Die Bedeutung der Meditation für die eigene ENtwicklung
Licht und Schatten - Das Spiel im Licht
Von Michael Habecker
In Fortsetzung der Reihe "Licht und Schatten" (Ausgabe 12/2005 und 4/2006) erläutert Michael Habecker in diesem Beitrag die Bedeutung von Meditation (nicht nur) für die eigene Entwicklung, am Beispiel einiger ausgewählter Methoden. Auch diesmal stützt sich der Autor auf Veröffentlichungen von Ken Wilber und dem von ihm gegründeten Integralen Institut (1).
Was gaffst du viel, mein Mensch? Der Anti-Christ und's Tier (Im Fall du nicht in Gott) sind alle zwei in dir. (Angelus Silesius)
Der wahre Suchende ist der, der auf der Suche nach sich selbst ist. Gib alle Fragen auf außer der einen: "WER BIN ICH?" Schließlich bist du dir nur einer Tatsache gewiß: DU BIST! Das "ICH BIN" ist sicher, das "ich bin dies" ist es nicht. Bemühe dich herauszufinden, was du in Wirklichkeit bist. (Sri Nisargadatta Maharaj)
Beginnen wir mit einer Erläuterung, warum und wie Meditation funktioniert bzw. funktionieren kann, und wenden uns danach den praktischen Beispielen zu. Ein mittlerweile des öfteren zitierter Satz des Entwicklungsforschers und Autors Robert Kegan, mit dem er den inneren Entwicklungsvorgang zusammenfasst, lautet: "Das Subjekt einer Ebene wird zum Objekt des Subjektes der nächst höheren Ebene." Betrachten wir dazu das Beispiel des Entwicklungsschrittes der Individuation. Ein Kind "lernt" im Laufe seiner Entwicklung die Normen und Regeln der Eltern und Umgebung, und internalisiert sie bis zu einem gewissen Grad. Das nicht-reflektierte Selbstgefühl des Kindes ist das eines Mitgliedes einer Familie, es ist diese Gemeinschaft mit ihren Normen und Regeln. (2) Irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo das Kind sich von der überwiegenden Identifikation mit der Familie hin zu einem Individuum entwickelt. Es beginnt, die internalisierten Normen und Regeln innerlich zu objektivieren und zu reflektieren, und macht seine bisherige Identifikation zu einem Objekt innerer Betrachtung, mit den dazugehörigen Auseinandersetzungen, Abgrenzungen, Rebellionen, Kritik usw. Wird dieser Prozess auf eine gesunde Weise abgeschlossen, dann entwickelt sich der Teenager zu einem selbst-bewussten Individuum, welches in der Lage ist, die Vorstellungen anderer kritisch zu hinterfragen, Nützliches und Richtiges davon zu integrieren, und eigenständige Vorstellungen zu entwickeln und zu artikulieren. Das Subjekt einer Ebene (die Identifikation als Gruppenmitglied) ist zu einem Objekt (d.h. einem inneren Betrachtungsgegenstand) des Subjektes der nächst höheren Ebene (der individualisierte Teenager) geworden (3). Dieser Prozess setzt sich immer weiter fort, und wird in der Meditation unterstützt: wir setzen uns z.B. auf einen Stuhl oder ein Kissen, und beobachten den Strom unserer Gedanken - was diesen augenblicklich zu einem Objekt unseres Bewusstseins macht, und uns die Möglichkeit der Ent-Identifikation und Weiterentwicklung gibt. Darin liegt eine der großen Stärken von Meditation: der eigene Entwicklungsprozess wird beschleunigt.
Wir haben dann unsere Gedanken, Meinungen, Vorstellungen, Visionen oder was auch immer, aber wir sind sie nicht mehr, jedenfalls nicht ausschließlich, was ein anderer Ausdruck für Transzendenz und Entwicklung ist. (4) Und dies gilt für alle Inhalte unseres Bewusstseins, so lange bis wir zu dem erwachen, wer oder was wir wirklich sind. Dazu noch ein Zitat von Sri Nisargadatta :
"Um zu wissen, was du bist, musst du zunächst das untersuchen und kennen, was du nicht bist. Entdecke alles, was du nicht bist: Körper, Gefühle, Gedanken, Zeit, Raum, dies oder das. Nichts, was du konkret oder abstrakt wahrnimmst, kannst du sein. Gerade der Vorgang der Wahrnehmung zeigt, dass du nicht das bist, was du wahrnimmst. Je genauer du verstehst, dass du auf der Ebene des Verstandes nur in negativen Begriffen beschrieben werden kannst, umso schneller wirst du zum Ende deiner Suche kommen und realisieren, dass du das unbegrenzte Sein bist".
Aus der Fülle des Angebotes und Erfahrungsschatzes der spirituellen Tradition möchte ich nun einige (wenige) ebenso wirksame wie praktikable Methoden zur Meditation vorstellen, welche kürzlich vom Integralen Institut unter der Leitung von Ken Wilber in einem Integral Life Practice Starter Kit (5) zusammengestellt wurden, einem "Baukasten" für eine Praxis integralen Lebens.
Der Big Mind Prozess (6)
Dieser von Genpo Roshi entwickelte geführte meditative Prozess vereinigt westliche psychologische Elemente des "Voice Dialogues" mit östlichen Elementen der Zen-Meditation. (7) Er verbindet damit westliche Schattenarbeit mit östlicher "Lichtarbeit".
Ausgehend von der phänomenologischen Erfahrung, dass viele Inhalte des eigenen Bewusstseins sich bei Erwachsenen in Stimmen (8) (voices) artikulieren, die man in sich hören kann, werden bei diesem Prozess diese Stimmen nacheinander aufgerufen und in ihrer Bedeutung gewürdigt und anerkannt, um dann aber auch wieder losgelassen zu werden, um Raum zu geben für das ICH BIN, welches die Öffnung, der Rahmen oder die "leere Fülle" ist, in welcher all die Stimmen erscheinen. Der Vorgang unterscheidet dabei dualistische Stimmen, wie den Beschützer, den Controller, den Skeptiker, die Angst, das Opfer, das verletzte Selbst, das verletzliche Kind, Verlangen, den suchenden Geist - von transzendenten Stimmen wie: der Weg, allumfassender GEIST (Big Mind), allumfassendes Mitgefühl (Big Heart). Erstere geben dem relativen Aspekt des Menschseins Raum und Stimme, Letztere dem absoluten Aspekt - und somit kann diese Praxis einem dabei helfen, als ein "integriertes, frei-wirkendes menschliches Wesen" in der Welt zu sein, ohne gänzlich von dieser Welt zu sein.
Am Anfang steht das Kennenlernen, die Würdigung der positiven Aspekte und damit die Integration der relativen Stimmen, die, aus welchen Gründen auch immer, oft in den Schatten gedrängt wurden, von wo sie dann im Verborgenen unkontrolliert wirken. Gerade die spirituellen Traditionen haben manche von ihnen, so z.B. das Verlangen, für alles Leid in der Welt verantwortlich gemacht. Ohne Verlangen jedoch gäbe es keine Entwicklung und keinen Fortschritt. Das Problem besteht in der Anhaftung am Verlangen, und nicht im Verlangen selbst. Oder nehmen wir den Skeptiker, der in Zeiten des positiven Denkens keinen guten Ruf hat. Aber er bewahrt uns vor Leichtgläubigkeit und Bauernfängerei, und kann sogar, bei radikaler Anwendung, zur Erleuchtung führen, durch die Verneinung jeglicher phänomenaler Wahrnehmung bis zu dem, was - unleugbar - übrig bleibt, dem ICH BIN, wie im Eingangszitat beschrieben.
Das Wachrufen der absoluten Stimmen in uns - keine der Stimmen, relativ und absolut, müssen künstlich "gemacht" werden, sie sind alle in uns - erinnert uns an die Dimensionen unseres Seins, die frei von Zeit und Raum sind, unser ursprüngliches Antlitz.
Meditative Untersuchung (9)
Bei dieser Methode wird - in Anlehnung an klassische Meditationstechniken - der oder die Praktizierende dazu eingeladen, über das Denken hinauszugehen und im reinen, formlosen Bewusstseins zu ruhen.
Sitze aufrecht und atme natürlich ein und aus. Beginne damit, deine Atemzüge zu zählen, von eins bis zehn, und wenn du bei "zehn" angelangt bist, beginne wieder mit "eins" (10) Bringe so viel Bewusstheit wie möglich in diesen Vorgang, und vermeide ein mechanisches Zählen. Jeder Atemzug bringt dich in die Gegenwärtigkeit dieses Augenblicks. Achte auf die Ruhepunkte zwischen den Atemzügen. Du bist auf deinen Atem konzentriert, und tauchst gleichzeitig immer tiefer in das Geheimnis des Jetzt ein.
Wenn man in der Lage ist, das Zählen für etwa fünf oder mehr Minuten aufrechtzuerhalten, kann das Zählen losgelassen werden. (11)
Sei ganz gegenwärtig für alles was im Augenblick geschieht, und folge einfach nur noch deinem Atem. Wenn du bemerkst wie dein Geist umherwandert, kannst du dies sanft durch ein Fragewort untersuchen: "Vermeidung?" oder alternativ "Kontraktion?" oder "Wer bin ich?". Dabei geht es nicht um eine Analyse des Gedankens oder die Ursache seines Auftauchens. Bemerke den Gedanken, stelle die Frage, und kehre in den Augenblick zurück.
Diese Praxis kann mit der Zeit in die reine Gegenwärtigkeit des "nur Sitzens" führen, bei der die Aufmerksamkeit ganz in der Gegenwart ruht, und alle Erscheinungen und Formen in der Erfülltheit der Leere befreit sind. Diese Bewusstheit kann sich dann auch in das alltägliche Leben hinein ausdehnen.
Das 1-2-3 Gottes (12)
Wir stehen zu allem, einschließlich dem Göttlichen, dem Mysterium und großen Geheimnis, durch Perspektiven in Beziehung, was sich in unseren Sprachen durch die Pronomen einer ersten, zweiten und dritten Person ausdrückt: ich, du, er-sie-es...
Wir können über das Göttliche in der dritten Person denken, wissen und sprechen.
Wir können mit dem Göttlichen in eine Beziehung der zweiten Person eintreten und beten, fragen, empfangen und in Kommunion sein.
Wir können meditieren und uns selbst fühlend erleben und (er)kennen als das Göttliche in der ersten Person, unserer Quelle und unserem Sein.
Diese Dimensionen des Göttlichen können wir - in jedem Augenblick - erfahren und zum Ausdruck bringen:
Ich betrachte Gott als alles was erscheint - die große Vollkommenheit dieses und eines jeden Augenblicks. Ich trete in Beziehung mit dem Göttlichen als ein geliebtes, unbegrenztes DU, welches mir Segen und Vergebung schenkt, und dem ich mich mit Dankbarkeit hingebe. Ich ruhe in Gott als mein eigener Zeuge und ursprüngliches Selbst, dem ICH BIN der/die ICH BIN, eines mit Allem.
(Die Worte "Gott" oder "das Göttliche" können ersetzt werden durch das, was für die praktizierende Person für das Höchste steht, z.B.: "Geist", "Allah", "das Eine", "das Namenlose").
Das Göttliche der dritten Person zeigt sich in allem Wahrgenommenen, der Schönheit der Natur, der Ästhetik einer mathematischen Formel, den Bewegungen einer Tänzerin - und die objektivierende Wissenschaft und Erkenntnis singt das Lied dieses manifestierten Gottes der äußeren Betrachtung, und erforscht und würdigt ihn im Erkennen seines Wirkens. Tätiges Wirken, das Entdecken und Gestalten eines sich entwickelnden Gottes bzw. einer Göttin, der/die Form, Fleisch und Gestalt angenommen hat.
Das Göttliche der zweiten Person, das Du, zeigt sich in all unseren Beziehungen, und besonders in unserer Beziehung zum Göttlichen. Wir öffnen uns für das Geheimnis dieser Beziehung z.B. im Gebet:
In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe Ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt Den rechten Weg für mich. (Dietrich Bonhoeffer)
Das Göttliche der ersten Person ist das ICH BIN der/die ICH BIN, das lebendige Vermächtnis aller spirituell/religiösen Traditionen, als eine Einladung an alle Menschen, diese Dimension des Göttlichen zu erfahren und zu verkörpern.
Ja, ICH bin DU, dein SELBST, der Teil von dir, der ICH BIN sagt und ICH BIN ist. Dieser transzendente, innerste Teil von dir, der sich im Inneren regt, während du liest, der auf dieses mein Wort antwortet, der seine Wahrheit versteht, der alle Wahrheit erkennt und allen Irrtum ablegt, wo er ihn auch findet, - nicht jener Teil, der all diese Jahre von Irrtum genährt wurde. Denn ICH bin dein wahrer Lehrer, der einzig wirkliche, den du je kennen wirst, und der einzige Meister. ICH, DEIN göttliches SELBST. (13)
Veranstaltungshinweis: Im Rahmen einer Sommerakademie in der Steiermark vom 12. - 19. August 2006 können Sie Michael Habecker auch als Dozenten erleben zum Thema "Integrale Lebenspraxis - ein umfassender Ansatz für das menschliche Wachstum. Die Veranstaltung umfasst sechs Seminartage, sieben Übernachtungen in komfortablen Doppelzimmern. Begrenzte Teilnehmerzahl. Informationen und Kontakt über: Integrale Initiative Frankfurt am Main e.V. Löwengasse 27 B 60318 Frankfurt-Bornheim Fon: 069-469961-78 Fax: 069-469961-55
www.ii-frankfurt.de
1. Integral Life Practice Starter Kit Version 1.0, My ILP Handbuch S. 62. Das spirituelle Modul ist eines von vier vorgeschlagenen Basismodulen einer integralen Praxis. Die drei anderen Module sind: a) Körperarbeit (grobstofflich, subtil, kausal), b) das Schattenmodul, und c) kognitives Verstehen, z.B. Wilber's Integraler Ansatz (AQAL). 2. Dasjenige, womit wir identifiziert sind, ist uns nicht bewusst, es ist - in einem Bild - das Wasser, in dem wir wie ein Fisch schwimmen. Erst wenn wir aus dem Wasser herauskommen und Abstand gewinnen, erkennen wir, wo wir waren bzw. sind. 3. Eine misslungene Entwicklung kann a) in einer Fixierung liegen, einem Festhalten an "alten" Vorstellungen, ohne diese mit Abstand betrachten und ggf. loslassen zu können, bzw. b) einer Dissoziation oder Abspaltung, wo die vorherige Ebene nicht integriert (d.h. gute Traditionen bewahrt), sondern komplett negiert und abgespalten wird, eine Haltung die nicht trans-konventionell, sondern anti-konventionell ist, und damit keine Entwicklung darstellt. (Eine Haltung, die während der 68-er Bewegung verbreitet war). 4. Dies setzt jedoch voraus, dass wir bereits genügend "Schattenarbeit" geleistet haben, Projektionen zurückgenommen, und unsere Urheberschaft für unsere Geistesinhalte angenommen und richtig zugeordnet haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann verschlimmern sich durch Meditation die Probleme eher noch, und wir transzendieren nicht, sondern verstärken Dissoziation und Abspaltung, siehe den Beitrag "Das Spiel mit dem Schatten". 5. The Integral Life Practice Starter Kit Version 1.0, herausgegeben vom Integral Institute (www.integralinstitute.org), shambhala Verlag. Dieses Startset zur eigenen Integralen Lebenspraxis enthält 5 DVDs, 2 CDs, 3 Handbücher und 1 Poster. 6. The MyILP Handbook, p.66 7. Genpo Roshi ist autorisierter Zen-Roshi, und hat die Methode des Voice Dialogue bei Hal und Sidra Stone studiert, siehe z.B. Hal und Sidra Stone, Du bist Viele 8. Anstelle von Stimmen kann man auch von jeweils unterschiedlich entwickelten Persönlichkeitsaspekten sprechen. 9. The MyILP Handbook, Integral Inquiry p.65 10. Man kann dabei beim Einatmen und Ausatmen zählen, oder nur beim Einatmen, oder nur beim Ausatmen. 11. Dies kann sich durchaus erst nach einigen Jahren der Praxis einstellen 12. The MyILP Handbook, p.68 13. aus: Das unpersönliche Leben, S. 8
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