Über die Erlösung des Dunklen
Der Mensch: Ich und Schatten
Von Marianne Carolus
Will ich in mein Gärtlein gehen, Will mein Zwiebeln gießen, Steht ein bucklicht Männlein da Fängt gleich an zu niesen.
Vor rund 200 Jahren ließ Clemens Brentano gemeinsam mit Achim von Arnim dieses "alte deutsche Lied" aus des Knaben Wunderhorn erklingen. Es ist ein köstliches Kinderlied, und zugleich enthält es mehr Wissen über den menschlichen Doppelgänger als so manche psychologische Studie. Etwa zur gleichen Zeit entstanden damals aus der Feder englischer Autoren die Geschichte von Dr Jekyll und Mr Hyde (Stevenson), von dem Monster Frankenstein (Mary Shelley) und etwas später die Geschichte vom Bildnis des Dorian Gray (Oscar Wilde). Immer geht es dabei um Doppelgänger-Gestalten, die ein großes Geheimnis bilden, oft versteckt werden, dabei aber meistens wachsen und immer gemeiner und hässlicher werden - bis eben die Wahrheit ans Licht kommt. Die verborgene, dunkle Seite des Menschen, der Schatten, ist genauso "lebendig" wie die bekannte, "be-lichtete" Seite, vielleicht sogar lebendiger, wie es bei Dorian Gray deutlich wird, der mit Hilfe der Magie nach außen hin immer jung, schön, unveränderlich attraktiv bleibt - wie ein (totes) Portrait seiner selbst - während das verborgene Bild von jenen Spuren gezeichnet wurde, die Dorians (böse) Taten und Leiden in sein Wesen eingruben.
Diesen Wesens-Teil, der die Erinnerung an alle unsere Erlebnisse in sich trägt, die bösen ebenso wie die guten, ist tatsächlich lebendig und wächst - es ist der Lebenskörper. In der jüdischen Überlieferung ist die Figur des Doppelgängers, den sich jeder Mensch unbewusst erschafft, als der Golem bekannt. Und begleitet im Herrn der Ringe nicht auch ein Wesen Namens Gollum bis zuletzt den Ringträger?
Schatten gibt es nur, wo es Licht gibt. Wenn wir uns als physisch verkörperte Wesen von der Sonne "beleuchten" lassen, merken wir ganz deutlich, wie hell und warm unser Körper durch die Sonne wird; ganz überwiegend genießen wir das und freuen uns über die gold-braune Hautfarbe, die sich durch den wiederholten, nicht übertriebenen Genuss der Sonne bildet. Wir drehen uns beim Sonnenbaden, damit nicht eine kalte, blasse oder farblose Schattenseite auf unserer Haut entsteht. Das ist die äußere Sonne - sie ist uns bewusst.
Will ich in mein Küchel gehen, Will mein Süpplein kochen Steht ein bucklicht Männlein da, hat mein Töpflein brochen.
Die innere Sonne, das eigene, strahlende Ich im Zentrum der Seele, wirft genauso seinen Schatten. Aber er wird uns weit weniger bewusst. Die oben genannten Literaturbeispiele zeigen wunderschön, wie sorgfältig wir diesen Schatten verstecken und wie dramatisch die Momente sind, wenn sie "ans Licht" kommen. Ein Literaturbeispiel aus dem frühen 20. Jahrhundert sind die Mysteriendramen Rudolf Steiners. Deren Protagonist Johannes begegnet im ersten dieser Dramen zum ersten Mal seinem Doppelgänger. Er erlebt da seinen Schatten wie ein schreckliches Ungeheuer, wie einen wilden Wurm, einen Drachen. Er will ihn am liebsten einfach loswerden, aber er fühlt sich wie angekettet an dieses Wesen. Auslöser dieses Erlebnisses ist ein Schuldgefühl: eine junge Frau, seine Freundin, starb aus Gram, nachdem er sie verlassen hatte. Dieses Literaturbeispiel ist auch deshalb so schön, weil der hier gezeigte Schatten ebenfalls lebendig ist, weil er wächst, sich wandelt und sich allmählich von allen Seiten beobachten lässt. Erst im vierten dieser Dramen zeigt er dann seine Wurzeln: im alten Ägypten lebte die Seele des Johannes inkarniert in einer jungen Frau. Sie sitzt draußen auf den Tempelstufen in tiefem Kummer, weil ihr Freund sie alleine gelassen hat, um sich ganz dem Tempel weihen zu können. Vorher aber lernte Johannes sein Selbst auch noch in Gestalt einer mittelalterlichen Verkörperung kennen, wo er als Kind einer Mutter lebte, die aus Kummer darüber starb, dass ihr Mann sie verließ, indem er einem Orden beitrat um höheren Aufgaben dienen zu können. Dieses Verlassen-Werden erlebt er als doppelt schwer: der Vater verlässt auch ihn, und die Mutter stirbt, verlässt ihn also ebenfalls, außerdem werden in der Folge er und seine Schwester getrennt; so wird er völlig zum "Opfer". Als er dann später den Vater sucht und sowohl ihn wie auch die Schwester wieder findet, geht er aber auch in die andere Rolle: seine eigene geistige Wahrheit, sein höheres Ziel macht ihn nun dem Vater gegenüber unversöhnlich: er will ihm nie wieder begegnen. Der Schatten, der bei ihm während der Verkörperung in Ägypten entstand, geschaffen aus dem Gram, er trägt - im Verborgenen und Unbewussten - eben sein Karma, und prägt sein weiteres Schicksal.
Will ich in mein Stüblein gehen Will mein Müslein essen Steht ein bucklicht Männlein da, Hat's schon halb gegessen.
Wie "bauen" wir nun an unserem Golem, unserem Schatten, dem Doppelgänger? Was im 18. und 19. Jahrhundert von diesem Thema auftaucht zeugt von einem neuen Bewusstsein, einem neuen Licht, das nun erstmals diesen unbewusst vom eigenen L-Ich-t geschaffenen, lebendigen Schatten überhaupt kennen lernt und anschaut. Im 20. Jahrhundert waren es Freud, Jung und andere, die genauer hinschauten und nachforschten. Die Phänomene der Verdrängung und der Projektion wurden ans Licht gehoben. Das unbewusste Verarbeiten des Karma (unverarbeitete Erlebnisse und Erfahrungen aus der Vergangenheit, Schicksal des vorigen Lebens) folgt den geistigen Gesetzen und wird nun immer mehr auch vom selbstbewussten, verantwortungsbereiten Ich bewusst übernommen. Das Auflösen oder Befreien der Schatten ist nur dadurch möglich, dass er akzeptiert wird. Ihn zu akzeptieren ist nur möglich, indem er verstanden wird. Ihn zu verstehen - bis auf den Grund - ist nur dadurch möglich, ihn von allen Seiten zu sehen, zu erleben und zu erfahren. So führt das Karma zur Rollenvertiefung und zum Rollenwechsel - und zum Verarbeiten beider. Im Beispiel der Dramenfigur des Johannes war er als Kind verlassen worden; tatkräftig macht er sich jedoch auf den Weg, um die abgerissene Verbindung neu zu bilden; er erlebt sogar die andere Seite, den inneren Kampf, den Gewissenskonflikt und den bewussten Entschluss, jetzt seinerseits den Vater zu verlassen und sich von der Schwester wieder ein wenig zu distanzieren. Der eigene Schatten ist aktiv da, aber er wirkt noch ganz unbewusst, geistigen Gesetzen und geistigem Licht gehorchend. Das bewusste Verarbeiten beginnt eben damit: ihn nicht zu sehen und ihn nicht sehen zu wollen; damit, ihn nicht ertragen zu können, ihn zu verdrängen und zu verstecken; mit Leiden und mit Projektion; damit, passiv zu sein, nur konsumieren zu können; man geht zum Arzt, damit er Medikamente oder Massagen verschreibt, damit der Körper, dieses lästige Vehikel, repariert wird. Und wenn wir dann aktiv reagieren, reagieren wir ab - zum Beispiel am Partner, am Kind, am Hund, am zufällig greifbaren Ausländer, Autofahrer oder Kollegen - es gibt so viele, die genau jene Eigenschaften haben, die ich nicht ertragen kann...
Will ich auf mein Boden gehen, Will mein Hölzlein holen; Steht ein bucklicht Männlein da, Hat's mir halb gestohlen.
Ebenso wie wir uns durch Üben Fähigkeiten aneignen, geschieht es auch durch Erfahrungen. Diejenige Instanz unserer Organisation, die "lernt" - das ist eben dieser Schatten. Es ist dieser unsichtbare Doppelgänger zwischen Seele und Physis. Er verdichtet Erfahrungen zu Fähigkeiten, bildet aber auch Blockaden oder Krankheiten.
Bewusst in den Lebensleib oder den Doppelgänger hineinzuarbeiten, so wie es viele Menschen im Laufe des 20. Jahrhunderts zu tun begannen, das haben in der zurückliegenden Geschichte nur die "Eingeweihten" getan. Von diesen Vorgängen erzählen auf archetypische Weise die Mythologien, die Taten der Götter und Heroen der Vorzeit. Rudolf Steiner als moderner "Eingeweihter" warnt im Hinblick auf diesen Bereich: "Bevor der Mensch als Schüler bis zu dem Punkt geführt wird, dass er willkürlich an seinem Ätherkörper arbeiten kann, muss er wenigstens teilweise in die Lage kommen, das Karma zu beurteilen, Selbsterkenntnis zu erlangen ... (damit er) im rechten Augenblick den Hüter der Schwelle sieht: das Karma, das er noch abzutragen hat... Fange ich an, in den Ätherkörper hineinzuarbeiten, muss ich mir vornehmen, das Karma, das noch da ist, auszugleichen ... Es kann vorkommen, dass der Hüter der Schwelle auf abnorme Weise auftritt ... Wenn der Mensch sich zu sehr gewöhnt hat, nach außen zu schauen, hat er im Innern nichts zu sehen. Er kommt dann bald ins physische Leben zurück... Er verkörpert sich. Da mischt sich zu seinem alten Astralkörper der neue hinzu; das ist das vorhergehende Karma, der Hüter der Schwelle. Er hat dann sein früheres Karma fortwährend vor sich, dies wird eine eigentümliche Art von Doppelgänger .. und zwar jetzt gar nicht selten... Das wird immer stärker und heftiger werden, weil das Leben im Materiellen sich immer mehr ausbreitet..." (Grundelemente der Esoterik, Berlin, Sept. 1905)
Doppelgänger-Phänomene gehören zur Charakteristik der Grenze zwischen Astral- und Lebenskörper. So wie der physische Körper eine feste Form mit den Grenzen der Haut hat, ist der Ätherkörper dem Wasser vergleichbar. Wie das Wasser hat er eine spiegelnde "Oberfläche". Deshalb kann er uns auch wie unser Doppelgänger erscheinen - und deshalb kann er sich auch in unseren Mitmenschen spiegeln. Und deshalb lebt sich dieses Karma auch in den Beziehungen zu unseren "Angehörigen" aus. Wasser kann man nicht mit einem Messer in Stücke teilen. Wasser kann aber in einem millionenfachen Tropfen-Nebel verdunsten und alle Farben des Lichtes hervorzaubern. Alles Wachsen - die unerschöpfliche Lebensenergie - in seinen kosmischen Rhythmen ewig wechselnd: all das ist im Lebenskörper, im Doppelgänger.
Will ich in mein Keller gehen, Will mein Weinlein zapfen; Steht ein bucklicht Männlein da, tut mir 'n Krug wegschnappen.
In den Mythologien der Welt finden wir den großen Kampf der Götter gegen das Böse, gegen Teufel, Dämonen, Titanen oder Riesen geschildert. Der Kampf zwischen Kosmos und Chaos - wobei diese Dualität aus der ursprünglichen göttlichen Einheit hervorgeht; sobald eine Manifestation da ist, besteht auch Polarität. Sobald Licht existiert gibt es auch das "Nicht-Licht" oder den Schatten. Es entstehen beide, und in der Folge sind sie nun entweder im Gleichgewicht oder es überwiegt eine der Seiten. Indische Gottheiten finden wir oft vereint mit ihrer gegensätzlichen Hälfte dargestellt: den Gott mit der Göttin. Wir finden tibetische Götter mit ihrem friedvollen Antlitz und mit ihren zornigen Aspekten, in China Yin und Yang und das Tao der Mitte. In den Mythologien begegnen wir Tod und Leben, Teufel und Engel, Dunkelheit und Licht. Die am meisten bekannten Darstellungen des Schattens sind der Drache und der Teufel. In den Mythen herrschen die Götter in den Licht-Welten, während die Teufel und Drachen tief unter der Erde oder tief im Wasser hausen.
Makrokosmisch finden wir den "reinen", selbstlosen Lebensleib bei den Pflanzen, die vollkommen durch das kosmische Licht von Sonne und Planeten sowie ihrer Rhythmen bestimmt werden. Sobald tierisches Leben auftritt, entfernt es sich von dieser Reinheit, bildet einen Innenraum und ein Leben, das sich nach eigenen Bedürfnissen und Trieben richtet. In den Sauriern hatten sich dann buchstäblich riesige Drachen gebildet - nach einer Krise der Evolution entstand ein neues Gleichgewicht der Natur, und Säugetiere und Menschen betraten die Erde.
Wie sieht nun aber mikrokosmisch dieser ewige Streit zwischen Licht und Schatten aus - im einzelnen Menschen? Auch hier gibt es ein archetypisches Vorbild. Gott selbst hat es als Mensch vorgelebt. Jesus wurde im Wasser des Jordan getauft und ging dann in die Einsamkeit, wo das mit der Taufe gekommene Geisteslicht den Schatten sichtbar machte. Wir kennen sie alle: die Begierde, die sagt: "Ich will essen, ich will Brot". - Und der andere Pol, der sagt: "Ich ertrage diese Erde nicht - ich will sterben, damit ich nur zu schweben brauche in der Leichtigkeit meiner lichten Seele." Und wenn wir beiden Versuchungen gegenüber stark waren spüren wir die eigene Macht - und sie selbst ist die dritte Verführerin: "Knie nieder vor dieser Macht - lass die ganze Welt deine Macht erleben!" Hier haben wir auch bereits archetypisch die Phänome der Spiegelung und, wie sich später zeigt, auch jene der Projektion und des Schattens - alles Formen eines Phänomens, aber auf verschiedenen Ebenen stattfindend. Denn bei der Jordantaufe war das Ereignis schon ganz da: der junge Mann Jesus mit seinem lebenskräftigen Körper gelangt unter Wasser - bis zu dem Moment, wo die ganze Lebensgier und -lust wieder auftaucht und tief Atem holt, leben will und spürt, wie gerne er leben will - wie neu geboren. Der Körper will leben mit aller animalischen Lust auf gutes Essen und guten Sex. Dann aber gibt es die andere Seite des Menschen - seine Sehnsucht nach dem Himmel, nach der eigentlichen Heimat, nach dem Licht, dahin, wo der Mensch, wenn er stirbt, "wie ein weißer Vogel zum Himmel" steigt. Hier aber, bei der Jordan-Taufe, entsteht diese Verbindung mit dem Ursprung, steigt die weiße Taube des Geistes hinunter und Jesus weiß sich als Gottes-Sohn. Auch das dritte Element ist am Jordan, ganz konkret zwischen den beteiligten Menschen, schon da: ganz entgegen jeder Macht bittet Jesus demütig den Johannes, ihn zu taufen.
Drei Erlebnisse finden in der Wüste der Einsamkeit statt: Der Körper wird zum Tier (oder Teufel) voller Begierden. Die Seele wird zur Todessehnsucht (dem anderen Teufel). Und der Geist kann zur kalten Macht werden. Jesus aber wählt die Liebe und wird zu demjenigen, der seinen Schülern die Füße waschen will. Die drei Teufels-Versuchungen sind der von Jesus voll angeschaute Schatten in der Astralwelt. Sein nur dienen-wollendes Leben wird enden mit der von Judas aus Gier gewollten Konfrontation mit der damaligen weltlichen Macht. Auf die katastrophalen Folgen kann Judas nur mit dem Fallenlassen des Körpers, mit Suizid, reagieren.
Geh' ich in mein Kämmerlein Will mein Bettchen machen; Steht ein bucklicht Männlein da, Fängt als an zu lachen.
Sobald ein Mensch sein Ich als Licht, als Instanz der Erkenntnis und Verantwortung für das eigene Schicksal erlebt, lernt er seinen Schatten kennen. Manchmal in Form körperlicher Leiden; oder als Schicksal, beispielsweise in Form der Stimmung "ich kann es mit keinem Partner aushalten". Auch davon weiß bereits unser Kinderlied, und, ja, sobald der Mensch zu sich selbst und zur Ruhe kommt und das Männlein wirklich anschaut - da möchte es lachen. Es zeigt dann, wie es so bucklig, heuschnupfig, ungeschickt, hungrig, diebisch oder weinerlich geworden ist, wie es Garten, Küche, Dachboden und Keller vorfand. Dabei hat jeder Mensch seine eigenen Vorstellungen, die eben genau zu den eigenen Erlebnissen passen. Wer Anthroposoph ist, wird hier durchaus luziferische oder ahrimanische Gestalten wahrnehmen - fast immer erlebt man etwas sehr dunkles, meistens teuflische Gestalten, Monster oder den Tod.
Es gibt viele Beispiele, wo durch ein wirkliches Sich-Kümmern um dieses Schattenwesen gerade auch das wesentliche Merkmal des Lebensleibes: seine Verbundenheit mit allem Leben - in seiner ursprünglichen Reinheit (an der Stelle, wo es hingehört) wieder gefunden und wieder hergestellt werden kann. Für mich selbst war es in meiner Arbeit ziemlich erschütternd zu sehen, wie die schlimmsten "Teufel" grade oft von unschuldigen kleinen Kindern gebildet werden - wenn sie durch verheerende Gewalt sterben. Dazu folgende Geschichte, die sich für eine Patientin im Zuge einer Therapie ergab. Die Frau erlebte, dass sie immer eine hässliche und böse Hexe mit sich trug, die sie ständig fühlen ließ, wie wertlos und schuldbeladen sie war. Es stellte sich heraus, dass es sich um ihr Kind aus einem früheren Leben handelte, das sie aus einem furchtbaren Brand zu retten versucht hatte; es war aber bereits am Rauch erstickt. Als die Seele des Kindes noch gelebt hatte, war sie in Panik gewesen, nicht mehr bei Sinnen, und hatte sich dann mit seiner im Feuer erlebten Angst und Wut identifiziert. Als die Mutter es dann verzweifelt ins Freie getragen hatte, war es als Seele an die Mutter, in ein Knäuel von Selbstvorwürfen, Unverständnis und Gewalt, geheftet geblieben. - Ein anderes Beispiel ist der Fall einer Frau mit Wutanfällen, die für sie selbst und vor allem für ihre Angehörigen nicht nachvollziehbar waren. Sie entdeckt in der Therapiesitzung einen wilden Teufel. Er - und mit ihm der erste Wutanfall - war aus heiterem Himmel gekommen, als sie als fünfjähriges Mädchen ins Spiel vertieft war, und die Seele eines ähnlichen Kindes, das nicht weit entfernt auf einer Straße daherlief, abgelenkt durch das Spiel mit ihrem Teddybären von einem Lastwagen überfahren wurde. Die Seele dieses Kindes war blitzartig geöffnet worden und hatte sich dabei mit der vernichtenden Gewalt des Lastwagens identifiziert. Das völlige Unverständnis gegenüber dieser Gewalt bei der gleichzeitigen, entfernt ähnlichen Energie des anderen kleinen Mädchens führte zu einer Identifizierung, die in der Folge gerade immer dann, wenn das Kind in ein süß-verträumtes Spielen kam, zu einer Wiederholung dieser Gewaltausbrüche führte - was dann als "teuflisch" interpretiert wurde. Selbstverständlich befreit man in der Therapie diese Kinderseelen von diesen elementarischen Energien, die sie binden, und begleitet sie zu ihren lieben Angehörigen, die schon "im Licht" sind.
Andere eindrucksvolle Erfahrungen ergaben sich für mich in der Arbeit mit Patienten, die als Erwachsene oder als Kinder wirklich grausame beziehungsweise teuflische Erfahrungen gemacht hatten. Insbesondere gibt es ein grausames Phänomen, das ganz mit dem Schatten zu tun hat: wenn Menschen Lust am Quälen von Tieren oder Menschen erleben, zum Beispiel während des Krieges beim Töten von "Feinden", aber auch in anderen Situationen. Was die Liebe auf der einen Ebene (z.B. der Ebene des Astralen oder der Seelenwelt) ist, ist das Quälen, der sich auslebende Hass oder die Wut auf der physischen Ebene. Um das folgende Beispiel zu verstehen muss man bedenken, dass Seelen von gestorbenen kleinen Kindern oft noch viel Lebenskraft, Liebe und Bedürfnis nach der physischen Welt in sich haben; und wenn sie nicht wissen, dass sie tot sind, dann leben sie diesen Überschuss in der physischen Welt aus. Auch bei gestorbenen Erwachsenen verhält es sich so, aber die Wucht und die Lebensgier sind da oft geringer.
Immer wieder stellt sich in der Therapie heraus, wie allein dadurch, dass dieser Energie wieder an ihre richtige Stelle geholfen wird, sich ein solcher Hass wieder in Liebe verwandeln kann. So wie in diesem Beispiel: Eine Patientin fühlte sich von ihrem schon längst verstorbenen Vater oft gequält, bis ins Erwachsenenalter hinein, und leidet noch immer darunter. Vielleicht hat dies auch damit zu tun, so meint sie, dass sie sich vor Jahrhunderten einmal selbst umgebracht hat. Da hatte sie sich ertränkt, um ihren Mann damit zu treffen, aber das war ihr nicht gelungen, denn er wollte ihren Leichnam nicht einmal in die Wohnung lassen und sie wurde schließlich unehrenvoll außerhalb der Stadtmauern begraben. In der Sitzung finden wir die Seele noch immer bei dem Leichnam. Das ist eben das Paradox des Suizids: man meint, dass sich alles auflöst, wenn man stirbt - "alles" ist aber noch da und man bleibt nun gerade daran gefesselt, weil es nun keine Weiterentwicklung mehr gibt. Die Seele befindet sich tatsächlich voll Wut, Hass und Verzweiflung: sie wollte Ruhe und die hat sie nun nicht! "Sieh mal deinen Körper an, der hat jetzt Ruhe", versuchen wir in der Therapie zu vermitteln. Die Seele reagiert wütend, dass sie solche Ruhe nicht gemeint hatte - sie wollte Frieden! "Sieh mal deinen Körper an - der hat jetzt diesen Frieden..." Nun wird sie noch wütender und ich konfrontiere sie mit dieser Wut - lasse sie ihre eigene Wut anschauen, und wir entdecken, dass sie schon jahrelang so viel Wut in sich hatte. Wir gehen bis in ihre Kindheit zurück und schauen, wie es begonnen hat, und wie es vorher gewesen war. Vorher war es gut. Sie war ein eifriges Mädchen, ein Kind in einer Schule, in der eine strenge Lehrerin war, aber das hatte ihr gefallen, denn sie wollte doch so gerne lesen lernen ... Wie aber ist dann die Wut gekommen? Auf dem Schulweg, eine halbe Stunde zu Fuß auf dem Feldweg, als sie unterwegs war nach Hause, war da ein etwas älterer Junge, und dieser hatte sie getreten, an Rücken, Bauch und Schienbein - er hatte sie richtig gequält und das hatte ihm offensichtlich auch Spaß gemacht.
Wir gehen nun mit dem Jungen in ein Gespräch und er meint, dass es ihm gefällt, Tiere und kleine Mädchen zu quälen. Wir fragen ganz ernst, ob es ihn wirklich glücklich macht, ob er es freiwillig tut oder sich irgendwie dazu gezwungen fühlt. Er sagt, dass er nicht anders könne; er ist also unfrei darin, nicht glücklich, er sucht Spaß dabei. Zuhause schlägt ihn sein Vater mit einem Lederriemen; er schlägt auch die Mutter. Dann gehen wir mit dem Jungen zurück bis zu dem Zeitpunkt, an dem er noch Freiheit erlebte und wo es dann anders wurde. Dabei finden wir: Die Mutter ist schwanger. Der Vater schlägt zu. Das Ungeborene kann sich nicht wehren, sich nur zusammenrollen. Es merkt nicht, wie es stirbt... Die Mutter wurde noch einmal schwanger, und diesmal wurde ein Sohn geboren - aber die Seele des ungeborenen, getöteten älteren Bruders ging mit... und versuchte nun dauernd, den kleinen Bruder zu beschützen. So entstand die Wiederholung des Musters: unfrei, und mit aller unverstandenen Wut des Vaters und der Lebenskraft des kleinen Kindes war es diese anhaftende Seele, die den Jungen das "Ich-kann-nicht-anders" erleben ließ. In der Therapie kann die Seele des Ungeborenen nun den eigenen Tod und sein Schicksal entdecken. Der Junge sieht jetzt auch seinen Vater auf einmal anders: er hatte getrunken und war schwermütig.
Was nun aber in Form der Prügel auf der Landstraße von dem Jungen zu dem Mädchen übergegangen war - das war die ungeborene Seele (des älteren Bruders des Jungen), und zwar voller Liebe; aber eben ohne Körper. Es stellte sich heraus, dass diese Seele, wäre sie geboren worden, dem Mädchen hätte begegnen, es hätte lieben und heiraten wollen. Jetzt verband sie sich als unbewusst Gestorbene und Ungeborene körperlos mit dem Mädchen, das nun (gerade auch wegen dieser unsichtbaren Anwesenheit des "ersten" Liebhabers) in eine schlechte Ehe geraten war und Wut empfand - und einen Sog zum Tode hin. Erst jetzt, in der Therapie, konnte diese Seele wieder zu sich finden. Das Schöne ist dann immer wenn man fragt: wie hast du eigentlich werden wollen? Es stellt sich dann heraus, dass der Mann eigentlich hätte Musiker werden wollen. Auch entdeckt jetzt erst die Frau, dass in dem Moment, wo die Wut (also die Ungeborene) gekommen ist, sie eigentlich sich selbst und ihren Zukunftstraum verloren hat, nämlich den, Lehrerin werden zu wollen. Jetzt wollen die Seelen einander loslassen - und können es auch. Die Frau wird dabei jünger und "schicker" und sie zeigt, wie sie dann auch in der Kirche hatte vorlesen wollen ... Beide verstehen (und können es deshalb akzeptieren), dass diese zwei Seelen in einem Körper zu viel Spannung verursachten. Und sie verstehen, dass nicht nur die Wut, sondern auch diese heillose Verbundenheit dazu geführt hatte, dass die Frau sich ertränkte - dass eben der Körper nach diesem "halben" (und zugleich "doppelten") Leben schon tod-müde gewesen war.
Anschließend wird dieser Körper geehrt. Als der Ungeborene sie loslässt, kann sie ihre eigene "goldene Kugel" wieder zu sich nehmen. So ist es ihr auch möglich zu sehen, dass gar nicht ihr Mann "an allem schuld" war. Sie kann jetzt in Kontakt mit der Seele des Pfarrers treten und ihm ihre Lage zeigen, worauf dieser nun nicht mehr meint: "Das war Selbstmord, also ein Grab außerhalb der Stadtmauern", sondern von einem "Unfall" spricht, so dass sie einen Sarg und einen Trauergottesdienst in der Kirche haben darf. Ganz spontan wandelt sich dieses Begräbnis während des Therapieprozesses in eine Hochzeitsfeier, wobei der Ungeborene in Gestalt des Musikers die Frau in Gestalt der Lehrerin heiratet. Diese Heilung fand aber eben erst jetzt, in der Therapie, statt. Damals hatte der gestorbene Ungeborene sie in den Tod gezogen; auf der Astralebene waren sie verbunden geblieben und im jetzigen Leben gab er ihr als Vater einen Körper, der die genaue Spiegelung von damals und die Lösung des eigentlichen Problems enthielt: auf der Körper-Ebene wurde das Gleichgewicht zurückgefunden: Zwei eigene Körper, wobei die Seele, die ihr damals den Körper (halb) genommen hatte, ihr nun den Körper (halb, eben den väterlichen Teil) gab. Nur geschah das unbewusst und deshalb wiederholten die Seelen das alte Muster: Quälen, Wut, Spannung und Verzweiflung. Der gestorbene jetzige Vater wurde nun auch in den Therapieprozess einbezogen. Und tatsächlich stellte sich heraus, dass er die Ungeborene von damals war ("ja, die kennt er - die gehen zusammen"). Nun erkennen die Seelen sich und bestätigen sich gegenseitig, dieses Wiederholungsmuster nicht mehr zu brauchen.
Genauso wie Tier (Körper/Teufel) und Tod (Sehnsucht nach dem Geisterland/Teufel) zum Menschen gehören und zwar als Licht (ganz bewusst) oder als Schatten (eben unbewusst), verhält es sich mit der Macht, die als Liebe zum Dienen wird - die aber unerkannt zum kalten "Wiederholen" führt, zum toten, maschinenartigen Verhalten und auch zur "Fortpflanzung" des Alten. Allen Untergebenen wird dann der Stempel des Machtbesitzes aufgedrückt: die unheilvolle Verbindung von Tod und Fortpflanzung. Es ist der Schatten der Reproduktion. Dieser Geist führt in der richtigen Ebene, in der Natur, zum Pflanzenwachstum, zu Vermehrung, zu den Ähren und Früchten, zu den Ernten. In alten Zeiten spiegelte sich die Produktionskraft in den Menschengemeinschaften, die sich ganz ohne persönlichen Geist fügten, und einige trugen dann die Last der Macht. In der Moderne wandert diese Produktivität in die Fabriken. Während die "Produktion" automatisch immer weiter wächst, folgen die Seelen immer mehr ihrem eigenen, persönlichen Geist. Mit dem Licht des Bewusstseins das eigene Dunkel und das Unerlöste zu bescheinen, den eigenen Schatten liebevoll anzunehmen und ernst zu nehmen - das ist die Aufgabe dieser Zeit.
Dagegen wird immer etwas zum "Teufel", wenn es nicht mehr am richtigen Ort beziehungsweise in der richtigen Zeit steht. Jesus in der Wüste der Einsamkeit nimmt auch den Teufel ernst und gibt ihm auf liebevolle Weise Antworten - wie die, dass der Mensch nicht nur Körper ist und nicht vom Brot allein lebt, dass er als Mensch aber ebenso diesen wunderbaren Körper braucht, weil er nur dadurch auf dieser Erde lernen und handeln kann. Und zuletzt sagt er ihm, dass er keine Macht will, keinen Gehorsam von den Menschen, sondern dass er ihnen dienen und zeigen will, wie er sich selbst und seinem Vater treu bleibt, damit auch sie in aller Freiheit sich treu bleiben können, ihrem Heiligen Geist zu folgen statt äußerlich gehorsam zu sein (= der Macht folgen).
Wenn ich an mein Bänklein knie, Will ein bisslein beten; Steht ein bucklicht Männlein da, fängt als an zu reden: Liebes Kindlein, ach ich bitt, Bet' für's bucklicht Männlein mit.
Ja - wir haben eine Vergangenheit. Ohne ihre Fehler wären wir nicht geworden, was wir sind. Der Johannes der Mysteriendramen erlebt im letzten Drama seinen Schatten als den "Geist seiner Jugend" und er folgt ihm liebevoll: da ist die junge Frau außerhalb des Tempels, die ihren Kummer nicht ertragen kann: hier am rechten Ort zur rechten Zeit - unverarbeitet mitgetragen wie noch im ersten Drama (Jahrzehnte vorher spielend) das Ungeheuer des wilden Wurms, das schuld ist am Hinsterben der jungen Freundin. Die Arbeit am Schatten beginnt damit, ihn ernst zu nehmen. Und diese Stimmung ist eben "ein bisslein beten".
Stichwort
Äther- und Astralleib: Ähnlich wie in der Menschenkunde des Aristoteles sieht die Anthroposophie den Menschen als ein stufenförmig aufgebautes Wesen an, in dem die verschiedenen Reiche der Wirklichkeit als Schichten vertreten sind: neben dem physischen (grobstofflichen) auch der Bereich einer pflanzlichen Seele (Feinstofflichkeit) und eines seelischen (astralen) Körpers, wobei diese Körper als reale Kraft-Gebilde gedacht werden.
Mysteriendramen: In der Tradition der antiken und mittelalterlichen Mysterienspiele von Rudolf Steiner geschriebene Bühnenwerke, in denen die seelisch-geistigen Entwicklungsvorgänge einer spirituellen Gemeinschaft dargestellt werden. Entstanden zwischen 1910 und 1914, wurden sie ursprünglich von Laien aufgeführt; die insgesamt vier entstandenen Mysteriendramen gaben für Steiner den Anstoß, ein eigenes Gebäude für deren Aufführung zu schaffen (- Goetheanum); die Dramen, die durch ihre ungewöhnliche, mantrische Sprache sowie traditionalistische Inszenierungen schwer zugänglich sind, wurden von Marianne Carolus erstmals im Licht der Reinkarnationstherapie gedeutet.
Reinkarnationstherapie: Marianne Carolus praktiziert eine nicht-hypnotische Form der Reinkarnationstherapie. In tiefer Konzentration begibt sich der Patient, durch Fragen des Therapeuten angeregt, in seine tieferen Bewusstseinsebenen und erlebt dort in einem Zustand, den man als "bewusstes Träumen und Schlafen" bezeichnen kann, einen Strom von Impressionen, Bildern, Gefühlen und Körperempfindungen. Dabei übernimmt der Therapeut die Rolle eines "Navigators". Die Ausgangspunkte von Verknotungen oder Verstrickungen zum Beispiel in früheren Phasen der biographischen Entwicklung, im Kleinkindalter, in der pränatalen Phase oder in früheren Erdenleben werden aufgespürt und durch diese "Energiearbeit" verwandelt.
Die Autorin arbeitet als Reinkarnationstherapeutin in Rotterdam und in Bad Wimpfen am Neckar. Soeben erschien von ihr: Wie Schicksal spricht. Menschenkundliche Studien zur Reinkarnationstherapie. Schriftenreihe Kontext Band 8.
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