magazin info3/archiv/Juni 2000

Geboren zwischen Judentum und Anthroposophie

Gewähltes Schicksal

Von Rudi Lissau

Der in einem anthroposophischen Elternhaus im Wien des letzten Jahrhundertbe-ginns groß gewordene Autor erzählt in seinen Lebenserinnerungen von seiner Jugend innerhalb des liberalen Judentums, Klischees über die Ostjuden und die heilende Kraft der Begegnung.

Mein Vater und meine Mutter waren Juden, wobei Vater sich vom Judentum bereits entfernt hatte, während Mutter, als sie heiratete, zu einem liberalen Agnostizismus neigte. Dies war eine Zeit, in der die Frage der »Rassen« - heute würden wir eher von verschiedenen Kulturen oder sozialen Gruppen sprechen - für »moderne« Menschen etwas richtig Faszinierendes bekommen hatte. Mein Vater war unter den Einfluss Otto Weiningers geraten, eines brillanten jungen Juden, der von Hass auf die Frauen und Hass auf die Juden erfüllt war. Auch ließ sich mein Vater von Steiners großer Achtung vor deutscher Kultur insofern irreführen, als er nicht wahrnahm, dass diese Achtung dem Zeitalter Goethes, Novalis’ und der Philosophen des deutschen Idealismus galt, und so nicht merkte, dass Steiner mit dem Nationalismus und Imperialismus des Wilhelminischen Deutschland nichts im Sinn hatte. Aber - und das war damals typisch für einen Juden und hätte er sich von jüdischem Leben und jüdischer Religion auch noch so weit entfernt - er trennte sich äußerlich nicht von der Religion seiner Väter, um die Eltern nicht zu kränken. Erst nach deren Tod konnten wir offen und freudig Weihnachten feiern. Bis dahin waren wir einfach Zuschauer bei den Feiern der christlichen Mitglieder des Haushalts. So erlebte ich die jüdische Religion eher von Ferne. Ein- oder zweimal im Jahr wurde ich in die Synagoge geschickt, ein Erlebnis, das mir eher peinlich war, während mich die Religionsstunden in der Schule einfach nur langweilten. Schön waren gelegentliche Einladungen zum Passahmahl im Hause eines mit dem Vater befreundeten Rabbiners. Ein solches Mahl ist ein Familienfest, zu dem auch Freunde eingeladen werden und als der Jüngste am Tisch hatte ich besondere Vorrechte. Dieses Mahl durchzieht eine wirklich menschliche Stimmung. Seine Atmosphäre ist nicht leicht zu beschreiben, denn sie ergibt sich aus unterschiedlichen, ja, fast widersprüchlichen Elementen. Ein Ritual, jahrhundertealt, und spontanes, leichtes Gespräch, sanfter Humor und Lachen, Erinnerungen und Nachdenklichkeit, menschliche Wärme und Hinwendung zu Gott, Gedenken an vergangenes Leid, Dankbarkeit dafür, dass man im letzten Jahr verschont geblieben ist. Und in allem die immer lebendige Hoffnung: »Dieses Jahr hier, nächstes Jahr in Jerusalem.«

Als Heranwachsender hatte ich einen Standpunkt gefunden, der sich kaum von dem vieler liberaler österreichischer Juden unterschied. Jüdische Religion oder jüdisches Leben interessierten mich nicht. Ich war Österreicher, auch wenn mich die jüdische Herkunft gelegentlich behinderte. Ich teilte die allgemeine Abneigung gegen osteuropäische Juden mit ihrer deutlich fremdartigen Tracht, die, vom Ersten Weltkrieg und seinen Folgen entwurzelt, in großer Zahl nach Österreich kamen. Das waren die Leute, so glaubte ich, die zum Antisemitismus Anlass gaben. Mit anderen Worten, ich nahm eine typisch fremdenfeindliche Haltung ein. Wir selbst sind natürlich in Ordnung, aber diese Leute - wer immer sie auch sein mögen - sind uns unterlegen. Ihre Gewohnheiten, ihre Sitten, ihr Gehabe machen sie äußerst suspekt. Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Das Leben sollte mich eines anderen belehren.


Individuen statt Typen

Mit Anfang zwanzig wurde ich Lehrer für blinde Kinder und lebte und arbeitete fünf Jahre lang unter Blinden. Das Institut, das mein Zuhause wurde, stammte noch aus dem österreich-ungarischen Kaiserreich. Unsere Schüler kamen aus dreizehn verschiedenen Ländern, besonders aus Osteuropa, viele aus jüdischen Häusern. Sie zeigten mir, wie falsch meine Vorstellungen über osteuropäische Juden waren. Anstelle eines festen Typus’ begegneten mir Individuen, die genauso unterschiedlich in Verhalten und Aussehen waren wie »wir Österreicher«. Meine blinden Schüler, von denen später viele Opfer des Holocaust wurden, gaben mir ein Geschenk von unschätzbarem Wert: sie befreiten mich von meinen Minderwertigkeitsgefühlen als Jude. Seitdem war mir die jüdische Herkunft ebenso eine karmische Tatsache wie mein sanguinisches Temperament: sie bot Vorteile und Nachteile, war aber nichts, was mir peinlich sein müsste. Wichtiger noch, meine Schüler vermittelten mir, dass die Stimmung, die ich beim Passahmahl erlebt hatte, kein seltener Glücksfall war, sondern dass in ihr zum Höhepunkt kam, was als Grundhaltung während des ganzen übrigen Jahreslaufes alle Erscheinungen des Lebens durchzog.

Während der fünfziger Jahre war ich mit einem bezaubernden Menschen befreundet. Von Geburt war er Rheinländer und katholisch, aber er war Anthroposoph geworden und arbeitete als Musiklehrer an der Baseler Steinerschule. Als wahrhaft religiöser Mensch hatte er die Kirche Roms verlassen. Weder Christengemeinschaft noch Esoterische Schule entsprachen seinen Bedürfnissen. Aber er fühlte eine enge Verwandtschaft mit dem religiösen Denken der osteuropäischen Juden. Seine Bibliothek enthielt zahlreiche Bücher mit Geschichten der Chassidim, ihren Überlegungen und Meditationen. Dies eröffnete mir eine neue Welt: traditionelle jüdische Frömmigkeit konnte einem Deutschen von heute die Seelennahrung bieten, die weder das traditionelle Christentum noch Rudolf Steiner, den er durchaus anerkannte, ihm geben konnte. Die inbrünstige Liebe dieser Rabbiner zu Gott und ihr diszipliniertes Bemühen, seinen Geist zu ergründen, erschlossen mir eine neue Dimension jüdischen Lebens. Wo gab es sonst in Europa Laien - ein Rabbiner ist kein Priester - die sich so ernsthaft um Fragen der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, der Moral und des guten Lebens sorgten? Wo gab es sonst große Gruppen von Menschen, denen Gott derart wichtig war?

Ein drittes Erlebnis kam in den siebziger und achtziger Jahren unseres Jahrhunderts hinzu. Bei der Arbeit im Ausbildungskurs für Kindergärtner in Wynstones begegnete ich mehreren sehr interessanten Studenten aus Israel. In ihrem gedanklichen und religiösen Zwiespalt angesichts der zentralen Stellung des Neuen Christentums in Steiners Werk wandten sie sich natürlicherweise an mich, in der Hoffnung, ich könnte ihre Lage verstehen. Durch sie wurde mir klar, dass sich ihre existentielle Situation grundlegend von der früherer Generationen von Juden aus Mittel- und Osteuropa unterschied. Sie hatten einen Staat, sie waren eine Nation, sie hatten ein Verhältnis zur Realität der Macht gefunden. Der innere Glanz und die äußere Tragödie der europäischen Juden war - und ist möglicherweise noch - ihre völlige Unsicherheit. Die europäischen Juden gaben das Beispiel für zwei allgemein gültige menschliche Wahrheiten: Ich lebe durch die Fürsorge derer, die mich umgeben, und: das menschliche Ich entwickelt sich aus den eigenen inneren Kräften und aus der inneren Beziehung zu Gott in Seiner geistigen Welt.


Jüdische Frömmigkeit

Eine der Schwierigkeiten, die wir mit anderen Religionen haben, ist ja die, dass wir annehmen, ihre Anhänger glaubten alle praktisch dasselbe, hätten eine gemeinsame Lebensform und unterschieden sich völlig von anderen Glaubensgemeinschaften. So versehen wir eine Gruppe von Leuten mit einem bestimmten Etikett. Das ist gefährlich, wie ich mit meinem Vorurteil über die osteuropäischen Juden erlebt hatte.

Jede Religion wird auf vielfältige Weise gelebt und, wie meine eigene Erfahrung als Jugendlicher mich lehrte, ist es nur zu leicht, eine einzige Verhaltensweise als charakteristisch für die ganze Gruppe anzusehen. Wie oft habe ich früher in Österreich gehört »wenn nur alle Juden so wären wie du« oder »wie deine Familie« - speziell von Leuten, die kaum je andere Juden kennen gelernt hatten. Man lernte, solch eine Aussage hinzunehmen und hoffte, dass das Leben mit der Zeit die Sprechenden lehren würde, über ihre Vorurteile hinauszuwachsen. Solange wir uns nicht abgewöhnen, den Fremden eine Rolle zuzuweisen, Shylocks oder Fagins in ihnen zu sehen, können wir kaum meinen, Christus zu folgen, wie ihn Steiner schilderte: Er kam zu allen Menschen, aber zu jedem in seiner eigenen individuellen Weise. Von »christlichen Nationen« zu sprechen ist ein Missverständnis.

Die Situation kompliziert sich noch mehr durch den Glauben, dass die Juden das auserwählte Volk sind, mit dem Gott einen heiligen Bund schloss. Durch die Art ihrer Lebensführung, durch ihr Leiden zeugen sie für die fortdauernde Gültigkeit dieses Bundes. Das gibt frommen Juden ein Gefühl der Überlegenheit, manchmal sogar des Hochmuts. Wie für die Katharer des Languedoc ist es für sie kein Wunder, dass »die Welt« schlecht ist. Ihre Überzeugung lässt ihnen »die Welt« als etwas ziemlich Minderwertiges erscheinen. Der Bund wiederum hängt davon ab, dass das Blut rein erhalten wird. Dieses spezielle und einzigartige Verhältnis zu Gott führt zu einer religiösen Inbrunst, die den meisten Christen unserer Tage fremd ist. Jede Handlung des täglichen Lebens ist ihnen eine heilige Handlung. Der Hausvater wacht auf und geht gleich zum Fenster. Er sieht hinaus. Sieht die Natur aus wie gestern oder ist über Nacht der Messias gekommen? Man nimmt kein Essen ohne ein Dankgebet zu sich und es gibt eine Unzahl von Dankgebeten. Es gibt ein Gebet, wenn man Orangen isst und darüber hinaus ein besonderes Dankgebet für die erste Frucht aus der neuen Ernte.

Der okkulte Tag beginnt, wie Steiner bestätigt, mit Einbruch der Nacht am Vorabend. So ist für den Juden der Freitagabend, der Abend des Sabbath, der Höhepunkt der Woche. Ich habe nicht vergessen, was mir Hannah erzählte. Sie war die Sanfteste und auch Begabteste unter meinen blinden Schülern, sehr wahrscheinlich wurde sie ein Opfer des Holocaust. Ihre Familie war bitterarm und hatte oft nicht genug zu essen. Aber jeden Freitagabend gab es das Mahl, in Frieden und Freude gefeiert, und in Dankbarkeit gegenüber Gott für die Nahrung, die die Familie in dieser, der ersten Stunde des Sabbath verzehren konnte. Das kleine Mädchen verstand, dass die Mahlzeiten in der Woche so sparsam wie möglich gehalten werden mussten, damit der Freitagabend würdig gefeiert werden konnte.

Wenn ich das Oberuferer Dreikönigsspiel sehe, reagiere ich sehr empfindlich auf die Art, wie Kaiphas und die anderen Juden, der Regieanweisung folgend, mit den heiligen Büchern umgehen. Wie das Brevier eines Priesters der Christengemeinschaft werden auch diese Buchrollen mit der Hand geschrieben. In der Synagoge werden am Sabbath drei Abschnitte aus der Bibel gelesen, und wenn jemand gebeten wird, der Gemeinde einen der Abschnitte des Tages vorzulesen, dann ist das eine große Ehre für ihn. Wer die Rollen in die Hand nimmt, tut es mit äußerster Sorgfalt; als Erstes küsst er die Rollen. Wenn die Rolle mit der Zeit brüchig wird, wird sie auf keinen Fall zum Altpapier gegeben, auch nicht verbrannt. Gottes Wort erhält eine richtige Begräbnisfeier und wird rituell beerdigt. Im heutigen Israel sprechen orthodoxe Juden Jiddisch. Warum? Wie kann man das Hebräische, die Sprache, die Gott sprach, soweit erniedrigen, dass man sie zum Kauf eines Busfahrscheins verwendet? Das heißt keineswegs, dass jüdische Frömmigkeit und Hingabe sich in rituellen Handlungen erschöpft, mögen diese auch noch so angemessen und würdig sein. Auch wenn die Intensität des religiösen und geistlichen Lebens des Einzelnen nicht nur für das jüdische Leben charakteristisch ist, sind die Umstände doch ungewöhnlich. Denn die geistige Aktivität findet nicht in einem Ashram in einem einsamen Tal des Himalaya statt, sondern in einem normalen Haushalt, in der Familie, die eine schützende Hülle um den Gottessucher bildet, und ihr Ziel ist nur nebenbei die mystische Vereinigung mit Gott. Sie hat vielmehr praktische Ziele: Wie kann ein moralischer Zwiespalt gelöst werden? Was kann man einem Menschen in Not raten? Wie wird man ein besserer Mensch? Wie kann Gottes Reich auf Erden besser verwirklicht werden? In diesem speziellen Sinn ist das jüdische Leben einzigartig. Gottes »Gebot« an Abraham, dass seine Kinder ein Volk von Priestern werden sollten, findet seine Erfüllung auf zweierlei Art: Erstens wird ein Jude dazu ermutigt, nicht den Anweisungen einer Priesterhierarchie zu folgen, sondern zu lernen, individuell zu handeln. Zweitens, da offensichtlich ist, dass wir für diese Tätigkeit unterschiedlich begabt sind, achten und unterstützen wir diejenigen, die dieses »Gebot« besonders gut befolgen können. So erleben wir als eine der zentralen Ausprägungen jüdischer Kultur den inbrünstigen Erkenntnissucher, der versucht, einen Bruchteil des göttlichen Geistes zu ergründen und darzulegen, welche Folgerungen für das sittliche und soziale Leben sich daraus ergeben. Solch ein Mann wird von einer Schülerschar begleitet, von einer Gruppe von Helfern unterstützt und von einer noch größeren Gemeinschaft anerkannt. Die jüdische Überlieferung bewahrt das, was solche Einzelne erreichten, über lange Zeit. Sie weiß von Erkenntnissen, die durch die völlige Hingabe Einzelner gewonnen wurden, und versteht, dass spirituelle Erkenntnis persönlich und daher vielgestaltig ist. Aus: Rudi Lissau, Chosen Destiny. Golden Blade, London, Nr. 48/1996.

Übersetzt von Magdalena Zoeppritz und Magda Maier