magazin info3/archiv/Juli 2005

Ein integrales Gespräch

Richtkräfte - eine Erforschung

Von Jean-Michel Neukom

"Richtkräfte für das 21. Jahrhundert" lautete eine Ausstellung des Kunsthauses in Zürich, die im Sommer 1999 das Werk von Rudolf Steiner, Emma Kunz, Andrej Belyi und Joseph Beuys gemeinsam präsentierte. "Richtkräfte eine Erforschung" ist ein literarischer Versuch des Schweizer Malers Jean-Michel Neukom, diese Vierheit mit dem Vier-Quadranten-Ansatz von Ken Wilber in Beziehung zu setzen.

Am Anfang: Die Suche nach dem Gegenüber gestaltete sich schwieriger als gedacht: Wen sollte ich mitnehmen auf diese Reise? Auf diese Forschungsexpedition nach den Richtkräften?

ETWA
GOODWILL
ODER
OHNSORG
ZWEIFELSFREI
GEGENÜBER
HERZLICH
LIEBEVOLL
GOTTHEART
GOTTVERTRAUT
JEDERMANN
HINZ
KUNZ
REICH
ARM
PARIS
PENDEL
PINSEL
FRAU STEIN
HERR STEINER AUS UZNACH
ANDRE AUCH MEIN VORNAME
DENKBAR
MARIA UND JOSEPH
MEINEN VATER
MUTTER
DEN SOHN
ONKEL UND TANTEN
ERREICHBAR
WILBER
FRAGER
AUROBINDO
WAS KLINGT GUT
MÖGLICH
DAS WIE
WAHRHEIT
DURCHDRINGEND
DIE ERLEUCHTUNG
DIE TRANSFORMATION
EINFACH DAS
NAHEZU

ZUM GUTEN SCHLUSS NICHT JEDERMANN SONDERN GOODWILL.
TREFFEND
EINFACH GOODWILL OHNE FRAU UND MANN.
ZUM GLÜCK HAT ES SICH ENTSCHIEDEN.

Richtkräfte

Und Jetzt

Eine Geschichte

Am 21. Mai 1999 begann im Kunsthaus Zürich eine neue Ausstellung unter dem Titel "Richtkräfte für das 21. Jahrhundert". Staunen, Entdecken, wieder entdecken standen im Zentrum dieser Werkschau. Im Zentrum des Körpers verschmolzen vier große Geistwesen. Es ist der großen Übersicht der Ausstellungsmacher zu verdanken, dass dieses Ereignis neuerdings in die Welt kommen konnte. Guido Magnaguagno, heute Direktor des Museums Tinguely und Walter Kugler vom Rudolf Steiner Archiv waren für mich die Lichtgestalter. Die Namen und Werke, die den Raum Kunsthaus bewegten, waren Rudolf Steiner, Andrej Belyj, Joseph Beuys und Emma Kunz. Dieses Ereignis wirkt nachhaltig, darum nehme ich es zum Anlass für eine neue Geschichte. Um einen möglichen Weg zu zeigen, wie ein neuer Kunstkontext geboren werden könnte. Ich werde dieses Gespräch mit Goodwill führen, Goodwill wird mein Begleiter sein. Ich werde die beiden Geistwesen Goodwill und Neukom auf die Reise schicken. Sie werden den Raum Richtkräfte differenzieren. Die Weltsicht dieser Richtkräfte wird uns, so hoffen wir, zu einem neuen Weltbild führen.

Goodwill und Neukom auf dem Weg

Die Leserin oder der Leser versucht, sich vorzustellen, der Text komme aus einer Welt des Transpersonalen. Einer geistigen Weltsicht, und versuche, wenn möglich, den Verstand für ein paar Minuten ein wenig auf die Seite zu legen. Der Einfachheit halber werde ich immer den Namen und einen Doppelpunkt an den Anfang der freien Rede der beiden setzen.

Goodwill: Ihre Beschreibung des Weges war gut, sonst hätten wir uns wohl nicht getroffen, hier in Zürich, vor dem gigantischen Tor von Rodin.

Neukom: Herzlich willkommen im Raum Richtkräfte.

Goodwill: Ich bin sehr gespannt, wie Sie das anstellen werden.

Neukom: Um gleich einzusteigen in unseren Dialog: So, wie ich Sie spüre, bewegen Sie sich absolut frei in den verschiedenen Weltsichten. Man könnte sagen, Sie sind ein Zeitreisender, sehen Sie das auch so?

Goodwill: Ja, doch nur unter dem Vorbehalt, die Weltsichten auch beim Namen zu nennen. Denn wir leben ja nicht in einer vorgegebenen Welt. Die bemerkenswerte Grundaussage der postmodernen Revolution in Philosophie, Psychologie und Soziologie lautet, dass es unterschiedliche Weltsichten gibt, je unterschiedliche Möglichkeiten, Erfahrungen zu kategorisieren, zu präsentieren oder zu organisieren.

Neukom: Toll, da stecken wir ja schon mitten drin. Am Anfang der Ausstellung, sozusagen am Eingang, stehen drei Bilder, je von Mondrian, Kandinsky und Malewitsch. Alle drei vereinen die Weltsicht der Theosophen, eine Weltsicht, der Rudolf Steiner jahrelang in die Welt geholfen hat. Bis er aus der theosophischen die anthroposophische Weltsicht machte. Schön, dass die Malerei diese Ausstellung eröffnen darf. Ich verstehe es so, dass auf dem Weg zum Transpersonalen die existenzielle Weltsicht auf der Strecke bleibt. Der Künstler ist in einer Krise, er sucht nach Halt und dieser Inhalt könnte eine Weltsicht mit mehr Tiefe sein.

Goodwill: Ohne irgendeine Weltsicht geht man in der blühenden, summenden Wirrnis der Erfahrung unter. Alle unsere individuellen Wahrnehmungen sind in gewissem Umfang in bestimmten Weltsichten eingebettet. Jede Weltsicht prägt mit ihren spezifischen Merkmalen alle, die innerhalb dieser Weltsicht geboren werden und die meisten Menschen wissen oder ahnen nicht einmal, dass sie ihre Wahrnehmung innerhalb des Horizonts einer vorgegebenen und ganz spezifischen Weltsicht machen.

Neukom: Wir lassen unseren Geist durch den Raum ziehen und atmen den Geschmack dieser unglaublichen Fülle. Wir stehen in einem Meer von schwarzen Wandtafelzeichnungen. Die Präsenz dieser Tafeln ist physisch spürbar, das versetzt mich immer wieder in Staunen.

Erzähler: Ich muss mich kurz vorstellen, ich bin der Erzähler dieser Geschichte, fast hätte man mich vergessen. Die beiden sind in tiefer Meditation und in tiefem Schweigen... die beiden nehmen Kontakt auf mit dem Wesen des Raumes. Solange sie schweigen, werde ich als der Erzähler den Kontakt zum Leser halten.

Goodwill: Sie scheinen dem Werk von Steiner mit großer Hochachtung und Freude gegenüber zu treten?

Neukom: Im Werk von Steiner habe ich eine Heimat gefunden. Er hat mich jahrelang begleitet in meinem Schaffen und ist mir in seiner Fülle sehr hilfreich zur Seite gestanden. In meinem Forschen war er wissenschaftliche Prüfstelle, Maßstab, eine Lichtgestalt, auch Wegweiser. Er hatte immer eine Antwort, auf jede Frage, das ist das Erstaunliche. Vergleiche ich das Werk von Ken Wilber mit dem von Steiner, dem geschriebenen, sehe ich eine nahe Verwandtschaft. Ich denke, nicht umsonst hat er einen Platz in der integralen Psychologie gefunden. Heute verwende ich in Wort und Sprache auch eher Wilberkontext, das scheint mir heute angemessener.

Goodwill: Welchen Quadranten oder welche Weltsicht würden Sie für den Russen Andrej Belyj sehen? Er scheint sich sehr mit Meditation auseinandergesetzt zu haben. Auch war es ihm möglich, seinen Weg in Worten und Zeichnungen festzuhalten. So können wir uns noch heute ein Bild machen von diesem Weg.

Neukom: Das eindrücklichste Dokument seiner Kunst scheint mir sein Buch Verwandeln des Lebens zu sein. In diesem Buch ist sein unglaubliches Feuer zu spüren, sein Drang zum Göttlichen. Seine Suche, dem Leben Sinn abzuringen. Ohne Rücksicht auf irgendetwas, es ging nur um Meisterschaft; er ist für mich der Steiner Schüler, neben Albert Steffen und Joseph Beuys. Es ging Belyj um Bewusstseinsentwicklung, doch auch um einen kulturellen und sozialen Beitrag. Ich denke, er war ein Forscher des Integralen, alle Ebenen, alle Quadranten, ganz im Wilber'schen Sinn. Die subtile, die kausale und die nichtduale Weltsicht waren ihm nicht unbekannt, dem Forscher in vielen Welten. So sehe ich es...

Erzähler: Die beiden sind unterwegs im Raum Richtkräfte, machen sich ein Bild. Verbinden die Werke von Steiner, Beuys, Kunz, Belyj. Beginnen, den gemeinsamen Kontext zu erforschen, nach Kräften zu suchen für die aufkeimenden Samen der neuen Weltsichten.

Goodwill: Nun, die Zahl der Weltsichten ist theoretisch fast unendlich groß, trotzdem scheinen doch etwa ein Dutzend von ihnen besonderen Einfluss gehabt zu haben und noch zu haben. Diese von vielen Gelehrten erkundeten Weltsichten sind die sensomotorische, die archaische, die magische, die mythische, die mentale, die existenzielle, die psychische, die subtile, die kausale, und die nichtduale.

Neukom: Etwas berührt mich sehr bei Ihren Aussagen: Ich höre immer Ken Wilber sprechen durch Sie. Sie scheinen ihn frei zu zitieren. Aus welchem Werk zitieren Sie jetzt gerade?

Goodwill: Aus Einfach das.

Neukom: Das machen Sie einfach so?

Goodwill: Ich verschmelze mit der Richtkraft Wilber.

Neukom: Um sie dann später zu differenzieren und zu integrieren.

Goodwill: Etwas liegt mir sehr am Herzen, ich bezeichne es mit dem Übergang, in dem wir uns befinden, Wilber sagt das so: "Der Grund dafür, dass Kunst in der postmodernen existenziellen Welt in eine Sackgasse geraten ist, liegt nicht darin, dass die Kunst selbst erschöpft wäre, sondern vielmehr die existenzielle Weltsicht. Wie einst die rationale Moderne ihre Formen erschöpfte und der aperspektivischen Postmoderne wich, so erlebt heute die Postmoderne ihren eigenen Abgesang; nichts als unendlich widergespiegelte Ironie hält ihre Hand und streut Blumen aus, wo sie nicht vermisst werden. Der Schädel der Postmoderne grinst am nahen Horizont, und bis dahin stehen wir zwischen zwei Weltsichten, von denen die eine stirbt und die andere noch nicht geboren ist".

Neukom: Ich habe mich sehr mit dieser Frage auseinander gesetzt, sowohl als Künstler als auch als Wissenschaftler. Im Werk von Steiner ist dies eine zentrale Frage, er hat immer wieder davon gesprochen, dass es wichtig sei, richtig in die Zeit zu kommen. Es ist ihm ein Anliegen, dass alles richtig verstoffwechselt, also differenziert wird. "Irrlichteln", wir er zu sagen pflegte, mentale Konstruktionen, Kopfgeburten, Hirngespinste sind einfach nicht angemessen.

Goodwill: Was trägt das Werk von Emma Kunz bei, um aus dieser Trennung zu kommen? Der Raum Kunz stimuliert mein ganzes Wesen. Der Raum wirkt auf mich wie ein Jungbrunnen, ein Kraftplatz. Als würde ich neu in meinen Körper gestellt, alles, was zwickt, wird neu eingerichtet. Eine Schraube da, eine neue Dichtung dort, mehr Fluss hier, weniger Spannung dort.

Neukom: Das Instrument, das Kunz entwickelt hat, war der Körper selber. Bei ihr gab es keine Körper-Geist-Trennung. Vielmehr war ihre Ganzheit ein hochsensibles Werkzeug, das ist heute noch spürbar in diesen Bildern und wird auch so bleiben. Die Bilder sind wirklich für die Ewigkeit geschaffen. So ausdrucksstark habe ich es nur bei ihr angetroffen. Für mich ist Frau Kunz eine Heilerin, nicht eine Künstlerin.

Goodwill: Muss im Transpersonalen nicht jeder Künstler zum Heiler werden? Die subtile, die kausale und die nichtduale Weltsicht fordern doch den ganzen Menschen, den heilen.

Neukom: Das sehe ich auch so.

Goodwill: In diesem Raum Richtkräfte hier erlebe ich eine mögliche Geburt, für einen alle Ebenen-, alle Quadranten-Raum.

Neukom: Ja, die Summe der Samen, differenziert, ergibt eine neue Weltsicht, eine angemessene.

Goodwill: Was kommt auf den Menschen, den Künstler, zu, ganz konkret, wollte er sich entwickeln?

Neukom: Er muss vom Pendel zum Pinsel werden und auf dem Weg nicht versteinern. - Spaß muss sein! - Praxis muss sein, die vier Künstler zeigen den Weg. Ihre Summe, ihre Vierheit, weist auf die vier Quadranten von Wilber. Wir sehen durch die objektive Optik von Wilber, was Bestand hat in der Welt. Weleda ist Kapital, eine Weltmarke, von Steiner in die Welt gebracht. Geboren in einem kleinen Holzhaus am Goetheanum Hügel, vor bald hundert Jahren.

Goodwill: Das Personale ist erschöpft, bleibt das Transpersonale zu erforschen, so sehe ich den Weg.

Neukom: Wir nehmen ein langes Seil und springen von der Brücke und schon sind wir im transpersonalen Reich.

Goodwill: Nur haben wir leider vergessen, dass wir nicht nur feinstofflicher Geist sind, sondern der Körper Materie ist.

Neukom: Und solange die Richtkräfte nicht differenziert sind, nicht integriert werden können...

Goodwill: Das gibt noch viel zu tun.

Neukom: Denke ich auch...

Erzähler: Die beiden versinken wiederum in tiefe Meditation, das scheint ihnen zu helfen. Sie verschmelzen mit dem Raum. Sie werden ganz ruhig. Es sieht so aus, als würden sie einen Dialog mit den Vieren halten. Oder sind es fünf und mehr?

Neukom: Das Buch, die Tafeln, der Vortrag von Steiner sind heute eins. Als er die Vorträge hielt, gab es das Buch vom Vortrag nicht. Für mich ist er immer da; lese ich in einem Buch: Die Tafel hilft beim Umsetzungs-Prozess. Es ist, als könnte ich mir noch besser ein Bild machen. Es vertieft meine Meditation mit der Frage, dich ich in mir trage. Das Hingehen nach Dornach, auf den Hügel, vertieft das Einswerden mit der Richtkraft.

Goodwill: Der Forscher geht auf Reisen und verbindet wie zu Goethes Zeiten, auch zu Fuß über den Berg, wenn es sein muss.

Neukom: Er arbeitet an seinem ganzheitlichen Handeln. Bleibt nicht auf dem Berg, sondern verbindet die Ebenen. Zu einem integralen Ganzen; kühler Kopf und warme Füße bringen uns auf den Weg.

Goodwill: Die Zürcher müssten alle auf dem Weg sein.

Neukom: Warum gerade die Zürcher?

Goodwill: Diese Ausstellung ist doch ein Antrieb.

Neukom: Ich gehe noch einen Schritt weiter: Verbinden wir Schaffhausen mit Zürich, Würenlos und Dornach, sehen wir das Feld in einer ewigen Dimension.

Goodwill: Sie reden von den Richtkräften, die mehr Tiefe im Bewusstsein fordern.

Neukom: Richtig. In den Hallen für neue Kunst in Schaffhausen ruht das Werk Das Kapital von Beuys. Das Kapital, in der äußeren Form sehr endlich, auch schwarze Wandtafeln und mehr. Ein Flügel, ein großer, schwarzer ergänzt das Instrumentarium. Die Richtkräfte sind Kapital, richtig eingesetzt.

Goodwill: Ich verstehe Sie richtig: Verbindet man die vier Orte, so ist die Ausstellung jederzeit zu besuchen, auch in der materiellen Welt?

Neukom: So ist es, jederzeit. Hier sind sie in einem Raum, doch sie waren schon immer da, die Kräfte und werden es immer sein. Es ist eine Frage des Bewusstseins oder des Weges, ob ich mich mit der Kraft verbinden kann. In einem Kreis von nicht mal hundert Kilometern, Uznach, Basel, Schaffhausen, Würenlos und Zürich. Das Buch von Belyj wartet in der Buchhandlung des Goetheanums, Herr Scheller zeigt es ihnen gerne.

Goodwill: Ich staune...

Neukom: Sind Sie wieder einmal in Zürich, empfehle ich den Gang in die schönste Apotheke der Stadt, in die St .Peter Apotheke. Kaufen Sie ein Paket "AION A", der Stein, mit dem Emma Kunz geheilt hat und beginnen Sie mit der Arbeit. Nehmen Sie die Richtkraft in die Hand und der Weg beginnt.

Goodwill: Ich mache mich gleich auf den Weg...

Neukom: Eigentlich müsste es ein Leichtes sein, alles ist da.

Goodwill: Ich möchte die Sozial-Plastik und deren Bedeutung noch ein wenig ausleuchten. Wilber spricht von den vier Quadranten, Steiner von der Dreigliederung, es ist das "Wir", das angesprochen ist, "Wir alle".

Neukom: Diesen Übergang vom "Ich" zum "Wir", von einer Entwicklungsstufe zur anderen ist sehr schön dargestellt in dieser Ausstellung. Es sind die Olivestone von Beuys, fünf mächtige Steinwannen aus Kalkstein. Als die Körper noch Wanne waren, dienten sie dem Dekantieren von Olivenöl. Beuys gab dem Körper seine Ganzheit zurück, indem er die Wanne zum Quader machte. Er füllte den Hohlraum wieder mit Stein und ließ einen Körper werden. Er erfüllte die Leere mit Inhalt und gab der Zahl Fünf eine neuerliche Bedeutung. Die fünf Sarkophage stehen für die fünf Kontinente und das Olivenöl, mit dem er die Steine übergoss, könnte auch für das Flüssige stehen, das die Kontinente verbindet. Der plastische Eingriff, das Wiederauffüllen des ausgehöhlten Steines, ist eine Transformation auf eine höhere Ebene. Die Richtkraft bekommt damit mehr Tiefe, sie schließt das Alte ein, umarmt und transformiert es.

Beuys: Die Evolution der Kunst geht von der Moderne - also von der traditionellen Kunst - in die anthropologische Kunst, und in diesem Felde entsteht die soziale Kunst: das soziale Kunstwerk und die Gesellschaft als Kunstwerk, als Utopie, die Gesellschaft als das höchste Kunstwerk, das sogar über die Einzelkunstwerke hinausreichen soll. Das "Gesamtkunstwerk", könnte man es ja auch nennen. Das ist nur machbar mit der Beteiligung aller. Und aus diesem Grunde ist der Begriff ja auch so bezeichnet, als ein erweiterter Kunstbegriff.

Goodwill: Schön, dass einer der Vortragsmeister doch einmal selber spricht. Doch sehe ich auch bei dieser Aussage, dass ein neuer Kontext nötig ist. Steiner würde sagen: "Nicht ich, sondern der Christus in mir, in jedem". Also weg mit dem Ego, wir alle sind nötig, um die Evolution voranzutreiben.

Neukom: Schönheit --- Imagination; Weisheit --- Inspiration; Stärke --- Intuition steht geschrieben auf einer Tafel von Steiner. Diese Tafel bringt mich zu einem Lieblingsbuch von Steiner, zu GA 25. Kosmologie, Religion und Philosophie, nicht mal 100 Seiten, doch was für welche. Dieses Buch macht eine sehr schöne Brücke zu Ken Wilbers Buch Das Wahre, Schöne, Gute - Geist und Kultur im 3. Jahrtausend. Der neue Kontext ist da, und die unglaubliche Fülle erhält neue Samen der Übersicht.

Goodwill: Ohne Praxis geht wohl gar nichts und ohne Kontext auch nicht.

Neukom: Show your wound, gib mir Honig, vertiefe die Kommunion und mach die Geheimnisse produktiv.

Goodwill: Guido Magnaguagno wünschte sich, dass die Besucher magnetisiert würden. Hoffte, dass die Ausstellung den Leuten eine Geschichte, ihre Geschichte, mitgeben könnte. Wenn sie sich mit ihrer Hilfe in eine große Tradition stellen könnten, die in der Antike beginnt und über die christlichen Mystiker, die Rosenkreuzer, die Freimaurer zu Jakob Böhme, Goethe, bis zum Monte Verità und zur Anthroposophie führt, dann wären sie gegenüber Sektierertum und Aberglaube vielleicht besser gefeit. Auch wäre es schön, wenn die Ausstellung ein paar Boomer und Manager oder Blockdenker verunsichern könnte.

Neukom: Und weiter, den Veda, die Synthese des Yoga, Sri Aurobindo, Eros Kosmos Logos, ein integraler, differenzierter und integrierter, ganzheitlicher Ansatz, das ist der Welt zu wünschen.

Goodwill: Die Frage hieß ja auch: "Und jetzt?".

Neukom: Fünf Jahre später. Oder bald sechs.

Goodwill: Und jetzt ...?

Erzähler: Wiederum versinken die zwei in tiefer Meditation...

Neukom: Guido antwortet weiter, in einem Interview von Billeter zur Ausstellung, auf die Frage: "Warum dieser dreifache Donnerschlag, Kandinsky, Malewitsch und Mondrian?":

Guido: Zunächst soll mit drei Meisterwerken der klassischen Moderne gleich klar gemacht werden: Das hier ist zuerst und zuletzt eine Ausstellung von Bildern, es wird hier nicht die Lehre Steiners dargestellt, obwohl die gezeigten Bilder auf diesem Hintergrund zu sehen sind. Zum Zweiten treten Mondrian und Malewitsch als Väter einer geometrisierenden, Kandinsky als Vater einer lyrisch-spontanen Ungegenständlichkeit auf. Emma Kunz steht auf der Linie der ersten beiden, Steiner und Belyj auf der Linie von Kandinsky, wozu auch Beuys wenigstens mit der Zeichnung gehört. Alle diese Gestaltungen kommen aus dem Drang nach einer helleren Zukunft oder nehmen diese schon vorweg - und sind daher im Sinn von Beuys erweitertem Kunstbegriff eben Kunst.

Goodwill: Und dies müsste unmissverständlich nach Uznach zu integralneu.com führen.

Neukom: Mir scheint die gelbe Farbe in den drei Bildern noch erwähnenswert. Bei Mondrian ein Dreieck oben rechts, Malewitsch malt eine große Fläche mit gelber Farbe und Kandinsky hält sich an der Sonne, trotz schwarzem Loch. Schwarzer Fleck (1921), so der Name des Kandinsky Bildes, scheint die Energie von Gelb zu durchdringen. Malewitsch' suprematistisches Bild von 1918 wagt den Sprung auf eine neue Ebene. Er durchdringt mit dem Gelb das grüne Mem. Mondrian wirft das Mental ins Weiß und transformiert es, auf der Spitze tanzend. Komposition 1 (1925), ist ein 112x112 Zentimeter großes Bild, das auf der Spitze steht, das dunkelblaue Dreieck weißt nach unten. Oder doch nicht? Ich öffne das Buch der Sammlung des Kunsthauses Zürich, ein Geschenk von Guido, und was sehe ich: Das Bild ist nicht gleich abgebildet wie im Ausstellungskatalog Richtkräfte. Ich muss sofort Guido anrufen! Weiter zu Mondrian, er erreichte mit dieser Anordnung das Überschreiten einer Grenze ins Unendliche. Die drei Bilder bezeichnen eine mentale Ebene, Mondrian, eine vitale Ebene, Malewitsch und eine körperliche Ebene, Kandinsky. Also eine integrale Ganzheit im vedischen Sinne, Rishi (Vata), Devata (Pitta) und Chandas (Kapha). Verschmelzen, Differenzieren und Integrieren, alle Ebenen, alle Quadranten.

Goodwill: Jetzt möchte ich sofort ein Neukom Bild meditieren.

Neukom: Sie sind herzlich eingeladen in Uznach und ich werde gerne ein weiteres Gespräch mit Ihnen führen.

Goodwill: Ich freue mich schon jetzt auf diesen Besuch.

Neukom: Ich danke für Ihre Offenheit im Dialog.

Goodwill: Also, bis bald, wir sind in Kontakt.

Neukom: Und der Kontext im Werden.

Erzähler: Die Zwei verabschieden sich und jeder geht seinen Weg.

Zitate: Ken Wilber aus: Einfach Das, Fischer Taschenbuch; www.integralneu.com unter "Kultur"
Guido Magnaguagno, aus: Vernissage, Nr. 13/1999
Joseph Beuys, Olivestone, Kunsthaus Zürich.