Erleuchtung in den Dünen
Wie Gott in Gummilatschen durchs Weltall transzendiert
Von Sebastian Gronbach
Als unser Redakteur Sebastian Gronbach in diesem Sommer in Holland war und an einem dieser enorm heissen Tage über die Dünen zum Strand ging, erinnerte er sich an einen Gedanken den ich irgendwo einmal gelesen hatte...und dann: Sonnenstich oder Erleuchtung?
Ich hatte gelesen, dass selbst die größten, strahlendsten und heiligsten Dinge durch einen winzigen Fleck verdunkelt werden könnten. So unglaublich es klingen möge, selbst unser kleiner Finger wäre in der Lage die Sonne verschwinden zu lassen. Ich blieb also in meiner roten Badehose und den blauen Gummilatschen stehen, legte meine Strandsachen neben den Weg und hielt meinen ausgestreckten kleinen Finger gegen die Sonne - und tatsächlich: Im richtigen Winkel verdeckte die Spitze meines kleinen Fingers diesen unvorstellbar großen Himmelskörper. Ich wackelte ein wenig mit meinem Finger und bereits eine winzige Bewegung nach links oder rechts und die Sonne war wieder da.
Auch in mir scheint eine Sonne, so wie sie in Ihnen scheint und in unseren Kindern und in jedem Menschen auf diesem Globus. Wir alle kennen diese Sonne, aber entweder haben wir uns so an sie gewöhnt, dass wir uns ihrer nicht mehr bewusst sind, oder irgendetwas steht so ungeschickt zwischen ihr und uns, dass wir blind für dieses Wunder sind. Wir spüren ihre Wärme und denken uns große Mythen aus, was wohl hinter dem kleinen Finger wäre. Dabei müssten wir einfach einen Schritt zur Seite machen um zu sehen, was Sache ist.
Einladung in die egofreie Zone Es gibt eine Reihe von Methoden das zu tun. Eine geht so: Alles, was wir tun müssen, um an den Ort zu gelangen, wo wir ganz im Licht stehen, ist auf ein bestimmtes Gefühl, eine direkte Empfindung oder wie manche sagen würden, eine Intuition zu schauen, welches Sie ganz sicher kennen.
So verschieden wir in Alter, Geschlecht, politischer Meinung und Herkunft auch sein mögen, es gibt einen Ort, an den Sie und ich uns jederzeit begeben können und an dem wir identisch das Selbe empfinden, an dem wir identisch das Selbe fühlen, wahrnehmen und erleben. Es gibt einen Ort, an dem wir beide uns in totalem Vertrauen und unendlicher Daseinsfreude gegenseitig in den Armen liegen können. Um diesen Ort aufzusuchen, ist es wichtig, zwei Dinge von uns beiden wissen. Erstens: An diesem Ort werden Sie nicht Sebastian Gronbach begegnen (ich hoffe, Sie sind jetzt wenigstens ein wenig enttäuscht) und zweitens, sie werden das zurücklassen, was Ihren Namen trägt. Sie werden Ihren Vornamen ablegen und Ihren Nachnamen. So wie ich. Wir werden uns begegnen als dasjenige, was wir waren, bevor wir geboren wurde, als dasjenige, was wir waren, bevor unsere Eltern geboren wurden, und als dasjenige, was ungeboren und unsterblich ist. Dies ist eine Einladung an einen Ort, an dem sie nichts mehr trägt, weil wir dort das sind, was trägt. Dies ist eine Einladung in die egofreie Zone.
Vielleicht denken Sie, dass dies kompliziert sei und eine Menge Übung braucht, aber das ist nicht so. Gehen wir also zu diesem Ort. Er ist ganz nah und direkt vor uns. Die Tür geht auf, wenn Sie sich an das erinnern, was Sie immer schon wussten. Ganz leicht und unmittelbar geht das. Sie müssen nichts tun, nichts meditieren oder sich anstrengen. Es geht um das Gefühl, dass ich im Grunde heute der selbe Mensch bin, der ich gestern war. Dass ich im Grunde noch derselbe bin, der ich vor einem Jahr war, und, wenn ich so weit zurückschaue, wie es irgend geht, ich im Grunde noch der selbe Mensch bin, der ich immer war. Ich kann mich an überhaupt keine Zeit erinnern, an der ich nicht dachte, dass ich der bin, der ich bin.
Nun, ich glaube, dieses etwas unspezifische, dennoch klare, einfache und authentische Gefühl kennen Sie auch. Es hat nichts mit Wissen zu tun, nichts damit, was unser Schicksal, unser Job oder unsere Aufgabe ist, es ist das einfache Gefühl des Seins oder des Seienden, welches Sie auch jetzt spüren können. Es ist immer sofort da, wenn wir darauf schauen. Wir müssen nur einen Schritt zur Seite machen und das Gefühl leuchtet uns an.
Als Kind kannte ich dieses Gefühl schon und obwohl mein Körper gewachsen und gealtert ist, obwohl ich heute anderen Gefühle, andere Ängste und andere Freuden habe, als vor einem Tag, einem Jahr oder vor einigen Jahrzehnten, obwohl ich mir heute über andere Dinge den Kopf zerbrechen als früher, obwohl Menschen um mich herum geboren und gestorben sind, obwohl sich wirklich alles in den vielen Jahren verändert hat, gibt es etwas in mir, was sich eben nicht verändert hat.
Ich denke es ist so, dass auch Sie fühlen, dass es heute etwas in Ihnen gibt, seit dieser frühen Kindheit, seit einer Wochen, einem Monat oder vielen Jahren, dass es also etwas gibt, das sich immer noch ganz genau gleich anfühlt wie damals. Sie kennen dieses unveränderte und grundlegende reine innere Gefühl der Ichheit. Damals wie heute gibt es etwas, was all die Jahre, die Höhen und Tiefen der Zeit überdauert hat - dieses Gefühl zu Sein.
Der große Kosmoskuchen Dieses Gefühl der Selbstgewissheit ist gar nicht besonders spektakulär, es ist einfach da, es ist einfach das, was Sie immer schon kannten, es ist vielleicht nicht besonders effektvoll und aufregend (weit weniger als verliebt zu sein, oder irgend jemand so richtig bescheuert zu finden), aber es ist ein Fühlen in absoluter Sicherheit - nur eben meist verdeckt oder zur Normalität verblasst. Aber wenn Sie darauf schauen, erkennen Sie das Gefühl des ICH BIN immer wieder.
Sie kennen es und ich kenne es auch. Dieses Gefühl ist nicht an Ihr Alter gebunden, nicht an Ihr Geschlecht und nicht an Ihren Namen. In dem Raum, in dem Sie dieses reine innere, andauernde Gefühl der Ichheit fühlen, spreche ich nicht mit Ihnen, die Sie diesen oder jenen Namen tragen. Ich spreche zu dir. Zu dir, der du ewig und zeitlos und in absoluter Sicherheit weißt: ICH bin, der ICH BIN. Ich spreche zu dir, der du keine Person bist, sondern dasjenige, was sich deiner Person bewusst ist. Ich spreche nicht zu deiner Funktion, nicht zu deiner Inkarnation, ich spreche zu dir und ich bin mir ganz sicher, dass du weißt, wen ich meine, weil du dieses Gefühl so gut kennst. Weil du dich fühlen kannst, weil du dich berührt fühlst. Genau und exakt dieses Gefühl kenne ich auch. Und exakt dieses Gefühl kennt auch dein Nachbar und meine Nachbarin und die Hebamme in Peru und die Studentin in Mailand und der Präsident in Washington. Jedes bewusste Lebewesen kennt dieses ICH BIN-Gefühl.
Sowenig ich jetzt zu Dir als Person mit Geschlecht, Funktion und Namen spreche, sowenig spreche ich als Sebastian Gronbach. Ich spreche als dasjenige, was sich Sebastian Gronbach bewusst ist, und du liest dies hier nicht als ein bestimmter Mann oder als eine bestimmte Frau, sondern du liest es durch diese Person, die du im Spiegel betrachten könntest. Du bist dasjenige Wesen, was sich des Mannes oder der Frau bewusst ist, der oder die diese Zeilen liest. Du wusstest immer schon, dass es dich gibt - jenseits des Spiegels. Wir begegnen uns jetzt in diesem "ICH BIN, der ICH BIN"-Gefühl. Dieses Gefühl ist nicht an diese oder jene Person gebunden, es ist transpersonal.
Erinnern Sie sich: Wir reden immer nur noch von diesem einfachen Gefühl, welches uns seit immer begleitet, nämlich, dass etwas in uns gleich geblieben ist durch alle Zeiten. Dieses kleine Gefühl gibt uns einen Geschmack von dem ganz großen Kosmoskuchen.
Wenn wir in diesem diskreten Gefühl stehen, dann fühlen wir, was alle fühlen. Alle stecken ihren Finger in diesen Kosmoskuchen hinein und wir schmecken alle dieselbe Ichheit. In diesem Moment hebt sich auf, was Finger ist und was Kuchen ist. Kuchen und Kuchennascher sind im Moment des Naschens durch eine Metamorphose gegangen und kommen als Kuchen aus dem Ofen, der sich selber schmecken kann. Der Kosmoskuchen wird sich seiner selbst bewusst. Das ist der non-duale Augenblick und der schmeckt köstlich.
Nicht dieses individuelle, an ein bestimmtes Erdenleben gebundene egoistische Ich fühlen wir, wir fühlen dann "nicht ich, sondern Christus in mir". Christus ist aber dann kein autonomes existierendes Wesen mehr, welches man irgendwo draußen oder auch drinnen suchen und finden kann. Es hat seinen eigenen Mythos aufgegeben, es ist nun eine Leere, ein Abgrund, ein Loch der Freiheit, "welches nichts trägt, sondern von uns getragen werden muss".
Christus ist dann eine "mystische Tatsache", ein grandioser Ausdruck Steiners , um deutlich zu machen, dass ein Mythos, der sich selbst kreuzigt, zu einem Sosein auf einer umfassenderen, höheren Ebene aufersteht.
In diesem Raum atmet eine Gegenwart, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft umfasst. Dieser Raum ist ein Lichtraum ohne Grenzen und wenn wir ihn betreten, so Rudolf Steiner über dieses einfachen Augenblick, ist "das uralte-herrliche göttliche Licht wieder da; es leuchtet obwohl es kein naturhaftes ist. Und der Mensch vereinigt sich in der Gegenwart mit den geistigen kosmischen Leuchtekräften..." .
Brüder im Dialog Ich finde das seltsam. Da schaut man auf ein einfaches Gefühl, das man schon immer kennt, vielleicht auf das einzige Gefühl, was man wirklich kennt, und, schwups, landet man bei Rudolf Steiner und steht mitten in der Gegenwart mit den geistigen kosmischen Leuchtekräften.
Aber so ist das, wenn man das zur Seite schiebt, was vor der Sonne steht. Es ist keine Zauberei, sondern einfach nur eine kleine Bewegung.
Jemand, der mir vor einiger Zeit ein paar dieser erstaunlichen Bewegungen gezeigt hat, die tatsächlich die Sonne haben erleuchten lassen, ist Ken Wilber. Wenn Sie das eine oder andere von Ken Wilber gelesen haben, sind Ihnen Worte und Inhalt des oben stehenden Textes vielleicht vertraut vorgekommen, Sie haben das eine oder andere in Form oder Inhalt wiedererkannt, er hat mir geholfen, eine Brücke zu Ihnen zu bauen.
Vertrauter als Wilber ist mir aber Steiner. Ich weiß nicht, wie viele Bücher ich über Anthroposophie gelesen habe. Immer wenn ich umziehe, bin ich der Meinung, dass es ein paar Kartons zuviel sind. Ich habe auch keine Ahnung, wie viele Bücher oder Vorträge ich von Rudolf Steiner gelesen habe. Es müssen einige Tage Lebenszeit gewesen sein, die ich mit diesem Mann verbracht habe. Ich habe gelesen, was er gesagt und geschrieben hat, habe gelesen, was andere über ihn, sein Gesagtes und Geschriebenes sagen, und was wieder andere über das sagen, was die, die über sich sagen, sie hätten über ihn was zu sagen, gesagt haben. Hab' ich alles gelesen. Und ich habe neben vielem, was ich nicht verstanden habe, doch das ein oder andere ganz gut kapiert.
Und dann las ich Wilber. Wilber sagte fast nichts über Steiner, aber zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, jemanden zu begegnen, der wirklich, tief, tief, tief verstanden hatte, was Steiners Ding war, und der verstanden hat, es mich erleben zu lassen. So tief, dass es mit den Worten, die oben auf den Steiner-Buchseiten gedruckt waren, kaum mehr etwas zu tun hatte. Es war als hätte mich etwas durch eine historische Landkarte in die wirklich Landschaft gezogen. Und auf einmal wird aus der Kartenlegende mit diesen oder jenen Symbolen eine echte Lebenswelt und nur von ferne höre ich die Rufe, welche sagen, dass ein Tannenbaum etwas sei, das einen Strich habe und rechts und links drei Zacken. Der Tannenbaum, unter dem ich hier stehe, sieht aber ganz anders aus: Lebendig und saftig und duftend, ein wenig schief und so viel größer als sein Symbol auf der Karte. Ohne das Wissen meiner Karte, ohne den anthroposophischen Schulungsweg und ohne mein Studium wäre ich hier verloren, und ich bin auf einmal wieder froh über jedes Wort, welches ich über dieses Land lesen durfte, über all die Übungen und kleinen Schritte auf dem Weg zur Tiefendimension.
So verschieden Steiner und Wilber sind, immer dann wenn diese zwei Männer in großen Bildern ihre Erfahrungen beschreiben, dann klingen selbst die äußeren Worte, wie wenn zwei große Brüder sich unterhalten würden.
Wenn Wilber sagt: "Dieses tiefe innere Gefühl der Ichheit - ... Das ist ... der transpersonale Zeuge und das transpersonale Selbst" , rundet Steiner dieses Bild mit seinen Worten ab: "Der Mensch kann sich seine Menschenwesenheit voll erfühlen, indem er sich als freie Individualität gewahr wird".
Beide, Steiner und Wilber, beschreiben die exakt selbe Erfahrung, in dem sie, zunächst Steiner, erzählen: "Christus gibt mir mein Menschenwesen, das wird als Grundgefühl die Seele durchwehen und durchwellen. Und ist erst dieses Gefühl vorhanden, so kommt auch das andere, in dem der Mensch durch Christus sich hinausgehoben fühlt über das bloße Erdendasein, indem er sich mit der Sternen-Umgebung der Erde eins fühlt und mit allem, was in dieser Sternen-Umgebung zu erkennen ist, als Göttlich-Geistiges."
Wilber, aus einer anderen Zeit mit einer anderen, trans-christlichen Sprache, findet erstaunlich ähnliche Worte: "In der konstanten Zeugenschaft erreicht man seine erste wirkliche Befreiung von der Welt...Im Einen Geschmack erkennt man eine tiefe Befreiung, die darin besteht, dass man von der ganzen Welt frei ist, weil man die ganze Welt ist. Man atmet mit jedem Atemzug Galaxien ein, schläft die ganze Nacht als die Sterne. Sonne und Mond und herrliche Novä rasen und rauschen durch deine Adern, und dein Herz wird im Rhythmus mit dem ganzen liebenden Universum pochen." Der eine fühlt sich mit der "Sternen-Umgebung der Erde eins". Der andere "schläft die ganze Nacht als die Sterne" und beide beschrieben aufs Komma dieselbe Erfahrung.
Dasjenige Wesen, welches als Rudolf Steiner sprach, dasjenige Wesen, welches als Ken Wilber spricht, dasjenige Wesen, welches sich deiner bewusst ist (du) und diesen Text liest, und dasjenige Wesen, welches diese Text schreibt, sind alle integraler Bestandteil derselben inneren Ichheit. Wir alle sind als WIR aufgehoben und sind als ICHe ein ES, mitten in dieser Sternen-Umgebung. Wir alle sind integrale Teilhaber des einen Göttlich-Geistigen. Wir sind alle dieses EINE.
Wir sind dann nicht diese personalen Gronbachs oder info3-Leser, wir sind dann nicht ich, sondern Christus in uns, wir sind dann nicht Wilber, sondern die einzige Ichheit, der einzige transpersonale Zeuge, das einzige transpersonale Selbst. Wir sind DAS EINE. Vor allem aber sind wir es genau jetzt, in diesem Augenblick.
Was wir auch tun, tun wir an uns, was wir auch einem unserer Geringsten antun, tun wir an uns - an dem ICH BIN, der ICH BIN, an dem Einen, welcher identisch ist mit dem, was wir immer schon waren, sind und sein werden. In der "kreativen menschlichen Tat des Anerkennens", so van der Meulen, "erhält Christus eine Gestalt, eine Wirkung und ein Wesen. Ein größeres Paradox ist nicht vorstellbar: Christus ist in seinem Wesen abhängig von unserem Wesen ... ein Unterschied zwischen mir und ihm existiert nicht mehr". Oder wie Steiner sagt: "Bezeichnungen für den Christus, die anders sind als das "ich bin", sind nicht richtig. Wir können nie von "Er" sprechen." Christus ist kein Er, auch kein Es. Er ist "Ich bin." Das Ich ist der Weg und die Wahrheit. Wenn Christus kein Er ist, hat er auch keine Biographie. Seine Biographie ist eine ganz bestimmte Erzählung, die man kennen kann, aber auch als Illusion hinter sich lassen muss. Illusionen kann man erst hinter sich lassen, wenn man sie kennt. - So wirkt "Tradition, Discours", usw. Um das "Ich bin" zu erleben, muss man seinen eigenen Discours opfern. Opfern ist schmerzvoll. Wilber schlussfolgert in dem Satz "Bekenne, dass du Gott bist" , was Steiner vor ihm postuliert hat: "Anstelle Gottes, den freien Menschen" . Wenn Wilber fordert "Erkenne deinen eigenen Geist als in Ewigkeit eins mit dem universalem Geist", dann folgt er Steiners Meditation: "In mir ist Gott - ich bin in Gott."
Ich finde es so verdammt schön mitzuerleben, wie meine geliebte Anthroposophie aus einem bestimmten und bereits vollendeten Stadium in ein noch "umfassenderes Morgen" geboren wird. Anthroposophie ist alles, was sie immer schon war und darüber hinaus so viel mehr.
Seit ich das alles in einem strahlenden andauernden Moment erleben durfte, hat sich viel getan, was mich überrascht hat. Auch wenn ich weiß, dass meine spirituellen Erfahrungen erst am Anfang stehen, wenn hoffentlich noch viele Dimensionen dazukommen und ich über die heutige Dimension einmal lächelt hinaus schauen kann, habe ich an etwas Großem teilhaben dürfen. Um so erstaunter war ich darüber, dass meine einfachen, menschlichen Gefühle kein bisschen nachließen. Sollte man nicht erwarten, dass man im Moment des Anschlusses an das höhere Selbst frei (auch wenn es erst der Anfang einer langen Story ist) von den Sorgen und Nöten der Welt wäre? Würden sich im Angesicht der eigenen Relativität nicht auch alle anderen Menschen und überhaupt alles relativieren? Das genaue Gegenteil war aber der Fall.
Wenn wir dieses Gefühl des göttlichen Seins fühlen, dann beginnt unser Mitgefühl mit allem, was ist. Unser Herz schlägt dann für die ganze Welt, aber ohne einen Herzinfarkt zu bekommen. Wenn wir diese "Geist-Wärme" fühlen, so Steiner, finden wir uns als freie Menschen mit den Göttern unseres Ursprungs wieder und wir begeben uns ohne "Verlust unseres Ursprungs" in unsere "rechte Zukunfts-Vollendung".
Willkommen im 21. Jahrhundert Diese "Zukunfts-Vollendung" geschieht nicht im Jenseits, sondern hier und jetzt. Auf der Erde. In diesem Leben, in dem man als Geheimschüler nichts von der "Poesie des Lebens, der Begeisterungsfähigkeit" einbüßt, wie Steiner sagt. Im Gegenteil "Leerheit bedeutet, dass man mehr Zuneigung empfinden kann, nicht weniger", so Wilber. (WIE, 61).
Dieser Prozess, in dem ich mich ausgeweitet habe, hat dazu geführt, dass ich mehr Wut über die aggressive Dummheit von Antisemiten entwickeln kann, dass ich noch mehr Trauer spüre, wenn ich den Schmerz der Kuh im Massentransporter fühle, dass es mich noch mehr rührt Kinder am ersten Schultag zu erleben, und ich bin noch verliebter in das Leben mit all seiner explodierenden Schönheit und seinem bodenlosen Schmerz.
Ich bin nicht herausgehoben aus dieser Welt, ich werde tief in ihren Abgrund gestoßen und gleichzeitig bin ich nicht von dieser Welt. Ich habe kein Bedürfnis, mich aus der Welt heraus zu meditieren. Ich will mich als Mensch andocken an meine hohen Ich-Ziele, werde tausend mal hinfallen und danebenliegen, will immer wieder versuchen die Ziele zu verkörpern, anderen dabei helfen, würde sie gerne in dieser Zeitschrift einfügen und habe Lust dazu sie mit anderen Menschen im täglichen Miteinander zu verankern.
Dann fühle ich diese Welt, dann fühlt diese Welt uns "und uns fühlt jetzt ein Gotteswesen" , welches unseren individuellen Geist erfasst, so dass dieser individuelle Geist in dem absoluten Geist aufgehoben ist, wie Hegel vielleicht sagen würde. "Sich als Geist finden in sich selber", führt uns in die Freiheit. Dieser Geist aber ist keiner, der von außen auf uns zugeflogen kommt, keiner, der uns erscheint, sondern "der wahre Geist, in dem wir uns finden können, ist der allgemeine Menschengeist, den wir als einziehende Kraft des heiligen Geistes erkennen, den wir in uns selbst gebären müssen..." . Das Erlebnis, "wie Gott sich seiner selbst in mir bewusst wird" , erlöst nicht nur von archaischen Bildern, Mythen und Religionen, es verlangt auch eine neue individuelle Ethik. Einen ethischen Individualismus à la Steiner, in der jeder Mensch aus sich heraus handelt, eine Ethik, in der er nicht fragt, "wie würde Gott, der Papst, Steiner oder Wilber handeln", sondern in dem er sich selber folgt und sich fragt "was für mich in dem individuellen Falle zu tun ist" . Mit dieser Tat wird die letzte duale Grenze zwischen Gott und dem Menschen eingerissen. Willkommen im 21. Jahrhundert.
Wenn das Pfingstfest mit seinem Geist der freien Individualität und das Tauffest mit seinem Geist der allgemeinen Menschheit an einem Tag gefeiert werden, dann ist dieser absolute Geist Gegenwart, dann sind wir dieser absolute Geist und nichts auf der Welt ist mehr außerhalb von diesem Geist, nichts ist dann mehr außerhalb von uns, wir sind das Weltenall und der Seelengrund. Und wir fürchten uns vor nichts mehr und kennen doch alle Ängste aller Wesen, weil wir diese Wesen sind und diese Ängste und ihr Trost. So fühlt Gott. Wir sind Gott und haben endlich erfahren: "Gott ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch".
Wir sind Götter und gleichzeitig sind wir einfach nur Ego-Menschen. Alberne Gestalten, die in einer roten Badehose und blauen Gummilatschen auf einer Düne stehen, den kleinen Finger in die große Sonne halten und sich einbilden, sie hätten auch nur irgendetwas verstanden. Wie lächerlich schön.
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