Rezension: Wer ist Jude? (Arthur Hertzberg)
»Glauben, dass die Welt erlöst wird«
Von Achim Hellmich
Mit Abraham fing alles an. Abraham lebte im Widerspruch zu allen anderen Menschen, halsstarrig und unbeugsam, unbeirrbar seinem Gott anhängend, selbst seinen Sohn Isaak hätte er auf Gottes Weisung hin geopfert. Auf Abraham berufen sich die Juden als ihren Stammvater, gleichfalls die Christen und rund 700 Jahre nach Christus ist es dann Mohammed, der den Islam auf seinen Schultern aufbaut.
Arthur Hertzberg, Jahrgang 1921, Religionswissenschaftler und ehemaliger Rabbiner, hat in Zusammenarbeit mit Aron Hirt-Mannheimer in seinem Buch: Wer ist Jude? Wesen und Prägung eines Volkes ein faszinierendes Panorama des Judentums, seiner geschichtlichen Entwicklung von den Uranfängen bis zum heutigen Israel angelegt. Hertzberg geht dabei auch Fragen nach, die bei uns Deutschen eher tabuisiert sind, etwa die Kontroversen um Assimilation und Abgrenzung, um Schuld und Selbstschuld, um Widerstand und Selbstopferung. Es sind Fragen, die bereits bei den Propheten der Bibel, den Schriftgelehrten des Talmuds, bei den großen jüdischen Philosophen des Mittelalters diskutiert wurden und bis heute jüdische Schriftsteller, Künstler, Politiker und Gelehrte nicht ruhen lassen.
Die Geschichte des Judentums ist die Geschichte der Wanderung, der Vertreibungen, des Zerstreutseins über die Welt. Die Menschheitsgeschichte kennt Völkerwanderungen von Beginn an bis in die heutige Zeit, doch diese führten stets zu einer Vermischung, Assimilation, Auflösung oder auch Domestizierung der Volksgruppen, einzig das Judentum überlebte in seiner Eigenständigkeit. Sicher: auch bei den Juden gab es Assimilation mit den Völkern, in denen sie lebten und Übertritte zu anderen Religionsgemeinschaften. Dennoch blieb die Orthodoxie, die Rechtgläubigkeit erhalten, sicherte die völkerübergreifende Einheit und wurde gerade durch Vertreibung und Leid immer wieder gestärkt und erneuert. Der Glaube, das auserwählte Volk des einzigen Gottes zu sein, gab diese überwindende Kraft, die von der Hoffnung genährt wird, der verheißene Messias werde bald kommen und das Gottesvolk zurück zu seinem Schöpfer führen.
Dennoch, das Bild einer frommen homogenen Gemeinschaft der Juden ist, wie Hertzberg es in prägnanten Beispielen darstellt, eine Fiktion. Nicht nur die Bibel berichtet von den dramatischen Auseinandersetzungen der Gläubigen untereinander und mit ihrem Gott. Heute reicht das Spektrum des Judentums von den Ultra-Orthodoxen über die Orthodoxen, Konservativen und Reformern bis hin zu säkularisierten Juden. Gerade die Säkularisierung der Juden, insbesondere im Amerika des 20. Jahrhunderts, rüttelt an den Grundprinzipien des jüdischen Selbstverständnisses, einzig unter den Völkern und von Gott erwählt zu sein.
Nach den traumatischen Erlebnissen des Holocaust und der hoffnungsvollen Gründung des Staates Israel beginnt die Suche nach einer neuen jüdischen Identität. Für die Generation der 70er Jahre war der Holocaust weder Erfahrung noch lebendige Erinnerung. Was konnten die großen jüdischen Organisationen (American Jewish Committee und American Jewish Congress) tun, damit diese Erinnerungen nicht verloren gingen? Hertzberg beschreibt, wie ab Mitte der 70er Jahre an Universitäten und Colleges Kurse über den Holocaust eingerichtet wurden, der »immer wieder als wichtigste verbindende Kraft zwischen Juden beschworen« wurde. Der Holocaust hatte erneut die Frage nach Gott, seiner Gerechtigkeit aufgeworfen. Hertzfeld bekennt: »Es ist mir nie gelungen, Gott von seiner Verantwortung freizusprechen. Ich finde keinen Trost in der theologischen Auffassung, dass Gott eine begrenzte Macht ist, die die Menschheit zwar dazu anhalten kann, Gutes zu tun, die aber nicht für das Böse und den Schmerz in der Welt verantwortlich ist.«
Das letzte Kapitel ist der Zukunft der Juden gewidmet. Hertzfeld sieht nicht Assimilation oder Antisemitismus als die eigentlichen Gefahren für das Judentum, sondern die »uralte Krankheit der Zersplitterung«. Hertzfeld rechnet mit den Ultraorthodoxen und den ihnen gleichgesinnten Messianisten ab, die beispielsweise in Israel nach dem Sechstagekrieg 1967 begannen, die West-Bank zu besiedeln. Gleichzeitig wandelten sich die religiösen Zionisten in eine radikale machtpolitische Gruppe. Der pluralistische Konsenz der religiösen Gruppierungen bis hin zu den Säkularen, der in den letzten 200 Jahren das einigende Prinzip und die Stärke des modernen Judentums war, ist seitdem gefährdet. Keine religiöse Gruppierung kann, so Herzfeld, die heiligen Schriften und die Traditionen des Judaismus für sich reklamieren und: »Judesein verlangt von uns, dass wir uns der Führung Gottes überlassen; Judesein verlangt, dass wir bestimmte Dinge tun, weil sie richtig sind, und nicht, weil sie uns einen persönlichen Vorteil bringen. Judesein heißt, sein Zelt nach allen Seiten hin zu öffnen, damit jeder Fremde, der Nahrung oder ein Obdach sucht, eintreten kann« und es heißt »daran zu glauben, dass die Welt eines Tages erlöst wird. Judesein heißt, sich von der Strömung des uralten jüdischen Flusses, der immer weiterfließt, tragen zu lassen.«
Von Abraham bis Woody Allen, vom ersten Tempel bis zum modernen Staat Israel, von den Ultraorthodoxen bis zu den Assimilierten: Wer ist Jude? Was ist Judentum? Ein Buch, das durch seine bildhafte Sprache zum Lesen verführt, durch seine kenntnisreiche Darstellung zum Nachdenken anregt und Diskussionen provoziert.
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