Die Ken Wilber-Tagung in Frankfurt
"Zusammenarbeit ist immer gut"
Von Jens Heisterkamp
"Soviel herzliches Lachen hatten wir hier selten", resümierte eine Mitarbeiterin der anthroposophischen Bildungsstätte "der hof" im Frankfurter Stadtteil Niederursel beim Rückblick auf die Jahrestagung des Ken Wilber-Arbeitskreises in Deutschland. In der Tat hatte eine intensive Herzlichkeit diese Veranstaltung geprägt, bei der sich drei Tage lang knapp einhundert Wilber-Aktivisten von Berlin bis München über den Stand der integralen Bewegung ausgetauscht hatten: Arbeitsgruppen verfolgten die Anregungen Wilbers in Gebieten wie Pädagogik, Unternehmensberatung oder Medizin, Wilber-Experten wie Michael Habecker stellten die jüngsten Textentwürfe des integralen Visionärs vor, die vor kurzem im Internet von ihm zur Diskussion gestellt wurden. Edith Zundel, die Wilber bereits vor mehr als zwei Jahrzehnten in Deutschland "entdeckte" und ihn in der transpersonalen Bewegung bekannt machte, wurde zur "Ehrenpräsidentin" des Arbeitskreises ernannt.
In großer Offenheit hatte sich der Vorbereitungskreis dieser vom Charakter eher intern gehaltenen Tagung für eine Begegnung mit der Anthroposophie geöffnet und bei insgesamt neun Arbeitsgruppen auch zwei anthroposophische Referenten und die Eurythmie zur Mitwirkung eingeladen. Allerdings musste ausgerechnet Roland Benedikter aus Bozen, Autor des jüngsten Wilber-Schwerpunktthemas in info3, wegen unwetterbedingter Zugausfälle im Alpenraum kurzfristig absagen. Dennoch waren Rudolf Steiner und die Anthroposophie Thema in vielen Gesprächen, sowohl in der Arbeitsgruppe mit Jens Heisterkamp und Tom Steininger als auch in den Gesprächen am Rande.
Wilber live dabei Die Tagung verlief insgesamt sehr vielgestaltig: neben den mehr fachlichen Workshops gab es gemeinschaftliche Aktivitäten für Körper, Geist und Seele, Rituale und künstlerische Einlagen. Den Höhepunkt bildete sicherlich für die meisten Teilnehmer das Live-Interview mit Ken Wilber per Konferenzschaltung nach Boulder/Colorado. Dabei äußerte sich Wilber eingangs auch zu aktuellen weltpolitischen Problemen, die er im Anschluss an das System der "Spiral Dynamics"-Entwicklungsstufen von Don Beck deutete. Überraschend sicher für manchen: Wilber bezeichnete zwar den Einmarsch in den Irak als "illegal", sagte jedoch gleichzeitig, dass eine höher entwickelte Weltgemeinschaft, wenn es sie denn gäbe, auf jeden Fall aufgrund der Menschenrechtsverletzungen in den Irak hätte einmarschieren müssen. Dann erläuterte Wilber ausführlich Grundgedanken aus seinem bereits im Internet vorgestellten, neusten Entwurf einer "Integral Spirituality". Darin unterscheidet Wilber erstmals scharf eine Entwicklungslinie von "Strukturen" von den verschiedenen "Zuständen" der spirituellen Entwicklung. Auch wer in seiner geistigen Entwicklung hohe "Zustände" erfahren habe, befinde sich dadurch noch lange nicht "automatisch" auf einer höheren Struktur. So habe beispielsweise der Dalai Lama sicher tiefe Erleuchtungszustände erfahren, in seinen Urteilen zur Sexualmoral jedoch spiegelten sich eher die Einflüsse einer alten, mythischen Bewusstseinsstruktur, die aus dem traditionellen Buddhismus zu erklären seien. In dem knapp zweistündigen Gespräch, das Monika Frühwirth aus Wien moderierte, kam auch der seit einigen Ausgaben in info3 stattfindende Dialog zwischen Anthroposophie und integralem Denken zur Sprache. Dabei wurde Wilber die Frage vorgelegt, warum er Steiner eher als "Traditionalisten" sehe - ein Thema, auf das Roland Benedikter bereits in seinem Wilber-Artikel in der März-Ausgabe von info3 hingewiesen hatte. Wilber würdigte in seiner Antwort Steiner zunächst als ein "außerordentliches Genie" und als einen großen Pionier spirituellen Denkens und meinte, eine Zusammenarbeit sei auf jeden Fall gut. Dennoch sehe er nicht, dass Steiner die "alte Metaphysik" dekonstruiert hätte. Damit zielt Wilber offensichtlich auf Steiners Darstellungen geistiger Wesen und höherer Welten, die Wilber im Sinne ontologischer Gegebenheiten erkenntniskritisch als nicht haltbar einstuft. Was in der Bewusstseinsentwicklung den post-kantianischen Sprung nicht mitgemacht habe, könne vor der Moderne nicht bestehen, sagte Wilber sinngemäß. "Pioniere sind Pioniere, aber die Welt schreitet dann auch weiter", meinte Wilber abschließend, der damit allerdings nicht nur Steiner, sondern auch ganz grundsätzlich die ausgeformten Strukturgebäude der großen spirituellen Traditionen in ihrer absoluten Bedeutung in Frage stellte.
Dialog verstärken Die Frage, ob Steiners Verständnis höherer geistiger Wesenheiten nicht auch anders denn als konventionell metaphysisch, nämlich in einem spirituell-monistischen Sinne, verstanden werden kann (oder sogar muss), ist dabei auch innerhalb anthroposophischer Kreise erst anfänglich erforscht und bedürfte intensiver Bearbeitung. Andererseits scheint deutlich zu sein, dass Wilbers Einschätzung, ausgerechnet Steiner habe die von Kant ausgehende erkenntniskritische Haltung nicht mitvollzogen, bei ihm auf eine ergänzungsbedürftige Werkrezeption, insbesondere von Steiners Frühwerk, hindeutet. An dieser Frage könnte jedoch auch unabhängig von der persönlichen Position Wilbers ein fruchtbarer Austausch zwischen Anthroposophen und sich integral verstehenden Menschen ansetzen. Die überwiegende Zahl der Teilnehmer hat jedenfalls wohl schon jetzt von der Begegnung "im anthroposophischen Rahmen" einen ganz anderen Eindruck mitgenommen als jenen der berüchtigten "versteinerten" Anthroposophen. Die "Integrale Initiative Frankfurt" (IIF) beschloss im Anschluss an die Tagung, auch für künftige Veranstaltung den "hof" zu nutzen. Außerdem ist eine enge Zusammenarbeit mit info3 und der Amselhof-Akademie in Frankfurt Niederursel geplant.
Ausführliche Informationen zur Tagung finden sich demnächst auf der Homepage des Arbeitskreises Ken Wilber.
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