Gronbachs Kolumne
Die vollendete Schöpfung: Die Angekommenen sind unterwegs!
Von Sebastian Gronbach
Hiermit erkläre ich das Jahr 2006 zum "Jahr der Angekommenen". Wir haben seit Jahrhunderten, um mit Peter Sloterdijk zu sprechen, "die Bewegung des Aufbruchs kultiviert und die Kultur des Ankommens vernachlässigt. Mit einer Flussmetapher gesprochen: Im Entspringen sind wir stark, im Münden ziemlich ungeschickt". Bisher beherrschte die Rhetorik der Aufbruchsromantiker die Debatte. In der Atemlosigkeit der Moderne vergaßen wir das tiefe Luftholen. Nicht das Luftholen als Mittel zum Zweck, um rastlos weiterzumarschieren, sondern das Luftholen um des Luftholens willen. Man versucht uns einzureden, dass Stillstand gleich Rückschritt, ja "den Tod" (Grönemeyer) bedeutet. Aber das stimmt nur, wenn man das ganze Leben so betrachtet, wie Thomas Hobbes es sah: für den Philosophen war das Leben ein Wettrennen. Ständig überholt zu werden sei Unglück, ständig andere zu überholen sei Glück. Aber, und hier ist es wieder Sloterdijk der die treffenden Worte findet, "für diejenigen, die im Mündungsbereich stehen, hört das Überholen und Überholtwerden auf, weil solche Bewegungen nur am Anfang einer Optimierungsreihe sinnvoll sind und ihren Zweck verlieren, wenn man die Lösung gefunden hat". Richtig ist, der Mündungsbereich eines Flusses ist nur ein Teil. Ohne die Quelle gäbe es ihn nicht und ohne den Flussverlauf würde er nicht entstehen. Fortschritt und Bewegung sind eine Qualität des Lebens. Wir haben sie als überlebensnotwendig verinnerlicht. Aber richtig ist auch: Stillstand und Ruhe sind eine ebenso notwendige Qualität. Ihrer Kultivierung wird sich diese Kolumne widmen. Ohne Mündung wäre alles, was vorher war, ohne Sinn. An dieser Stelle erwarte ich den Klassiker der Wanderfetischisten: "Der Weg ist das Ziel". Ein netter Spruch, aber manchmal eben nur ein netter Spruch. Wer chronisch behauptet, der Weg sei das Ziel, der hat entweder Angst, dass er nie am Ziel ankommt, oder er ist dem Wahn erlegen, dass man in dem Moment, wo man ankommt, verfettet, vergreist, verkalkt oder versteinert. Kann sein. Muss aber nicht. Meine Erfahrung mit Mündungsmenschen ist eine andere: Sie sind richtig glücklich. Ihr Glück kommt daher, weil sie für ein bestimmtes Lebensproblem eine Lösung gefunden haben und diese Lösung nun leben. Ihre Zufriedenheit hat damit zu tun, dass sie erkannt haben, dass es bereits für wesentliche Dinge des Lebens Patentlösungen gibt - man kann sie annehmen und verinnerlichen. Wir lassen uns nicht länger einreden, dass es diese Rezepte nicht gäbe. Wir haben uns eingestanden, dass die Behauptung, es gäbe diese Wege nicht, nur eine Ausrede war, damit man sich nicht auf eben diese Wege machen muss.
Wer in allem Neuen die Aura des Besseren sieht, wer ständig die Faust im Nacken spürt, weil er Angst hat zu sagen: "Augenblick verweile doch, du bist so schön", wer das Unterwegs-Sein permanent über das Da-Sein stellt, wer so denkt und fühlt, für den verkörpern Menschen, die behaupten "die Lösung" gefunden zu haben, die Ursünde. Für die Anhänger der wahnhaften Erneuerungskultur sind nur diejenigen gute Menschen, die das "heilige Feuer der Unzufriedenheit" in sich spüren. Das Sonntagskleid des ewig Unzufriedenen ist die Vision. Dieses Kleid zieht er sich an, wenn er aus dem grauen Hier und Jetzt in die goldene Zukunft schweben möchte. Bis heute lassen Lehrer, die modern sein wollen, ihre Schüler Visionen aufschreiben. Dann sind sie enttäuscht, dass die jungen Leute von heute keine Visionen mehr haben. Aber Visionen für Morgen interessieren nur noch die Nostalgiker von Gestern. Postmodern ist, wenn sich in dem, was man jetzt tut, bereits das Ziel verkörpert.
Wir spirituell Angekommenen greifen schamlos auf das breite Sortiment an Lebenslösungen zurück. Wir bedienen uns bei den Antworten von Aristoteles und Platon, an denen von Steiner und Nietzsche, an denen von Osho und Wilber, von Buddha und Christus. Wir haben kein Problem Antworten anzunehmen und wir geben auch Antworten. Wir haben keine Panik vor Erleuchteten, weil wir anerkennen, dass sie ihren festen Wohnsitz in der Mündung haben. Da wo es gut ist, da wollen wir auch hin und wir glauben daran, dass wir nur dort ankommen können, wenn wir die Kraft der Gegenwart nutzen und uns dem JETZT hingeben. Wir glauben daran, dass die Mündung da ist, sobald wir aus Freude am Sein immerzu Gegenwärtige sind. "Hat Gott gesagt: Ich bin immer gewesen und werde immer sein"? Natürlich nicht. Das hätte Vergangenheit und Zukunft zur Wirklichkeit gemacht. Gott sagte: ICH BIN DAS ICH BIN. Keine Zeit, nur Gegenwärtigkeit." (Eckhart Tolle) Die Einsicht, dass wir in vielen Bereichen des Lebens bereits die Lösung und die Antwort haben, dass wir vielleicht in den entschiedensten Dingen bereits am Ziel sind, diese Einsicht wird das 21. Jahrhundert prägen - und diese Kolumne. Die Kraft der Gegenwart kann man kultivieren. Diese Kolumne wird über Orte, Ereignisse und Gesten berichten, in denen die bekennenden Angekommenen die vollendete Schöpfung zelebrieren.
Herzlich - Ihr Sebastian Gronbach
|