magazin info3/archiv/Juni 2000

Naturtagebuch Juni

Demiurg und Saitenspiel

Von Ralf Lilienthal

Brief aus München, vom 5.Juni 1893, an Clara Oestler:
Die Berge haben Dich zuerst deprimiert? Ich verstehe es, aber wir Menschen bleiben trotzdem die größeren. Denn was wären die Berge, wenn sie einmal ins Weltall hineinragten, wenn sie in keinem Menschenauge sich spiegelten, wenn nicht ein lebendig Herz sie als groß, schön und erhaben empfände, wo wäre der Täler Reiz und Lieblichkeit, wenn ihr Anblick nicht in einer fühlenden Brust das Urteil weckte: sie sind reizvoll und lieblich, d.h. in meiner Anschauung.
Das Menschenherz ist ein Saitenspiel, in den Wind gehängt, ein Brennspiegel, unter die Sonnenstrahlen gehalten; nimm Harfe und Glas fort, so existiert kein Klang und keine Glut mehr und was wir die »Welt« nennen mit ihrer Schönheit und Mannigfaltigkeit hört auf zu sein. Was bleibt, ist ewige, eigenschaftslose Substanz. Darum sind wir größer wie die Berge, wie die Natur - wir geben dieser Welt erst Inhalt und Bedeutung, wir prägen und werten sie zu dem, was sie ist.
Und je reiner und eigenartiger ein Saitenspiel gestimmt ist, desto wunderbarer wird es tönen. Es ist derselbe Wind, der meilenweit über die Heide braust, aber es sind tausend verschiedene Akkorde, die er hervorruft, jubelnde, klingende, Harmonien und Dissonanzen.
Christian Morgenstern

Bescheidene Anmaßung

Um es gleich vorweg zu nehmen: »Naiv und dreist« soll angehen, »befähigter Hochmut« auch - aber falsche Bescheidenheit und der Anschein der Demut - »Elfriede, bitte, mach die Türe zu, das kann man ja nicht mit ansehen ...!«
Eine der perfidesten Formen der falschen Bescheidenheit siedelt in den Fundamentkellern der zeitgenössischen Naturwissenschaft und heißt: »der Mensch ist klein«. Unbedeutender Zwerg auf dem unbedeutenden Trabanten einer unbedeutenden Sonne irgendwo an den Rändern einer mittelmäßigen Galaxis - »Hatschi, oh Verzeihung jetzt ist sie glatt von der Tischplatte geweht worden ... lass liegen, es sind noch genug da!
Und doch benehmen sich diese naturwissenschaftlich versierten Zwerge im Demutskostüm wie der Demiurg persönlich. Nichts an dieser vorgefundenen Welt ist ihnen gut genug, überall wird geschraubt und gewerkelt, angebaut und getuned, neu lackiert und neu programmiert, völlig verworfen und für immer noch verbesserungsfähig angesehen. Aber man ist ja so bescheiden! Völlig unbedeutend alles was der Mensch macht, rein marginal - Gott sei Dank oder der Natur oder dem Zufall (samt Notwendigkeit) oder dem großen Knall, der uns und unseren Planeten, bis zum energetisch stabilen Ende aller Dinge, auf eine ungeheure Explosionsbahn geschossen hat, Gott sei Dank! Denn schließlich: wäre die Tat des Einzelnen am Ende doch bedeutungsvoll, wäre sie es in alle Richtungen, zöge Gutes oder Schlechtes, sanftes Wachsen, blinde Expansion oder gar so etwas wie die Explosion einer Feuerwerkskörperfabrik nach sich. Chamäleon
Lachen wir ruhig, die bizarren Echsen werden es uns nicht krumm nehmen. Wenn etwa die jungen Dinger des Gewöhnlichen Chamäleons dieser Tage aus den Eiern schlüpfen, bringen sie schon alles mit, was uns die Lachfalten ins Gesicht zaubert: der schneckenförmig eingerollte Kletterschwanz, das wie ein Krug aufgewölbte Auge mit dem skeptisch-ironischen Blick, die Schleuderzunge mit Klebefilm und Greiffunktion und das Hautkleid, das je nach Stimmungslage in der passenden Weise Farbe bekennt - bis hin zu einem ewig geruhsamen, schaukelnden Gang, hin und wieder unterbrochen und zu drohender Gebärde erstarrt - lachen wir ruhig, die Welt ist eben auch komisch!

Das Maß der Dinge

Doch in Wahrheit hat der Mensch, moralisch gesehen, niemals den ptolemäischen Kosmos verlassen - und zurecht! Er, jeder Einzelne von uns, ist der Mittelpunkt einer Welt konzentrischer Kreise, in der kein Lidschlag getan wird, ohne dass eine Welle der Wirksamkeit davon ausgehen.
In dieser schönen, großen und großartigen, aber doch immer mit Menschenmaß zu (er)messenden Welt, müssen wir schon einige Augen zumachen, wollten wir unsere zentrale Bedeutung darin verleugnen. »Der Mensch ist das Maß aller Dinge« sagt der Mensch, was nicht nur tautologisch ist, sondern so wahr, dass wir, wenn wir ehrlich sind, bis in unsere Finger- und Zehenspitzen hinein darüber Gewissheit haben. Denn der Mensch ist, nach allem was er weiß, das einzige Wesen, das in dieser Welt Maß genommen hat, sie vermessen hat, ihre Dimensionen ermessen, die Kreise des Seins wahrgenommen, verstanden und erkennend durchschritten hat. Und mit welch gewaltigen Folgen. Denn der handelnde Mensch hat sich selbst an die Welt gelegt, wie der Maurer die Wasserwaage an eine Wand.
Die Demiurggefühle derer, die sich im Mittelpunkt bedeutender Wirkungskreise befinden, kann man nur zu gut verstehen. Auf ihren Fingerzeig hin verwandeln sich ganze Welten, altüberkommene Wesen erhalten ein neues, genetisch fest verankertes Gesicht, Zeit und Raum verlieren ihre Macht und schrumpfen zu scheinbarer Bedeutungslosigkeit herab. Von den »Peanuts« ganz zu schweigen: Flüsse eindämmen, Meere zurückdrängen und Berge versetzen - das ist schon lange »Prêt-à-porter«, Stangenware, »sie können drauf warten«. Hummer
Wäre er für uns Menschen nicht so wohlschme-ckend, hätte der ausgewachsene Großkrebs mit den mächtigen Scheren und den langen Fühlern kaum Feinde. Nur der Seeaal weiß Bescheid: jetzt im Frühsommer und im frühen Herbst noch einmal taucht der schlangenförmige Räuber in die engen Gänge des Hummerbaus hinein und erreicht dabei manchmal dessen Häutungshöhle. Hier wartet das vorübergehend schutzlose Tier auf die allmähliche Aushärtung seines Panzers. Als nachtaktiver Jäger wartet der Hummer übrigens auch: auf seine Opfer nämlich, die, wenn sie nahe genug an ihm vorbeikommen, längst chemisch geortet, kaum Chancen haben den zuschnappenden Fangscheren zu entkommen.

Allerlei Übungen

Doch: so ganz unverbindlich steht man nicht im Mittelpunkt aller Kreise. Schon vor Ptolemäus und auch nach ihm, bis hin zu Kopernikus und selbst noch einige Zeit darüber hinaus, stand man ja auch gar nicht alleine dort, man war gewissermaßen Stellvertreter höherer Mächte, von ihnen hierhin gestellt, »ad majorem gloriam dei«, ein seelischer Adel, der zwar durchaus verpflichtet, aber doch immer noch irgendwie abgefedert war, mit dem Netz und doppelten Boden der Gnade und ohne die allerletzte Verantwortung. Damit allerdings ist inzwischen längst Schluss.
Und was macht der Hochseilartist, von heute unter der Kuppel der Schöpfung, Demiurg hin oder her? Üben! Üben und noch einmal Üben! Womit wir allmählich bei Morgensterns Brief angelangt wären. Kosmische Artistik und Himmelskuppeldrahtseilakte - das geht natürlich auch im Angesicht der Berge, gerade dann, wenn die Begegnung mit ihnen zunächst »deprimiert«.
War Clara Oestler ein allzu sensibles Geschöpf? Heute, in einer Zeit, in der die Dreitausender längst Standard der Erfahrung geworden sind, erstiegen oder zur Piste degradiert, in der die Achttausender nicht mehr länger Legende sind, höchstens mediengeborene und kommerziell genutzte Legenden, deprimieren Berge wohl nur noch in sehr ausgewählten Situationen.
Doch das war nicht immer so. Sieht man von Petrarcas Besteigung des Mont Ventoux in der Provence ab, hatten die Berge, die Alpen zumal, lange Zeit nichts Lockendes an sich. Sie schreckten, ihr Übermaß, ihre Schroffheit war Bedrohung und nur wer musste, bestieg oder durchquerte sie.
Doch auch Petrarcas Brief 1 ist nicht Zeugnis einer naturwissbegierigen Seele, er enthält vielmehr eine Parabel von der inneren Erhebung zum Ewigen, beschreibt einen Läuterungsweg, der sich der Berg-Motive großzügig bedient. Ein Augustinus-Wort, auf dem Gipfel »willkürlich« aufgeschlagen, darf das Erlebnis zusammenfassen: »Und es gehen die Menschen, zu bestaunen die Gipfel der Berge und die ungeheuren Fluten des Meeres ... und haben nicht acht ihrer selbst.« Weißer Mauerpfeffer
Wenn der Sommer zu kochen beginnt, scheiden sich die Geister im Pflanzenreich. Für die einen ist Feierabend, sie ziehen sich zurück, vergilben und lagern sich bis zum nächsten feuchten Frühjahr ein. Für die anderen ist es jetzt gerade richtig. Selbst auf den trockensten Rändern des Fes-ten, Felsrasen, Mauerkronen, Sandfelder, Wegränder, gedeiht und (im Juni und Juli) blüht der Mauerpfeffer. Verdunstungsschutz ist dabei alles: kleine,feuchtpralle, wurstförmige Blättchen, kaum Oberfläche und die auch noch reflektierend eingewachst, über dem Wald des Laubes ragen schirmförmige weiße Blütenhäupter - während sich die haarfeinen Wurzeln an jedem Untergrund festkrallen.

Aufblicke, Ausblicke

Und wie ginge man richtig in die Berge? Geht wie ihr wollt! Wollt ihr aber Morgensterns Brief verifizieren, müsst ihr zuerst stimmen und dann einstimmen! Stimmt das Instrument, das ihr selber seid rein, macht es empfänglich für das, was es selber nicht ist und doch auf seine ganz eigene, unverwechselbare Art wieder-gibt. Und dann stimmt euch ein auf das was ist, auf den Mont Ventoux, den Säntis oder den Piz Palü, stimmt euch ein, lasst euch umfassend bewegen, bevor ihr die Bewegungen bannt, indem ihr »Inhalt und Bedeutung« auf sie prägt.
Das Stimmen des Instrumentes, das man ja selber und mit allen Wesensgliedern ist, gerät dabei unversehens zum lebenslangen Geschäft. Und die Berge in ihrer physischen Realität und der ganzen Realsymbolik derer sich ein Petrarca bedient, sind so gut und so schlecht geeignet zur übenden Vertiefung unserer moralischen Substanz, wie der ganze Rest der »ewigen, eigenschaftslosen Substanz« Welt. Doch das Üben und Stimmen lohnt sich und es gilt: »je reiner und eigenartiger ein Saitenspiel gestimmt ist, desto wunderbarer wird es tönen.«



Fußnote: 1. Die Authentizität des Aufstiegs ist übrigens sehr umstritten und man darf mit recht zweifeln, ob es neben der literarisch-belehrenden Besteigung, auch eine faktische gegeben hat! zurück