Zur Magie des Rituals
Der Segensspruch
Von Schmuel Hugo Bergman
Vor 32 Jahren entstand dieser Text des Philosophen Schmuel Hugo Bergman. Seine Aktualität ist während der Jahre nicht geringer geworden. Versteht es doch der geschulte Denker, gleichzeitig aus tiefer Religiosität die Frage nach dem Sinn des Lebens zu behandeln. Dabei schöpft er aus den jüdischen Quellen und vergleicht sie mit bekannten philosophischen Schulen. Zum 25. Todestag des Philosophen am 18. Juni erscheint hier das Manuskript eines Radiovortrags erstmals im Druck.
Einer der charakteristischen Züge des jüdischen Frömmigkeitslebens ist die große Vielheit der »Segenssprüche«. Das Leben des Juden - sowohl das Alltagsleben wie das Leben in der Synagoge - ist erfüllt von Segenssprüchen (hebräisch: B'rachot). Das ganze wache Sein des Juden, vom Morgen, wenn er den Segensspruch beim Waschen der Hände spricht, bis zum Schlafengehen, wenn er den Spruch spricht »Gesegnet seiest Du, der Seile des Schlafens auf meine Augen fallen lässt«, ist erfüllt von diesen Segnungen: beim Brechen des Brotes, beim Trinken, beim Essen einer Frucht, beim Anblick des Regenbogens des Meeres, bei Blitz und Donner, bei der Begegnung mit einem Gelehrten, bei der Vorüberfahrt eines Staatsoberhauptes, beim ersten Anblick blühender Bäume im Frühling, beim Anziehen eines neuen Kleides, bei einer Todesnachricht, beim Wiedersehen mit einem Freund, den man ein Jahr lang nicht gesehen hat, bei der Rettung aus Gefahr, bei wohlriechenden Düften, und selbstverständlich bei der Ausübung einer vorgeschriebenen Gebotshandlung, etwa beim Anziehen des Gebetsmantels, und so weiter und so weiter, spricht der Jude einen vorgeschriebenen Segensspruch. Die Zahl der Segenssprüche, die sich so in einem Tage zusammenfinden, soll mindestens ein Hundert betragen, also ungefähr acht in jeder Stunde des wachen Tages. Achtmal in jeder Stunde Gottes gedenken!
In manchen Bethäusern in Jerusalem kann man am Sabbath morgens nach dem Gottesdienst einen schönen Brauch beobachten. An der Tür steht einer der Beter, oft ein Kind, und wenn die Besucher das Gotteshaus verlassen, reicht er ihnen ein paar wohlriechende Zweige mit der einen, eine Frucht mit der anderen Hand, und sie sprechen den Segensspruch »Der die Arten der Gewürze geschaffen hat« und »Der den guten Duft den Früchten gibt«. Die Sitte wird dahin erklärt, dass am Sabbath das zentrale Gebet weniger Segenssprüche, nämlich nur sieben enthält, gegenüber den 18 oder 19 Segenssprüchen dieses Gebetes an Werktagen, und dass man daher das Defizit an Segenssprüchen auszugleichen bestrebt ist, um die Zahl auch am Sabbath zu erreichen.
Mehr als Dank Was aber bedeuten diese »Segenssprüche«, diese B'rachot? Der Wortstamm bedeutet »auf die Knie fallen«; die ge-wöhnliche Erklärung sagt »Gott preisen und danken«. So schreibt Herrmann Cohen in der Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums: »Alle Segenssprüche variieren das eine Motiv der Dankbarkeit. Die Lobpreisungen sind Danksagungen«.
Wir möchten aber behaupten, dass der Sinn der B'racha damit noch lange nicht erschöpft oder auch nur getroffen ist. Der sterbende Jacob »segnet« seine Enkel und der Wortlaut dieses Segens ist bis zum heutigen Tage der Segensspruch, mit welchem der jüdische Vater bei der Heiligung des anbrechenden Sabbath seine Kinder segnet. Was bedeutet dieser Segen? Doch nicht, dass der Vater den Kindern »dankt«. Es muss also in dem Stamm »barech« noch eine andere Bedeutung verborgen liegen. Der Vater, welcher segnend seine Hände auf den Kopf des Sohnes legt, will ihm offenbar etwas verleihen, hinzufügen. Indem wir einen Menschen segnen, wollen wir ihn mit irgendeiner Kraft ausstatten, etwas von uns auf ihn überströmen lassen. Sehr klar wird dieser Gebrauch des Wortes, wenn z.B. am Ende der Schöpfungsgeschichte gesagt wird: »Und Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn«; damit ist offenbar ausgesprochen, dass der Segen, welcher der siebente Tag vom Schöpfer erhält, eben darin besteht, dass dem Tage die Heiligkeit hinzugefügt wird und er dadurch ausgezeichnet wird vor den Tagen der Woche. Die jüdischen Interpreten sind darin einig, dass dieser Segen eine »Hinzufügung von Gutem« ist, »eine Hinzufügung geistiger Kraft«. Wenn an anderer Stelle Isaak dem Esau enthüllt, dass Jacob bereits »deinen Segen« genommen hat, und der um den Segen betrogene Esau ausruft: »Beschlichen hat er mich nun schon zweimal. Genommen hat er einst mein Erstlingstum, und jetzt eben hat er noch meinen Segen genommen!« Und wenn er den Vater fragt: »Hast Du mir nicht einen Segen aufgespart?«, so ist offenbar auch hier der Segen nicht etwas Symbolisches, wie der Leser von heute es aufzufassen geneigt ist, sondern eine reale Hinzufügung, um welche Jacob den Esau betrogen hat.
In den Versen des 4. Buchs Moses heißt es von den Priestern: »Sie sollen meinen Namen auf die Söhne Israels setzen, Ich aber werde sie segnen«. Es ist also auch wiederum so, dass die Priester durch ihre Worte das Geschehen nur vorbereiten, indem sie die vorgeschriebene Formel sprechen, aber den Segen zu geben behält sich Gott ausdrücklich vor. Auch hier muss der Segen etwas Reales meinen.
Wenn also »segnen« so etwas bedeutet wie Hinzufügen von Kraft, und nicht das bloße Danksagen, von dem Cohen gesprochen hat, so erhebt sich die Frage, ob diese Bedeutung auch sinnvoll bleibt bei dem Segensspruch, welchen wir Menschen sprechen? Können wir, die wir Menschen sind, segnen? Müssen wir nicht vielmehr diese Urbedeutung vergessen, wenn wir unsere kleinen tagtäglichen B'racheot sprechen?! Die wiederkehrende Formel des Segensspruches lautet: »Gesegnet seiest Du unser Gott, König der Welt, welcher ... (z.B. die Frucht des Weinstocks) geschaffen hat. Dies wäre also der Segensspruch über den Wein. Die Formel kehrt aber bei allen Sprüchen wieder und Franz Rosenzweig hat mit Recht auf den schnellen Wechsel von der zweiten zur dritten Person, vom nahen zum fernen Gott hingewiesen. Soll nun hier, und so in allen Formeln der B'racha, die Segnung in ihrer Bedeutung herabsinken zu einem schattenhaften »sei bedankt«, oder haben wir das Recht und vielleicht die Pflicht, zu versuchen, an der ursprünglichen Bedeutung der Hinzufügung der Kraft auch hier festzuhalten? Dies ist die Frage, die wir uns stellen.
Mitwirken am Schöpfungswerk An einer der schönsten Stellen des Talmud bittet Gott selbst Rabbi Ismael um seinen Segen. Gott bittet den Menschen um seinen Segen: »Ismael, mein Sohn, segne mich«. Einer der Sprecher des deutschen orthodoxen Judentums im Beginn des 20. Jahrhunderts, Jacob Rosenheim, hat gesagt: »Der Segensspruch bringt eine ganz neue Beziehung des Menschen zu Gott zum Ausdruck. Der Gotteswille will etwas auf Erden, er möchte ein großes Werk, das in der Zeitenfolge sich entwickelt, gedeihen sehen, und eben die bewusste Förderung dieses Gotteswerkes auf Erden, die Mitarbeit und Realisierung des Gotteszwecks im Kulturprozess, heißt: »Gott segnen!«.
Der Sinn des Segensspruches wäre also, dass er das Tun des Menschen, und wäre es noch so gering, wie das Trinken eines Bechers Wein oder eines Glases Wasser, zum Range eines Mitwirkens des Menschen an der Realisierung des Göttlichen in der Welt erhebt, zum Range eines Mitwirkens des Menschen an der »Erlösung« durch Vollendung des Schöpfungswerkes. Das Irdische ist herausgerissen aus seinem göttlichen Ursprung. Nicht das Irdische an sich, aber in der Beziehung des Menschen zu ihm. Wir verlieren und verlaufen uns unaufhörlich im Getriebe, und mit uns zusammen entfremden sich oder entfremden wir die Dinge, die uns begegnen, ihrer göttlichen Wurzel. Sie werden zu bloßem gottfremden »Zeug«, wenn ich den Ausdruck Heideggers hier gebrauchen darf. Der Segensspruch stellt die ursprüngliche Ordnung wieder her. Indem wir über eine Handlung den Spruch sprechen, stellen wir sie wieder ein in die Welt Gottes, geben ihr den ihr zukommenden Status der Heiligkeit zurück. Das Jüdische schreibt auch einen Segensspruch vor für die Befriedigung der Notdurft des Menschen. Auch sie, deren wir uns schämen, gehört zur göttlichen Welt. Ich halte dagegen, was uns von dem späten griechischen Philosophen Plotin überliefert wird: er schämte sich, dass er in einem Körper lebte. Unsere Auffassung weiß nichts davon, dass die Stofflichkeit als solche schimpflich wäre. Sie bedarf nur, wie alles in der Welt, der Heiligung. Daher sagt Rabbi Akiba: »Es ist den Menschen verboten, etwas zu verkosten, bevor er den Segensspruch gesprochen hat« und in derselben Talmudstelle wirft Rabbi Levi die Frage auf: Es heißt einmal in 24. Psalm »Ihm gehört die Erde« ein andermal in einem Psalm (115,16) »Die Erde gab er den Menschenkindern.« Zwischen beiden Stellen besteht ein offenbarer Widerspruch; der Widerspruch wird damit gelöst, dass der erste Vers sich auf den Zustand bezieht, bevor der Spruch gesprochen wurde, der zweite auf den Zustand danach. Durch den Segensspruch wird die Erde des Menschen legitimer Besitz.
Wie ist es nun? Ist gerade nur der Mensch dazu berufen, jenes Werk der Rückkehr der Welt zu ihrem göttlichen Ursprung in die Wege zu leiten, oder hat auch die Natur einen Anteil an dem Erlösungswerk? Auf diese Frage gibt uns ein wenig bekanntes Kapitel des jüdischen Gebetbuches Antwort, das in den größeren Gebetbüchern zu finden ist, z.B. in dem Gebetbuch Avodath Israel, das vor hundert Jahren, 1868, in Rödelheim erschienen und 1937 vom Schocken-Verlag in Fotokopie herausgegeben worden ist.
Segenssprüche der Natur Dort finden wir neben den Segenssprüchen des Menschen, welche sechs Seiten umfassen, auch sechs Seiten von Lobsprüchen für die Natur, für Himmel und Erde, Tag und Nacht, Sonne Mond und Sterne, für die Wolken, den Blitz, den Wind, Tau und Regen, das Wasser, die Quellen, die Ströme und die Meere.
Wir haben zuvor von den Segnungen gesprochen, welche der Mensch zu sagen hat, wenn er das Meer erblickt, hier ist aber die Rede von dem Spruch, den das Meer selbst spricht, seinen Schöpfer lobend und so die Wüste, oder die Felder. Und so natürlich die verschiedenen Getreidearten, die Bäume auf den Feldern, die verschiedenen Fruchtbäume, die Tiere in ihren verschiedenen Arten: Die Schlange, der Frosch, der Skorpion, die Katze und die Maus, die Fliege, der Maulwurf, die Ameise, der Hahn und die Henne, die Taube, die Gans und die Wildente, der Adler und der Storch, der Ochs, der Hirsch, das Pferd und der Esel, das Maultier, das Kamel, der Löwe, der Bär, der Wolf, der Fuchs, die Hunde.
Während beim Menschen das Sagen des Segensspruches ein göttliches Gebot ist, das dem Menschen auferlegt ist, wird hier einfach festgestellt, welchen Lobspruch die verschiedenen Teile der Natur sprechen: es sind meist Bibelverse, in denen dieses Tier, diese Pflanze, diese Himmelserscheinung erwähnt werden. Die Taube zitiert das Lied der Lieder: »Meine Taube in den Felsenschlüften, im Verstecke des Steiges, lasse mich dein Angesicht sehen, lasse mich deine Stimme hören, denn süß ist deine Stimme, anmutig ist dein Gesicht«.
Die Katze bezieht auf sich den Vers aus dem Propheten Obadja: »Schwingst du dich hoch wie der Adler, setzest du zwischen Sternen dein Nest, von dort noch hole ich dich nieder«.
Die Schlange erwartet, dass der Fluch von ihr genommen wird, der bei der Vertreibung aus dem Paradies über sie gesprochen wurde und dass sie wieder aufrecht gehen wird. In dieser Erwartung spricht sie den Vers aus dem 145. Psalm: »Allen Fallenden ist ein Haltender Er, ein Aufreckender allen Gebückten«.
Dieses ganze »Kapitel des Gesanges«, Perek Schirah, wie es genannt wird, ist ein Stück im Gebetbuch, voll Humor, voll Sonne und erfüllt von tiefer Frömmigkeit.
Sieg des Guten Wie groß ist der Gegensatz zwischen dem Philosophen Descartes, dem »Vater der neuen Philosophie«, der die ganze Natur, die Tiere eingeschlossen, als Automaten sieht, als Maschinen, welche der Mensch mit seiner Vernunft einsam in der toten Welt beherrscht, und zwischen dem betenden Menschen, für welchen die ganze Welt im Wettgesange der Brudersphären den Schöpfer lobt; ja wo die Hölle selbst, wie es da heißt, ihren Segensspruch spricht, in welchem sie den Vers aus dem 107. Kapitel des Psalmbuches hersagt: »Danken sollen sie ihm seine Huld, seine Wunder an Menschenkindern. Dass er sättigt die verschmachtende Seele, die hungernde Seele füllt mit Gutem«.
Selbst die Hölle glaubt an den schließlichen Sieg des Guten, an die Erlösung. Es scheint mir die entscheidende Frage zu sein, welche heute an das Judentum und an jeden einzelnen Menschen gestellt ist: ob wir trotz aller Not, trotz Konzentrationslagern und Gasöfen und Wasserstoffbomben, trotz allem Leid und allen Qualen, die Kraft haben, an den schließlichen Sieg des Guten, an die Erlösung zu glauben, und sie so zu vollbringen. Nach einem im Jahre 1968 vom Südwestfunk Stuttgart gesendeten Hörfunkbeitrag. Zur Person: Schmuel Hugo Bergman
|