Vom Umgang mit Spiritualität in den Medien
Zwischen Rationalismus und Nervenkitzel
Von Rüdiger Sünner
Kein Zweifel - Spiritualität ist ein öffentliches Thema, auch in den Medien. Die Mainstream-Sender und Printmedien tun sich jedoch immer noch schwer damit, ein seriöses Verhältnis zu diesem Thema zu gewinnen, das in der Bevölkerung längst angekommen ist.
Wie viel Aufmerksamkeit kommt eigentlich dem Spirituellen in den deutschen Medien zu? Wer dieser Frage nachgeht, der glaubt zunächst, einer großen und bunten Fülle von Themen gegenüberzustehen. Nicht nur in zahlreichen esoterischen und psychologischen Zeitschriften wird darüber berichtet, sondern auch im Fernsehen gibt es fast jeden Abend dokumentarische Filmbeiträge über die alten Ägypter, Mayas oder Kelten sowie über Reisen zu exotischen Kulturen mit noch praktizierenden Heilern, Schamanen und Götterkulten zu sehen. Oft und gerne wird über das mythenumwobene Tibet berichtet sowie über die Figur des Dalai Lama, dem man mit Respekt und Bewunderung zuhört, selbst wenn er über so schwierige Dinge wie Reinkarnation und Karma spricht. Das Sterben des alten und die Inthronisation des neuen Papstes waren pompös inszenierte mediale Mega-Ereignisse, die immer wieder die Frage aufwarfen, ob nicht vor allem bei Jugendlichen wieder ein neues Bedürfnis nach Spiritualität erwacht sei. Nach dem 11. September ist nun oft die Rede vom "notwendigen Dialog der Weltreligionen" und vor allem der Islam mit all seinen Spielarten rückt stärker ins öffentliche Bewusstsein als jemals zuvor. Heiß und Kalt Diese vermeintliche Fülle und Interessiertheit gegenüber dem Spirituellen stellt sich auf den zweiten Blick jedoch anders dar. Beim genaueren Hinsehen wird deutlich, dass in den auflagenstarken Medien (z.B. Spiegel, Die Zeit, FAZ, öffentlich-rechtliches Fernsehen) noch immer der absolute Primat eines rationalen Weltbildes gilt, das gemäß seinem aufgeklärten Selbstverständnis zwar die Weltreligionen respektiert, allerdings auch diese nur als streng vom Wissens-Diskurs getrennte, private Glaubensangelegenheiten. Die Weisheiten alter Mythen oder spirituelle Wege jenseits der etablierten Religionen werden entweder als überholte oder irrationalistische Phänomene gesehen und nicht ernst genommen oder sogar als bedenklich eingestuft. Während die größeren deutschen Zeitungen und Zeitschriften diesen immerhin klaren rationalistischen Kurs fahren, arbeitet das Fernsehen zusätzlich mit suggestiven Mitteln, die den Reiz des Spirituellen quotensteigernd ausnutzen. Dadurch entsteht dann eine seltsame Heiß-Kalt-Strategie. Offiziell wird in diesen Beiträgen der Geist aufgeklärter Rationalität hochgehalten, während die Filme unterschwellig mit Weitwinkeloptik, Zeitlupe, Farbfiltern und nebulöser Musik den Zuschauer wolllüstig-voyeuristisch in mystische Traumwelten einzuspinnen versuchen. Filmtitel wie Im Bann der grünen Götter, Das Gold der Mayas, Das Blut der Azteken, Krieger, Fürsten und Druiden, Tibet-Dämonen auf dem Dach der Welt oder Imhotep: Der Magier des Pharao zeigen, wohin der Weg gehen soll. Sensationslüstern werden aus der Mythenwelt vergangener Kulturen Aspekte des Geheimnisvollen und Schaurigen herausgehoben und effekthascherisch inszeniert, damit der Zuschauer Spirituelles wie einen Krimi, Science-Fiction-Film oder Psychothriller konsumieren kann, ohne in allzu große Tiefen vorzudringen. Gleichzeitig werden die alten Mythen auf den kalten Prüfstand der Technik gestellt: ferngesteuerte Roboterkameras fahren in die Pyramidenschächte, um die letzten Rätsel des ägyptischen Totenkultes zu lösen, Elektronenmikroskope durchleuchten uralte Schrifttafeln, um das mythisch Verschlüsselte zu dechiffrieren und U-Boote tauchen nach Atlantis, um endlich Licht in die dunkle Metaphorik von Platons berühmtem Bericht zu bringen. Oft wird dabei die spirituelle Dimension schlicht weg-erklärt und mit Mitteln des Technisch-Rationalen als "Projektion" aufgelöst: Dann bleibt beispielsweise in der ZDF-Sendung Das Delphi-Syndikat vom Orakel von Delphi nur noch eine profane Höhle übrig, unter der sich bestimmte Kohlenstoffdämpfe befinden, die wohl auch schon vor 2000 Jahren die griechischen Priester benebelten, oder es werden Märchen auf ihren "historischen Kern" reduziert, der vom Volksmund nur mit Ornamenten verziert wurde. So war etwa nach der ZDF-Reihe Märchen und Sagen - Botschaften aus der Wirklichkeit der Rattenfänger von Hameln vermutlich eine historische Figur, die die Kinder zu heidnischen Kultfeiern auf einen benachbarten Berg führte oder die Heinzelmännchen stellen sich als kleinwüchsige Menschen heraus, die im 16. Jahrhundert in den engen Schächten einer Kupfermine schuften mussten. Dass mythische Bilder neben der rationalen Vernunft einen völlig eigenständigen Erkenntnisraum eröffnen können, bleibt hierbei nicht nur unberücksichtigt, sondern wird eigentlich in Frage gestellt. Gleichzeitig aber verzichten diese Beiträge aus Kommerzgründen nicht darauf, dem Zuschauer beim Abendbrot wohlige Schauer des Unerklärlichen über den Rücken zu jagen. Am Ende solcher Sendungen ist man aufgeputscht und gleichzeitig leer: Kopf und Bauch fühlen sich voneinander getrennt, es bleibt nichts zurück als abgebrochene Gedanken und nebulöse Empfindungen.
Auch beim Spiegel wirken kühler Rationalismus und auflagensteigernde Emotionalisierung gerne zusammen, wie etwa die Berichterstattung über die Mythenwelten der Germanen verdeutlicht. Während diese vor einigen Jahren noch im Triumph selbstherrlicher Aufgeklärtheit als "grobschlächtige Archaiker", "Störenfriede im Nebelland" und "geistesverwirrte Fremdlinge" abgewertet wurden (1), schwenkte das Blatt nach der Entdeckung der Himmelsscheibe von Nebra um und schwärmte nun bewundernd vom einstigen "Sternenkult der Ur-Germanen" - eine im Übrigen wissenschaftlich vollkommen unsinnige Klassifizierung. Im damaligen Deutschland, so übertrieb man nun die andere Seite, hätten - so wörtlich - "kleine Einsteins" gelebt, die nachts als "Schamanen" auf hoch gelegene Kultstätten geklettert wären, um dort "heidnische Planeten- und Mysterien-Shows" zu zelebrieren. Man raunt in opulentem Layout und schwelgerischen Textformeln vom Esoterischen, gibt sich aber zusätzlich aufgeklärt, indem Worte wie "Funkenerosionsmethode", "Goldisotope" oder "Protonenbeschleuniger" die streng wissenschaftliche Sicht auf die Himmelsscheibe bezeugen sollen. (2)
Gott als Kesselflicker Der mediale Umgang mit Spiritualität läuft also meistens auf eine Heiß-Kalt-Strategie hinaus, in der dem Kopf ein aufgeklärter Rationalismus vorgegaukelt wird, während der Bauch sich wolllüstig im Irrationalen baden kann. Dazwischen aber darf keine Verbindung bestehen: moderne Form einer durch Amputation erzeugten Kulturschizophrenie, die schon Friedrich Schiller in seinen Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschengeschlechtes geißelte. Die Moderne, so schrieb er dort, sei trotz aller Aufklärung immer noch barbarisch, weil es nicht gelungen sei, eine echte Brücke zwischen Vernunft, Herz und Triebleben zu bauen. Aus Angst vor vermeintlichen Fundamentalismen werden heute in den Mainstream-Medien Wissen und Glauben, Verstand und Gefühl streng voneinander geschieden. Stolz propagiert man die Trennung von Staat und Kirche, ohne zu realisieren, dass der Staat mindestens schon den Ersatzreligionen von Szientismus und Kapitalismus verfallen ist. Jeder Versuch einer wechselseitigen, auch kritischen Vermittlung von rationalen und spirituellen Einsichten wird skeptisch beurteilt oder sogar als gefährlich eingestuft. Ein drastisches Beispiel dafür bietet die seit mehreren Monaten laufende Kampagne gegen das Konzept des "intelligent design", das versucht, kritische Fragen an die Darwin'sche Evolutionsauffassung zu stellen und die Hypothese eines Schöpfungsplanes in die Diskussion einzubringen (vgl. dazu auch: Darwin in der Defensive, info3 11/2005). Doch nahezu alle Medien haben sich wie in einer virtuellen Konferenz kurzgeschlossen, um die "Katastrophe" (Ulrich Kutschera) einer solchen Debatte zu verhindern. Prominente Neo-Darwinisten setzen die Kritik an der Evolutionslehre mit der Leugnung des Holocaust gleich (so Richard Dawkins) und bestreiten mit wütender Vehemenz die Existenz irgendeiner transzendenten Vernunft hinter den Kulissen der Natur. Das Auge, so der englische Genetiker Steve Jones in Die Zeit, sei kein Wunderwerk der Schöpfung, sondern das aus vielen Mängeln entstandene Ergebnis eines "Arbeitstieres ohne Bewusstsein". Wenn es einen Gott gäbe, dann sei dieser nur ein unvollkommener "Kesselflicker" (3). Im Zuge dieser Diskussion stürzten sich die Medien hierzulande auf den Münchner Mikrobiologen Prof. Siegfried Scherer, einen gläubigen Christen, der ein kritisches Lehrbuch der Evolution verfasst hatte und an einer öffentlichen Debatte um Probleme und Möglichkeiten von "intelligent design" teilnehmen wollte. (4) Diesbezüglich war er von Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus zu einem Podiumsgespräch mit anderen Wissenschaftlern eingeladen worden, wogegen jedoch scharf protestiert wurde. Am 15. November 2005 sendete das ZDF-Magazin Frontal 21 einen Bericht über Scherer und seine Mitstreiter, die man wie eine gefährliche und im Untergrund operierende Sekte darstellte. Eine versteckte Kamera nahm verschwommene Aufnahmen aus ungewöhnlichen Perspektiven auf, wodurch Mitglieder der Studiengemeinschaft "Wort und Wissen", zu der auch Scherer gehört, fast zu Teilnehmern eines Neonazi- oder Päderasten-Treffens verzerrt wurden. Ohne Scherers differenzierte Thesen, die dem Sender vorlagen, auch nur im Ansatz zur Kenntnis zu nehmen, wurde dieser als Kreationist nach amerikanischem Vorbild dargestellt, der mit seinen "irrationalistisch-unwissenschaftlichen" Ideen zersetzend in den deutschen Schulunterricht eindringen wolle. Informiert man sich auf der Homepage von Scherer selbst, so distanziert er sich dort von den fundamentalistischen Auswüchsen mancher US-Kreationisten und fordert lediglich die Einbeziehung Darwin-kritischer Stimmen in den Biologieunterricht, während das Konzept "intelligent design" seiner Überzeugung nach ausschließlich im Fach Religion besprochen werden solle. (5) Alle Deutung von Fakten, so erklärt Scherer - übrigens in Übereinstimmung mit namhaften Wissenschaftshistorikern -, sei in weltanschauliche Rahmenbedingungen eingebunden, über die man offen diskutieren müsse. Warum sollte es nicht auch erlaubt sein, aus einer christlichen Schöpfungslehre Anregungen zu übernehmen, um evtl. Unstimmigkeiten im empirischen Bestand der Evolutionstheorie anders aufzulösen? Ein solcher Fragehorizont, der übrigens für die gläubigen Astronomen Kopernikus und Kepler noch selbstverständlich war, reicht heute schon aus, um Medien und etablierte Wissenschaft zusammenzuschmieden, um vehement jede Wechselwirkung zwischen rationalen und spirituellen Perspektiven zu verhindern. Etwas Ähnliches passierte übrigens auch im Vorfeld eines diesjährigen Neurologen-Kongresses in Washington, wo 800 Hirnforscher gegen den Auftritt des Dalai Lama protestierten, der dort über sein Verständnis von Glauben und Wissenschaft sprechen wollte. Die westliche säkularisierte Vernunft scheint sich schon allein dadurch bedroht zu fühlen, dass ihr Diskurs in öffentlichen demokratischen Veranstaltungen neben andere gestellt und nicht als absolute Deutungshoheit akzeptiert wird. Spürt sie, dass die Welt möglicherweise in einer Umbruchphase steckt, wo das alte Paradigma des mechanistischen Denkens endgültig seine Vorherrschaft verliert und die Menschen sich nach ganzheitlicheren Deutungen des Lebens sehnen? Interessant ist diesbezüglich eine Beobachtung des Philosophen Jürgen Habermas, der sich nach Jahrzehnten kritischer Metaphysik-Abstinenz jetzt wieder Fragehorizonten des Religiösen annähert. Bei einem Besuch in Teheran, so berichtet er in seinem neuen Buch Zwischen Naturalismus und Religion (6), habe ihm ein iranischer Kollege die Frage gestellt, ob nicht in Wirklichkeit die europäische säkularisierte Vernunft ein Sonderweg sei, der korrigiert werden müsste…
Holistische Potenzialität Material für eine solche Diskussion findet sich übrigens auch schon in der europäischen Geistesgeschichte, wo viele Autoren ein viel beweglicheres Verhältnis von Rationalität und Spiritualität erkennen lassen als diejenigen, die sich heute zu den letzten Rettern abendländischer Rationalität hochstilisieren. Schon Immanuel Kant, einer der Urväter der Aufklärung, interessierte sich lebhaft für das "Andere der Vernunft" und setzte sich diesbezüglich mit dem schwedischen Naturforscher und Geisterseher Emanuel von Swedenborg auseinander. Die Geschichtsschreibung der Aufklärung hat, um ihr scheinbar makelloses Konzept nicht zu beflecken, wohl Kants scharfe Swedenborg-Kritik in seiner Schrift Träume eines Geistersehers hervorgehoben, nicht aber dessen spätere Wendung, die dann Swedenborg doch in vielem Recht gab. So glaubte auch Kant an die Existenz eines rein geistigen Reiches, aus dem heraus die Seele in das Erdenleben eintritt und in das sie nach dem Tod wieder eingeht. Zu groß war für den Königsberger Aufklärer die Diskrepanz zwischen den reichen Anlagen der Seele und ihrem kurzen irdischen Aufenthalt, so dass er an eine Art Seelenwanderung glauben musste. Auch war für ihn die menschliche Fähigkeit zur Moral kein empirisch zu erklärendes Phänomen, wie für die Darwinisten, sondern speiste sich aus übersinnlichen Impulsen, die der Mensch durch seinen Kontakt mit transzendenten Welten empfängt. Kant war also in seinem Denken viel offener als viele seiner vermeintlichen Nachfolger und bezeichnete am Ende die Philosophie seines einstigen Erzrivalen Swedenborg sogar als "erhaben". (7) Eine solche geistige Beweglichkeit gilt auch für die Epoche der deutschen Frühromantik, wo Denker wie Goethe, Schelling und Novalis bereits wussten, dass Wissen und Glauben keine säuberlich getrennten Bereiche im Menschen sind. Wenn Schelling die Natur eine "mit all ihren Empfindungen und Anschauungen gleichsam erstarrte Intelligenz" nennt oder Goethes Naturforschung "der Göttin heilige Lettern" entziffern will, so klingt hier schon manches vom heutigen Konzept des "intelligent design" an. Rudolf Steiner führte die Ansätze Goethes zur anthroposophischen Geisteswissenschaft weiter, die Methoden entwickelte, um den nur empirischen Erfahrungsbegriff zu einer "Schau" höherer Einheiten auszudehnen, ohne an wissenschaftlicher Stringenz zu verlieren. Die beeindruckenden Ergebnisse goetheanistischer Naturwissenschaft von heute (etwa Wolfgang Schad, Jochen Bockemühl, Ernst-Michael Kranich oder Andreas Suchantke) geben von diesen fruchtbaren Impulsen Zeugnis und versuchen schon seit langem eine Vermittlung zwischen spirituellem und rationalem Verständnis der Lebens- und Evolutionsprozesse. Von diesen Bestrebungen erfährt man jedoch in den Medien nichts. Anthroposophie kommt hier so gut wie nicht vor, es sei denn, irgendjemand stöbert eine vermeintlich antisemitische oder rassistische Äußerung Rudolf Steiners auf, die dann als Generalbeweis für dessen Irrationalismus herhalten muss. Ähnlich unbekannt ist in weiten Teilen der Öffentlichkeit das für alles Transzendente aufgeschlossene Denken der großen Physiker des 20. Jahrhunderts. Die Nobelpreisträger Max Planck, Werner Heisenberg, Albert Einstein und Wolfgang Pauli waren zeitlebens fasziniert vom großen Unbekannten, das sich ihnen hinter den messbaren Phänomenen der empirischen Welt immer wieder neu offenbarte (siehe hierzu auch die Serie von Amnon Reuveni in info3). Bezeichnend für den vorherrschenden Rationalismus der Medien ist etwa, dass die stark religiöse Ader von Einstein in diesem Gedenkjahr fast völlig verschwiegen wurde. Religiosität bedeutete für ihn etwa das "Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestation tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit, die unserer Vernunft nur in ihren primitivsten Formen zugänglich sind." (8) Auch sein Kollege Wolfgang Pauli sah im Hintergrund der Natur das Walten eines höheren Geistes, der sich in unserem Erkenntnisvermögen spiegelt. In einem Aufsatz über den Astronomen Kepler wies er nach, dass wissenschaftliche Theorien oft durch die Einwirkung archetypischer Bilder entstehen. Erkenntnis, so heißt es dort, komme immer nur dadurch zustande, dass ein inneres Urbild, das die Grundgesetze des Kosmos widerspiegelt, an äußere Daten herangetragen werde und mit ihnen zu einer auch für den Forscher oft überraschenden Deckung komme. (9) Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker dachten in eine ähnliche Richtung und beschäftigten sich intensiv mit der Ideenlehre Platons, da sie immer mehr zu dem Schluss kamen, dass die letzten Bausteine der Wirklichkeit wohl eher ideeller als materieller Natur sein müssten. (10) Heisenbergs Schüler, der Physiker Hans Peter Dürr, setzt dieses Denken heute fort und gilt - neben dem ebenfalls in den deutschen Medien ignorierten amerikanischen Philosophen Ken Wilber - als Vorreiter eines neuen "holistischen" oder "integralen" Denkens. Demütig, wie es nur ein wirklich weitblickender Forscher sein kann, vergleicht Dürr das uns empirisch Erfassbare mit dem obersten Schaum einer Wellenkrone, die sich aber schon wenige Meter darunter mit Millionen anderen Wellen zu einer nicht mehr abgrenzbaren und doch tief zusammenhängenden Unendlichkeit verbinde. Um diese "holistische Potenzialität" als Grundsignatur der Wirklichkeit besser zu erfassen, bedürfe es - so Dürr - sehr vieler verschiedener gleichberechtigter Diskurse, wozu neben Wissenschaft auch Kunst, Religion und Meditation gehörten. Da die säkularisierte materialistische Weltbetrachtung dies nicht zulasse, sei sie verantwortlich für die "Erschöpfung der Moderne". Diese bestünde darin, dass wir "in all der Üppigkeit und all dem Trubel unseres Alltags unter einem Hunger nach Geistigem und Sinnhaftem sowie unter einem Gefühl von Verlorensein und Einsamkeit leiden. Mehr noch, dass uns die tieferen Ursachen unserer Frustration eigentlich gar nicht bewusst werden und wir deshalb auch nicht bereit und willig sind, geeignete Nahrung aufzunehmen." (11)
Von solchem Gedankengut findet sich in den Medien so gut wie nichts. Diese fahren eher damit fort, die spirituell ausgehungerten Seelen weiter mit dem Blendwerk technisch-wissenschaftlicher Errungenschaften zu umgarnen oder ihnen Surrogatformen von Mystik und Innerlichkeit vorzusetzen, die den Schmerz echter geistiger Entbehrung erst gar nicht mehr aufkommen lassen.
Anmerkungen: 1) Spiegel Nr.44 (1996) und Nr.32 (2000) 2) Spiegel Nr. 48 (2002) 3) http://www.zeit.de/2005/33/Kreationismus?page=all 4) Reinhard Junker, Siegfried Scherer: Evolution - Ein kritisches Lehrbuch, Weyel-Verlag Giessen 2001, zur Debatte siehe auch: http://141.84.51.10/palaeo_de/edu/kreationismus/presse/index.html?/palaeo_de/edu/kreationismus/presse/althaus.html (5) http://homepage.mac.com/siegfried.scherer/FileSharing3.html und http://homepage.mac.com/siegfried.scherer/FileSharing4.html 6) Jürgen Habermas: Zwischen Naturalismus und Religion, Frankfurt/Main 2005 7) Siehe dazu Gottlieb Florschütz: Swedenborgs verborgene Wirkung auf Kant, Würzburg 1992 8) Dazu etwa Max Jammer: Einstein und die Religion, Konstanz 1995, 33 9) Wolfgang Pauli: Der Einfluss archetypischer Vorstellungen auf die Bildung naturwissenschaftlicher Theorien bei Kepler, in: Naturerklärung und Psyche, Studien aus dem C.G. Jung-Institut Zürich IV, Zürich 1952 10) Etwa C.F. von Weizsäcker: Platonische Naturwissenschaft im Laufe der Geschichte, in: Der Garten des Menschlichen, München-Wien 1977 11) Hans-Peter Dürr: Auch die Wissenschaft spricht nur in Gleichnissen, ie neue Beziehung zwischen Religion und Naturwissenschaften, Herder-Verlag Freiburg 2004
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