Fakten zur Debatte um Intelligent Design
Darwin auf dem Prüfstand
Von Jens Heisterkamp
Wissenschaftler, die Darwin heute öffentlich anzweifeln, riskieren ihren Ruf und ihren Arbeitsplatz. Einige Fakten zur Debatte um "Intelligent Design" (ID) in Deutschland lassen eine Besinnung auf wissenschaftliche Grundtugenden ratsam erscheinen.
Schon immer ging es beim Thema "Evolution" um mehr als einen rein wissenschaftlichen Gegenstand. Die Frage, wie der Kosmos, das Leben auf der Erde und nicht zuletzt wie wir Menschen entstanden sind, ist eine der zentralen Sinn-Fragen. Sie hat den Geist stets ebenso beschäftigt wie die Gefühle.
Es war eine geistige Revolution, als im 19. Jahrhundert der Darwinismus die Bühne betrat und dem menschlichen Drang nach Selbstbefreiung eine neue Grundlage versprach: wenn es eine natürliche Abstammung der Lebewesen und des Menschen gab, wie Darwin verkündete, dann konnte der Mensch nicht länger als Produkt eines vorbestimmten "Weltplanes" oder einer "göttlichen Ordnung" gelten, in der ihm selbst bestenfalls die Rolle eines einsichtigen Instruments zukommen sollte. Durch den Abschied vom Gedanken an eine höhere Macht hinter der Schöpfung schien Gott überflüssig geworden. Mit Händen und Füßen wehrten sich daher insbesondere die Kirchen und konfessionell gebundene Wissenschaftler gegen den "gottlosen" Entwicklungsgedanken. In Deutschland zum Beispiel wetterte der berühmte Mediziner Rudolf Virchow gegen den Biologen Ernst Haeckel aus Jena, der in Deutschland der einflussreichste Verfechter Darwins war. Rudolf Steiner, damals im benachbarten Weimar tätig, unterstützte in diesem "Kulturkampf" vorbehaltlos die Seite Haeckels. In seinen Aufsätzen über Haeckel und seine Gegner übernahm Steiner, der spätere Autor einer spirituellen Kosmologie und höherer "Weltenpläne" bis an die Schmerzgrenze darwinistische Positionen: "Natürliche Entwicklung oder übernatürliche Schöpfung der Arten - ; zwischen diesen beiden Möglichkeiten ist zu wählen, ein Drittes gibt es nicht!", zitiert er zustimmend den damaligen "Papst" des Darwinismus in Deutschland und ergänzt: "Was von Philosophen oder Naturforschern gegenüber der natürlichen Entwicklungslehre als solches Drittes vorgebracht wird, erweist sich bei genauerer Betrachtung nur als ein seinen Ursprung mehr oder weniger verschleiernder oder verleugnender Schöpfungsglaube." Die entscheidenden Stichworte auch der heutigen Debatte waren auch damals da - nur, wie es scheint, mit umgekehrten Vorzeichen. Wie der Autor der Philosophie der Freiheit allerdings die radikale Ablehnung einer anders als natürlich zu denkenden Entwicklung mit einer von höheren Wesen bevölkerten Evolutions-Schau in Einklang brachte - ob ein solcher Einklang vielleicht sogar nur unter Beibehaltung dieser radikalen Ablehnung herzustellen wäre - dies stellt eine der vielen offenen Fragen im Blick auf Steiners Werdegang dar. Klar ist jedenfalls, dass sich der Gründer der Anthroposophie mit seiner Verteidigung Haeckels und Darwins gegen jene tief eingeschriebene "Sucht" des menschlichen Geistes richtete, sich lieber auf alles andere, was nicht er selbst ist, festlegen zu lassen als sein eigenes wahres Sein zu akzeptieren. Diese Sucht nach Determinismus ist offensichtlich eine Grundeigenschaft unserer (noch) unentwickelten Verstandes- und Gemütsbeschaffenheit. Ein Weltbild der Präformation erscheint ihr sicherer, überschaubarer als radikale Freiheit und Verantwortung. So gesehen, war Darwin sicherlich ein Befreier.
Aber auch die großen Impulse der Geistesgeschichte haben ihre Evolution: Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der einst so emanzipatorische Darwinismus selbst von der Sucht nach Determinismus korrumpiert: nun war es nicht mehr das Dogma eines vorherbestimmten "Plans" oder höherer Absichten, durch die man die Entstehung der Organismen erklärte, der "Zufall" selbst wurde zum Gott erklärt - ein Gott, dessen treue Nachfolger den klassischen Konfessionen in Sachen Dogmatismus in nichts nachstehen sollten. Statt in der freien Luft der Evolution zu atmen, bastelte der Neodarwinismus ein Vorstellungskorsett, das die ganze Folge der Lebewesen auf den primitiven Mechanismus von Mutation und Selektion reduzierte. Statt den Menschen als "ersten Freigelassenen der Schöpfung" (Herder) zu begreifen und die Chance der Fortsetzung des evolutionären Prozesses in der menschlichen Spiritualität zu erfassen, hat der unter den Vorzeichen der Genetik aufgekommene Neodarwinismus den Menschen und seine Stellung im Kosmos erniedrigt wie nie zuvor.
Wer sich dagegen verwahren will, wird allerdings immer wieder auch genau hinschauen, wo die Linie der Auseinandersetzung verläuft und differenzieren, dass nicht jede Kritik an Darwin heute einen Zugewinn an Freiheit bedeutet. Denn zu Beginn des 21. Jahrhunderts steht die neu aufkommende Kritik am Evolutionsverständnis Darwins unter der Schicksalsfrage, ob sich in den Konflikten der Gegenwart eine neue Spiritualität oder aber der quer durch alle Weltanschauungen verlaufende Fundamentalismus durchsetzen wird. Die Ängste in den Darwin-Bastionen sind nicht ganz unverständlich, dass in einem Klima der Neo-Religiosität weite Teile der Bevölkerung bereit sein könnten, sich vom klaren Denken zu verabschieden. Nicht nur in den USA, auch in Deutschland steht die Bevölkerung dem Darwinismus skeptischer gegenüber als oft erwartet: immerhin neigen einer Umfrage der Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland (www.fowid.de) von 2005 zufolge knapp ein Drittel der Christen hierzulande zu den Grundpositionen von Intelligent Design zu, rechnet man die im biblischen Sinne an einen Schöpfungsakt Glaubenden hinzu, sind das sogar knapp die Hälfte der deutschen Christen. Fragwürdige Versuche wie in den USA, wo seit 1999 strenggläubige Christen die Evolutionslehre aus religiösen Motiven aus dem Schulunterricht verbannen wollen, sollten deshalb sauber davon unterschieden werden, dass es bei Intelligent-Design tatsächlich gute Gründe sind und nicht Glaubensvorbehalte, die gegen die konventionelle Evolutionstheorie vorgebracht werden können (siehe hierzu den Artikel von Axel Ziemke).
Ein Grund dafür, dass diese Ebenen - vor allem von den Kritikern des Intelligent Design - teilweise auch bewusst vermischt werden, liegt sicher in der expliziten religiösen Gebundenheit vieler Intelligent Design-Vertreter. So engagieren sich die Autoren des 2001 erschienenen Schulbuches Evolution. Ein kritisches Lehrbuch (ausgezeichnet mit dem Deutscher Schulbuchpreis 2002), die Biologen Junker und Scherer, auch aktiv als gläubige Christen und bieten dadurch ihren Kritikern eine willkommene Angriffsfläche. Ein besonderer Dorn im Auge ist zudem die Tatsache, dass der Biologieprofessor Siegfried Scherer als engagierter Christ gleichzeitig Leiter des Instituts für Mikrobiologie an der Technischen Universität München ist. Dass Scherer ausdrücklich nicht für eine Aufnahme von Intelligent Design in den Biologieunterricht eintritt, stört seine Gegner wenig. Mit einem Fanatismus, wie er in anderem Kontext z.B. aus der Gegnerschaft gegen Naturheilmittel oder Waldorfschulen nur zu gut bekannt ist, überzieht seit längerem ein Kreis von Biologen um den Biologieprofessor Ulrich Kutschera von der Universität Kassel (gleichzeitig Vertreter des deutschen Biologenverbandes) Intelligent Design-Vertreter in Deutschland mit einer Kampagne. Neben Scherer hat Kutschera auch den am Kölner Max Planck-Institut für Pflanzenzüchtung Dr. Wolf-Ekkehard Lönnig ins Visier genommen. Lönnig präsentierte auf seiner Instituts-Website umfangreiches Material mit Ergebnissen, die an die Grundfeste des Darwinismus rühren (siehe auch den Artikel von Axel Ziemke). Eine frühe Studie von ihm über das Auge stellt in Zweifel, dass ein derart komplexes und in seinen Funktionen vollkommen vernetzt wirksames Organ durch eine Anhäufung genetischer Zufälle entstanden sein kann. Zu den bereitgestellten Texten gehört auch eine Sammlung mit lesenswerten Statements von zahlreichen Nobelpreisträgern: "Diese Zitate beweisen, dass auch unter den besten Naturwissenschaftlern der Welt die Fragen nach einem intelligenten Ursprung des Universums und des Lebens nicht nur niemals verstummt sind, sondern dass eine nicht unbeträchtliche Anzahl dieser Forscher diese Fragen sogar unmissverständlich positiv beantwortet", so Lönnig. Auch der Kölner Forscher, der sich auf jahrelange Erfahrung im Bereich der Genetik stützen kann, bietet durch seine persönliche Verwurzelung in einem eng biblisch orientierten Glauben eine Angriffsfläche für Kritiker. Im Kern aber zu Unrecht: denn Lönnig distanziert sich klar von einem "sechs-Tage-Kreationismus" und hält, was seine Veröffentlichungen angeht, Glaube und Wissenschaft so sauber auseinander wie die pikierten Setzlinge in seinem Labor. Dennoch zwang Kutschera das Kölner MPI vor einigen Monaten, die Website Lönnigs vom Institutsserver zu verbannen, indem er mit der Lancierung rufschädigender Artikel in Fachzeitschriften drohte. Zuvor hatte bereits der Spiegel unsachgemäß über "kreationistische Umtriebe" am MPI berichtet. Da sich die Berichterstattung zu diesem Thema mit Leichtigkeit entlang des beliebten Musters von Verschwörungstheorien stricken lässt, klinkte sich entsprechend im November 2005 auch das ZDF-Politmagazin frontal 21 ("Missionieren gegen Darwin") in einem Beitrag über Professor Scherer ein, als gälte es einen Stasi-Mitarbeiter zu enttarnen (siehe auch info3 1/2006). Medienbeiträge wie diese können sich zufrieden über den Erfolg schätzen, dass in einem freien Land eine geplante öffentliche Debatte mit den Kontrahenden Kutschera und Scherer, zu der der Thüringische Ministerpräsident Althaus (CDU) nach Erfurt eingeladen hatte, abgesagt werden musste und Vorträge von Darwin-Kritikern an deutschen Hochschulen derzeit nicht öffentlich plakatiert werden. Tugenden wie wissenschaftliche Freiheit und intellektuelle Redlichkeit scheinen außer Kraft gesetzt, sobald es gegen Intelligent Design geht, von persönlichen Verunglimpfungen ganz zu schweigen. Allerdings laufen auch solche Methoden irgendwann ins Leere, spätestens dann, wenn qualifizierte Geister unbefangen die Fakten hören, die Intelligent Design vorzubringen hat: fehlende fossile Abstammungslinien und irrwitzige Wahrscheinlichkeitsannahmen auf der einen, zeitlich parallel auftretende, perfekte neue Formen und irreduzibel wirkende Strukturen auf der anderen Seite. Das stärkste verbleibende Argument für den Darwinismus scheint bisher die noch fehlende Antwort auf die einfache Frage: "Wie denn sonst?" Wer nicht an den Zufall glauben mag, macht sich leicht lächerlich. Muss aber wirklich die Vorstellung eines wie mit Ton handwerkelnden Schöpfer-Gottes die einzige Alternative bleiben, wenn es um die Erklärung der Natur geht? Ist nicht die Frage, wie das Auftreten neuer Formen, Pflanzen und Tiere jenseits des Mutations-Selektions-Mechanismus denkbar ist, ein noch kaum irgendwo in Angriff genommenes Forschungsfeld? Wo sind die Stimmen, die sich in dieses Niemandsland vorwagen und konstruktiv in die Debatte einschalten?
Forscher wie Scherer oder Lönnig projizieren zwar nicht ihren christlichen Glauben in die Wissenschaft, aber ihr Glaube motiviert sie sicherlich, den enormen Druck auszuhalten den es bedeutet, sich an exponierter Stelle dem wissenschaftlichen Mainstream entgegenzustellen. Sie erscheinen, ähnlich wie ihre amerikanischen "ID"-Kollegen, wie "Eisbrecher", die das Packeis eines über Generationen erstarrten Glaubens-Dogmas zu brechen entschlossen sind. Es wird wohl einer weiteren Forschergeneration vorbehalten sein, die von Intelligent Design aufgeworfenen Fragen an den Darwinismus jenseits weltanschaulicher Bindungen anzugehen. Das Aufwachsen im kreativen Umgang mit der Informationstechnik, das neu erwachende Interesse an "Bionik" und Nanotechnologie, die Neigung zum Denken in Netzen statt in monokausalen Linien - all das könnte einen "Sinn" dafür begünstigen, dass es in der Natur "sinnvoller" zugeht als man bisher denkt und denken darf. Darwin wird nicht das letzte Wort gesprochen haben.
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