magazin info3/archiv/Oktober 2006

Porträt eines Wachkoma-Patienten

Krieger im Rollstuhl

Von Michael Heidekorn

Durch Herzversagen wird ein talentierter und lebensfreudiger junger Mann zu dem, was unsere Gesellschaft mit einem harten Wort als Pflegefall bezeichnet. Unser Autor hat sich auf den Weg gemacht und ist in der Begegnung mit diesem Menschen und seinem Umfeld einem besonderen Ausdruckswillen auf die Spur gekommen. Hier erzählt er, was ein Wachkomapatient zu sagen hat.

Ich bin unterwegs auf der A 59 von Köln nach Niederpleis, einem kleinen Ort in der Nähe von Siegburg. Ich bin unterwegs zu einem Krieger. Einem modernen Krieger, wie sie uns bei Paulo Coelho, Laotse, Rudolf Steiner oder dem Yaqui-Schamanen Don Juan begegnen: "Der grundlegende Unterschied zwischen einem normalen Menschen und einem Krieger ist, dass der Krieger alles als Herausforderung annimmt, während der normale Mensch alles entweder als Segen oder als Fluch auffasst." Ein Krieger braucht einen Kriegernamen, und ich finde ihn mit dem Namen des Fußball-Games, das Mathias Hasenbank begeistert auf seiner Playstation spielte: Pro Evolution Zocker. Die Persönlichkeit des modernen Kriegers, zu dem ich unterwegs bin, beginnt Gestalt anzunehmen.

"Er ist ein Mensch der Extreme gewesen, und er stand gerne im Mittelpunkt", sagt Noah Möhle und nimmt einen Schluck von seiner Cola. Noah kennt Mathias Hasenbank seit der dritten Klasse. Gemeinsam haben sie neun Jahre lang die Waldorfschule im Siegkreis besucht und anschließend auch den Zivildienst zusammen an einer Schule für Körperbehinderte in Sankt Augustin abgeleistet. "Er hat die Menschen in seiner Umgebung polarisiert: seine emotionale Art war nicht jedermanns Sache. Die einen akzeptierten ihn als Autorität, aber andere fühlten sich verunsichert oder sogar abgestoßen. Mathias hat nicht nur Freunde gehabt."

Dann zeichnet er das Bild eines Menschen mit einer großen Spannweite an Interessen und Fähigkeiten: Leistungssportler von Kindesbeinen an - Karate, Joggen, Fußball. Verfasser von literarischen Texten. Ein Freund, auf den man sich hundertprozentig verlassen kann, der Noah zum 22sten eine selbstgemachte Geburtstagstorte schenkt, mit einem Fußballfeld aus grünem Marzipan und 22 Spieler-Kerzen. Noah, der mit seiner ruhigen Art gut als harmonisierendes Pendant zum "Lebemann Mathias" vorstellbar ist, wird in Erinnerung an dieses Geschenk lebhaft: "Einen ganzen Tag muss er dafür gebraucht haben!"

Die Bühne in jeder Form war Mathias' Lebenselement: In Zuckmayers Der Gesang im Feuerofen, dem Abschlussstück der 12. Klasse, spielte er die Hauptrolle. Sein Berufswunsch: Schauspieler, vielleicht auch Fotograf. Mathias war der Kumpel, mit dem man durch Discos zieht und Spontan-Trips nach Holland und Luxemburg unternimmt. Und mit dem man philosophieren konnte, bis tief in die Nacht: "Mit ihm", sagt Noah zum wiederholten Mal und mit Nachdruck, "waren Gespräche möglich, wie sie unter Männern eher selten sind." Kein Wunder, dass so einen die Frauen liebten. Und er sie. Mit einer Mischung aus Trotz und unverbrüchlicher Gewissheit zieht Noah einen Schlussstrich, der das Bild vollendet und ihn selbst mit hinein nimmt: "Für mich ist es immer noch derselbe Mathias."

Wie auf einer Wanderschaft
Immer noch derselbe Mathias: Sein Vater Harald Hasenbank hat mich in das unauffällige Reihenhaus in Niederpleis gebeten, und nach ein paar Schritten durch den Flur stehe ich im dämmerigen Wohnzimmer. Esstisch, CD- und Bücherregale, Fernseher, ein kleines Aquarium. Vor dem Fenster zur Terrasse ein minimalistischer Stein- und Pflanzengarten. Draußen schattige, üppig vegetierende Pflanzenwelt. Leise Bluesmusik im Hintergrund. Eine Katze streicht um meine Beine. Ich hätte das Gefühl, mich in einem ganz normalen Wohnzimmer zu befinden, wäre da nicht das ausladende hölzerne Pflegebett, das den ganzen hinteren Teil des Raumes einnimmt wie ein monströses futuristisches Gefährt, das sich hierher verirrt hat und nun den Ausgang nicht mehr findet.

Mathias sitzt an das aufgestellte Rückenpolster gelehnt: Dunkelblonde, leicht gewellte halblange Haare, modischer Kinnbart, T-Shirt, Jeans. Ein junger Mann von 23 Jahren wie man ihn an einem Samstagabend in Köln am Zülpicher Platz treffen könnte, unterwegs mit Freunden in eine Kneipe oder zum Tanzen. Der Kopf ist leicht nach vorne geneigt, aufmerksam lauschend, wie bei jemandem, der sich darin übt, die Dinge an ihrem Klang zu erkennen: "Wir sind von Geburt an gewöhnt, unsere Augen zu benutzen, um die Welt zu beurteilen. Wir sprechen mit anderen wie mit uns selbst hauptsächlich über das, was wir sehen. Ein Krieger ist sich dessen bewusst und horcht auf die Welt; er horcht auf die Geräusche der Welt."

Etwas in mir zuckt zusammen beim Anblick der krampfhaft nach innen verdrehten Arme und Hände, eng an den Körper gezogen, wie bei einer spastischen Lähmung. Auch die Füße scheinen wie hineingepresst in diese unnatürliche Haltung, die ich mir nicht anders als ungemein schmerzhaft vorstellen kann. Die Beine wirken etwas zu dünn in dem leicht verwaschenen blauen Baumwollstoff, aber Oberkörper und Arme sind noch kräftig, fast wie bei einem trainierten Sportler. Auf dem linken Oberarm ein schickes Tattoo. Genauso hatte Noah ihn mir beschrieben. Aber dann sehe ich zum ersten Mal Mathias' Augen und von diesem Moment an weiß ich, dass der Schlüssel zu dem abgelegenen Ort, an dem er sich befindet, hier zu suchen ist: in diesen Augen, die wie auf einer weiten Wanderschaft sind, die Landschaften oder Dinge abtasten, die mir verborgen bleiben.

Mathias sieht, wie andere Menschen hören: So wie das Ohr sich körpergeographisch auf der Schwelle vom hinteren zum vorderen Raum, der Hörsinn sich auf der Schwelle von der geistigen zur materiellen Welt befindet, so scheint Mathias seinen Sehsinn zu benutzen - als grenzgängerisches Schwellenorgan, nicht forsch ausschließlich auf diese Welt zugehend, visuell präzise zupackend im Hier und Jetzt, sondern sachte pendelnd zwischen diesen beiden Ufern, die wir Diesseits und Jenseits nennen. Es ist ein "weiches Sehen", ein unablässiges, einfühlsames Geben und Nehmen, das dieser Ausweitung des Aufmerksamkeitsstromes entspringt, der von der Einbahnstraßen-Regelung befreit wird: "Du erlaubst allem in deinem Gesichtsfeld durch deine Augen in dich hineinzukommen, und dadurch werden die Augen rezeptiv, weich und einladend."

Einmal Jenseits und zurück
Mathias starb am 4. April 2005 abends um kurz vor acht in den Armen seiner Mutter, in deren Haaren er sich so sehr festkrallt, dass sie später völlig verfilzt sind. Den Rettungswagen unten auf der Straße hört er noch kommen, als er in größter Panik seine Abschiedsworte hervorstößt: "Mama, ich glaube, ich sterbe - ich merke, ich gehe weg - das war's jetzt, das Gerät funktioniert nicht ...". Das lebensbedrohliche Herzkammerflimmern, das zwei Jahre vorher ohne erkennbaren Grund zum ersten Mal aufgetreten war, hatte den Sieg über die Medizintechnik davongetragen.

Das Gerät: ein unter dem Brustmuskel eingepflanzter Defibrillator, der mit starken Stromstößen das Kammerflimmern in Schach halten soll, das sich zum ersten Mal im Sommer 2003 während eines Portugal-Urlaubs bemerkbar gemacht hat. Noch am Tag der Implantation im Frühjahr 2004 wird das Gerät aktiv, rettet Mathias ein erstes Mal das Leben. Viele weitere Male folgen. Für Mathias bedeutet das jedesmal einen Sekundentod: einmal Jenseits und zurück. Wie auch bei der elektrophysiologischen Untersuchung im Krankenhaus: mit ihr soll festgestellt werden, ob Mathias' Herz zu lebensbedrohlichen Rhythmusstörungen neigt. Mathias erlebt die Stromstöße bei vollem Bewusstsein. Zehnmal stirbt er und zehnmal wird er von den Ärzten wieder zurückgeholt. In den darauffolgenden Tagen offenbart er sich seiner Schwester Ina, selbst angehende Ärztin. Von dem Tunnel mit dem Licht am Ende erzählt er ihr, von den Lichtwesen, die auf ihn zugekommen seien, aber auch von den dunklen, bedrohlichen Gestalten ohne Augen. Tief verunsichert ist er, und die Schwester muss ihm wieder und wieder dieselbe Frage beantworten: "Lebe ich denn überhaupt noch? Ist das hier die Wirklichkeit oder bin ich tot? Und wie kann ich dir glauben, ihr könntet doch auch alle nur ein Traum sein." Noch viele Nahtoderlebnisse hat er in diesem und im folgenden Jahr. Sie beschäftigen ihn so sehr, dass er sie in Gedichten und Kurzgeschichten verarbeiten muss. Und er beginnt an einem Roman zu schreiben. Sein Titel: Mein letzter Sommer.

Die Menschen seiner engeren Umgebung bemerken in dieser Zeit eine tiefgreifende Irritation an Mathias. Seine gesundheitliche Labilität, das stets drohende schmerzhafte Einsetzen der Stromschocks und die Nachwirkungen der Erlebnisse, die er zwischen Leben und Tod hat, verändern sein Wesen und sein Verhalten. Nachdem er mehrmals ohne jede Vorwarnung zusammengebrochen ist, kündigt man ihm seinen Nebenjob im Lager eines Bekleidungshauses: das Risiko sei zu hoch. Mathias zieht seine Bewerbungen an Schauspielschulen zurück, weil er sich den Belastungen nicht mehr gewachsen fühlt. Auch den Sport gibt er auf. Stattdessen zocken die Freunde Fußball-Games auf der Playstation. Aber über seine Herzschwäche spricht Mathias nicht gerne, auch nicht mit dem Freund.

Auf Phasen scheinbarer Besserung folgen Rückschläge. Mit Verödungen am Herzen, medikamentöser Therapie und Meditationsarbeit versucht Mathias, immer unterstützt von den Eltern und seinen drei Schwestern, die Ursache des Herzrasens in den Griff zu bekommen. Aber das Herz setzt sich über alle modernen Errungenschaften von Pharmazie, Chirurgie und Medizintechnik, über alle alternativen Behandlungsmethoden hinweg. Als es am 4. April den Dienst versagt, erlebt Mathias die acht von kurzen Ladepausen getrennten Elektroschocks des Defibrillators, die normalerweise erst bei eintretender Ohnmacht erfolgen, bei vollem Bewusstsein. Erst dann bricht er tot zusammen. Doch die Atropin-Spritze des Notarztes und weitere Stromstöße zwingen Mathias zurück ins Leben. Nach Tagen auf der Intensivstation stabilisieren sich Puls und Atmung, die Maschinen können abgeschaltet werden. Aber der Sauerstoffmangel im Gehirn nach dem Herzstillstand hat Schäden hinterlassen: Mathias fällt ins Wachkoma. Er, dessen Höhenangst einmal bei einem Ausflug das Überqueren einer Brücke unmöglich gemacht hatte, ist nun Dauergast zwischen Himmel und Erde, die Brücke zwischen Hier und Dort sein neues Zuhause.

Deutschland gegen Argentinien
"Schauen Sie mal, Mathias kann auch lachen!" Begeistert hält seine Schwester Ina mir ihr Handy hin. Im Display sehe ich das Foto von einem Mathias mit leuchtenden Augen, strahlend über das ganze Gesicht, sprühend vor Lebensfreude. "Das war beim Spiel Deutschland gegen Argentinien", erklärt mir der Vater, "als kurz vor Ende der zweiten Halbzeit doch noch das Tor für Deutschland fiel. Während der WM fand Mathias sein Lachen wieder." Ich spüre, wie wichtig für alle Familienmitglieder jeder winzige Schritt ist, den Mathias in Richtung einer "normalen" Kommunikation tut: erste Laute während der Wasser- und Klangtherapie, die Möglichkeit, Zustimmung durch ein mehrmaliges Öffnen und Schließen des Mundes zu signalisieren. Auch für Noah ist das so: "Das Schönste wäre, ihn wieder fragen zu können, Reaktionen von ihm zu bekommen."

Aber Mathias hat noch andere Möglichkeiten, seine Umwelt an dem teilhaben zu lassen, was er erlebt. Harald Hasenbank macht mich auf die außergewöhnliche Häufung von insbesondere numerologischen "Zufällen" aufmerksam, die er im Zusammenhang mit Mathias' Situation beobachtet: Als der Wachkoma-Patient die Intensivstation der Asklepios-Klinik in Sankt Augustin verlässt, bleiben im gesamten Krankenhaus die Uhren stehen: auf 22.22 h - Mathias hat an einem 22. Geburtstag. Überdies gebe es hier eine Verbindung zum Tarot mit seinen 22 Trumpfkarten, deren zweite die "Hohepriesterin" ist, die für die Nachtseite des Bewusstseins stehe. Die Summe, die bei einem Spendenaufruf zur Finanzierung der teuren Spezialtherapien erzielt wurde, lag bei 4.400 Euro. Mathias' "Todestag" war der 4.4. Dieses Datum, als Quersumme gesehen, ergibt 8: nach Auskunft einer Numerologin "die österliche Zahl", verbunden mit dem Mysterium von Tod und Auferstehung. Und einen Tag vor der schicksalhaften Herzattacke sieht sich der Vater Mel Gibsons Die Passion Christi an: "Im Nachhinein kommt mir das wie eine Einstimmung auf das Thema vor."

Aber da ist noch eine ganz andere Art von Kommunikation, in der Mathias sich seiner unmittelbaren Umgebung mitteilt. Nicht so ins Auge springend wie die Koinzidenzen und Synchronizitäten, sondern leise und unaufdringlich. Sie erschließt sich nur, wenn man Zeit mit Mathias verbringt und selbst aktiv in diesen besonderen Hör-Raum des Kriegers hineingeht, in dem Mathias zu Hause ist. Dann aber kann man den Eindruck haben, dass dieser scheinbar so hilflose und passive Mensch im Rollstuhl zu einer semipermeablen Membran wird, durch die ein Hauch "der anderen Seite" wie in diese Welt hineindiffundiert: Ein Stück weit scheint in Mathias' Gegenwart die Zeit aufgehoben zu sein oder zumindest einer anderen Gesetzmäßigkeit zu folgen. Dieses veränderte Zeitempfinden ist etwas, das weit über das bekannte subjektive Erleben von Zeit - je nachdem ob wir uns in einer angenehmen oder unangenehmen Situation befinden - hinausgeht. Es hat eher Ähnlichkeit mit den Momenten "gedehnter Zeit", wie man sie aus Schocksituationen etwa bei Unfällen kennt: Sekunden dehnen sich zu Ewigkeit, in der bei größter Klarheit des Bewusstseins eine Vielzahl von Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen gleichzeitig Raum hat. Dieser Krieger neben mir in seinem Rollstuhl, dem die Mutter kleine Engelsflügel auf die Rückseite seines T-Shirts genäht hat, atmet in jedem Moment Präsenz aus - manchmal gerade dann am intensivsten, wenn er die Augen geschlossen hat.

Und noch etwas anderes wird von Mathias' Gegenwart nachhaltig beeinflusst: Das Wertigkeitskontinuum, mit dem wir uns durch das Leben bewegen, wird aufgebrochen. Wie die plötzliche einheitliche Ausrichtung der Eisenfeilspäne auf der Glasplatte im Physikunterricht, mit denen der Lehrer die Wirkung des Magnetismus demonstriert, ordnen sich Sehnsüchte, Zweifel, Ziele und Ängste an Mathias' Seite neu. Es ist, als würde durch ihn die Frage in unser Leben hineinstrahlen, die vielen Menschen mit Nahtoderlebnissen von dem engelhaften Lichtwesen gestellt wird, das sie auf der anderen Seite des Tunnels liebevoll begrüßt: Und, Mensch, was hast du aus deinem Leben gemacht? - Sich mit dieser Frage nicht erst nach dem Tod quasi "von außen" konfrontiert zu sehen - auch wenn es die eigene karmische Leitungsinstanz, das höhere Ich sein mag, das hier fragt -, sondern zu lernen, sie wie einen guten Freund und Ratgeber ständig präsent zu haben - das ist eines der spezifischen Kennzeichen des Bewusstseinsseelenzeitalters. Wenn wir uns auf sein Sonder-Sein einlassen, scheint Mathias uns hier auf die Brücke helfen zu wollen. Der Braungurt-Karatekämpfer ist zum Pro Evolution Zocker geworden: "Ein Krieger des Lichts teilt sein Wissen über den Weg mit anderen."

Herzzentrum Familienleben
Dass es nicht leicht ist, diesen Weg mit Mathias zu gehen, wird im Haus der Hasenbanks physisch greifbar. Die Couch ist aus dem Wohnzimmer verschwunden, im räumlichen Herzzentrum des Familienlebens ist nun seit fast einem Jahr der Herzpatient Mathias zu Hause. Eine 24-Stunden-Bereitschaft aller Familienmitglieder kümmert sich um sein Wohl und Wehe, verabreicht die zu Brei pürierte Nahrung durch die Magensonde, wäscht, wickelt, bettet um. Mathias hat auch äußerlich die Perspektiven verschoben.

Für die innere Entwicklung gilt das in noch stärkerem Maße. Harald Hasenbank muss sich mit Themen auseinander setzen, die für ihn mit Mathias' Geburt anklangen, aber nun unausweichlich geworden sind: Tod, Krankheit, Sinnsuche. Für die Mutter Carin Hasenbank stellt sich täglich neu die Frage nach dem Akzeptieren "dieses Infernos", das ihren Sohn von einem Moment auf den anderen in eine Terra incognita katapultiert hat: "Irgendwo ganz weit weg, wo ich ihn gern besuchen würde." Und auch Ina Hasenbank, die ihren Bruder gemeinsam mit dessen Ex-Freundin bei der Wasser- und Klangtherapie begleitet hat, hat kurz vor dem Abschluss ihres Medizinstudiums wohl nicht nur deswegen zwei Urlaubssemester eingeschoben, um besser zu Mathias' häuslicher Pflege beitragen zu können: die materialistische Sicht der Schulmedizin auf den Menschen, mit der sie sich in Begegnungen mit Ärzten und Pflegepersonal wieder und wieder konfrontiert sieht, zwingen auch ihr eine Neubewertung des eigenen Standpunktes auf: "Die Neurologen sagen, das seien doch nur Reflexe, wenn Mathias lacht. Aber das stimmt nicht! Wir alle hier erleben doch täglich, dass er auf konkrete Situationen reagiert, mit seinem Lachen, mit seinen Unmutsäußerungen."

Auch ihre Zwillingsschwester Suzanne geht unter dem Eindruck von Mathias' Schicksal in Erfahrungsbereiche, die für sie so nicht vorstellbar waren. Nachdem seine ehemaligen Mitschüler an der Hangelarer Waldorfschule schon kurz vor den Sommerferien 2005 einen Spendenlauf für ihn organisiert hatten, um spezielle Therapien zu ermöglichen, ist es Suzanne, die aktiv wird und weitere Geldquellen erschließt. Durch ihren Nebenjob bei McDonalds kommt sie mit ihrem Filialleiter und Franchise-Nehmer für den Bonner Raum über die Situation des Bruders ins Gespräch. Spontan erklärt er seine Hilfsbereitschaft und plant gemeinsam mit Suzanne die Spendenkampagne: Für einen Zeitraum von zwei Wochen gehen von jedem Spar- und XXL-Menü, das in der Region verkauft wird, 10 Cent auf ein Sonderkonto für Mathias. Die stattliche Summe wird von dem Schnellimbiss-Unternehmen so weit aufgestockt, dass Mathias Anfang des kommenden Jahres zu einer ansonsten wohl unerschwinglichen Delphin-Therapie nach Florida fliegen kann.

Der Krieger im Rollstuhl: Harald Hasenbank schiebt ihn ohne Zuhilfenahme des Elektromotors den ansteigenden Weg am Waldrand hinauf. Jogger kommen uns entgegen, zwei Mütter mit Kinderwägen. In einigen Augen sehe ich Entsetzen, ja Panik angesichts dieser Gestalt mit den spastisch verdrehten Gliedmaßen und den halb geschlossenen Augen. Speichel tropft Mathias vom Kinn. Ina Hasenbank tupft ihn mit einem Tuch ab, behutsam, liebevoll. Streicht die Haare zurecht, bringt das Kissen unter dem Ellbogen in eine angenehmere Position. Mit jeder kleinen Tat für den Bruder strömt Wärme in die Welt: aus ihren Händen, den Augen, aus ihrer Stimme: "Alles in Ordnung, Matz? Geht das so besser?" Es sind nicht nur die tiefen Schatten hier am Waldrand, die jede dieser kleinen Gesten aufleuchten lassen wie ein kostbares Kleinod. Es scheint so, als würden sich hier Licht-Krieger und Licht-Künstlerin zu einem Heimspiel begegnen: "Das Atelier ist zwischen den Menschen."

Über Niederpleis bricht eine orangerote Sonne durch die Wolken. Ein magisch anziehendes Leuchten, wie Mathias es in einer seiner Geschichten verfolgt hat (siehe Kasten). Wir bleiben stehen. Schweigend ist jeder mit seinen Gedanken in den Anblick dieses Sonnenuntergangs versunken. Mathias sitzt still, als lausche er unserem Schauen, als habe er in diesem Moment die Grenze ganz besonders deutlich im Blick: "Die Dämmerung ist die Trennung zwischen den Welten."

Wir sind an Mathias' "Fühlbaum" angekommen. Der Vater schiebt den Rollstuhl dicht an die kräftige Birke neben dem Weg. Ina Hasenbank beugt sich über den Bruder: "Matz, wir sind da! Schau mal, da ist dein Baum!" Sie sagt es leise, wie eine Liebeserklärung, die Gesichter der Geschwister nur eine Hand breit voneinander entfernt. Langsam öffnet sie seine verkrampften Finger, massiert sie, macht sie beweglich. Dann führt sie die Hand an den Baum, streicht mit Mathias' Finger leicht über die tief gefurchte Rinde: Menschenwesen und Baumwesen in innigem Gespräch.

Sinneseindruck für Sinneseindruck erobert sich der Krieger den Zugang in diese Welt zurück. Und die Welt kommt dabei auf ihn zu: Auf dem Rückweg begegnet uns eine Frau aus der Nachbarschaft, die ihre beiden Zwergschnauzer ausführt. Die drei kennen Mathias schon. Zulu, die junge Hundedame, springt zu ihm auf den Schoß, schnuppert, leckt seine Hand. Mathias hebt den Kopf und richtet sich in seinem Sitz auf, die Augen werden weit und klar. Wie das Abendrot aus der Wolkenbank eine halbe Stunde vorher bricht sich ein Leuchten Bahn: Mathias lacht über das ganze Gesicht, strahlt wie auf dem Handy-Foto. Fast eine Viertelstunde stehen wir dort, und während wir Hiesigen erörtern, ob Hunde denn nun denken können oder nicht, ist Mathias, der Jenseitige, einfach, ist Zentrum, ist im Zentrum. Mit diesem kleinen grauen Hund auf seinem Schoß scheint sich in diesem Moment die Welt um ihn als Mittelpunkt zu drehen, und ich werde Zeuge dessen, was eine Freundin über ihn gesagt hat: "Wenn Mathias kam, ging die Sonne auf!"

Schreckliche Fragen
Seit meinem ersten Besuch sind einige Tage vergangen. Ich gehe meine Notizen für diese Reportage durch. Als ich das Interview mit Carin Hasenbank vorbereite, stelle ich überrascht fest, dass ich an die Frage bisher überhaupt nicht gedacht habe. Sie stellte sich einfach nicht. Nicht für mich. Aber: Wie ist das für die Menschen, die mit Mathias zusammenleben? Die ihn kennen, "so wie er vorher war"? Als ich der Mutter auf der sommerlichen Terrasse gegenüber sitze, frage ich: "War da eigentlich irgendwann einmal der Gedanke, ob es vielleicht besser gewesen wäre, wenn man Mathias nach seinem Kollaps nicht reanimiert hätte?" "Das ist eine ganz schreckliche Frage!", kommt die Antwort. Aber dann, nach einigem Zögern, nickt Carin Hasenbank. Ja, diesen Gedanken habe sie gehabt. Und noch nicht einmal ganz am Anfang, als noch so gut wie keine Kommunikation mit Mathias möglich gewesen sei. Erst später, als er nach einem halben Jahr in verschiedenen Reha-Einrichtungen wieder nach Hause kam. Als sie ihn in diesem Zustand in der vertrauten Umgebung gesehen habe, sei sie für Momente innerlich zusammengebrochen. Und habe an Mathias' eigene Aussage kurz vor seinem "Tod" gedacht: Wenn ihm so etwas passieren würde, wolle er nicht mehr leben.

Aber Mathias' Gegenwart, das tägliche Zusammensein mit ihm hat diese Frage längst ausgelöscht. Auch wenn sich das Familienleben von einem Tag auf den anderen radikal verändert hat und oft schwierig zu bewältigen ist: alle sind dankbar und glücklich, dass Mathias lebt. Dass er Schritt für Schritt wieder zurückfindet. Und dass durch sein Sonder-Sein Besonderes in die Welt kommt, Zukünftiges: Mathias zwingt uns durch den Zustand, in dem er sich befindet, zu Beginn des 21. Jahrhunderts Ernst zu machen mit dem, was Rudolf Steiner "die michaelische Denkweise" nennt - uns zu verabschieden von der Vorstellung, dass wir das, was den Menschen ausmacht, mit unseren physischen Sinnen erkennen könnten: "Man sieht nur Mineralisches. Die wirklichen Menschen (...) sind unsichtbar, sind übersinnlich. (...) das macht die michaelische Denkweise aus, dass man aufhört, den Menschen anzuschauen als dieses Konglomerat von mineralischen Partikelchen, die er nur in einer gewissen Weise anordnet". Wenn Noah Möhle sagt, dass Mathias für ihn "immer noch derselbe Mathias" sei, hat er genau diesen Entwicklungsschritt vollzogen.

Auch Mathias selbst hat einen großen Schritt getan. Als sich anlässlich seines letzten Geburtstages etliche seiner Freunde um sein Bett versammeln, wird er unruhig, zeigt schließlich deutliche Zeichen von Unmut: Mathias muss sich durch seine Situation dem stellen, dem er immer ausgewichen ist: offen und vor aller Welt Schwäche zu zeigen. "Ein Krieger nutzt alle Gelegenheiten, sein eigener Meister zu werden", schreibt Coelho . Mathias, daran habe ich keinen Zweifel, ist so einer. Ein Krieger, der den Weg frei macht, für sich selbst und für alle, die sich auf ihn einlassen. Ein Pro Evolution Zocker eben.