magazin info3/archiv/September 2005

Rupert Neudeck erinnert an den Philosophen der Tat: Jean Paul Sartre

Gute Zeiten für Ethik und das gute Leben?

Von Rupert Neudeck

Die Alten sagten uns, was das gute Leben ist. Die Alten, so sagte es uns Aristoteles, das sind die, die das noch wussten, was das ist: Das richtige und das heißt: das gute Leben! Wie man einen gnädigen Gott bekommt. Wie man gottgefällig lebt. Und diese Tradition hat sich bis zur Frankfurter Schule durchgesetzt. Das richtige Leben führen wir nicht, indem wir es uns ganz einfach machen. Denn: "Es gibt kein richtiges Leben im Falschen!" (Max Horkheimer).

Das wirkt heute fast lächerlich. Würde man damit jemanden hinter dem Computer hervorlocken? Oder geht es um solche Werte, um das gute Leben, wenn man einen Politiker spricht, mit dem man schon lange zu tun hat? Was sind Werte? Was bedeutet noch ein richtiges, gutes Leben? Ist nicht alles aufgesogen von den täglichen Terminen, von der Hetze von einem Platz zum anderen?

Wie kommt es, dass uns das gute Leben nichts mehr bedeutet in der virtuellen Welt der Websites und Homepages, der Internetzugänge und der Flugbuchungen?
Das gute Leben ist komplizierter geworden, fürwahr. Aber auf keinen Fall unmöglich.

Ich weiß es doch ganz genau, dass ich besser im Inland nicht herumfliege, sondern mich möglichst lieber in eine Eisenbahn hineinsetze und lese. Es überkommt uns die Ahnung, diese unsere (jetzigen) Zeiten seien keine guten für die Ethik, für das gute Leben. Die uns alle das Leben über beschäftigenden Fragen der Absicherung, der Renten, der Krankheiten, der Prävention, der Steuergerechtigkeit, der Absetzbarkeit der Ausgaben - das alles summiert sich nicht mehr zu der klaren Gewissheit, ein gutes Leben zu führen. Deshalb auch so viel Sehnsucht nach einem erneut einfachen und durchsichtigen Leben.

Mich hat in der Neuzeit neben den großen Heroen der Ethik, auf die ich mich immer beziehen und mein Leben ausrichten konnte, zumal auf diesen Jesus Christus, bei dem ich mich ganz besonders gut aufgehoben fühle, noch einer ganz besonders fasziniert: Dieser Jean-Paul Sartre, den ich als 70-Jährigen erst erlebt und gesprochen habe. Das war jemand, der ganz unfähig war zu irgendeiner Attitüde oder einer Schauspielerei. Ich kann die Stunden, die ich bei ihm sein durfte, nimmermehr vergessen. Es waren zwei so unglaublich dichte Gespräche, gerade weil sie von keiner Inszenierung getragen waren. Ich muss auch noch einmal die Bedingung des allerersten nennen. Ich war mit einem Fernsehteam in den Boulevard Edgar Quinet am Montparnasse gefahren, wir hatten geschellt und das Team baute auf. Es hat dann aber alles nicht geklappt, weil da irgendetwas mit einer Kamera klemmte. Jedenfalls ist aus den Fernsehaufnahmen nichts geworden.

Der gute alte Sartre hatte seine volle Sehkraft verloren, er konnte kaum noch etwas sehen. Aus dem großen Gespräch (im Februar 1979) sind mir wie Testamentbrocken die Teile in Erinnerung, die Sartre, radikal bis zum Allerletzten, zum Staat gesagt hat und zu dem, wie man in der Moderne noch ein richtiges Leben führen kann. Der Mensch, so wie er ist, soll als freier Mensch "in keiner Weise von einer Macht regiert werden, die nicht von ihm kommt". Das war das, so Sartre, worauf man sich geeinigt hatte, als man die Demokratie begründete. Aber die Demokratie, wie wir sie heute kennen, bedeute, dass die Macht von einer kleinen Gruppe über die überwältigende Mehrheit der Menschen ausgeübt wird. Diese Demokratie ist also eine Form, die Menschen zu brechen. Und so war das schon beim Königtum und bei der Aristokratie.

Der moralische An-Archist Sartre sagte mir am Boulevard Edgar Quinet: Immer wieder werden den Menschen bestimmte Lebensformen aufgezwungen. "Man ist verpflichtet, das zu tun, was die Institutionen fordern. Die Institutionen sind aber immer die Erfindung einer bestimmten kleinen Gruppe von Spezialisten, von einer oder zwei parlamentarischen Kammern." Und damit bleibt die Gesellschaft ein Zwangsverbund, solange es diese Institutionen gibt, die von einer Minderheit bestimmt werden.

Deshalb sei, so Jean-Paul Sartre im 6. Stock des großen Gebäudes des Boulevard Edgar Quinet, die aktuelle Demokratie immer eine entfremdete Demokratie, worin die Menschen nicht für ihre Freiheit votieren, sondern immer nur für die Sklaverei.

Und dann kommt sein eigenes Programm, das für mich immer noch den ganzen Charme einer ganz anderen Lebens- und Staatsform hat: "Was man realisieren muss, das sind solche Gruppen, die selbst ihre Probleme angehen. Und die versuchen müssen, ihre Entscheidungen der Gesamtheit der Bürger verständlich zu machen, ihre Bedürfnisse verständlich zu machen, und die Art, wie die Gesellschaft auf diese Bedürfnisse reagiert".

Das erfordert Beauftragte. Aber keine Regierungschefs. Die "Entscheidungen eines Chefs, des Angehörigen einer Elite, diese Entscheidungen haben keinen Sinn, weil sie nicht von allen getroffen wurden".

Aber, er wurde gegen alle seine Werke, gegen die "Kindheit eines Chefs" und gegen die Eingeschlossenen von Altona, ein Optimist. Jean-Paul Sartre hatte gerade die wunderbare Aktion, diesen ganz aus dem Geist der Botschaft der Bergpredigt geborene Überraschungsflug des Ägyptischen Präsidenten nach Tel Aviv erlebt.
"In dem Maße, in dem die Araber terroristische Akte begingen, war ich gegen ihre Politik, weil mir schien, dass der Terrorismus nicht das Mittel war, das sie verwenden dürften". Aber Sartre ist und bleibt Optimist.

Ethik ist die Lehre des guten Lebens. Das ist das, wonach wir alle streben. Was immer uns dabei hilft, versuchen wir aufzunehmen. Ich selbst bin durch meine unverdiente Arbeit in den Ländern der Habenichtse darauf gestoßen worden, dass man sein eigenes Leben nicht ruhig und sorglos leben kann, wenn man sich nicht um die anderen kümmert, denen es eben nicht so gut geht.

Sartre hatte am Schluss seines Lebens erkannt: "Es gibt immer etwas Menschliches, das überlebt, unter welchem Regime auch immer. Der Mensch kann sich nicht vollkommen erniedrigen zur Gestalt des Unter-Menschen, die wohl die Nazis waren. Es waren ganz bestimmte Menschen, die sich so erniedrigt haben. Es müssen aber immer Menschen übrig geblieben sein, wenn es auch zu einem bestimmten Zeitpunkt nur eine Minderheit gewesen ist. In dem Krieg gegen die Nazis, in den Kolonialkriegen, in den Kriegen der USA, in allen diesen Kriegen hat es auf beiden Seiten etwas gegeben, das menschlich war. Selbst in den Massakern. Und wenn es jetzt nicht mehr um Krieg, sondern um Frieden geht, kommt es vor allem darauf an, den Menschen zu entdecken, das ist ein ebenso politisches wie moralisches Problem."

Wir hatten uns damals auf eine Ebene begeben, auf der uns der Faden nicht mehr verloren ging. Ich hatte nur eine Stunde von der Madame de Beauvoir zugewiesen bekommen bei diesem Ethik-Gespräch, als nach zwei Stunden Simone de Beauvoir erschien, war sie sehr wütend, denn wir hatten die verordnete Zeit schon überschritten. Und ganz am Ende hat dann der moralische Anarchist, der ich immer auch sein möchte, aber nicht sein kann, die Oberhand bekommen.

"Und ich sage, dass man die Institutionen zerstören muss, die gegen die wahre Demokratie sind. Und man muss versuchen, für die zu handeln, die in der gegenwärtigen Situation am meisten bedroht sind. Man muss eine permanente Anstrengung machen, damit die wahre Demokratie existiert".
Er meinte nicht die Lügen, mit denen man eine Demokratie simuliert. "Ein Staat, in dem einige Menschen höhergestellt sind als andere, in der eine Minderheit der Mehrheit sagen kann: Tut dies und tut jenes - ist keine Demokratie. Das ist ein autoritärer Staat, kein totalitärer, aber ein autoritärer. Es ist der Staat, in dem wir leben. Und so soll es nicht sein".

Sartre drehte sich zum Fenster um, wo man die neuerdings hässlichen Bauten im Viertel Montparnasse sehen konnte und sagte Sätze, die mir bis heute schwer in mein Gewissen fahren: "Wir müssen eine wertvolle Gesellschaft wieder finden, in der man für die anderen und für sich selbst leben kann. Aber man kann innerhalb der Institutionen nicht zu dieser wertvollen, menschlichen Gesellschaft kommen, nur in der Aktion, in der Aktion eines jeden, einer moralischen Aktion übrigens, denn die Aktivität für den anderen ist immer eine moralische Tat".

Er lehnte sich zurück und schaute mich an. Wir saßen da und ich war fasziniert, denn das war der moralische Imperativ des Jean-Paul Sartre nach einem Leben voller Kämpfe, voller Widersprüche, der Imperativ eines Menschen, dem nichts Menschliches fremd gewesen war, der sich aber das Einfache und das Menschliche so wunderbar bewahrt hatte. Der das Einfache bewahrt hatte und sogar den Nobelpreis abgelehnt hatte, weil er ihm die gleiche Bedingung aller Menschen, das was die Franzosen "la condition humaine" nennen, geraubt hätte.

Ich fragte ihn, es wurde fast dunkel draußen über Montparnasse: "Kann man denn dabei optimistisch sein, da wir doch wissen, dass die gegenwärtigen Strukturen übermächtig sind?"
Er schwieg. Er setzte an und sagte: "Man muss es versuchen. Man muss versuchen zu lernen, dass man sein Sein, sein Leben nur suchen kann, indem man für die anderen tätig ist. Darin liegt die Wahrheit. Es gibt keine andere".

Ich ging hinaus. Mir war, als habe dieser von mir bewunderte Philosoph, dieser Tausendsassa mit den vielfältigsten Talenten, dieser Dramatiker und Romancier, dieser penible Psychologe, dieser Globetrotter das noch einmal formuliert, was die Botschaft seines Lebens war. Und die Botschaft seines Lebens war das richtige Leben. Und damit das gute Leben. Die Ethik also, die der Menschheit schon bekannt ist, die aber jede Generation wieder neu über alle möglichen Irrungen und Wirrungen neu finden muss: "Die Aktivität für den anderen ist immer eine moralische Tat". Dieser große Denker und Zeitgenosse hatte eine große Strecke ausgeschritten: "Unsere Verantwortlichkeit", so hatte er es direkt nach dem furchtbaren Kriege gesagt - und eine ganze Generation hat geahnt wie wahr das war - "bindet die ganze Menschheit. Der Mensch, der sich bindet und der sich Rechenschaft gibt, dass er nicht nur der ist, den er wählt, sondern außerdem ein Gesetzgeber, der gleichzeitig mit sich die ganze Menschheit wählt, kann dem Gefühl seiner vollen und tiefen Verantwortlichkeit schwerlich entrinnen.".

Hunc meminisse iuvabit.* An den großen Moralisten Jean-Paul Sartre sich zu erinnern, wird uns in den Grabenkämpfen der bevorstehenden Kämpfe helfen.

* An diesen sich zu erinnern, wird uns helfen.