magazin info3/archiv/März 2007

„Schmeckst Du noch oder spürst Du schon?“

Eindrücke von einem Demeter-Qualitätsseminar

Von Jens Heisterkamp

Schweigend stehen rund zwanzig Menschen im Kreis, die Augen teilweise geschlossen, einander den Rücken zugekehrt. Sie kauen. Und zwar Möhren, in kleinen Stücken und ganz langsam. „Zuerst war mir das schon ein bisschen peinlich, das laute Knacken beim Abbeißen in dieser Stille, und dann das laute Geräusch beim Kauen“, gesteht später eine Teilnehmerin. Anschließend probieren die Teilnehmer auch Rote Beete in winzigen Stückchen, dann zwei verschiedene Gemüsesäfte und später zwei Apfelsorten.

Immer gleich ist die fast meditative Hingabe beim Schmecken. Hier wird nicht einfach probiert, sondern geforscht. Denn wir befinden uns auf einem „Qualitäts-Seminar“, das der Demeter-Bund gemeinsam mit dem „Verein für Bildekräfteforschung“ angeboten hat. „Schmeckst Du noch oder spürst Du schon?“, wurde die Einladung kess überschrieben und traf damit ziemlich genau das, worum es bei dem Seminar gehen soll: nicht nur um verfeinerte Gaumenfreuden, sondern um ein Wahrnehmen von tieferen Qualitäten unserer Nahrungsmittel, um ihre Wirkung auf unsere körperliche, aber auch unsere seelische und geistige Verfassung.

Dies scheint sogar für diejenigen neu und interessant zu sein, die sich ganz an der Basis professionell mit Demeter-Lebensmitteln befassen: Landwirte und Gärtner, die nach der biologisch-dynamischen Methode anbauen, bilden die Mehrzahl der Teilnehmer. Ist denn ihnen, die nach den Hinweisen Rudolf Steiners seit jeher wissen, dass in die Lebensmittel feinstoffliche und kosmische Elemente einfließen, die besondere Qualität von Demeter-Produkten nicht ohnehin klar? „Keineswegs“, meint einer der anwesenden Bauern, „wir wollen hier einmal wirklich genau erfahren, wie wir das Besondere unserer Lebensmittel wahrnehmen und auch ausdrücken können.“ Ähnlich geht es den anwesenden Naturkosthändlern, für die es in der Kommunikation mit den Kunden nicht immer leicht ist, die richtigen Begriffe für die Qualitätsunterschiede zwischen „nur-bio“ und „bio-dynamisch“ zu finden.

Bevor zum ersten Mal in die Möhre gebissen wird, ist eine sorgfältige Vorbereitung nötig. Martin Hollerbach vom traditionsreichen Dottenfelder Hof, der das Seminar leitet, stimmt den Kreis mit einer gemeinsamen Übung ein, die den gesamten „Wahrnehmungsapparat“ des Menschen klären soll: Zuerst führt er die Aufmerksamkeit langsam vom Haaransatz am Kopf bis hinunter in die Füße, eine Art visualisierender Körper-Arbeit, regt an, auf Spannungen und Störungen zu achten und diese dann loszulassen; die nächste Schicht betrifft die seelische Ebene, wobei Hollerbach zunächst unterschiedlichste Stimmungen und Gefühle (Langeweile, Trauer, Verzagtheit, höchste Aufmerksamkeit) bei den Teilnehmern aufruft und dann auffordert, all dies wieder loszulassen. Schließlich beschäftigt er sich mit der Ebene der mehr gedanklichen Vorstellungen, die ebenfalls in unterschiedlichster Form aufgerufen und wieder losgelassen werden. Nach diesem differenzierten inneren „Reinigungsritual“ fühlen sich die Teilnehmer ruhig, frisch, in der Tiefe gelöst. Man hat „mitgebrachte“ Dinge zur Seite gelegt und kann nun auf eine geklärte Wahrnehmungsfähigkeit zurückgreifen.

In dieser Haltung einer differenzierten Selbstbeobachtung beginnt nun die Verkostung von ausgesuchten Lebensmitteln. Die im Arbeitskreis für Qualitätsforschung entwickelte Methode will dabei über die rein sinnlich-geschmackliche Ebene hinausführen (wie sie ja bekanntermaßen bei Weinkennern bereits zu erstaunlich differenzierten Aussagen führen kann) und sie auf den feinstofflichen Organismus des Menschen ausdehnen. Es geht dann nicht mehr nur um Geschmacksempfindungen wie „süß“, „sauer“ oder „erdig“, sondern um unterschiedliche Qualitätsgesten, die mit Licht-, Strömungs- oder Gestaltungsempfindungen an bestimmten Körperstellen einhergehen oder auch mehr bildhaften Charakter annehmen können.

Wie gehen die größtenteils unvorbereiteten Teilnehmer nun mit dieser anspruchsvollen Aufgabenstellung um? Mehrere Minuten lang wird ein kleines Stück Möhre gekostet, lange gekaut, nachgeschmeckt, dann ein weiteres Stückchen. Vorsichtig beginnen die Teilnehmer ihre Eindrücke zu schildern: „Warm“, „eher horizontal“, „Farbe Orange“, „strukturiert“ lauten die Beschreibungen. Kurze Pause, dann folgt die Rote Beete. Wieder langes Kauen, Nachspüren. Was wird erfahren? „Vertikal“, „doch eher rund“, „ich spüre etwas weiter unten“, so die Äußerungen. Einer der Teilnehmer beschreibt ein „kurzes, helles Leuchten“, ein anderer erlebt „intensive Rundheit“. Behutsam fasst Martin Hollerbach die Eindrücke zusammen, ordnet sie, und bei aller Differenz im Einzelnen kann jeder zustimmen, dass die beiden Gemüsesorten mit deutlich unterschiedlichen „Gesten“ wahrgenommen wurden. Nach dieser ersten Runde hat Hollerbach zwei Möhrensäfte vorbereitet, die nun verkostet werden. Der Geschmacksunterschied ist schlagend und fällt, was die Authentizität des Gemüses angeht, eindeutig zugunsten des biologisch-dynamischen Produktes aus, während der Vergleichssaft aus dem Angebot einer Bio-Supermarktkette stammt. Allerdings war Letzterer auch durch einen mehrprozentigen Zusatz von Zitronensaft geschmacklich sehr überformt, was die Eindrücke schwer vergleichbar machte.

Nach der Mittagspause werden dann noch zwei recht unterschiedliche Apfelsorten verkostet, zuerst feine Scheibchen eines Glockenapfels. „Langweilig, lustlos“, beschreibt eine Teilnehmerin die Wirkung, „wie einhüllend“. Ein anderer Teilnehmer geht noch weiter: „Ich empfinde etwas nach unten Gezogenes, wie einen Rock.“ Jemand fühlt sich gar deutlich „zur Seite gezogen“, ein anderer wieder meint: „Es bleibt alles hier“ und deutet dabei auf seinen Brustraum, aber er sagt auch: „Es strahlt“. Dagegen fühlt sich wiederum ein anderer „ganz traurig“ nach dem Genuss des Glockenapfels. Dann wird als zweites ein stärker säuerlich schmeckender Topas-Apfel verkostet und die Eindrücke werden verglichen. Deutliche Sympathie- und Antipathie-Eindrücke, sicher auch durch unterschiedliche Konstitutionen der Teilnehmer bedingt, scheinen ins Spiel zu kommen, die Ebenen verwischen etwas. Referent Hollerbach greift nun stärker ein und erklärt, was offenbar längst nicht jeder wahrnehmen konnte: während der Glockenapfel mit eher wenig Geschmack als „licht“ empfunden werden soll, wird der säuerlich-intensive Topas als „dumpf“ in der Wirkung beschrieben. Insgesamt ist Hollerbach mit der zweiten Verkostungsrunde nicht ganz zufrieden, was er auch ausdrücklich sagt; die Äußerungen der Teilnehmer schienen hier mehr willkürlich, auch wurde vielleicht zu wenig differenziert, ob es sich nun um ein subjektives Geschmackserlebnis handelt („mir gefällt ein saurer Apfel besser als ein milder“) oder tatsächlich um eine „Formgeste“ der jeweiligen Frucht.


Hier liegt naturgemäß die Schwachstelle dieser Methode, denn in der Selbstbeobachtung liegen Meinung und Urteil nun einmal nahe bei einander. Wo verläuft die Grenze zwischen meinem Geschmackserlebnis und dem Wesensausdruck eines Gemüses oder einer Frucht? Schnell wird da das eine für das andere genommen. Trotzdem ist Martin Hollerbach sicher: „Wenn man richtig geübt ist, können wirkliche Imaginationen auftreten, die Substanzen werden dann zum Beispiel als hell, strahlend, umhüllend oder auch als lastend erfahren“. Hollerbach erzählt, dass geschulte „Qualitätsforscher“ nicht nur biologische von biologisch-dynamischen Produkten unterscheiden können, sondern auch den Einfluss von Gentechnik oder auch von bestimmten Verpackungen auf die Erzeugnisse anhand ihrer subtileren Wirkungen spüren.

Von solcher Meisterschaft schienen die Teilnehmer des Tagesseminars zwar noch etwas entfernt. Von den Entwicklern dieser Methode, zu denen auch Dorian Schmidt gehört, wurde aber ein Weg eröffnet, der eine bewusste Auseinandersetzung mit sich selbst und eine Öffnung für die feineren Botschaften der Dinge verbindet. Das entspricht offenbar ganz der tieferen Neigung vieler heutiger Menschen, weit über den Kreis von Anthroposophen hinaus. Und noch eines ist ganz wichtig: dieser subtile Ansatz der Qualitätsforschung bei Lebensmitteln bildet ein echtes „Plus“ auf Seiten der Demeter-Erzeuger gegenüber dem „Nur-Gesunden“ der herkömmlich biologischen Produktion. Will heißen, dass sich hier einmal konkret die Möglichkeit ergibt nicht nur zu behaupten, sondern auch zu praktizieren, dass es beim bewussten Essen um mehr gehen kann als um schadstofffreie Nahrungsaufnahme. Vielen bewussten Konsumenten ist nur „bio“ mittlerweile zu wenig. Die Qualitätsforschung bietet eine vielversprechende Perspektive, hier weiter zu gehen.

Weitere Demeter-Qualitätsseminare:
05.03., Düren, Ute Rönnebeck 02302 – 915218 Martina Geith; Einführung: Bettina Beller
07.03. Steinhagen/Soest Demeter Ute Rönnebeck 02302 – 915218 Martina Geith, Einführung: Bettina Beller
1.03 – 01.04. Marienhof /NRW Susanne Peschkes 02052 – 7575. Martina Geith, Thema: Wirksamkeit bio-dyn. Torsten Rentz Präparate
18. – 20.05 Kirchberg a.d. Jagst/Quellhof, 07954 – 396, Markus Buchmann, Thema: Wasser, Christine Picariello
15. – 16. 06. Frankfurt, Rudolf-Steiner-Haus 069 - 520 047, Martin Hollerbach, Ein- und Weiterführung
15. – 17. 06. Uni Witzenhausen, 05542 – 501963, Jenifer Wohlers, Einführung für Studenten und Lehrlinge
20. – 21.07. Witzenhausen, 05542 – 501963, Jenifer Wohlers, Einführung
17. – 21. 07. Siegerland/ Studienhaus Rüspe, 02759 - 214 597, Dorian Schmidt und Torsten Rentz,, Äthergeographie und Landschaft
29. – 31.08. Haus Freudenberg, Starnberger See, 08151 - 123 79, Dorian Schmidt, Das gesprochene und das gedachte Wort
05. – 07.10. Mittelwihr, Elsass, Mdm. Betton 0033 – 389 243 641, Dorian Schmidt

Weitere Auskünfte bei Bettina Beller (Geschäftsstelle) 06251 - 790 120 und Martina Geith (Verbraucherschulung) 07544 - 912631
Über weitere Seminare Seminare informiert Renée Herrnkind Tel 06445/922938