magazin info3/archiv/Mai 2006

Jelle van der Meulen im Gespräch

"Leiden ist eine aktive Fähigkeit"

Von Interview

Im Gespräch mit dem Autor Jelle van der Meulen über den Abgrund und die Fähigkeit zu leiden.

Was hast du als Philosoph einem arbeitslosen Maurer zu sagen?

Ich bin kein Philosoph, eher ein Dichter. Mein Ding als Schreiber ist mehr und mehr, schreckliche Schönheit in Worte zu fassen. Mein Buch Herzwerk hätte auch als Untertitel haben können: "Über die Schönheit des Abgrunds". Ich schätze die Wahrheit und vor allem das Gute, ich erlebe aber erst recht Freude, wenn es mir gelingt, die Schönheit in dem Schrecklichen zu finden. Das ist auch einer der Gründe, warum ich mich in Köln zu Hause fühle, weil diese Stadt eine Wunde ist. Ich bin in Arnhem in einem Haus aufgewachsen, das nach dem Krieg auf einer Stelle gebaut wurde, wo eine Bombe explodiert war. Diese Vorstellung, dass ich in einem Krater des zweiten Weltkriegs lebte, hat mich schon als Kind bezaubert. Von dramatischer Schönheit geht für mich eine unbegreifliche Bedeutung aus, die ich immer wieder mit der Würde in Verbindung bringe.

Ja, was würde ich als Dichter einem arbeitslosen Maurer sagen? Ich müsste mit ihm ein Kölsch trinken. Aber falls der Mauer unglücklich wäre, was natürlich nicht unbedingt so sein muss, würde ich ihm wahrscheinlich sagen, dass er die Chance hat, von sich aus etwas Wahres, Schönes oder Gutes zu machen. Er braucht seine Würde ganz und gar nicht davon abhängig zu machen, ob er einen bezahlten Job hat oder nicht. Ich finde in dieser Hinsicht die Debatte in Europa über Arbeitslosigkeit sehr deprimierend, als ob es um eine dunkle und kalte Sackgasse geht. Arbeitslosigkeit ist aber nur rein ideologisch eine Sackgasse. Wenn man will, kann man Arbeitslosigkeit auch als ein Nadelöhr sehen, einen schmalen Durchgang zu einem weiten neuen Feld, das man frei betreten kann und wo unheimlich viele Möglichkeiten locken. Ich überlege zurzeit, mich bei DM-Chef Götz Werner zu melden. Seine Idee jedem Mensch ein Grundeinkommen zu garantieren, kann grundsätzlich dazu führen, dass Menschen freigemacht werden, das zu tun was sie wirklich tun wollen.

Wann ist Scheitern eine Chance?

Rein gedanklich verstehe ich noch immer nicht, was Scheitern eigentlich heißt. Dass etwas nicht geklappt hat? Dass eine bestimmte, gewordene Begebenheit anders hätte sein müssen oder können oder eben sollen? Also, erwarte von mir an dieser Stelle keine großen Erkenntnisse! Wenn man wollte, könnte man sagen, dass Rudolf Steiner nach dem Brand des Goetheanums Ende 1923 hätte sagen müssen: meine Arbeit ist gescheitert. Oft habe ich den Eindruck, dass gerade viele Anthroposophen in einer verborgenen Ecke in der Seele, ja, in einer Sackgasse, das eigentlich auch so sehen. Ich bewundere Steiner gerade darum, weil er seinen Scheiterhaufen als ein Zeichnen des Abgrunds verstanden und angenommen hat. Er hat seinen Mitarbeitern und Freunden: bitte, legt los, gerade jetzt!

Wenn du selbst in finanzieller Not bist, was hilft dir dann - außer Geld?

Meine finanzielle Lage ist schon Jahren eine Gradwanderung. Das ist offensichtlich halt so, wenn man sich dazu entschlossen hat, ohne Vermögen trotzdem als "Berufs-Anthroposoph" zu arbeiten. Manchmal hätte ich gerne ein bisschen mehr Ruhe auf diese Ebene, das stimmt wohl. Die Unsicherheiten halten mich aber auch wach. Es ist, als ob all diese kleinen Stiche im Alltag mich anders auf die Menschen in den Gassen schauen lassen, auf die Menschen in den Zügen oder auf den Märkten. Diese Stiche nehmen eine gewisse soziale Blindheit weg. Auf einmal wird deutlich, dass die physische Existenz in Europa längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Ich würde sagen, dass mit dieser Tatsache Europa richtig in der Welt angekommen ist. Das Paradies der Modernisierung hat auch seinen Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Und auch sein Apfel ist unwiderstehlich.

Wenn man nur im Moment des Abgrunds wirklich "Ich" sein kann, wie du schreibst, soll dann jeder Mensch an den Abgrund? Schmerzen, Arbeitslosigkeit und Armut für alle?

Nein! Dieser Gedanke wäre aus meiner Sicht eine Art von Blasphemie, nicht auf die Götter, sondern auf den Menschen bezogen. Ich habe in Herzwerk nur sagen wollen, dass der Abgrund die Chance bietet, Ich zu werden. Ich bin zu der Ansicht gekommen, dass der Abgrund keine Metapher ist, sondern tatsächlich ist, das heißt geistig gesehen einen ontologische Status hat.

Über diesen Abgrund sind zwei Sachen zu sagen: er ist überall und er ist nicht so schlimm wie er aussieht. Man braucht nur in den Abgrund zu schauen. Das was sich im Abgrund befindet, das so genannte "Tier", sucht dringend Verwandlung. Schmerzen, Arbeitslosigkeit und Armut sind nicht da, um passiv durchlitten zu werden, nein, sie wollen verwandelt werden. Ist die soziale Dreigliederung von Steiner nicht gerade ein Versuch, das schwarze Loch auf der sozialen Ebene anzuschauen und zu verwandeln? Das Herz der sozialen Dreigliederung ist bodenlose Betroffenheit, die zu einer endlosen Bereitschaft führt, das soziale Leben immer wieder neu zu gestalten.

Also, der Gedanke, dass es gut wäre, dass es Armut gibt, weil man dann die Chance hat, Ich zu werden, geht am Wesen der Sache vorbei. Wir brauchen wirklich nicht aktiv dazu beitragen, dass Menschen zum Abgrund geführt werden. Die Weisheit, das zu machen, liegt, Gott-sei-Dank, noch immer bei den Göttern. Was wir aber machen können, ist ein würdigendes und spirituelles Verständnis dafür zu entwickeln was es heißt, in seinem Leben an den Abgrund geführt zu werden. Dann erhält das, was Bernard Lievegoed die Kultur des Herzens genannt hat, eine Chance. Und was die Armut angeht: ich glaube nicht, dass exzessive Armut ein persönliches Schicksal ist. Das kann man nur meinen, wenn man blind ist.

Was sagst du zu meinem Vorwurf, dein Buch baue eine "Schmerzfalle"?

Ich kann deine Kritik nachvollziehen. Die Schmerzfalle ist einfach da, und ich hätte ein Licht darauf werfen müssen. Was hat es auf sich mit dieser Falle?

Sie besteht darin, dass man die Gardinen zumacht und sich auf das Bett des Selbstmitleids legt. Für eine Weile ist das in Ordnung, weil man am Abgrund oft schon ein bisschen Erholung und eben Selbstmitleid braucht. Selbstmitleid heißt nämlich auch, dass man sich mit seinem Leid anfreundet. Wenn das aber zu lange dauert, führt das dazu, dass man den Abgrund wieder zumacht. Man schaut in das eigene Leid und nicht in den Abgrund. Es gibt aber noch etwas. Als ich deine Kritik las, dachte ich: in Herzwerk fehlt ein Kapitel mit dem Titel "Die Angst vor der Freude". Eigentlich kann man, so wie ich das Leben verstehe, Freude und Schmerz nicht von einander trennen. Ich verstehe Leiden nicht nur als Schmerz, sondern als die aktive Fähigkeit, Schmerzen und Freuden sinnvoll auf einander zu beziehen. Leiden ist eine aktive innere Tätigkeit, die bedeutungsvolle Beziehungen herstellt, und gerade nicht ein passives Durchhalten. Auch das heißt übrigens wieder nicht, dass Durchhalten immer verkehrt ist - es gibt auch Momenten und Phasen, wo es stimmt was Rainer Maria Rilke sagt: "Wer spricht von siegen? Überstehen ist alles!" Was mein Buch Herzwerk angeht: ich wollte ein sonniges Buch über den Abgrund schreiben. In diesem Sinne bin ich zufrieden, weil in den Beschreibungen zwischen den Worten viel Freude mitschwingt. Das Schreiben hat mir jedenfalls unheimlich viel Spaß gemacht. Ich muss aber genauso ehrlich sagen, dass ich an diesem Buch fast zerbrochen bin. Ganz abgesehen davon, dass ich fast zehn Jahre daran gearbeitet habe - es gibt ein Fragment, dass ich schon 1993 schrieb - hatte ich manchmal das Gefühl, dass das Thema ein Nummer zu groß für mich war. Vor allem meine Fragen in Bezug auf Christus haben mir richtig zu schaffen gemacht.

Wenn die Botschaft deines Buches in eine SMS passen müsste, was steht dann da?

"Du, Freund, ich bin unterwegs. Nix funktioniert, aber alles klappt."


Die Fragen stellte Sebastian Gronbach.