magazin info3/archiv/Oktober 2006

Redaktionstagebuch

Von Jens Heisterkamp

Dialog
"info3 -Anthroposophie im Dialog" so lautet seit kurzem der Titel unserer Zeitschrift. Das früher eindeutige "Anthroposophie heute" weicht dem zweideutigen "Dialog". Wer in Zukunft allerdings ein butterweiches "anything goes" befürchtet, kann beruhigt werden. Dialog kommt vom altgriechischen "dialégomai" und bedeutet soviel wie ein Zwiegespräch führen. Während der Monolog das Gespräch einer Person mit oder vor sich alleine ist, lebt der Dialog vom Gespräch zwischen zwei oder mehreren Parteien. Sein wichtigstes Element ist die Rede und die Gegenrede.

Dialog ist also nicht automatisch Harmonie, sondern kann Streit, Konflikt und den Austausch von klaren Standpunkten bedeuten. Wer den Dialog sucht ist bereit, sich mit anderen auf dieses schwierige Terrain zu begeben. Der Dialog sucht nicht das harmlose, in seinen Positionen verharrende Nebeneinander, sondern vor allem die Chance, sich mit anderen weiter zu entwickeln.

Die Fähigkeit, eigene Positionen mit aller Kraft argumentativ zu verfechten und sie gleichzeitig mit Hilfe anderer Erkenntnisse und Erfahrungen zu transzendieren, ist eine noch zarte, zu entwickelnde Fähigkeit, der zur Zeit noch große Hindernisse entgegenstehen. Der provokativen Rede folgt oft nicht die kämpferische Gegenrede, sondern die Attitüde des Beleidigten, der Aufruf zum Boykott oder auch gleich die nackte Gewalt - so hat es kürzlich auch Papst Benedikt zu spüren bekommen (siehe unseren Artikel).
Sebastian Gronbach

Buchmesse
Für Kurzentschlossene: Besucher der diesjährigen Frankfurter Buchmesse finden info3 am Gemeinschaftsstand der Mediengruppe Kulturell Kreative, Halle 3.1, C 128 und haben dort Gelegenheit zum Gespräch mit den Redakteuren und ihren Gästen: am Donnerstag den 5.10. um 11.00 Uhr ist Annette Bopp, Medizinjournalistin aus Hamburg am Stand mit dem Thema "Medizin individuell"; am Freitag den 6. Oktober um 11.00 Uhr diskutieren die Redakteure Tom Steininger, Ron Engert und andere zum Thema "Evolutionäre Spiritualität versus Traditionen?", am Samstag den 7. 10. um 11.00 Uhr sprechen Mathias Schenk und Edgar Diehl zum Thema "Kunst im gesellschaftlichen Wandel", um 15. 00 Uhr Sonja Student von der Integralen Initiative Frankfurt über "Ken Wilber -Entwurf einer Integralen Spiritualität". Wir freuen uns auf Sie.

Aufmerksamkeit
Kein Schwerpunktthema, sondern eine Titelgeschichte haben wir diesmal auf den Umschlag gesetzt: Die einfühlsame Reportage über einen jungen Wachkoma-Patienten, der allerdings alles andere mit seinem Leben ausdrückt als einen "permanenten vegetativen Zustand", als den die Schulmedizin sein Krankheitsbild definiert. Um das Begrenzte solcher Definitionen und die Weite der Wirklichkeit sehen zu können, braucht es eine andere Art von Aufmerksamkeit, die mit Liebe zu tun hat. Genau darum geht es auch in den beiden literarischen Miniaturen über das Thema Aufmerksamkeit von Kathrin Schanze und Laszlo Böszörmenyi - und insofern runden sich diese Beiträge zusammen mit dem Text über das Mitleid von Alfons Limbrunner doch zu einem untergründigen Schwerpunktthema. Wir wünschen eine inspirierende Lektüre!