Zeitgeist-Genossen
Seinen Gesellenbrief kann man hier nicht machen
Von Christine Carstens
Wenn von Biographiearbeit die Rede ist, wird damit meist sofort der Name Mathias Wais verbunden. Er gilt als Spezialist zu diesem Thema, und anthroposophisch orientierte Ratsuchende greifen gerne zu seinen Veröffentlichungen. Sein Werk Biographiearbeit – Lebensberatung fehlt bei keinem Buchhändler mit dem Sortiment »Anthroposophie« im Regal. Aber für Mathias Wais ist dieses Thema längst nicht mehr der einzige zentrale Gesichtspunkt in seiner Arbeit, mittlerweile empfindet er eher Enge, wenn man sein Wirken ausschließlich unter diesem Aspekt betrachtet: »Ich bin nicht der Typ, der einmal etwas gelernt hat und das dann durchzieht ein Leben lang.«
Nicht, dass er die Biographiearbeit gänzlich aus seinen Sprechstunden verbannt hätte, aber er ist für sich mittlerweile zu der Erkenntnis gekommen, dass sie in der anthroposophischen Beratungsarbeit »eine gewisse Überschätzung« erfährt: »Man ist der Meinung, sie statt der Psychotherapie einsetzen zu können, dabei kann sie nur Ergänzung sein.« Und noch etwas hat sein Blickfeld erweitert: Die Zeiten haben sich geändert, und das nicht gerade zum Guten. »Den langen Atem für Biographiearbeit habe ich nicht mehr, ohnehin werden wir heute mit weitaus härteren Themen konfrontiert als früher«, meint der 52-jährige Diplom-Psychologe und schildert ein Beispiel: »Wenn in unserer Beratungsstelle Frauen auftauchen, die seit Jahren von ihren Männern verprügelt werden, dann kann ich keine langatmige Biographiearbeit anbieten, dann muss ich handeln und zwar möglichst schnell.«
Und in der Tat, in der Dortmunder »Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Erwachsene e.V.« in welcher Mathias Wais als Erziehungsberater tätig ist, haben sich die Probleme gewandelt. Standen früher eher Schulschwierigkeiten oder der Alkoholismus des Vaters im Mittelpunkt, suchen die Klienten des Dortmunder Problem-Stadtteils Scharnhorst heute vermehrt Hilfe bei Drogenfragen oder Gewalttaten, die sogar bis hin zu Mordanschlägen auf Kinder gehen können. Und auch der sexuelle Missbrauch von Kindern ist heute weitaus mehr in das Zentrum der Beratungstätigkeit gerückt, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war. In den Sprechstunden von Mathias Wais häufen sich die Fälle, und inzwischen widmet er sich diesem Thema in Vorträgen und Veröffentlichungen.
Ausgesprochen anthroposophische Themen sind das natürlich nicht, aber gerade da sieht der Lebens- und Erziehungsberater seine Aufgabe. In diesem Problem-Stadtteil, »in dem die Meisten zusehen, dass sie schnell wieder wegkommen«, wie Mathias Wais es beschreibt, erwarten die Scharnhorster handfeste Hilfe, und es kümmert sie wenig, auf welchem geistigen Hintergrund das geleistet wird. Sie wissen nichts von Anthroposophie und wollen auch nichts darüber wissen. Sie wollen, dass ihr Problem gelöst wird, und alles andere hat überhaupt keinen Wert für sie.
50 000 Einwohner leben in diesem vor rund 25 Jahren aus dem Sumpfboden gestampften Stadtteil im Dortmunder Norden. War die Hochhaussiedlung früher vorwiegend für Obdachlose gedacht, haben inzwischen auch sehr viele Aussiedlerfamilien hier eine Bleibe gefunden, die meist in ihren angestammten Volksgruppen unter sich bleiben möchten und dadurch neue Probleme schaffen. Als die Stadt Dortmund ihrem Sorgenkind Scharnhorst vor Jahren eine Erziehungsberatungsstelle einrichten wollte und einen freien Träger für diese Arbeit suchte, bewarben sich die Anthroposophen und bekamen den Zuschlag. Es ist bis heute wahrscheinlich die einzige von Anthroposophen gegründete Erziehungsberatungsstelle in Deutschland, die öffentlich finanziert wird.
In einem Leserbrief einer anthroposophischen Zeitschrift stand einmal die Formulierung eines Dornacher Bürgers, der vom Goetheanum schrieb: »Die da oben auf dem Hügel...«. In Scharnhorst müssen die Einwohner nicht »nach oben«, wenn sie Rat suchen, weder in dem einen noch in dem anderen Sinne. Die Hochhausbewohner blicken hinunter auf die Beratungsstelle, die höchstens von »Eingeweihten« auf den ersten Blick als typisches Architekturwerk von Anthroposophen erkannt wird. Eingebettet in viel Grün wirkt das Haus in »Waldorfschul-Farben«, in dem auch ein Kindergarten Platz gefunden hat, ein wenig fremd in der Siedlung. Andererseits kann man sich hier auch wie auf einer heilsamen Insel fühlen. Der gebürtige Stuttgarter Mathias Wais mag die Atmosphäre in dem Gebäude.
Als er vor 16 Jahren als Neuer in Scharnhorst anfing, musste er sich zunächst einmal an die unverstellte Art der Menschen im Ruhrgebiet gewöhnen: »Ich dachte am Anfang immer, die hätten hier Streit, wenn sie miteinander reden« erinnert er sich. Auch andere Eingewöhnungsschwierigkeiten sind längst ausgeräumt: »Als ich damals hier die Stelle eines Psychologen bekam, hatte ich noch keine Ahnung von Erziehungsberatung, aber das änderte sich bald, weil mir eine erfahrene Kollegin zur Seite stand. Außerdem ging ich mit positiver Neugier an die Aufgaben heran. Die Arbeit hier ist vielfältig, und über die Kinder kommt man auch ganz schnell mit der Welt der Erwachsenen in Berührung. Außerdem ändern sich die Themenschwerpunkte alle paar Jahre, so dass die Einarbeitungszeit eigentlich immer noch andauert. Also, seinen Gesellenbrief kann man hier nicht machen.«
So nüchtern betrachtet Mathias Wais seine Tätigkeit, vor allem die mit den Jugendlichen. Trotz der guten Zusammenarbeit mit den Schulen vor Ort könne man als Beratungsstelle den jungen Menschen wenig bieten, findet er. Im Umgang mit seinen Klienten steht für ihn zwar das anthroposophische Menschenbild im Vordergrund, »aber wir sind hier nicht angetreten, eine Weltanschauung zu verkaufen«, stellt er klar. Praktisches hat Vorrang. So entstand vor 14 Jahren in Scharnhorst der »Werkhof«, ein Schulersatzprojekt für unterrichtsmüde Jugendliche. Wenn sie einigermaßen regelmäßig erscheinen, erkennt die Kultusbehörde dies als regulären Schulbesuch an. Inzwischen kommen etwa 50 junge Menschen auf diese Art ihrer Schulpflicht nach. Bei den Schülern steht der »Werkhof« hoch im Kurs. Da gibt es immer wieder mal jemanden, der ganz bewusst für 14 Tage die Schule schwänzt, um so einen der begehrten »Werkhof«-Plätze zu ergattern.
Diese Art der praktischen Hilfe ist eine Seite. Aber anthroposophische Sozialarbeit macht hier nicht Halt. Wenn Mathias Wais nachdenkt, wie er bei individuellen Krisensituationen helfen könnte, bezieht er Rudolf Steiners »Ich-Psychologie« mit ein, wenn es darum geht, die Individualität und ihre karmischen Aspekte zu sehen. Auch bei Bernhard Lievegoed findet er immer wieder Anregungen. Aber, wie transportiert man denn nun die Erkenntnisse der Anthroposophie in die Beratungsarbeit an einem sozialen Brennpunkt? Mathias Wais hat es einem Studenten, der dieser Frage in seiner Diplomarbeit nachging, einmal so geschildert: »Beratungs- und vielleicht soziale Arbeit allgemein bedeutet für mich, dazu beizutragen, den Einzelnen näher an seinen geistigen Wesenskern heranzubringen, ihm dabei zu helfen, einen umfassenderen, tieferen und sichereren Anschluss an seinen geistigen Wesenskern zu bekommen. Von da aus kann die Lebensführung, -planung und -gestaltung vielleicht in einer vertieften, dem Menschen selber gerechter werdenden Weise durchgeführt werden als zuvor.«
Wenn also ein neuer Klient in die Sprechstunde kommt, schaut sich Mathias Wais die Phänomene der einzelnen Lebensphasen an, wobei er nicht interpretiert und keine Schlussfolgerungen zieht in der Art: »Weil du damals in der Kindheit das und das erlebt hast, deshalb hast du heute die und die Beziehungsprobleme.« Dies sei die Sichtweise der Psychologie, zwar nicht eigentlich verkehrt, aber auch nicht ganz vollständig. Das Wesentliche eines Menschen würde dabei nicht erfasst. Versuche man jedoch einige der »roten Fäden« eines Lebenslaufes im Gesamtzusammenhang sichtbar zu machen - sozusagen eine Schicht des menschlichen Wesenskerns zu betrachten -, erscheine auch die aktuelle Lebenskrise in einem umfassenderen Licht. Nicht mehr als etwas, »was einem passiert (wie eine Ansteckung mit Grippe), sondern als etwas, das zu einem gehört«, und diese Sichtweise ermögliche natürlich auch ein anderes Handeln.
Den Scharnhorstern ist es egal, ob bei der Beratung nur Psychologie oder auch Anthroposophie im Hintergrund eine Rolle spielt, sie kommen zu Matthias Wais mit der Aussage: »Mir ist da etwas passiert!«. Handelt es sich beispielsweise um Gewalttaten, ist zunächst einmal schnelle und praktische Hilfe erforderlich. Erst danach kann er damit beginnen, mit dem Hilfe Suchenden gemeinsam eine Möglichkeit zu entwickeln, sich anders zu derart »äußerlichen« Geschehnissen zu stellen. Dabei gilt es für den Klienten den Satz zu verinnerlichen: »Ich bin in dem, was mir geschieht.« Das Endziel besteht also nicht darin, ein Problem möglichst schnell »loszuwerden«, sondern herauszufinden, wie man das Problem in einem umfassenderen Sinn angehen kann. Neue Sichtweisen erlebt der Ratsuchende auch als etwas Eigenes an sich. Mathias Wais misst den Behandlungserfolg daran, dass etwas in Gang kommt und Entwicklung einsetzt. Natürlichen tauchen dabei Ausdrücke wie »geistiger Wesenskern« nicht auf. »Anthroposophisch« redet Mathias Wais höchstens, wenn er sich mit seinen übrigen Kolleginnen und Kollegen zu Besprechungen zusammensetzt.
Wurden zu Beginn seiner Tätigkeit in der Beratungsstelle noch durchschnittlich 170 Fälle im Jahr gezählt, sind es inzwischen jährlich 400 Menschen, die Hilfe suchen, bei gleichzeitiger Streichung des Etats für Honorarkräfte. Dass die innere Not der Menschen ständig zunimmt, ist für den Psychologen, der sich inzwischen mit seiner Familie gut eingelebt hat im Ruhrgebiet, der beste Beweis, dass hier sein Platz ist, obwohl seine Wahlheimat eher am Bodensee liegt. Kohlehalden im Dortmunder Norden und rauer Kumpelton sind es also nicht, die Mathias Wais, der sich neben der Anthroposophie auch mit Judaistik und Tibetologie befasst, im Ruhrpott halten. Hier reizt ihn besonders die Möglichkeit, seinen Beruf im Sinne Rudolf Steiners auszuüben, der sich die Durchdringung des Alltages mit geistigen Aspekten vorgestellt hatte und nichts Abgehobenes. Und genau das lässt sich in Scharnhorst bestens verwirklichen, findet Mathias Wais: »Steiner will den gesunden Menschenverstand. Und hier wird er gebraucht. Anthroposophie ist nicht nur für die Anthroposophen da! Bedauerlicherweise ist sie meist in Zirkeln geblieben. Aber hier gilt es, sie in täglich anfallende Aufgaben einzubeziehen und Flexibilität und Offenheit zu bewahren.«
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