tatsächlich jene Sphäre erreicht wird, die das Nirwana darstellt, oder ob nicht. Meines Erachtens kann es aus einem echten Nirwana kein Zurück mehr geben.

Felix Hau: Das wäre die buddhistische Interpretation des Erlebten. Der beste Beleg fürs Gegenteil ist, dass "man" eben zurückkommt. Ich weiß, klingt wie: Katze beißt sich in den Schwanz, aber so ist es. Es ist gleichzeitig: Nirwana und Diaspora des Geistes als individuelle Erfahrungshorizonte hier und jetzt. Anthroposophie ist in einer gewissen Hinsicht nichts anderes, als die Synthese von Nietzsche und Buddhismus unter dem zusätzlichen Aspekt der Entwicklung. (lacht)

Christian Grauer: Ja (lacht mit) - ich musste auch gerade an Nietzsche denken, um zu erwägen, ob er etwa ein Gegenbeispiel für das Nicht-Erreichen des Nirwanas im Hier und Jetzt ist.

Felix Hau: Hast du inzwischen diesen Satz aus der letzten Ansprache entdeckt?

Ich hab alles durchsucht, aber nichts Entsprechendes gefunden. Im Gegenteil. Ich habe einen Satz gefunden, der das, was ich meine, nur unterstreicht.

Felix Hau: Welchen?

Christian Grauer: Und zwar lautet der: "Wesenheiten, die sich aber erst für uns, indem wir sie erkennen als die aufeinanderfolgende Inkarnation einer Wesenheit, zu einem Einheitlichen zusammenschließen."

Felix Hau: Jau. Das ist er.

Christian Grauer: Und was soll der nun Großartiges aussagen?

Felix Hau: Eigentlich etwas Selbstverständliches, wenn man die Anthroposophie als Erkenntnismethodik ernst nimmt: dass zwei "Wesenheiten", die zu unterschiedlichen Zeiten leben, nicht an sich ein und dieselbe sind, sondern erst im Erkenntnisakt zu einer Individualität verschmelzen.

Christian Grauer: Ja eben. Da ist doch nirgends von einer durchgehenden Person die Rede!

Felix Hau: Nein, genau. Da nicht; das ist ja das Besondere. Aber in etlichen anderen Statements.

Verstehst du jetzt mein Problem? Wie soll ich denn bitte auf die "Individualität" eingehen, "die durch unterschiedliche Inkarnationen schreitet", ohne zumindest dem Anschein nach am Wesentlichen der Anthroposophie zu kratzen, das ich selbst zu allem Überfluss auch noch dauernd ins Felde führe!?

Christian Grauer: Nein, das geht natürlich nicht. Aber da musst du nun mal durch...

Felix Hau: … na schaun wir mal. Ich bin schon stutzig geworden, als ich entdeckte, dass selbst Meister Witzenmann sich da um klare Ausdrucksweise drückt und sich sofort vom "Arabismus" distanziert, ohne das Problem, das sich da ergibt, aber wirklich zu lösen.

Christian Grauer: Ja, es ist natürlich nicht eines der Probleme, die "eher in die Randbereiche des Lebens zielen".

Felix Hau: Wobei man Witzenmann zugestehen muss, dass er sich als einer der Wenigen wirklich um eine angemessene, umfassende Darstellung bemüht, die die wesentliche Problematik nicht ausblendet. Aber diese vorangestellte Abgrenzung vom Arabismus, die fast schon reflexartige Verteidigung gegen den "Anti-Individualismus" - das ist es nämlich, was einem dann vorgeworfen wird - hätte ich von ihm eigentlich nicht erwartet. Das hat er doch nun wirklich nicht nötig...

Christian Grauer: Nun, das Nirwana ist in Anthro-Kreisen nicht sonderlich beliebt (lacht).

Felix Hau: Ich weiß.... es ist ja auch nur in der Mars-Sphäre angesiedelt (lacht ebenfalls)

Christian Grauer: Wo sind die anderen Statements, damit ich die auch gleich auseinander nehmen kann? - Nein, ich glaube, dass sich Steiner in vielen Fällen einer Sprache bedient hat, die das alles zu sehr verkürzt. Das hängt auch vom Betrachtungsstandpunkt ab. In gewisser Weise - und vielleicht auch nur oder erst aus unserer Zeit heraus - ist seine Sprache trotz allem noch etwas mythologisch; sie personifiziert (eigentlich "verwest") vieles. Das hat vielleicht auch einfach ökonomische Gründe, vielleicht aber ist es auch seine individuelle Perspektive oder er fand das aus anderem Grund so angemessen. Aber ich denke, in der Konsequenz denkt er das genauso, wie du es gesagt hast - alles andere macht auch in der Tat keinen Sinn, weil es nur ein dünnseidenes Plagiat des "Diesseits" wäre.

Felix Hau: Ja. Aber das in der letzten Ansprache Gefundene ist leider wirklich die einzige Stelle, die darüber Aufschluss gibt, dass er das genauso gemeint hat. Lies das entsprechende Kapitel in der Theosophie, lies die ganzen Vorträge über Reinkarnation und Karma, lies den Aufsatz Reinkarnation und Karma - vom Standpunkte der Naturwissenschaft aus notwendige Vorstellung etc. Überall läuft das auf eine Individualität hinaus, die sich - "an und für sich" - wiederverkörpert. Zumindest fällt diese Interpretation der entsprechenden Textstellen wesentlich leichter.

Christian Grauer: Ja, weil das unter vielen Perspektiven auch so zu sehen ist. Steiner schreibt in seiner Theosophie (S. 39f), dass das Ich der anderen Menschen, auch für den "Sehenden", unsichtbar ist. Eine Identifikation von zwei Verkörperungen findet also keineswegs über das Ich statt, sondern über die karmischen Gesetzmäßigkeiten und ihre Wirkungen. Genauso wie die Vererbungsgesetze die biologische Verbindung zwischen Vorfahr und Nachfahren schaffen, ohne dass ein kontinuierendes Drittes dahinter steht, konstituiert auch die karmische Gesetzmäßigkeit selbst - das Karma - die Verbindung des Ich von Inkarnation zu Inkarnation. Was dazwischen liegt, ist kein konservierendes Substrat, sondern Entwicklung. Das ist - wenn du so willst - wie wenn man vom Papst spricht, ohne sich Rechenschaft davon abzugeben, dass der ständig ein anderer ist. Der Papst hat dies gemacht, der Papst hat jenes gemacht etc. So sagt man hier: diese Individualität und jene Individualität - und meint dabei aber: dasjenige, was sich bei der karmischen Betrachtung als zwei durch die karmischen Gesetzmäßigkeiten in besonderer Weise als zusammengehörig erscheinende Verkörperungen darstellt.

Felix Hau: … und dass das nicht klar gesagt wird, ist für mein Begreifen ein Versäumnis. Weil es verwirrend, statt klärend ist und zudem noch "falsche Erwartungen" weckt, welche die persönliche, an sinnlichen Vorstellungsbildern haftende Unsterblichkeitssehnsucht nähren, die nur ein Schatten der Wahrheit des all-einen, sich individualisierenden und ewigen Ich ist.

Christian Grauer: Da muss man halt mitdenken. Das Problem ist, dass Steiner nicht vor jedem Vortrag die Philosophie der Freiheit vorlesen konnte, wenngleich er das sicher gerne gemacht hätte. Er hat seine Vorträge vor Publikum gehalten, über dessen Vorwissen er Bescheid wusste und entsprechend formulieren konnte. Ich komme immer mehr zu der Ansicht, dass die Vorträge sämtlich verbrannt werden sollten (lacht)

Felix Hau: (lacht herzlich mit) Das war ein schönes Wort zum ausklingenden Sonntag-Abend. Ich (oder wer auch immer) muss jetzt dringend ins Bett. Danke für Ohr und Verstand!