magazin info3/archiv/April 2006

Ein persönliches Plädoyer für die Erneuerung der Anthroposophie

Die Kraft des Dialogs

Von Jens Heisterkamp

Immer noch wird in der anthroposophischen Szene der Artikel von Felix Hau über Rudolf Steiner und das Christentum vom Mai letzten Jahres debattiert. Und ebenso wie dieser Artikel stößt mancherorts auch der Versuch von info3 auf wenig Verständnis, in Würdigung zeitgenössischer spiritueller Denker den ursprünglichen Rudolf Steiner wieder zu entdecken. Ein persönliches Plädoyer für die Erneuerung der Anthroposophie aus dem Geist des Dialogs.

In der mittlerweile 30-jährigen Entwicklung von info3 hat das dialogische Element eine lange Tradition, die weit vor meine Zeit als Redakteur zurückreicht. Anderen Strömungen nicht "missionierend", sondern mit Toleranz und Interesse auf Augenhöhe zu begegnen, gehörte hier zum guten Ton, lange bevor ich die Redaktion übernahm. Seit Mitte der 90er Jahre nahm aber die Sensibilität unserer Zeitschrift für die Spiritualität der Gegenwartskultur noch einmal spürbar zu: Spiritualität und Esoterik begannen damals, in einer bis dahin nicht gekannten Weise zum Teil der öffentlichen Kultur zu werden. Zahlreiche Ansätze moderner Esoterik wurden seither bei uns vorgestellt, vieles davon ist heute längst auch in anthroposophischen Kreisen selbstverständlich.

Von Ende der 90er Jahre an haben wir auch gezielt versucht, die Spiritualität der großen Weltreligionen stärker aufzuschließen. Wir wollten zum Beispiel dazu beitragen, bestehende Barrieren zum Buddhismus zu überwinden, der von vielen Anthroposophen immer noch in einem sehr ausschließenden Sinne dem Christentum gegenübergestellt wird; auch brachten wir Artikel zum spirituellen Verständnis des Islam.

Im Jahr 2000 ergab sich für info3 als ein weiterer Dialog-Schritt die Gelegenheit, in der Mediengruppe Kulturell Kreative (als mittlerweile einzige anthroposophische Zeitschrift) mit anderen spirituell ausgerichteten Magazinen zusammen zu arbeiten. Hier machten wir die interessante Erfahrung, Anthroposophie einmal ganz "gleichberechtigt" im Kanon moderner Spiritualität agierend zu erleben. Mit einer solchen Zusammenarbeit verbunden ist aber auch die Notwendigkeit einer - ich sage jetzt ausdrücklich: Relativierung: allerdings nicht der Relativierung von geistigen Grundlagen, sondern der von eigenen Ansprüchen. Und diese Relativierung bedeutet keinen Verlust, sondern eher einen Gewinn: wer bin denn eigentlich ich selbst, abgesehen von der Bedeutung des Impulses, dem ich mich zugehörig erlebe? Wie sehen andere Menschen "meinen" Impuls, die nicht die schicksalsmäßigen Rahmenbedingungen hatten wie ich? Mich selbst und meinen geistigen Hintergrund mit den Augen von anderen sehen zu lernen ist eine wertvolle Erfahrung, an die sich eine weitere anschließen kann: muss ich eigentlich mit dem, was für mich wesentlich ist, jemanden überzeugen - ist das nicht vielleicht vermessen? Kann ich nicht umgekehrt von den anderen vieles lernen, was sie möglicherweise besser können als ich? - Viele "Öffentlichkeitsarbeiter" im Rahmen der Anthroposophie wissen, wovon hier die Rede ist. Solche Erlebnisse kennt man aber wahrscheinlich genau in dem Maße weniger, als man Anthroposophie eher in den Formen bestehender Vereinigungen, Tagungen und Institutionen betreibt - wogegen hier nicht das Geringste gesagt werden soll; man muss solche Erfahrungen wie oben beschrieben auch gar nicht machen wollen, denn jeder hat seinen eigenen, sinnvollen Platz in der Welt; was man aber fragen kann ist, welchen Sinn und Wert Urteile über Menschen ohne die entsprechenden Erfahrungsgrundlagen haben. Manche Kritik würde vielleicht überflüssig, wollte man diese unterschiedlichen Hintergründe berücksichtigen.

Ob Yoga oder Islam, ob Aura-Therapie oder Elementarwesen, ob Hirnforscher oder Biologe, ob Christoph Schliengensief oder Bert Hellinger: info3 hat sich auf viele, viele soziale, kulturelle und geistige Strömungen und Persönlichkeiten unserer Zeit dialogisch eingelassen und tut dies auch weiter, manchmal so sehr, dass es vielen Leserinnen und Lesern zuviel wird: "Ihr wollt es allen recht machen, das geht nicht", "das wird ‚Anthroposophie light', oder "das ist gar nicht mehr Anthroposophie", so oder ähnlich klingt es oft aus der Leserbriefspalte und mittlerweile auch aus anderen Zeitschriften der Szene. Ich antworte: doch, genau das ist Anthroposophie heute, auch wenn "Steiner" manchmal mit keinem Wort darin vorkommt, all dies war und ist wertvoll, selbst wenn ich mir gewünscht hätte, dass sich mitunter die Partner unserer Dialoge auch einmal so für die Ideen Rudolf Steiners interessiert hätten wie wir für das, was sie zu sagen hatten. Aber ich weiß auch: du kannst nur empfangen, was du selbst zu geben bereit bist - bedingungslos. Deshalb geht von Dialog immer Kraft aus.

Ken Wilber und Andrew Cohen zum Beispiel
Seit dem Jahr 2004 hat sich eine überraschende und bis heute immer enger werdende Zusammenarbeit von info3 mit der integralen Szene in Deutschland, die die Impulse von Ken Wilber verfolgt, sowie mit Schülern des amerikanischen Lehrers Andrew Cohen ergeben. Hier kam nicht nur ein Interesse zurück, sondern mehr noch, ein Wunsch, wissen zu wollen, was Anthroposophie eigentlich ist. Dieses gegenseitige, menschliche Interesse wurde so intensiv, dass sich vor kurzem die deutsche Redaktion der Zeitschrift von Andrew Cohen in unmittelbarer Nachbarschaft der info3-Redaktion ansiedelte. Zusammen mit der Integralen Initiative Frankfurt (als "dritter im Bunde") führen wir mittlerweile gemeinsame Veranstaltungen durch. Wer in Deutschland spirituell etwas aufbauen möchte, könne an dem, was hier schon gewachsen ist, nicht vorbeigehen - und da gehöre die Anthroposophie zentral dazu, meinte Dr. Tom Steininger von Andrew Cohens Zeitschrift What is Enlightenment. Bei der Eröffnung der neuen Räume der "Integralen Initiative Frankfurt" stellte Mit-Initiatorin Sonja Student ihrem Publikum info3 als Partner-Organisation vor. Das alles bedeutet mehr als "nur" Dialog im Sinne eines Höflichkeitsaustauschs, das ist gegenseitige geistige Anregung und spirituelle Kooperation, die gerade wegen der so ganz unterschiedlichen Ausgangspunkte - hier die Anthroposophie mit ihren mitteleuropäischen Wurzeln, da die amerikanische Spiritualität mit ihrer Weite, Unverkrampftheit und Modernität - so spannend sein kann. Allein schon, dass die Wilber-Schüler in Deutschland ihre letzte Jahrestagung in einer anthroposophischen Einrichtung durchführten und dabei selbstverständlich auch Anthroposophen zur Mitwirkung einluden, war eben gar keine Selbstverständlichkeit.

Die Parallelen sind ja auch nicht zu übersehen: Der Wille zu einer anspruchsvollen, erkennend ausgerichteten Spiritualität verbindet Anthroposophen und "Integrale", und nur wer von jeder Sachkenntnis verschont ist, könnte auf die Idee kommen, ausgerechnet Ken Wilber, der sich mit fast jeder esoterischen Modeströmung angelegt hat, als Exponenten des "New-Age" einzuordnen. Wilbers hoch interessantes Buch Einfach Das beispielsweise bietet Einblicke in die meditative Erfahrung des Autors, aus der heraus er die Qualität höherer Bewusstseinsstufen beschreibt, die wir gut aus entsprechenden Darstellungen Rudolf Steiners kennen. Dass Wilber dabei nicht wie Rudolf Steiner zu einer Beschreibung geistiger "Wesenheiten" gelangt, sollte nicht vorschnell zum Ablehnungskriterium erhoben werden, sondern könnte doch gerade Anlass sein, den besonderen Beitrag der Anthroposophie authentisch zu entwickeln. - Andrew Cohen wiederum gelangt als ein völlig eigenständiger spiritueller Lehrer, der zunächst einen östlichen Einweihungshintergrund hatte, zu Positionen, die uns aus der Anthroposophie heraus vertraut erscheinen: ebenso wie Wilber betont Cohen, dass heute der Wunsch nach einer nur persönlichen Transzendenz-Erfahrung nicht zeitgemäß ist. Cohen vertritt eine entschieden anti-narzisstische, moralisch verantwortliche Spiritualität, die den Anspruch hat, sich ständig weiter zu entwickeln. Ebenso wie Wilber sieht er dabei die ungeheure Entwicklung des Kosmos als eine Stufenfolge von Emergenzen immer höheren Bewusstseins bis hinauf zum Menschen. Hier kommt das Prinzip der Evolution zu sich selbst. Wir sind "gemeint" als die, auf deren schöpferische Fortsetzung sie wartet; wir waren von Anfang an dabei - und wir werden "bis ans Ende der Zeiten" dabei sein! Aus diesem Grund macht es für Wilber und Cohen auch keinen Sinn, z.B. in der Tradition einer unveränderten östlichen Spiritualität zu sagen, die geschaffene Welt und mit ihr der Mensch sei nur eine Illusion. In der Fortentwicklung des modernen Individualismus zur Erfahrung eines höheren "Authentischen Selbstes" liegt für Cohen das Potenzial des "evolutionären Impulses", der heute darauf wartet, in freier spiritueller Gemeinschaft realisiert zu werden. Dabei rechnet Andrew Cohen ausdrücklich - ohne die Anthroposophie Rudolf Steiners bis dahin gekannt zu haben - mit der Realität eines höheren gemeinsamen Bewusstseins, in dem Individualität und Sozialität nicht länger Gegensätze sind.

Wie also sollte mich all das als Anthroposoph nicht zutiefst ansprechen?! - Etwa, weil ich es von Steiner schon alles "kenne"? Was bedeutet in diesem Zusammenhang schon, dass man etwas "kennt"? Ich bin der wunderbaren Eiche gegenüber in all ihrer Würde ehrfürchtig und dankbar, aber auch dem Wunder des gerade aufbrechenden, zarten Keims in all seiner Lebendigkeit - zum Leben gehört beides, und wehe dem, der achtlos den Keim vor seinen Füßen zertritt, weil er die mächtige Baumkrone vor sich sein Eigen glaubt.

Rudolf Steiner hat an einer Stelle seiner Autobiographie im Ton des Bedauerns einmal bemerkt, dass er sich auch ganz andere "Zugänge zur Geistwelt" hatte vorstellen können als die Anknüpfung an die Theosophische Gesellschaft. Die Frage ist nicht nur historisch relevant, sondern hoch aktuell: Wie würde wohl eine Anthroposophie ohne alle theosophische (und später auch christliche) Begrifflichkeit aussehen? Wäre nicht heute ein "Gang zurück an die Quellen der Anthroposophie", an einen Ort vor allem Wust des Gewussten und vor allen fertigen Antworten höchst wünschenswert? Mit diesem Blick schaue ich mir das Schaffen von Wilber und Cohen an. Von der Frische und auch von der Respektlosigkeit, mit der sie alles, was heute "metaphysisch" und "nur gedacht" wirkt, über Bord werfen, lasse ich mich gern anstecken; ebenso freue ich mich, wenn wir als Zeitschrift die Möglichkeit haben, im Austausch mit neuen Interessierten auf die vielfältigen Erfahrungen und differenzierten Einblicke der Anthroposophie aufmerksam machen zu können. Keine "Vermischung" der Geistes-Richtungen, wie manche Skeptiker meinen, wohl aber ein Sondieren und Fruchtbarmachen von geistigen Schnittmengen ist hier "angesagt". Es hieße schlicht Chancen zu vergeben, wenn man heute als Anthroposoph an solchen zeitgenössischen Impulsen achtlos vorbeigeht; und es bedeutet Schlimmeres, wenn man sie durch ebenso flotte wie falsche "Etikettierungen" (besonders beliebt: "östliche Esoterik") schlecht zu machen sucht.

Anthroposophie und/oder/ohne Christentum
Kritiker haben mir und meinen Redaktionskollegen in letzter Zeit vorgeworfen, wir würden im Rahmen eines Dialogs mit anderen spirituellen Bewegungen wesentliche Inhalte der Anthroposophie und speziell den "christlichen Kern" aufgeben, um uns dem heutigen Mainstream gewissermaßen "anzubiedern". Diese Vorwürfe verknüpften sich mit dem hitzig debattierten Artikel meines Kollegen Felix Hau, der im Mai letzten Jahres in info3 die Auffassung vertrat, dass die zentrale Einweihungs-Erfahrung Rudolf Steiners auch ohne Bezug zum Christentum verstehbar und gültig ist. Sofern ein Verantwortungsgefühl gegenüber der Anthroposophie in den geäußerten Besorgnissen zum Ausdruck kommt, achte ich dies sehr. Ein irgendwie taktierendes Zurückhalten wesentlicher Erkenntnisse oder Überzeugungen für einen Dialog-"Erfolg" würde ich aber selbst ablehnen. Worum also geht es dann? Allein darum, einer - wie wir meinen - gerade für die Anthroposophie selbst fruchtbaren und wichtigen Aufgabenstellung nachzugehen: liegen die spirituellen Erfahrungen Rudolf Steiners, die ihn veranlasst haben, zentrale Motive des Christentums aufzugreifen, in ihrem Wesen möglicherweise "oberhalb" alles dessen, was in den diesbezüglichen religiösen Ausdruckformen - und in diese taucht man ja bereits mit dem Gebrauch des Namens "Christus" ein - zu fassen ist? Wäre es denkbar, dass die Anthroposophie sich zwar in christliche Ausdrucksformen kleiden kann, aber nicht muss? Erst auf einer solchen "trans-christlichen" Frage-Ebene, die auch das trans-konfessionelle Bemühen des esoterischen Christentums noch übersteigen muss, wo es nicht mehr um Namen, Traditionen und Identifikationen ginge, sondern um ursprüngliche spirituelle Erfahrungen, wäre dann in der Folge allerdings auch ein Dialog mit anderen geistigen Richtungen fruchtbarer, weil von festen Vorstellungen unbelasteter. (1)

Die ganz überwiegende Zahl der Reaktionen sowohl auf den Artikel von Felix Hau als auch auf den "neuen Kurs" von info3 scheint mir Ausdruck davon zu sein, dass die oben skizzierte Frage noch kaum verstanden wurde. Eine Hauptschwierigkeit liegt ja tatsächlich auch schon darin, diese Frage nicht so zu stellen, dass das Ergebnis: eine positive Aussage zur Qualität des "Christlichen", immer schon vorausgesetzt wird! Darf der Widerspruch auch nur formuliert werden, dass die meisten Anthroposophen (nach "außen") zwar von einem über-konfessionellen Christentum sprechen, dann aber (mehr intern) stets betonen, das Christentum sei größer als alle Religionen?

Einer unserer Kritiker glaubte beispielsweise - stellvertretend für viele andere - es genüge bereits, als Antwort auf die oben formulierten Fragen Äußerungen Rudolf Steiners zu zitieren, die für eine alternativlose Betonung des christlichen Elementes zu sprechen scheinen. Solche Äußerungen gibt es natürlich zuhauf und sie sind uns selbstverständlich auch bekannt. (2) Auch wir kennen Formulierungen, wo Steiner als "Mission" der Anthroposophie eine "neue Christus-Verkündigung" angibt. Nur: was bedeuten sie eigentlich und was hat Steiner damit gemeint? Hatte Steiner etwa eine Art evangelikale Bekehrungsbewegung im Auge? Oder würde er nicht vielleicht sagen: "Um Himmels willen, ihr solltet doch keine Religion daraus machen!"

Wer mit uns die Überzeugung teilt, dass gerade das wirklich nicht gemeint war, der sollte auch Raum gewähren für ein radikales und auch für ein provokatives Fragen, das nicht allein auf immer schon bekannte Antworten hinausläuft. Es wird unvermeidlich manchmal schwer werden, noch miteinander zu kommunizieren, wenn ein religiös empfindender Anthroposoph mit einem spirituell-konstruktivistisch denkenden kaum mehr die gleiche Sprache spricht - als "Gegner" oder gar "Widersacher" muss er ihn aber noch lange nicht qualifizieren. Schon heute zeichnet sich ja für viele die Einsicht ab, dass es Anthroposophie für Christen ebenso geben kann und muss wie für Buddhisten, Muslime und Juden, auch ohne dass diese zuerst eine Art "Bekenntnis zum Christus" ablegen. In Zukunft wird es aber nicht nur Anthroposophie für Muslime, sondern auch für "Arabisten" und für Atheisten geben - oder es wird eben keine Anthroposophie mehr geben. Diesen Gedanken können erst wenige zulassen.

Dialog macht Sinn
Ein Hinweis Rudolf Steiners für den spirituellen Weg geht dahin, sich einmal klarzumachen, was alles dazu geführt hat, dass ich zu dem geworden bin, was ich bin; wie viel von dem, was mir heute wesentlich ist, ich der Begegnung mit anderen Menschen verdanke - Menschen, die manchmal nur kurz in mein Blickfeld traten und dann wieder verschwanden. Mein eigener Weg zur Anthroposophie begann mit genau so einem rätselhaften Schicksalswink. Den Sinn für die ewige Philosophie und den Wert des Erkennens schärfte mir der verehrte Herbert Witzenmann. Später hat mir die Schriftstellerin Irene Méline das bis dahin von Unkenntnis verschlossene Herz für die buddhistische und jüdisch-chassidische Spiritualität öffnen können. Viele Hinweise auf wichtige spirituelle Ansätze, Therapien und Autoren, die ich mir heute nicht mehr wegdenken kann, verdanke ich dem menschlichen Umfeld von info3. Wie sehr habe ich mich selbst dabei immer wieder verändert, welche als fest geglaubten Überzeugungen habe ich aufgeben müssen! Und wie gut verstehe ich deshalb heute selbst noch die massivste und leidenschaftlichste Kritik innerhalb und außerhalb unserer Leserbriefspalten, kenne ich sie doch von der intimsten Seite her - von mir selbst!

Aber der Geist weht eben tatsächlich, wo er will, und das "Risiko", von ihm ergriffen und an für mich selbst ganz unerwartete Orte getragen zu werden, gehört zur Kraft des echten Dialogs. Ich gestehe gern, dass mein Grundvertrauen in den GEIST mittlerweile offenbar tiefer verwurzelt ist als jedes weltanschauliche Überzeugtsein. Immer versuche ich mir zu sagen: suche mehr das Verbindende als das Trennende; halte für möglich, dass der lebendige GEIST in anderen Menschen und Strömungen in ganz anderer Gestalt ebenso lebt wie du ihn selbst suchst und authentisch erfahren möchtest. Wenn ich die vielen in mir versammelten Wegmarken innerlich zusammenschaue, dann wird die Rolle meines "autonomen Ich" und seiner Gewissheiten ganz klein, es bleibt fast nichts übrig, auf das ich Grund hätte, mir selbst etwas einzubilden. Aber diese Perspektive macht mir keine Angst, im Gegenteil, ich empfinde nur die Liebe, die in dem spirituellen Reichtum liegt, dem ich begegnen durfte, und in den weisen Fingerzeigen des Schicksals, das mich immer wieder zu ihnen führte.

Wie wird es weitergehen? Ist info3 dabei, seine frühere Qualität zu ändern? Nein: info3 wollte immer ein Organ für geistigen Austausch und Begegnung und für die Konfrontation mit dem Ungewohnten sein; wer für diesen Versuch jeweils Verantwortung trägt, kann nicht anders als die ihm eigenen Möglichkeiten dazu einzubringen. Das Ergebnis ist aber im Idealfall etwas Größeres als ein nur-Persönliches: wenn es gelingt, erfüllt das wirkliche Leben den zur Verfügung gestellten Raum und etwas Neues, Unerwartetes entsteht. Wie in jedem lebendigen Prozess kann man dabei nicht vorher wissen, was herauskommt, und insofern sind wir auch für eine kritische Begleitung unserer Versuche dankbar. Es dürfte ein Qualitätsmerkmal echter spiritueller Evolution sein, nicht sagen zu können, wie die Stufe aussieht, die sich als nächste zeigt. Jeder Künstler weiß, wovon hier die Rede ist. Ich denke, dass eine künftige Lebensform der Anthroposophie nur sehr wenig mit dem zu tun haben wird, was wir heute noch als vertraut anthroposophisch ansehen - dass diese Zukunft so neu und unvorhersehbar sein wird, wie Rudolf Steiner selbst vom 19. Jahrhundert aus gesehen neu und unvorhersehbar war und es im Laufe seines Wirkens immer wieder gewesen ist. Ich wünsche mir, dass sich viele unserer Leser in diesem Sinne mit auf einen Weg zu begeben wagen, auf dem wir nichts zu verlieren, aber viel zu gewinnen haben.

1. Bei Rudolf Steiner selbst gibt es inspirierende Ansätze dazu, z. B. in den Vorträgen Zürich 17.12.1912, Zürich 16.10.1918 (GA 143)

2. Ein Beispiel von vielen: "Von besonderer Schwierigkeit aber wird es sein, wirklich in die heutige Weltkultur hineinzubringen dasjenige, was, ich möchte sagen, der Gipfel unserer Geisteswissenschaft ist: die Christus-Erkenntnis. Christus-Erkenntnis ist dasjenige, wozu uns, als Reinstes, Heiligstes und Höchstes, hinführt dasjenige, was wir in der Geisteswissenschaft haben." (GA 161, Vortrag vom 2. Mai 1915)