Gronbachs Kolumne
Die vollendete Schöpfung: Hunde
Von Sebastian Gronbach
Wie zeigt sich vollendete Schöpfung? Gar nicht. Sie muss bemerkt werden. Vollendete Schöpfung erscheint so, als wäre sie schon immer integraler Bestandteil unseres Daseins gewesen. So hat sich die vollendete Schöpfung in unser Leben geschlichen und ist nun mitten unter uns angekommen. So wie ein Hund, der neulich für ein paar Tage bei mir war. In wenigen Tagen hat er meine Seele verjüngt, er hat mich zum Lachen gebracht und mich ziemlich alberne Sachen sagen lassen. Wie er das gemacht hat? Er hat konsequent und unnachgiebig gezeigt, was er von mir will. Er hat gefordert, dass ich spät ins Bett gehe, früh aufstehe und ständig meine Arbeit unterbreche, und er hat nach Grenzen gebellt. Er hat alles genommen und alles gegeben. Wenn ich aus dem Bad kam, hat er sich über mich gefreut, als käme ich von einer Überseereise zurück, wenn ich ihn auf den Arm nahm, hat er sich so gefreut, als wäre das sein Lieblingsort, dabei war das Sofa, der Park und das Auto auch sein Lieblingsort. Alles, was er gerade machte, schien in genau diesem Moment seine absolute und uneingeschränkte Lieblingsbeschäftigung zu sein. Es gab immer nur diesen Augenblick, diesen Menschen und diesen Ort. Er hat mich überzeugt mit seinem Sinn fürs Dasein und er hat gemacht, dass ich ihn lieb hab', und er hat es genossen, dass ich ihn lieb hab', und ich hab es genossen, dass er es genossen hat und wir haben ein paar richtig gute Tage gehabt. Er kam und war da. Aus meinem Leben hat er unser Leben gemacht.
Die Barriere der Fremdheit, wie sie sonst zwischen jedem anderen Tier und den Menschen spürbar ist (hier schreibt ein Katzenfan), hat der Hund überwunden. In ihm bildet sich die Urszene der Domestikation. Der Hund - Canis familaris - ist die erste Kulturleistung der Menschheit. Die "erste Kunst" des Menschen "war also die Abrichtung des Hundes, die glückliche Folge dieser Kunst aber war die Eroberung und der ruhige Besitz des ganzen Erdbodens", so Graf von Bufon, der Direktor des Königlichen Botanischen Gartens von Paris vor 270 Jahren. Tatsächlich lässt sich nachweisen, dass Mensch und Wolf ein so gelungenes Jagdpaar bildeten, dass sie fast ihre gemeinsame Lebensgrundlage ausgemerzt hätten. Diese drohende ökologische Katastrophe könnte der Anstoß für den größten kulturellen Qualitätssprung der bisherigen Geschichte gewesen sein: Die neolithische Revolution. "Aus Jägern wurden Ackerbauern und Viehzüchter. Und die Wölfe begannen in Gestalt nunmehr domestizierter Hunde, Schafe zu hüten", so Eckhard Fuhr in einem Artikel der Welt.
Was ist domestizieren? "Es bedeutet, sich ‚vertraut machen'", sagte der Fuchs. "Vertraut machen?", fragte der kleine Prinz. "Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast", sagte der Fuchs.
Mensch und Hund bilden als Freunde, Spielgefährten und gegenseitige Helfer eine einzigartige Symbiose, deren Einzigartigkeit auch darin besteht, dass sie nicht erzwungen, sondern freiwillig ist. Hunde und Menschen haben ein Verständnis füreinander entwickelt, wie es sonst zwischen Mensch und Tier seinesgleichen sucht. Sie verfügen über besondere dialogische und kommunikative Kompetenzen, sie können sich in ihr Gegenüber hineinversetzen, Gesten, Laute und Stimmungen intuitiv erkennen und berücksichtigen. Sie profitieren von einander, weil sie akzeptieren, dass sie auf verschiedenen Ebenen stehen. Hier lernt der Mensch, Hierarchien als Tatsachen bewusst zu integrieren, anstatt sie demontieren zu wollen. Seine klare Führung gibt dem Hund Sicherheit, während ein haltloser Hund Ängste oder Aggressionen entwickelt. Ein sicherer, stabiler Hund dagegen weiß, wo er hingehört, er bindet sich gerne und freiwillig an denjenigen, der ihm seine Grenzen zeigt und dabei liebevoll und gerecht ist. Der Mensch freut sich über einen Hund, der gut erzogen ist, und der Hund freut sich, dass er erzogen wird. Spielt der Mensch mit dem Hund, dann freut sich der Hund, der Mensch freut sich über diese Freude und der Hund fühlt sich durch die menschliche Freude animiert, noch freudiger zu sein. So wird "die Gegenwart des Herrn für den Hund zum Bedürfnis", wie Rudolf Steiner diesen Moment beschreibt. Kaum sieht der Hund seinen Herrn, schon strömt wie eine Welle, unmittelbar aus der Waagerechten, die seelische Regung aus dem Hund heraus - erstaunlich, wie viel Gefühl aus so einem kleinen Körper kommt. Erstaunlich auch, wie viel Gefühl ein Hund aufnehmen kann. Ein Hund ist eine Seele mit Haaren drumherum, eine Ausrufezeichen-Seele mit kuscheligem Fell, feuchter Nase und Augen, die immer denjenigen meinen, den sie gerade anschauen.
Und natürlich ist da noch der Schwanz. "Und derjenige", so Steiner "der fragen wollte nach der Hundephysiognomie beim Ausdruck der Freude, der müsste das wedelnde Entgegenkommen des Schwanzes ins Auge fassen: Da ist Physiognomie darinnen." Der Hund zeigt dem Menschen in Vollendung, was Verantwortung bedeuten kann, denn der Hund ist dann ganz Hund, wenn er Dominikaner sein darf. Ein Hund (canis) des Herrn (Domini).
Herzlich - Ihr Sebastian Gronbach
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