magazin info3/archiv/Juni 2000

Antisemitismusverdacht als Anlass zur Selbstkritik

Gegen die Rückkehr zur »Normalität«

Von Dierk Lorenz

Antisemitismusvorwürfe – gegen wen eigentlich? Der in einer anthroposophischen Einrichtung tätige Autor fragt, was am Verhalten mancher Anthroposophen nicht stimmt.

Ich bin ein wenig irritiert wegen der immer neuen und zugleich immer gleichen Verteidigungsargumente, mit denen heutige Menschen meinen, sich schützend vor das Werk oder gar die Person Rudolf Steiners zu stellen. Sie verteidigen etwas, das den Angriffen, denen es ausgesetzt ist, gar nicht zugänglich ist und folglich, allem geballten guten Willen zum Trotz, auf diese Weise auch nicht beschützt werden kann.

Diese Verteidigung des Werkes und der Person Rudolf Steiners hat etwas Verzweifeltes an sich. Wenn von »aus dem Zusammenhang gerissen ....« oder von »Turbulenzen im Stenogramm« (Info3 4/2000) die Rede ist, dann klingt das schon sehr nach Politiker-Dementi. Solche Argumente müssen nicht einmal falsch sein, um falsch zu sein. Ich höre aus ihnen ein verzweifeltes, manchmal aber auch trotziges oder selbstgerechtes »Es kann ja gar nicht sein!« Die Debatte ist auch unter Zuhilfenahme werkgeschichtlicher Untersuchungen - die gleichwohl verdienstvoll sind - nicht zu Ende zu bringen, solange nur nach der Wahrheit der Vorwürfe gefragt wird. Diese Frage ist zweitrangig. Die manische Beschäftigung mit ihr schiebt sich unheilverkündend vor eine wichtigere und ganz aktuelle andere Frage, auf die Antworten auch nur zu suchen ängstlich vermieden wird. Hier gilt aber die Psycho-Binsen-Weisheit: »Wo die Angst sitzt, da geht's lang«.

Wichtig wäre nämlich die Frage: »Könnte es denn sein, dass Steiner aus heutiger Sicht rassistische Gedanken gedacht hat, antisemitisch gedacht hat etc.« Was sich daran knüpfen ließe, das wäre wirklich spannend. Diese Frage ist wichtig, weil die Antwort für die Rezeption des Steinerschen Werkes heute und in der Zukunft entscheidend ist und wir an einem Scheideweg stehen.

Ich möchte zur Frage der Rezeption nur exemplarisch auf das Phänomen des Personenkultes um Rudolf Steiner hinweisen. Welche Haltung kann ich einnehmen zu seinem Werk, wenn ich seinen Geburts- und Todestag feiere (oder gar feiern lasse) und sein Bild aufhänge, und in welcher Haltung bin ich dadurch eventuell behindert beziehungsweise behindere andere (Schutzbefohlene?)? Oder von der anderen Seite gefragt: Welche Rezeption hat stattgefunden, wenn dieser Personenkult dabei herauskommt und - nicht etwa bloß als persönliche Marotte - sogar Eingang in pädagogische Zusammenhänge findet?

Die Kritiker der Anthroposophie werden ganz mit Recht nicht nachlassen, in dieser Wunde zu bohren, solange auf Vorwürfe des Rassismus und der religiösen Intoleranz immer wieder laut ausgerufen wird: »Stimmt nicht! Stimmt nicht!« und eigentlich gemeint ist »Kann ja gar nicht stimmen!«, beziehungsweise ehrlicher gemurmelt wird: »Darf einfach nicht stimmen!« Es nutzt dann auch wenig, etwas untersuchen zu lassen, wenn ich eigentlich schon weiß, was herauskommen soll beziehungsweise darf.

In dem Artikel Rudolf Steiner über das Judentum (Info3 4/2000) erscheint ein Steiner-Zitat, zu dem sich die niederländische Kommission geäußert hat. Es wird außerdem der Steiner-Biograph Lindenberg dazu zitiert. Das Steiner-Zitat (aus einer Rezension des Jahres 1888) lautet: »Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten.«

Das tut besonders weh, weil wir Heutige mit den »Folgen«, die »nicht ausbleiben konnten« etwas assoziieren, was zur Zeit dieses Satzes noch Zukunft war. Wir können kaum anders als den Holocaust assoziieren und wir tun richtig daran.

Diese Assoziation zu klaren Gedanken zu entwickeln, das könnte zu Wahrheiten hinleiten, denen nachzuforschen sich lohnen würde. Die Interpretationen jedoch, die diese Äußerung Steiners mit Nebelkerzen bewerfen, (»...aus dem Zusammenhang gerissen....«), appellieren an die gleiche Geisteshaltung, aus der heraus man ihn auf Grund dieser Äußerung zum Wegbereiter des Holocaust erklären könnte. Es ist eine Haltung, die bei der Suche nach Wahrheit immer nach dem leicht Verdaulichen Ausschau hält.

Bei Lindenberg ist der Steiner-Satz eine »Entgleisung«, die Kommission findet ihn lediglich »zu scharf formuliert«. Ich finde beide Charakterisierungen erschreckend verharmlosend. Vor einem so gearteten, posthumen Wohlwollen würde ich Steiner nun am liebsten selbst in Schutz nehmen. Entgleisung? Wie das? Wenn jemand entgleist, rutscht etwas heraus was er denkt, aber nicht sagen will. Oder woher kommt Gesagtes, was aber eigentlich nicht gemeint war? -

Zu scharf formuliert? Wer das zusammen mit der niederländischen Kommission meint, dem empfehle ich den praktischen Versuch: Formulieren Sie das mal »entschärft«!

Wenn dieses verzweifelte Nicht-Wahrhaben-Wollen keine so fatalen Folgen hätte, könnte man es rührend und ein bisschen tragikomisch finden. Aber die Anthroposophie ist keine Sekte, die nur in ihrem eigenen Saft schmort und sich daran vergiftet, sondern wir sind tätige Menschen, die aus geistigen Impulsen Handelnde sein wollen. Und indem wir pädagogisch und therapeutisch tätig sind, drehen wir ein ganz großes Rad. Deshalb können wir uns diese Verzagtheit der Seele, die uns am Übervater mit den Geist vernebelnder Inbrunst hangen lässt, überhaupt nicht erlauben. Der Preis, den wir, aber mehr noch die uns anvertrauten Menschen in der Waldorf Pädagogik, der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie zu zahlen haben, ist darin zu sehen, dass wir ihnen Schutz verweigern müssen vor allem, wovon wir glauben, nicht zugeben zu dürfen, dass es auch bei uns vorkommen kann. Wenn im Zusammenhang mit dem Rassismus Vorwurf der verteidigende Subtext lautet, »Es kann nicht stimmen!«, so heißt ein anderer im Zusammenhang mit dem Antisemitismus Vorwurf: »Wir schicken ja niemanden ins Gas, aber die Juden glauben nun einmal nicht an Christus, und das wird man doch wohl sagen dürfen...« Daraus spricht die ganz sicher nicht bloß für die Anthroposophie typische Idee von einer Rückkehr zur Normalität nach dem Holocaust.

Dass es die nicht geben kann, liegt ursächlich nicht am Holocaust selbst. An ihm wird vielmehr die Notwendigkeit deutlich zu verstehen, dass es mit dieser »Normalität« endgültig und nicht nur den Juden gegenüber vorbei ist. Es ist dies die Normalität des Ausgrenzens von Menschen, die Normalität der religiösen, ethnischen und kulturellen Intoleranz.

Insofern wir Heutige in einem religiösen Bekenntnis leben, müssen wir die Spannung aushalten zwischen Bekenntnis und Toleranz - und die Toleranz ist die Forderung der Zeit. Toleranz ist nicht schon da, wenn wir einander nicht mehr morden, ihre Forderung ist viel umfassender: Sie soll sich überflüssig machen, denn die Toleranz, deren Wesen es ja ist, dass einer sie dem anderen gewährt, ist auch nur eine fragwürdige und höchst vorläufige Durchgangsstation auf dem Weg zu einem wirklich schwesterlichen und brüderlichen Zusammenleben. Rudolf Steiner war das klar. Deshalb hat er den Zerfall der großen religiösen Organisationen vorhergesagt. Er wird aber meines Erachtens missverstanden, wenn unter dem Absterben dieser Organisationen bloß der Zerfall der organisatorischen Struktur verstanden wird. Verschwinden wird nach Steiners Gedanke der »Stoff«, der diese Organisationen zusammenhält, nämlich die Idee vom Bekenntnis als organisierte und organisierende soziale Kraft und der damit verbundene Wahrheitsterror. Deshalb ist die Anthroposophie und erst recht die Christengemeinschaft überhaupt nicht davor gefeit, genau dieses Schicksal auch zu erleiden. Viele glauben, es sei gewissermaßen vorgesorgt durch die - gegenüber etwa einer Amtskirche - gelockerte Organisationsstruktur der »anthroposophischen Zusammenhänge« (was übrigens als Sprachregelung genau diese vorsorgliche Zurückhaltung spiegelt). Es kann aber doch sein, dass wir an einer überpersönlichen, sozial kontrollierten und kontrollierenden Bekenntnishaftigkeit nur umso vehementer festhalten. Darauf müssen wir achten. Der Autor ist 42 Jahre alt und seit sechs Jahren in einer Einrichtung der anthroposophisch ausgerichteten Heilpädagogik und Sozialtherapie tätig.