Gronbachs Kolumne
Die Sehnsucht dahinter: Putzen
Von Sebastian Gronbach
Ich habe einen Nachbarn, der hat viel Geld, viel Zeit und drei große Autos. Jedes dieser Autos wird von ihm mindestens einmal in der Woche geputzt. Der Mann widmet der Pflege dieser Fahrzeuge einen bedeutenden Teil seines Lebens. Das Erstaunliche ist, dass er etwas säubert, was gar nicht dreckig ist. Es ist noch nicht einmal ein bisschen dreckig, und wenn Sie es sehen könnten, dann würden sie bestätigen, dass es nichts zu putzen gibt. Es ist alles sauber. Er reinigt drei Stunden einen absolut reinen Lack. Sein Staubsauger saugt nichts außer Luft und sein Putzlappen gleitet über Makellosigkeit. Dieser Nachbar ist der Prototyp des viel verspotteten deutschen Mannes, der seinem Auto mehr Liebe schenkt als seiner Frau. Wenn man seinen Putzwahn aber einmal nicht als armselig verurteilt oder bemitleidet, sondern wenn man anders hinschaut, was kann man dann erleben?
Wenn ich ihn dabei beobachte, wie er drei Stunden mit seinem silbernen Mercedes verbringt, dann sehe ich seine ruhigen, immer wiederkehrenden, kreisenden Handbewegungen, seine achtsame Ruhe und Ausdauer, die gleichzeitige Konzentration und das Versunkensein in einen Prozess, der längst aus dem Bereich des Nützlichen und Notwendigen verschwunden ist. Ich sehe jetzt keinen verrückten Sauberkeitsfanatiker mehr, ich sehe einen Menschen in kontemplativer Meditation. Sein Auto hat vor der Behandlung kaum weniger Glanz als danach. Was sich verändert, ist der Mann, der putzt. Er ist einige Zeit ganz eins mit sich und der Welt. Er ist das Auto, der Lappen und der Glanz. Er ist ganz bei der Sache und somit bei sich. Ihm scheint wichtiger, wie er etwas tut als was er tut.
Seine Handlung ist sinnentleert. Ist sie darum sinnlos? Ein immer wiederkehrendes Motiv in der Meditation ist das Versinken in eine Handlung, in einem Klang oder in einem Gedanken. Dabei geht es niemals darum, dass am Ende der Meditation Produkte herauskommen - kein kluger Gedanke, keine praktische Erfindung, kein schönerer Klang, kein glänzenderes Auto. Das Objekt der meditativen Hinwendung ist nur das Tor, um einen Raum der Innerlichkeit zu betreten, in dem der Friede wohnt.
Wenn Putzen ein bestimmtes Niveau der Reinlichkeit überschritten hat, wenn mehr Sauberkeit weder erreichbar, noch in irgendeinem Verhältnis zur aufgewendeten Zeit steht, dann hört Putzen auf und Meditation beginnt. Wer mehr putzt, als Dreck da ist - und das ist bei uns die Regel und nicht die Ausnahme -, der erfüllt sich die tief im Menschen verankerte Sehnsucht nach innerer Einkehr, nach einer Tätigkeit, die vom Nützlichkeitsterror befreit ist, nach einer Methode, die ihn von Emotionsmüll und Gedankendreck reinigt.
Das Sortiment an Putzmitteln für Haushalt und Auto ist gigantisch und das Angebot an Flaschen, Dosen und Tuben, zur Körperreinigung und Selbsthygiene ist jenseits einer verstandesmäßig vernünftigen Größenordnung. Deutschland ist nicht nur sauber, sondern porentief rein und lässt sich seine Reinheit Milliarden kosten. Allein die deutsche Firma Henkel setzt zwölf Milliarden Euro mit Putz-, Wasch- und Reinigungsmittel um und glänzt seit über hundert Jahren durch alle Krisenzeiten mit blitzsauberen Bilanzen.
Die finanzielle, zeitliche und emotionale Hingabe, mit der wir uns der Reinigung unserer Umwelt und unseres Körpers hingeben, hat sich weitestgehend von jedem äußeren Sinn entfernt. Wir bezahlen das viele Geld für "Blitz&Blank", um eine Ausrede vor uns und der Welt zu haben. Unsere Gesellschaft hat ihre ganze Kraft auf die Entwicklung der äußeren Dinge gelegt, wir aber haben die Sehnsucht auch innen zu wachsen, wir wollen auch innen rein und glänzend sein, wir wollen auch Seelenhygiene. Der Mensch findet immer einen Weg zu seinen Sehnsüchten und so hat die westliche Gesellschaft einen Weg gefunden, ein meditatives Element ins Leben zu schmuggeln.
Niemand wird einer Hausfrau verübeln, wenn sie drei Stunden den Spiegel und das Waschbecken zum Glänzen bringt, sie kann sogar nach außen über die viele Arbeit stöhnen. Etwas in ihr aber ist zutiefst befriedigt, etwas in ihr sehnt sich danach, immer wieder in diesen Rhythmus zu fallen, der so viel Klarheit, Ordnung und Struktur hat. Die chaotischen, lauten Kinder, der launige Mann, die finanzielle Krise, das alles wird für einen Moment weggewischt, das alles wird mit dem Dreck des Waschwassers fortgespült und löst sich im Apfelduft des Duschschaums auf. Wer putzt, der weiß, dass nichts von dem Erreichten von Dauer ist, wie ein tibetischer Mönch lebt er mit der Gewissheit, dass sein Werk, sobald es fertig ist, auch wieder zerstört wird.
Meditation reinigt, räumt auf und klärt. Wer mit Hingabe das Außen reinigt und aufräumt, wer in Putzmittel investiert und mit Konzentration spült oder liebevoll und stundenlang den eigenen Körper pflegt, der kann etwas vom Wesen der Meditation erfahren.
Gerade da, wo waschen und wienern tatsächlich unnötig sind, geben sie uns etwas von dem, was wir so nötig haben. Innere Ruhe, seelische Ordnung und einen Raum, so sauber, "dass man sich drin spiegeln kann."
Herzlich - Ihr Sebastian Gronbach
|