magazin info3/archiv/Juni 2000

Weltwirtschaft und Börsenfusion

Von Bankfurt zu Cityfurt

Von Amnon Reuveni

Zehn Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges scheint die alte Kunst der Allianzen und Gegenallianzen auf dem alten Kontinent wieder einmal eine Renaissance zu haben. Nicht nur die europäische Börsenlandschaft geriet heftig in Bewegung, sondern auch die Grundsatzfrage der EU ist wie neu aufgetaucht. Was steckt hinter den Zusammenschlüssen auf der einen und den heftigen Ablehnungen auf der anderen Seite? Wiederholt sich die Geschichte einfach immer wieder?

Am 30. November 1899 präsentierte Sir Joseph Chamberlain, britischer Staatssekretär für die Kolonien, auf einer Parteiversammlung seine Vision einer britisch-deutschen Allianz: »Jeder weitsichtige Politiker in England müsste sich schon lange wünschen, dass wir nicht dauerhaft isoliert in Europa bleiben,« so der Politiker. Und zur völligen Überraschung seiner Zuhörer präzisierte er: »Jeder müsste es jedoch als eine selbstverständliche Sache begreifen, dass die Allianz zwischen uns und dem großen Deutschen Imperium die vernünftigste ist.« Chamberlain vergrößerte seine Vision sogar noch und sprach über eine Trio-Allianz mit Deutschland, Großbritannien und den USA.
In Berlin lehnte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes von Bülow die britische Vision klar ab. Trotz seiner Bemühungen um die deutsch-englischen Beziehungen hatte für von Bülow die Ratifizierung des Gesetzes zum Aufbau der Flotte die höchste Priorität. Schließlich wäre, wenn er eine Allianz mit der größten Seemacht Europas befürwortet hätte, die Notwendigkeit des Flottenaufbaus nicht mehr nachvollziehbar gewesen...

Drei Nullen...

Ein Jahrhundert später präsentierten drei Herren eine scheinbar ganz andere Allianz. Im Londoner Veranstaltungszentrum Sedgwick Centre gab am 4. Mai der Chef der Frankfurter Börse, Werner Seifert, zusammen mit den Chefs der Londoner Börse und der US-Computerbörse Nasdaq eine Entscheidung bekannt, die die Börsenwelt revolutionieren dürfte und doch in Zeiten massiver Fusionstendenzen nicht aufzuhalten ist: die Vereinigung der beiden wichtigsten europäischen Handelsplätze London und Frankfurt. Nicht nur eine Allianz also, sondern eine definitive Union.
Diesem Schritt waren Zusammenschlüsse von Konkurrenten voran gegangen. Schon am 24. September 1999 hatten sich die Börsen von Amsterdam, Frankfurt, London, Madrid, Mailand, Paris und Zürich zu einer großen europäischen Allianz (keine Fusion!) entschieden. Mitte März hatte dann der Chef der Pariser Börse, Jean-François Théodore, die Fusion mit den Finanzplätzen Brüssel und Amsterdam zur Verbundbörse EuroNEXT verkündet - und sofort signalisiert, dass er auch London gerne mit ins Boot nehmen würde. Der Ex-Spitzenbeamte der französischen Steuerverwaltung sah sich schon als Herr über eine europäische Superbörse.
Bereits 1998 hatten die Börsen London und Frankfurt erste Gespräche aufgenommen. Diese scheiterten an fehlender Kompromissbereitschaft sowie einer Fülle technischer Details. Für die Franzosen war also die Freude nur von kurzer Dauer. Denn schließlich entschied sich London für Frankfurt und Monsieur Théodore, der nicht einmal eine Antwort auf seine Offerte aus London bekommen hatte, darf weiter nur die zweite Geige spielen. Die Größenverhältnisse auf der Börsenlandschaft sind eindeutig: Der Zusammenschluss von Deutschen und Briten kommt unter dem Namen International Exchanges (iX) auf eine beinahe doppelt so hohe Kapitalisierung wie das von Paris dominierte EuroNEXT. 45 Prozent der 300 größten Unternehmen Europas sind entweder in London oder in Frankfurt notiert, gemeinsam kommen beide Plätze auf 53 Prozent Anteil am europäischen Aktienhandelsvolumen.
Doch an der Seine will man die Flinte nicht ins Korn werfen: »Die Schlacht ist nicht verloren«, verkündete Théodore trotzig, »Paris bleibt als Börsenplatz unumgehbar«. Dabei war es Théodore selbst, der die Feindseligkeiten eröffnet hatte - aus einer Position der Schwäche. Das Projekt EuroNEXT galt vielen Beobachtern als Flucht nach vorne, nachdem es Paris nicht gelingen wollte, im Alleingang einen potenten Partner zu finden. Noch steckte den Franzosen der Schock von 1998 in den Knochen, als Frankfurt und London schon einmal ihr Zusammengehen verkündet hatten. Zuvor hatte Frankfurt lange um eine Kooperation mit Paris geworben, doch die französische Braut zierte sich endlos. Trotzdem fasste man die deutschen Heiratspläne mit London als üblen Seitensprung auf. Das leidige Thema kam sogar bei bilateralen Regierungstreffen zur Sprache. Als das Projekt EuroNEXT in Gang kam, freute sich noch jüngst ein Pariser Börsianer: »Damit sind die Frankfurter isoliert«.
Dass sich London trotzdem für die deutsche Börse entschied, ja nicht einmal auf die EuroNEXT-Offerte reagierte, erwischte die Franzosen kalt. »Dabei war unser Angebot eindeutig besser«, haderte Théodore mit dem perfiden Albion: »Flexibler, praktikabler und reizvoller«. Dass die beiden eigentlich fest ins eigene Lager gerechneten lateinischen Finanzplätze Madrid und Mailand ebenfalls mit einem Beitritt zu dem neuen germanisch-angelsächsischen iX-Markt liebäugeln, rieb noch mehr Salz in die gallischen Wunden. Théodore organisiert schon die Abwehr-Maßnahmen. Frankfurt und London halten ihren Club für weitere Mitglieder offen? Dann verdoppeln die EuroNEXT-Gründer eben ihre Bemühungen, die wankelmütigen Kandidaten Mailand und Madrid doch noch ins eigene Boot zu locken.

Und zwei Eins

Hinter all diesen Manövern steckt das Ringen um eine möglichst gute Ausgangsposition für den Tag X, an dem eine einzige, große Europa-Börse geschaffen wird. Selbst über ein Zusammengehen der Rivalen EuroNEXT und iX wird schon spekuliert. Voraussetzung wäre, dass bei dem Deal niemand das Gesicht verliert. Wer ist aber die treibende Macht hinter dem Fusionsdrang?
Auf der Bühne neben den Börsenverantwortlichen saß am 4. Mai in London, etwas überraschend, auch Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer. Aber wirklich überraschend ist das eigentlich nicht gewesen. Denn der Zusammenschluss wurde letztlich von den Banken erzwungen. Die Kreditinstitute - Börsenkunden und Börseneigentümer in einer Person - wollen eine billige Abwicklung ihrer Wertpapiergeschäfte und einen möglichst großen Markt. Bei der deutschen Börse dürfte Rolf Breuer sein Gewicht in die Waagschale geworfen haben, auf dass dieser Wunsch in Erfüllung gehe. Der Bankmanager ist zugleich Vorsitzender des Aufsichtsrats der Frankfurter Börse. »In Europa gibt es allein 15 verschiedene Aktienmärkte«, sagte Breuer und zählte dabei kleine Regionalbörsen und diverse Terminmärkte gar nicht mit. »Das ist jetzt vorbei.« Die »big boys«, wie der Aufsichtsratschef der Frankfurter Börse seine Deutsche Bank und vergleichbare Häuser nennt, die an allen diesen Märkten Handelsabteilungen unterhalten, erhoffen sich durch die Zentralisierung und die stärkere Anziehungskraft der Superbörse erhebliche Kosteneinsparungen. Und Breuer, der heimliche Architekt der deutsch-britischen Börsenfusion, kann sich des Beifalls seiner Kollegen bei Großbanken sicher sein.

Die kommende Weltbörse

Neben dem Chef der Deutschen Bank gilt als eine der treibenden Kräfte für die Konsolidierung in Europa Sir David Walker, Europa-Chef der US-Investmentbank Morgan Stanley Dean Witter. Sir David vertritt die Ansicht, dass es bereits innerhalb der nächsten 12 bis 24 Monate nicht mehr nur um eine europäische oder transatlantische Börsenkonsolidierung gehen werde, sondern zunehmend um die Schaffung weltweiter Handelsmöglichkeiten. Am Ende der Entwicklung könnte nach seiner Einschätzung eine einzige bedeutende Plattform für den Aktienhandel weltweit stehen, sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Im Laufe des Jahres 2001 wird nach seiner Prognose das transatlantische Zusammenrücken der Handelsplätze auf den Weg gebracht werden - wie es mit der angestrebten Einbeziehung der US-Börse Nasdaq in das Bündnis von London und Frankfurt bereits angelegt ist. Nach dieser Phase werde es dann um die globale Dimension der Konsolidierung gehen, prognostizierte Sir David. Er erklärte, dass der Druck der führenden Häuser auch künftig nicht nachlassen wird. Von London und Frankfurt erwartet er frühzeitige Gespräche mit dem geplanten Konkurrenzbündnis EuroNEXT unter Führung der Pariser Börse.
Die absehbare Bildung eines einheitlichen Aktienmarktes in Europa stellt aus Sicht des Morgan-Stanley-Bankers einen der wichtigsten Beiträge für die europäische Einigung dar. In der City am Main macht sich aber schon die Angst um die Dominanz der Briten breit. Hans-Joachim Plückers, Vorstand des Düsseldorfer Börsenmaklers Schnigge AG, fühlte sich angesichts der Fusion an eine Geschichte erinnert. Vor 25 Jahren, erzählte er, seien die Frankfurter und die Düsseldorfer Börse annähernd gleich groß gewesen. Doch dann habe die nordrhein-westfälische Landeshauptstadt der »Marktmacht der Banken Tribut zollen« müssen. Immer mehr Umsatz sei vom Rhein an den Main geflossen. Aktien, die früher nur auf dem Düsseldorfer Parkett gehandelt wurden, seien nach und nach auch in Frankfurt angeboten worden.
Und die Angst der Frankfurter ist in Zahlen gut nachvollziehbar. Die FAZ zeigte anlässlich der gelungenen Fusionsgespräche viele Kennzahlen zum Verhältnis zwischen der Londoner City und Frankfurt. An Hand dieser Zahlen sieht man deutlich, dass die Stärke des Londoner Finanzzentrums etwa drei mal größer ist. Als Fazit schreibt die FAZ: »In der City arbeiten fast so viele Menschen, wie in Frankfurt wohnen.«

Die Geschichte wiederholt sich nicht

Eine Fusion der Börsen, jenseits von Parlamentsbeschlüssen und ohne Regierungsberatungen, ist scheinbar eine Sache allein der Finanzleute. In den letzten Jahren sind jedoch viele Millionen kleiner Investoren als Aktionäre in diese exklusive Welt eingestiegen. Die täglichen Entwicklungen auf dem Aktienmarkt wecken starke Emotionen. Und die Aufgabe der letzten nationalen Merkmale im Aktiengeschäft ist ohne Zweifel - besonders wenn es um eine Fusion von Deutschland und England geht - eine historische Entwicklung fast ohne Vergleich.
Wenn solche Ereignisse stattfinden, merkt es die Öffentlichkeit nicht ganz. Man hat ein Gefühl, dass etwas Wichtiges geschieht. Aber die Tragweite und Bedeutung der historischen Stunde wird kaum wahrgenommen. Fast genau 50 Jahre vor der Börsenfusion hat der französische Außenminister Robert Schuman seine Vision einer Europäischen Union vorgetragen. Am 12. Mai schilderte Joschka Fischer als Echo und zugleich Umarbeitung des Schuman-Planes seine Gedanken über eine europäische Föderation - »Über die Finalität der europäischen Integration«.
Wer die Rede von Fischer liest, dem dürfte nicht entgangen sein, dass in den letzten 100 Jahren die Politik nicht viel weiter gekommen ist. Man fühlt sich unfreiwillig an die Rede von Chamberlain erinnert. Heute jedoch besteht ein grundsätzlicher Unterschied zum Jahrhundertswechsel 1899-1900. Die Technologie von heute lässt die Politiker nicht mehr in Illusionen von finanziellen und wirtschaftlichen Grenzen verharren. Die Weltwirtschaft, mit all ihren schlechten und guten Wirkungen, ist heute eine Realität. Auch damals war sie es schon, jedoch nicht annähernd so greifbar wie sie es heute auf Grund der atemberaubenden Entwicklung der Kommunikations- und Computertechnologie geworden ist.
Zu hoffen bleibt nur, dass die Politiker die Konsequenzen aus dieser Entwicklung rechtzeitig ziehen und sich auf ihre eigentliche Rolle wirklich konzentrieren werden. Dafür muss sich die Politik zu allererst von der Wirtschaft - so absurd das auch klingen mag - befreien. Sonst wird sie immer mehr zu einem Spielzeug der »big boys« degradiert werden. Um diesem Schicksal zu entgehen, müsste eine neue Grenzziehung stattfinden. Diesmal nicht wie vor hundert Jahren zwischen Allianzen von Nationalstaaten sondern zwischen der Weltwirtschaft und der Politik. Je schneller diese Grenze verstanden wird, desto größer die Chance, dass weniger Kriege zwischen diese Allianzen entflammen.