Helden für ein Leben
Von Walter Seyffer
Eine Gestalt steht zur Wiederentdeckung an: der sich durch die Irrfahrt des Lebens schlagende, irrende, kämpfende, scheiternde und am Ende siegreiche Held. Der amerikanische Mythenforscher Joseph Campbell hat ihn für die Moderne gerettet.
Wir befinden uns in den sechziger Jahren und ich komme aus einem dieser Filme, die unter dem Etikett „Für unsere Jugend“ jeden Sonntag um 14 Uhr im nahe gelegenen Kino gezeigt werden. Es sind fast immer Sandalen- oder Mantel- und Degenfilme. Diesmal war es ein Western mit dem „Weißen Reiter“, dem „Rächer der Enterbten“ oder einem anderen dieser unverwundbaren Recken. Ich trete aus dem „Bunker der Illusion“ heraus auf die taghelle Straße und ich spüre, dass meine Füße fest auf der Erde stehen. Mein Blick ist zielgerichtet, die Haltung so aufrecht wie nie – ich fühle mich infiziert. Es ist einer der vielen Filme, die mich damals „hochmotivierten“.
Randolph Scott, ein auf Heldenrollen geeichter Westerndarsteller der fünfziger und sechziger Jahre war es, der am Ende dieses Films, nachdem er alle Bösewichter getötet und die Dame seines Herzens aus den Klauen der Verbrecher befreit hatte, seinen Revolvergürtel abschnallte und ihn voller Verachtung in eine Schlucht warf.
Ein erhabener Moment, wurde er doch von diesen Nichtsnutzen gezwungen zur Waffe zu greifen, obwohl er der Gewalt bereits seit Jahren abgeschworen hatte.
Ein wahrer Held in meinen Augen. Alles Errungene, Ruhm, Ehre und sogar das gerettete Mädchen lässt er zurück, um schließlich in die Sonne zu reiten. Ja so waren sie, die Helden meiner Jugend.
Die Gewalt als lästiges Übel, dem nur dann Raum gegeben wird, wenn es sich nicht vermeiden lässt – in diesem Sinne waren die Hollywood-Produktionen von damals aus heutiger Sicht oft peinlich moralisch.
Im Sinne Goethes wonach nur das Gleiche Gleiches erkennen kann, muss ich mich trotzdem fragen, woher meine tiefe Verbundenheit mit diesen Helden herrührte. Denn aller moralischen Erziehung zum Trotz haben mir meine wohlmeinenden Eltern kaum vorleben können, dass man etwas mit aller Schwierigkeit Erreichtes am Ende zurücklässt; dieses rettende Elixier, das man dem Drachen raubt, um es danach dem, der es benötigt zur Verfügung zu stellen und dabei nicht einen Tropfen für sich selbst behält – alles für den Bedürftigen oder gar für die ganze Welt; denn am Ende ist es immer die ganze Welt, die der Held rettet.
Nachdem der Held alle diese gefahrvollen Abenteuer hinter sich gebracht hat, steht er letztendlich mit scheinbar leeren Händen da. Deshalb hätte ich angesichts all dessen, was mir aus der Erziehung zugeflossen war, eigentlich empört Protest einlegen müssen gegen diese Ungerechtigkeit der Welt. Doch es gab offensichtlich in mir etwas, das diesen Betrug am Wohlverdienten durchaus akzeptieren konnte.
Der Mythos des Helden, der mir in der Pubertät in einer Überdosis aus Hollywood verabreicht wurde, musste wohl bereits seit langem tief in mir sein Dasein gefristet haben. Offenbar hatte es lediglich der Erweckung durch diverse Helden wie Superman, Tarzan, Perry Rhodan und anderen unverwundbaren Gestalten bedurft, um mich mit deren Schicksal voll und ganz identifizieren zu können.
Im Laufe der Jahre sind meine Ansprüche, was Literatur und Filme angeht, ein wenig gestiegen. Ich habe zuerst die aktuellen Autoren, dann die des vergangen 19. Jahrhunderts, die Klassiker und auch die Mythen der Völker kennengelernt. Alle diese Zeugnisse menschlichen Handelns, des Gewinnens wie des Verlierens, werden von einem „Helden“ (in jüngerer Zeit auch von einer „Heldin“) durchlebt.
Eines ist ihnen allen gemeinsam: es ist immer nur der Einzelne, mit dem ich mich als Leser oder Zuschauer identifizieren kann. Das Individuum ist das Maß der Dinge. Um es im Sinne Rudolf Steiners zu sagen: Das Neue kommt immer nur durch den Einzelnen in die Welt, nie durch die Masse. Noch deutlicher: Die Masse hat immer Unrecht.
Pionier-Forscher des Mythischen Hilfreich zum Verständnis der Hintergründe dieses Phänomens ist mir die Begegnung mit dem Amerikaner Joseph Campbell (1904 – 1987) geworden, der ab der Mitte des letzten Jahrhunderts vor allem durch seine Arbeit auf dem Gebiet der vergleichenden Mythenforschung bekannt wurde.
Campbell sah seine Aufgabe darin, Gemeinsamkeiten in den Religionen und Mythen der Welt aufzuspüren, die er als kulturell bedingte Ausdrucksformen ein und derselben psychologischen und transzendenten Wahrheit ansah.
Für Campbell sind Mythen allgemeingültige Metaphern, mit denen der Mensch seit Urzeiten seine Position im Kosmos definiert hat.
Sein erstes Buch Der Heros in tausend Gestalten (1949) wurde zwar damals von der Kritik wohlwollend aufgenommen, entwickelte sich aber erst im Laufe der Jahre zu einem Klassiker. Nach seinem Tod wurde im US-Fernsehen die mehrteilige Serie Power of the Myth ausgestrahlt, in der Bill Moyers Joseph Campbell sechs Stunden lang interviewte und einem Millionenpublikum bekannt machte. Was ist eigentlich ein Mythos? Jean Houston, eine von Campbells Studentinnen gibt darauf eine poetische Antwort: “Ein Mythos ist durativ, d.h. er existiert außerhalb der gewöhnlichen Zeit; er ist nicht historisch. Er funktioniert als ein Kontaktpunkt in unserer Psyche, als eine Brücke zwischen unserem gewöhnlichen Alltagsleben und unserem ‚inneren’ Leben. Ein Mythos ist etwas, das niemals war, aber immerzu passiert – die verschlüsselte DNA der menschlichen Psyche, die uns auffordert, zum Bewohner eines Universums zu werden, das reicher ist als unsere Sehnsüchte und vielschichtiger als all unsere Träume.“ Campbell selbst drückt es so aus: „Mythologien werden nicht erfunden; sie werden gefunden… Mythen kommen aus dem mystischen Bereich wesenhafter Erfahrung.“ Seine Beschäftigung mit Freud und Jung und die Kontakte zur Künstlerelite seiner Zeit trugen dazu bei, dass Campbells Theorie, wonach alle Mythen und Epen der Welt eine gemeinsame Wurzel in der menschlichen Psyche haben, Gestalt annehmen konnte. Er sieht in ihnen einerseits geschichtlich-kulturelle Ausdrucksformen des jeweiligen Kulturkreises, andererseits aber auch Ausdrucksformen einer Erklärung für kosmologische und spirituelle Zusammenhänge, ganz im Sinne von C. G. Jungs Archetypenlehre.
Unter vielen anderen Darstellungen Campbells sei hier exemplarisch folgendes Beispiel angeführt. In den verschiedensten Mythologien der Welt finden wir die Geschichte eines Wesens, das in Form eines Menschen oder einer Fabelfigur erscheint und nach einiger Zeit, wo es dem Menschen hilfreich zur Seite stand, darum bittet, getötet zu werden. Vor seinem Tode wird der Auftrag erteilt, ihn zu begraben. Kurze Zeit später wächst an dieser Stelle ein Baum.
So verschieden diese Geschichte, die an den verschiedensten Orten der Welt erzählt wird, auf der Ebene ihrer Erzählstruktur, in der Wahl ihres Personals und der kulturellen Eigenart auch sein mag, eines ist diesem Mythos gemeinsam: im tieferen Sinne handelt es sich nämlich laut Campbell darum , die Akzeptanz für den gewaltigen gesellschaftlichen Umbruch der Menschheit vom „Jäger und Sammler“ zum „Bauern und Züchter“ zu unterstützen und als eine von den Göttern gewollte soziale Veränderung anzunehmen. Alle Mythen sind demnach einst von einer geistigen Elite der Menschheit als wirksames Mittel geschenkt worden, Menschheitsentwicklungen bildhaft vorzubreiten oder zu bestätigen.
Die Heldenreise Das zentrale Thema in Campbells Der Heros in tausend Gestalten ist der Mythos der Heldenreise, der in allen Mythen der Menschheit eine ganz besondere Rolle spielt. Dabei beschreibt Campbell, dass es ein kollektives Grundmuster für diesen archetypischen Heldenmythos gibt, der sich in allen Kulturen der Welt nachweisen lässt. Die Heldenreise durchläuft dabei zwölf charakteristische Phasen: Die erste Phase ist der „Ruf“, die Erfahrung eines Mangels oder das plötzliche Erscheinen einer Aufgabe. Die zweite Phase ist die Weigerung: Der Held zögert, dem Ruf zu folgen, beispielsweise, weil es gilt, Sicherheiten aufzugeben. Als Drittes folgt der Aufbruch: Der Held überwindet seine Zögerlichkeit und macht sich auf die Reise. Auf der vierten Stufe treten Probleme auf, die als Prüfungen interpretiert werden können. Die fünfte Stufe steht unter dem Motto „Übernatürliche Hilfe“: Der Held trifft unerwartet auf einen oder mehrere Mentoren. Die sechste Phase ist markiert durch die erste Schwelle: Schwere Prüfungen stehen an wie etwa der Kampf mit dem Drachen, der sich als Kampf gegen die eigenen inneren Widerstände und Illusionen erweisen kann. Die siebte Stufe bringt fortschreitende Probleme und Prüfungen, aber auch weitere übernatürliche Hilfe. In der achten Phase kommt es zu Initiation und Transformation des Helden: Motive sind hier der Empfang oder Raub eines Elixiers oder Schatzes, der die Welt des Alltags, aus der der Held aufgebrochen ist, retten könnte. Dieser Schatz kann auch in einer inneren Erfahrung bestehen, die durch einen äußerlichen Gegenstand symbolisiert wird. Die neunte Phase steht unter dem Motto „Verweigerung der Rückkehr“: Der Held zögert in die Welt des Alltags zurückzukehren. Die zehnte Phase ist das „Verlassen der Unterwelt“: Der Held wird durch innere Beweggründe oder äußeren Zwang zur Rückkehr bewegt, die sich in einem magischen Flug oder durch Flucht vor negativen Kräften vollzieht. In der elften Phase steht die „Rückkehr“ an: Der Held überschreitet die Schwelle zur Alltagswelt, aus der er ursprünglich aufgebrochen war. Er trifft auf Unglauben oder Unverständnis, muss das auf der Heldenreise Gefundene oder Errungene in das Alltagsleben integrieren und gibt es weiter, ohne etwas für sich zu behalten. (Im Märchen: Das Gold, das plötzlich zur Asche wird.) In der abschließenden zwölften Phase ist der Held der „Herr der zwei Welten“: Der Heros vereint das Alltagsleben mit seinem neu gefundenen Wissen und lässt somit die Gesellschaft an seiner Entdeckung teilhaben. Hollywood als Schüler Die Ersten, die sich diese Erkenntnis zu Nutze machten, waren Drehbuchautoren an der amerikanischen Westküste, bei denen Campbells Heldenreise zur „Bibel Hollywoods“ wurde.
Die TV-Serie Power of the Myth wurde nicht zufällig auf der „Skywalker-Farm“ von Georg Lucas aufgenommen, dem Vater der Star-Wars-Filme.
Campbell sieht in Lucas’ Werk den Verdienst, im Besonderen Jugendlichen gegenüber die Kraft des mythischen Symbols und deren verloren gegangenen Werte in einer dem Zeitgeist entsprechenden Weise wieder näher gebracht zu haben. Lucas selbst hat in einem Interview mit Bill Moyers im Jahre 2003 deutlich gemacht, dass er sich bei Star Wars an die Vorgaben der „Heldenreise“ gehalten habe.
Es sind aber bei weitem nicht nur die „Blockbuster“ aus den USA, in denen wir Campbells Heldenreise dargestellt finden. Die gleiche Struktur liegt auch einer Vielzahl europäischer Film-Produktionen zu Grunde. Unter www.br-online.de/kultur-szene/thema/drehbuch/heldenreise.xml wird Campbells Heldenreise als Vorgabe zum Erstellen gelungener Drehbücher empfohlen. So könnte man meinen, dass wir seit dem Erscheinen von Campbells epochalem Werk von der Filmindustrie mit Kopien dessen versorgt werden, was uns laut Campbell im Original verloren gegangen ist. Dabei halten sich natürlich nicht alle Drehbuchautoren sklavisch an die Reihenfolge der Heldenreise, denn gerade der Bruch mit den Vorgaben ist es, was Geschichten ihre Eigenheit bewahrt. Trotzdem überrascht es, in welch unterschiedlichen Produktionen man die gleiche Grundstruktur wiedererkennt: Für den „Anfänger“ dürfte Tolkiens Herr der Ringe einen guten Einstieg abgeben, aber auch weniger offensichtlich mystische Themen wie z. B. Ray (Das Leben von Ray Charles) oder ein Klassiker wie Casablanca lassen diese Struktur ohne Weiteres erkennen.
Doch sollte man nicht vergessen, dass es sich eben nur um einen Variantenreichtum handelt, denn grundsätzlich bleibt das Erzählte immer beim Alten. Was unterscheidet eigentlich den jugendlichen und erwachsenen Leser oder Kinobesucher von einem dreijährigen Kind, das empört protestiert, wenn man auch nur ein einziges Wort in der Gute-Nacht-Geschichte ändert, die man bereits 50 Mal vorgelesen hat?
Unter der Internetadresse: www.clickok.co.uk/index4.html#WhoWhatHero findet man folgendes Beispiel: Verglichen wird hier der Handlungsablauf des 1977 entstandenen Films Star War mit dem Plot von Harry Potter I fast 20 Jahre danach. Lediglich der Austausch von Personen, Orten, Mentoren und Dunkelmännern lässt uns diese Geschichte als eine völlig neue erscheinen. Das Rezept, nach dem dieses Menü immer wieder und wieder dem hungrigen Zeitgenossen dargeboten wird, scheint sich nur in der Auswahl der Gewürze zu unterscheiden. Es ist immer wieder die gleiche Vorspeise, der gleiche Hauptgang und das gleiche Dessert. Auf der oben genannten Homepage findet der Interessierte endlose Listen von Filmen, die alle dem gleichen Schema folgen. Es sieht so aus, als könne man nur diese eine und einzige Geschichte erzählen, die unseren Wünschen und Sehnsüchten eine Heimat bietet.
Längst steht im Film natürlich der Figur des Helden auch die weibliche Variante zur Seite. Maryl Streep als schreibende Plantagenbesitzerin in Jenseits von Afrika oder die bis zur Selbstaufopferung gegen böse Außerirdische kämpfende Sigourney Weaver in den Alien-Filmen sind Beispiele dafür, dass wir in einer neuen Zeitepoche stehen, wo sich der Held immer häufiger in eine Heldin wandelt. Das Frausein in vergangenen Zeiten war bestimmt durch den natürlichen inneren Lebensprozess, den das Mädchen zur Frau werden ließ, ohne besonderes Zutun der Gemeinschaft (Leben geben). Der Entwicklungsprozess vom Knaben zum Mann (Leben nehmen – als Jäger oder Krieger) wurde im Gegensatz dazu immer durch ein Ritual vollzogen, das den Jüngling mit oftmals leidvollen Aufgaben versehen, von der Mutter trennte. Dies sollte laut Campbell den jungen Mann davor bewahren, in die Barbarei zurückzufallen. Für beide: für den Jungen wie auch für das Mädchen trägt dies heute nicht mehr. Es ist eine Lücke entstanden, die es individuell zu schließen gilt.
Frühere Beispiele Natürlich ist diese Struktur der Heldenreise auch vor 1949, dem Jahr des Erscheinens von Campbells Klassiker, in jedweder Kunstform feststellbar. Wir finden in den Werken von Thomas Mann (Campbell hält ihn für einen der bedeutendsten Mythenerzähler der neueren Zeit), in den Werken der gesamten Literatur der vergangenen Jahrhunderte ähnliche Berichte vom Siegen und Scheitern der Protagonisten.
„Die dunkle Seite der Macht“ nimmt in diesen Werken oftmals den zentralen Raum ein. Der Minotaurus, das von Theseus besiegte Monster im Kretischen Labyrinth, wohnt ebenso im „Herzen der Finsternis“ wie Mr. Kurz in Joseph Conrads gleichnamigem Romanwerk. In Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now, dessen Handlungsverlauf auf Conrads Romanvorlage beruht, werden wir Zeuge, wie Marlon Brando in der Rolle des Cornell Kurz, „das Grauen, das Grauen“ beschwört. Kapitän Ahab harpuniert seine dunklen Seiten in Melvilles Moby Dick, wird vom Harpunenseil mitgerissen und vom „Weißen Wal“ in die Tiefe gezogen – wobei Ahab auch ohne Weiteres für die dunkle Seite von Ismael, dem Erzähler der Geschichte, stehen kann.
Und immer gibt es einen, der sich auf den Weg macht, hin zu diesem „Herz der Finsternis“, als wisse er dort, an seinem Ziel angelangt, seine tiefsten Sehnsüchte nach außen gestülpt vorzufinden, um im Angesicht dieses Spiegelbildes endlich sein wahres Selbst zu erkennen.
So ist der vorläufige Endpunkt der Reise, die Konfrontation des Helden mit dem personifizierten Bösen, auch gleichzeitig immer die Konfrontation des Helden mit sich selbst, eine Prüfung, an der er wächst oder scheitert.
Apropos „Scheitern“. Eine auf den ersten Blick vielleicht etwas unschöne Variante des Heldenepos ist der Tod unseres Helden. Aber dieses Ende kommt nie abrupt, es bedingt sich durch die Vollendung der Reise. Der Tod erscheint dann oft wie eine weitere Transformation. Denn das, was der Held von seiner Reise zurückbringt, ist von transzendenter Art, ist eine spirituelle Gabe, die als Vorbild für den Menschen in der Zukunft dienen kann. Sie bleibt im eigentlichen Sinne unaussprechlich und wird so selbst zum Mythos.
Der Mythos eines Kennedy, James Dean oder Martin Luther King lebt vom Tod des Protagonisten, wobei der historischen Figur meist wenig Wert beigemessen ist, denn es zählt allein das, was diese Menschen in uns selbst geweckt haben. Thomas Mann lässt seinen Zauberberg-Helden Hans Castorp sich in den Wirren eines nicht näher definierten Krieges verlieren – das Künftige bleibt trotz allem Neuerrungenen, weiterhin auch Auseinandersetzung – Krieg!
In dem Roman Dr. Jekyll und Mr. Hyde von Robert Louis Stevenson scheitert Dr. Jekyll daran, seiner dunklen Seite mit Hilfe einer von ihm entwickelten Droge physische Realität zu geben. Sein Schatten wird übermächtig, verselbständigt sich, denn der Mythos der dunklen Seite lässt sich nicht in wissenschaftliche Studien und Experimente einbinden und so wird Jekyll von der Macht des Bösen bezwungen und findet ein grausames Ende.
Trotz dieses offensichtlichen Scheiterns des Helden kann der Leser den Mut und die Entschlossenheit des Protagonisten anerkennen. Er setzt auf seiner Suche nach dem Unaussprechlichen sein Leben ein. Sein Scheitern hat unser aller Respekt.
Ob unser Held nun in die Sonne reitet und unserem Blick entschwindet, wegen einer Achillesferse sein Leben ein Ende findet oder als Siegfried, nachdem er den Lindwurm getötet, einer ebenfalls ungeschützten Körperstelle zum Opfer fällt – er bleibt unsterblich in unser aller Herzen.
Mythos Gral Dies führt uns zu dem ersten großen Heldenepos, das die westliche Welt geprägt hat: der Gralslegende. Campbell sieht im Gralsmythos einen Schritt der westlichen-abendländischen Kultur hin zu dem, was man für den modernen Menschen eine zeitgemäße Zielvorgabe des Mythos nennen könnte. In seinem Buch: Das bist Du, das posthum nach seinem Tod (2001) erschienen ist, erwähnt Campbell eine Passage über die Gesinnung der Gralsritter aus der altfranzösischen Quest del Saint Graal, die sich ihm „buchstäblich eingebrannt“ habe: „Sie empfanden es aber als ungebührlich, alle miteinander auszuziehen. Ein jeder tauchte an einer Stelle in den Wald ein, die er selbst gewählt hatte, dort, wo es am finstersten war und es weder Weg noch Steg gab.“
Weder Weg noch Steg! Denn wo es einen Weg gibt, ist es der Weg des anderen. Und eben das unterscheidet den abendländischen Geist von dem des Orients. Östliche Gurus nehmen die Verantwortung für ihre Schüler auf sich. Es gibt dort den interessanten Ausdruck „den freien Willen abgeben“. Der Guru sagt einem, wo man auf dem Pfad ist, wer man ist, was jetzt und danach zu tun ist.
Der spezifisch abendländische Abenteuergeist hingegen speist sich aus der Sehnsucht nach etwas, das noch keines Menschen Auge erblickt hat. Was könnte dieses noch nie Gesehene sein? Ihr ganz einzigartiges Leben, wenn es zu seiner Erfüllung gelangt ist. Ihr Leben ist das, was erst noch hervorgebracht werden muss.
In dieser heutigen Welt, wo alle Institutionen in rapidem Verfall begriffen zu sein scheinen, verliert die Gruppe – das also, woraus einst aller Sinn geschöpft wurde – ihre Bedeutung. Die Gruppe ist einfach nur noch das, woraus Individuen hervorgehen. Aller Sinn und alle Bedeutung liegen im Individuum und sind in jedem einzigartig. Doch halten wir uns zum Abschluss noch dieses vor Augen: Wenn Sie Ihr ganz individuelles Abenteuer gelebt haben und dann zurückblicken, werden Sie sehen, dass es ein vorbildliches menschliches Leben war.“
Campbell charakterisiert hier grundlegend, was unser heutiges Zeitalter ausmacht, in dem jeder Mensch aufgerufen ist, zu individuellem Bewusstsein zu kommen, um selbstbestimmt leben zu können. Die Heldenreise kann nicht pauschal gebucht werden. Sie ist heute immer auch eine Individualreise – ein unkalkulierbares Risiko, für die es keine Versicherungspolice gibt.
Ich entscheide mich frei dafür, ob ich dem Ruf des Schicksals folgen will und kämpfe meinen eigenen Weg durch das Dunkel des Unterholzes frei. Ein Weg, den zuvor noch nie ein Mensch gegangen ist, genau das ist die moderne Biographie, diese Einzigartigkeit, der sich der moderne Mensch oft schmerzhaft bewusst wird, wenn er feststellt: bei aller Hilfe, die mir entgegengebracht werden kann, bin ich letztendlich allein auf mich gestellt.
Der moderne Mensch begreift sich als ein Individuum. Dieser zeitgeschichtlichen Vorgabe gerecht zu werden hat ihre Schwierigkeiten. Dies sehen wir in einer stillen Übereinkunft unserer Gesellschaft, dem wahren Individuum immer skeptisch oder sogar feindlich gegenüberzustehen. Überall droht der Rückfall ins Kollektive. Wunderbar kommt dies in dem Film Das Leben des Brian von Monthy Pyton zum Ausdruck. Als Brian, als vermeintlicher Messias, von den Menschenmassen vor seinem Haus gedrängt wird, zu ihnen zu sprechen, ruft er aus: „Wir sind alle Individuen!“ und die Masse antwortet: „Ja, wir sind alle Individuen!“ Nur ein Einziger ruft: „Ich nicht!“ – und wird so zum Held, zum Einzigen in der Masse, der auf diese Weise seine Individualität bewahrt.
Gerade dies steht im Gegensatz zu einem anderen Heldenepos wie dem der Geschichte des Moses. Als Mensch, der in seiner Zeit noch ganz aus der Empfindung und nicht aus dem Bewusstsein seines Selbst heraus handeln konnte, stellte sich ihm die Aufgabe, seinem Volk allgemein verbindliche Regeln in Form der 10 Gebote von seiner Reise zu Gott mitzubringen.
Sind Mythen wie dieser oder Erzählungen, die uns über die Wandlung vom „Jäger und Sammler“ zum Ackerbau orientieren wollen, Hinweise auf bereits in der Menschheitsentwicklung abgeschlossene Vorgänge? Wäre dagegen der Heldenmythos, wie er im Gralsmythos deutlich wird, ein Vorgriff auf die menschlich-geistige Entwicklung und die Vorbereitung eines Weges, der vorerst noch schwer erkennbar ist und ins Ungewisse führt?
Fortsetzung im nächsten Heft.
Walter Seyffer ist als Biographieberater tätig. Informationen und Kontakt: www.biographie-arbeit.com
Bücher: Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten, Insel Verlag, 13,- Euro Joseph Campbell: Die Kraft der Mythen, Patmos Verlag, Neuausgabe Januar 2007, 14,95 Joseph Campbell: Das bist Du, Ansata Verlag 17,95
DVD: Joseph Campbell and the Power of Myth with Bill Moyers
Web-Sites: Joseph Campbell Foundation: www.jcf.org Round-Table Heidelberg (Site in Deutsch): www.sukhavati.de www.clickok.co.uk/index4.html#WhoWhatHero http://www.br-online.de/kultur-szene/thema/drehbuch/heldenreise.xml
|