Synästhesie
»Das Leuchtende ist immer auch das Klingende«
Von Judith Krischik
Wer kennt nicht das Phänomen, dass ihn unerwartet eine Wahrnehmung, etwa ein Duft, an seine Kindheit erinnert. Meist sind wir überrascht von der Intensität und Unmittelbarkeit, mit der solch' eine Erinnerung vor uns erscheint. Wie könnte dieses Phänomen erklärt werden, wenn doch der Auslöser allein eine Sinneswahrnehmung war? Dies kleine Beispiel ist eine Annäherung an ein weit komplexeres Phänomen, die Synästhesie, das mit einem - jedoch nur teilweise passenden - deutschen Wort auch »Farbenhören« genannt wird. Wenn ein Synästhet hört, dann hört er nicht nur Töne, Geräusche oder Musik, sondern er sieht gleichzeitig Farben. -- »Am häufigsten sehe ich Klänge als Farben, verbunden mit einem bestimmten Druckgefühl auf meiner Haut. Ich bin noch nie sonst jemanden begegnet, der auch Geräusche sehen kann. Ich bin mir nicht sicher, ob 'Sehen' die beste Beschreibung dafür ist. Ich sehe, aber nicht mit meinen Augen, falls das einen Sinn macht. Ich kann mir nicht vorstellen, ohne meine Farben zu sein. Was ich an meinem Ehemann so liebe, ist die Farbe seiner Stimme und seines Lachens. Sie ist ein wunderbares Goldbraun mit einem Geschmack von knusprigem Toast mit Butter«. 1 Das Beispiel dieser Synästhetin könnte den Eindruck erwecken, dass sie persönliche Metaphern verwendet, um ein Wohlgefühl zu beschreiben. Tatsächlich aber handelt es sich um eine sinnliche Erscheinung, die parallel zur primären Sinneswahrnehmung auftritt, ohne dass dabei die »Zweitwahrnehmung« auf einen ihrem Sinn zugehörigen Reiz in der Außenwelt zurückginge. Im Fall von Zahlen, Buchstaben und Begriffen muss der Synästhet das jeweilige Element nur denken und schon »sieht« er die ihm entsprechende Farbe. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Erscheinungen das ganze Leben über bestehen bleiben, von Synästhet zu Synästhet aber ganz verschieden sind. »Als ich begann, wirklich aufmerksam auf die Synästhesie zu werden, war ich beeindruckt davon, dass die ersten Farben, die ich bei Zahlen und Buchstaben sah, die leuchtendsten waren - nämlich die Rot-, Orange- und Gelbtöne. Grün und Blau kamen später hinzu und lösten einige Missverständnisse aus. Ich erinnere mich noch daran, dass ich dachte: Wenn einige dieser Buchstaben und Zahlen Farben haben, dann müssten alle Farben haben. Ich begann, weiter zu suchen, und die Schwarz- und Weißtöne erschienen; und dann tauchten endlich die allerletzten Farben auf, die, wie ich feststellte, solche waren, die man als unscheinbare Farben bezeichnen könnte, wie zum Beispiel Taubengrau für den Buchstaben D oder die Farbe von Bier für den Buchstaben Z. Ich muss zugeben, dass ich kein Violett sehe und dass ich mir unklar bei dem Buchstaben Q bin.« 2
Synästhesie ist ein recht seltenes Phänomen - man spricht von etwa einer Handvoll Synästheten unter einer Million Erwachsener - und erreicht erst langsam durch populärwissenschaftliche Bücher wie aus dem oben zitierten Farben hören. Töne schmecken des Neurologen Richard Cytowic unsere Aufmerksamkeit. Nur so ist zu verstehen, warum Synästheten selbst häufig gar nichts von ihrer Veranlagung wissen oder aus ihrem Bewusstsein verdrängen, weil sie in der Kindheit die Erfahrung gemacht haben, für verrückt erklärt zu werden oder auf Unverständnis stießen, wenn sie ihren synästhetischen Erfahrungen Ausdruck gaben. Dem Historiker Kevin Dann aus New England ist kein Bestseller wie dem Neurologen Richard Cytowic geglückt. Doch dafür zeichnet er in seiner Dissertation Bright Colors Falsely Seen - Synaesthesia and the Search for Transcendental Knowledge die seit etwa zweihundert Jahren dokumentierte Geschichte der Synästhesie auf und greift schlussendlich zur anthroposophischen Menschenkunde, um das einmalige Phänomen ansatzweise zu erklären. Doch zunächst geht er in einem großen Teil seines Buches der Synästhesie in der Kunstwelt nach, die von Synästheten nur so zu wimmeln scheint. Schriftsteller wie Vladimir Nabokov, Virginia Wolff, Arthur Rimbaud, Komponisten wie Messiaen und Scrjabin, der Maler Kandinsky und viele andere waren Synästheten.
Gedankenformen und Auren werden sichtbar
Die Verwandtschaft von Kunstwelt und Synästhesie ist offenkundig. Der Künstler bringt in seinem Kunstwerk in erster Linie seine eigene Individualität zum Ausdruck. Seine synästhetische Begabung kann ihm dabei ein außerordentlich hilfreiches Werkzeug sein, seine vielfältigsten Sinneserlebnisse in den künstlerischen Ausdruck eines einzigen Sinnes zu vereinigen. Im Gegensatz zur reinen Selbstverwirklichung setzten sich die Künstler um die Jahrhundertwende ein weit höheres Ideal. Der synästhetisch veranlagte Kandinsky und viele seiner Zeitgenossen versuchten mit ihrer Kunst, Gesetzmäßigkeiten der geistigen Welt zum Ausdruck zu bringen. Der Kunsthistoriker Sixten Ringbom hat in seiner Studie über die Spiritualität Kandinskys die Nähe des Malers zur Anthroposophie und Theosophie aufgezeichnet. 3 Kandinsky, der zusammen mit Gabriele Münter und den Anthroposophen Maria und Alexander Strakosch Vorträge Rudolf Steiners in München besuchte, fand in der Anthroposophie eine spirituelle Erklärung für sein Farbenhören, nämlich als übersinnliches Erleben der geistigen Welt selbst. Im Katalog zur Ausstellung Okkultismus und Avantgarde 1995 in der Frankfurter Schirn-Kunsthalle bemerkt der Ausstellungsleiter Veit Loers, der Einsicht in Kandinskys Exemplar der Theosophie hatte: »Drei Markierungen versieht Kandinsky dort, wo Steiner synästhetisch (sic!) wissen lässt: 'Was in der physischen Welt der Verstand als Gesetz, als Idee wahrnimmt, das stellt sich für das geistige Ohr als ein Geistig-Musikalisches dar. Das Leuchtende ist immer auch das Klingende.'« 4 Und einen Satz weiter heißt es in der Theosophie: »Jeder Farbe, jeder Lichtwahrnehmung entspricht ein geistiger Ton.« 5 Rudolf Steiner bringt diese Gesetzmäßigkeit in seinem Kapitel Von Gedankenformen und der menschlichen Aura in die Anschauung. Er beschreibt dort exakt, wie Emotionen, Charaktereigenschaften und Gedanken in Farbe und Form in der menschlichen Aura »sichtbar« werden. Die Theosophen Annie Besant und Charles W. Leadbeater veröffentlichen fast zeitgleich mit dem Erscheinen der Theosophie auf Grundlage ihrer eigenen Hellsichtigkeit farbige Bilder und Zeichnungen der Aura und der Gedankenformen des Menschen. 6 Auf der Suche nach dem »Geistigen in der Kunst« und der Synthese aller Kunstformen in ein Gesamtkunstwerk sah Kandinsky in diesen Hinweisen, wie Ringbom ausführlich schildert, eine geisteswissenschaftliche Erklärung des Farbenhörens. Dies kam Kandinsky weitaus mehr gelegen als irgendeine damals gängige positivistische Deutung der Synästhesie. Kevin Dann kommt jedoch in seinen Nachforschungen zu dem Schluss, dass Kandinsky kein idiopathischer Synästhet war, wie der natürlich begabte Synästhet bezeichnet wird: »Ich stehe mit meiner Meinung, dass Kandinsky kein Synästhet war, so ziemlich allein da«, meint Kevin Dann in einem Gespräch bei einer Tasse Tee in seinem Haus in Vermont zu mir. »Kandinsky war sicherlich eine provokative, innovative Persönlichkeit. Für Künstler wie ihn war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts von großer Bedeutung, Erfahrungen des Übersinnlichen zu haben und nicht nur darüber zu reden und davon zu hören; aber darin liegt halt eine große Gefahr.« Nach Kevin Danns Meinung hat sich Kandinsky nie mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass jeder Farbenhörer sein eigenes System von Farben hat. Ist für den einen Synästheten der Buchstabe A schwarz, ist er für einen anderen vielleicht rot. Gerade dieses persönliche, subjektive Erleben aber war für viele Künstler der Jahrhundertwende nur ein Gefängnis, aus dem sie auszubrechen hofften, um in ihrer Malerei oder Musik zu allgemeingültigen, geistigen Gesetzmäßigkeiten zu gelangen. Hinter dem Vermischen von Synästhesie und übersinnlicher Wahrnehmung sieht Kevin Dann den romantischen Wunsch einer von Symbolismus, Expressionismus und abstrakter Kunst geprägten Kunstwelt, die nichts sehnlicher erstrebte, als Geistiges in die physische Erscheinung zu bringen. Es sei keine Frage, meint der Naturhistoriker aus Vermont, dass diese Art von »romantischer Spiritualität« auch heute noch stark vorhanden, wenn nicht sogar gewachsen sei, und gesteht, dass sie auch seiner eigenen Forschung den Anstoß gab. Die Beschäftigung mit der Synästhesie und sein Infragestellen des Synästheten Kandinsky »zwangen« ihn, so fährt er fort, sich mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie näher auseinander zu setzen. In der bereits zitierten Theosophie Rudolf Steiners fand er den ausschlaggebenden Hinweis, sich gegen ein »echtes« Farbenhören Kandinskys auszusprechen. Im bereits erwähnten Kapitel über die menschliche Aura heißt es: »Man kann zu der Vorstellung kommen, als ob dasjenige, was hier als 'Farben' geschildert wird, vor der Seele so stünde, wie eine physische Farbe vor dem Auge steht. Eine solche 'seelische Farbe' wäre aber nichts als eine Halluzination. Mit Eindrücken, die 'halluzinatorisch' sind, hat die Geisteswissenschaft nicht das Geringste zu tun.« Kevin Dann geht in seiner Kritik an Kandinsky noch weiter, indem er kurz darauf zu sprechen kommt, wie im Gegensatz zu Kandinskys Ansatz, über die Sinne in die geistige Welt vorzudringen, die Anthroposophie diese gerade »auszuschalten« versucht und das sinnlichkeitsfreie, reine Denken zum eigentlichen Tor zur geistigen Welt wird.
Die Bedeutung von Synästhesie ist Bedeutung
Es bleibt die Frage, was die Synästhesie nun eigentlich ist, wenn nicht eine übersinnliche Erfahrung der geistigen Welt. Einer heute noch weitverbreiteten, reduktionistischen Sichtweise zufolge »verläuft« sich ein Sinnesreiz, der sich normalerweise allein in der diesem Sinn zugehörigen Nervenstruktur des Gehirns abbildet, aus unerklärlichen Gründen in die Nervenstruktur eines anderen Sinnes. Diese Sichtweise von einer Art Überkreuzung der Nervenimpulse hält jedoch mit jüngsten Forschungsergebnissen wie denen des Neurologen Richard Cytowic nicht mehr stand. Einige Kriterien helfen, sich ein besseres Bild über die Synästhesie zu verschaffen: sie ist unfreiwillig und kann weder unterdrückt, noch willentlich herbeigeführt werden. Die synästhetischen Wahrnehmungen beginnen in der frühen Kindheit und sind ein Leben lang unveränderlich und unvergesslich. So erinnert sich ein Synästhet, der die Begabung des Farbenhörens für Zahlen besitzt, an die Farbenfolge etwa einer Telefonnummer und nicht an die Zahlen selbst. Dies ermöglicht ihm, sich weitaus schneller und an viel kompliziertere Zahlengebilde zu erinnern als der Nicht-Synästhet. Damit berühren wir den Bereich des photographischen Gedächtnisses (oder mit einem Fremdwort: des Eidetismus). Der engen Verwandtschaft der beiden Phänomene und ihrem häufigen gemeinsamen Auftreten - besonders unter Autisten - kann hier leider kein Platz eingeräumt werden. Ein außerordentlicher Beitrag zu diesem Thema ist jedoch die Selbstdarstellung der Autistin Temple Grandin, die nicht in Begriffen, sondern ausschließlich in Bildern denkt. 7 Beschäftigt sich die Neurologie mit der Frage, wo und wie die synästhetische Erscheinung im Gehirn zustande kommt, schaut sich Kevin Dann das Phänomen aus der geschichtlichen Distanz an. Er stieß dabei auf die in den zwanziger Jahren durchgeführten, aber heute vergessenen Untersuchungen des amerikanischen Psychologen Raymond Wheeler und seines Mitarbeiters Thomas Cutsforth, eines Synästheten, der jedoch in Folge eines Unfalles mit elf Jahren erblindete. In zahlreichen Versuchsreihen, die auf der Selbstbeobachtung von Cutsforth beruhten, kamen beide zu dem Schluss, dass die Synästhesie eine Form des Denkens und Lernens sei. Sie stellten die These auf, dass jedes Kind synästhetisch sei und mit der Schulreife, also zu einem Zeitpunkt, wenn ein intellektuelles, auf der Sprache beruhendes Lernen die Überhand gewinnt, die Synästhesie aus unserem Bewusstsein verdrängt werde. »Wheeler und Cutsforth waren die ersten Psychologen«, fasst Kevin Dann seine Ent-deckung zusammen, »die darauf hinwiesen, dass Synästheten ihre Photismen (Farbeindrücke, jk) oder andere 'Zweitwahrnehmungen', die durch ihre Synästhesie angeregt werden, nicht als verrückte sinnliche Bruchstücke erleben, sondern tatsächlich als eine wesentliche Komponente ihres Gedankenprozesses. Synästheten erleben ihre eigene Synästhesie als eine Form des Denkens. Genauso wenig wie die meisten von uns Sprache oder ihren eigenen Gedanken als eine Art 'innere Rede', als willkürlich oder herkömmlich erleben, genauso wenig erleben Synästheten ... die hellen, farbigen Kleckse, die in ihrem Gesichtsfeld auftreten, als willkürlich.... Wheeler und Cutsforth zeigen auf, dass die Synästhesie nicht nur ein Phänomen allein der Wahrnehmung, sondern des Verstandes ist, und dass die Synästhesie ein wesentlicher Mechanismus beim Konstruieren von Bedeutung ist, der in derselben Weise abläuft wie bestimmte unbemerkte geistige Prozesse im Nicht-Synästheten.« 8 Die Erklärung der Wissenschaftler Wheeler und Cutsforth richtet sich nicht mehr auf die »unnahbare« geistige Welt, sondern auf die Welt der Objekte um uns herum selbst, und darauf, wie wir durch die Wahrnehmung und das Denken eine Beziehung zu dieser knüpfen. Im Gegensatz zum linearen Ursache-Wirkung-Denken, das unsere Wissenschaft beherrscht, nämlich dem, dass sich die Objekte der Außenwelt mittels unserer Sinnesorgane im Gehirn abbilden, und wir anschließend mit unserem Denken den passenden Begriff hinzufügen, legen die beiden Forscher eine weit komplexere Erklärung nahe. Sinneswahrnehmung und Denken, Subjekt und Objekt sind hier nicht mehr voneinander getrennt. Der Synästhet benötigt für sein Denken keine Sprache; er schafft sich durch die Hinzunahme weiterer sinnlicher »Synonyme« die Bedeutung des Objekts. Die Synästhesie liefert dem Kritiker des herrschenden Subjekt-Objekt-Dualismus den schönsten Beweis für eine monistische Welterfahrung!
Das »Lockerwerden« des Ätherleibes
Kevin Dann lässt bei seiner Suche nicht locker, bis er einen geisteswissenschaftlichen Erklärungsansatz für das Farbenhören findet - für eine bei der Yale University Press erschienenen Veröffentlichung ein unerwartetes Vorgehen. Das Synästhesie-Verständnis der Gegenwart ist eng mit dem Populärwerden bewusstseinserweiternder Drogen, speziell von LSD, verbunden. »In den sechziger Jahren«, meint Kevin Dann, »war synästhetisch ein Synonym für psychedelisch.« Hinter der Drogenfaszination der Hippiebewegung und später der New Age-Bewegung bis in die Gegenwart steht dieselbe Sehnsucht der Künstler und Theosophen um die Jahrhundertwende, sich aus den Grenzen der physischen Welt zu befreien und Einblicke in höhere Welten zu gewinnen. Diese Sehnsucht ist jedoch aufs engste mit dem Sensiblerwerden für Geistiges seit dem Ende des sogenannten Finsteren Zeitalters im Jahr 1899 verknüpft, von dem Anthroposophie wie auch Theosophie sprechen. Kevin Dann hält die Synästhesie für ein Zeichen dieses Sensiblerwerdens, nämlich für die »Lockerung« des menschlichen Ätherleibes, des Trägers der Lebenskräfte und der Erinnerung. Diese Lockerung mache den Menschen aufnahmefähiger für nichtsinnliche Wahrnehmungen der ätherischen Welt, die zwischen der physischen Welt und der geistigen Welt liegt. Der anthroposophische Psychologe und Fachmann für Drogenfragen Ron Dunselman aus Holland, so bemerkt der Schreiber am Schluss seines beeindruckenden Buches, beschreibt, wie jeder, der LSD oder andere Drogen zu sich nimmt, in einem gewissen Grade »stirbt«. Menschenkundlich gesehen führe die Intoxikation durch die Droge die Lockerung des Ätherleibes herbei. Ron Dunselman kommt in seinem Buch An Stelle des Ich, wo er über die Wirkung von LSD schreibt, zu dem Schluss: »Die Anregung eines Sinnes löst unmittelbar eine 'Reaktion' oder Wahrnehmung in anderen Sinnen aus, weil der Ätherleib an mehreren Stellen gleichzeitig tätig ist und potentiell überall präsent ist. Selbst kleinste Anregungen von nur einem der Sinne lösen unmittelbare Reaktionen in den Ätherleibern der anderen Sinne aus, da zusätzliche ätherische Kräfte anwesend sind. Der Astralleib, der mit diesen Sinnen verbunden ist, übersetzt diese Anregungen dann in sinnliche Wahrnehmungen.« 9 Obwohl Ron Dunselman hier auf die Synästhesie selbst nicht eingeht, sondern nur über die durch Drogen herbeigeführten Sinneserlebnisse spricht, sieht Kevin Dann in diesem Ansatz eine Erklärung auch für die Synästhesie. Der Historiker endet hier mit seinen Nachforschungen. Kurz weist er noch auf eine aktuelle Studie des National Institutes of Health aus dem Jahr 1997 hin, deren Schätzung zufolge heute unter zweitausend Erwachsenen bereits ein Synästhet auftritt. 10 Er hält es für unwahrscheinlich, dass dieser rapide Anstieg allein das Ergebnis umfassenderer Untersuchungsberichte sein soll. Vielmehr zeigt sich seiner Meinung darin ein Symptom für das »Lockerwerden« des menschlichen Ätherleibes. Der Geschichte der Synästhesie folgend hat sich der Leser dieses Buches gemeinsam mit dem Autor einem bemerkenswerten Lernprozess unterzogen. Wer kann sich nicht mit dem Romantiker, der sich nach geistiger Erfahrung sehnt, identifizieren? Dass eine solche Haltung häufig auf Naivität beruht und zu vorschnellen Schlüssen führen kann, hat Kevin Dann mit seiner Geschichte der Synästhesie gezeigt. Er hat auch gezeigt, wie eine solche Haltung einen »spirituellen Dualismus« erzeugen kann, der ähnlich dem materialistischen Dualismus nur eine größere Kluft zwischen den beiden Welten, der physischen und der geistigen, reißt - denn um was anderes handelt es sich, wenn ein physisch-sinnliches Phänomen fälschlicherweise in die geistige Welt verlegt wird? Die Wissenschaft kann nur da mit ihrer Forschung ansetzen, wo sie selbst steht: bei der Beobachtung von Phänomenen. Dass die Synästhesie hervorragend dazu geeignet ist, eine neue Qualität in unsere Weltbeobachtung und in unser Erleben zu bringen, hat Kevin Dann in seinem Buch darzustellen versucht: Kevin Dann: »Das Verwechseln von synästhetischen Farbeindrücken mit astralen Visionen führte nur dazu, dass die materialistische Wissenschaft und ihre nichtmaterialistischen Kritiker weiter auseinander getrieben wurden, und sorgte dafür, dass die Synästhesie ... weiterhin romantische Behauptungen über die geistige Welt und unsere anfängliche Fähigkeit, sie wahrzunehmen, aufstellte... Als ein Phänomen, das an der Grenze sowohl der wissenschaftlichen als auch außerhalb der Wissenschaft liegenden Fähigkeit, sie zu erklären, liegt, zieht die Synästhesie fortlaufend unsere Aufmerksamkeit auf die Frage, wie das Überschneiden unserer mit einer weitreichenderen Welt zu verstehen sei.«
Fußnoten: 1. Deutsche Übersetzung aus: Richard E. Cytowic, The Man Who Tasted Shapes, MIT Press, Dritte Ausgabe 1999, deutscher Titel: Farben hören, Töne schmecken. Die bizarre Welt der Sinne, DTV, München 1996. zurück 2. Dt. Übersetzung aus: Kevin T. Dann, Bright Colors Falsely Seen, Synaesthesia and the Search for Transcendental Knowledge, Yale University Press, 1998. zurück 3. Sixten Ringbom, The sounding cosmos: A study in the spiritualism of Kandinsky and the genesis of abstract painting. Abo: Abo Academi, 1970. zurück 4. Veit Loers, Das Kombinieren des Verschleierten und des Bloßgelegten - Kandinsky und die Gedankenfotographie in Okkultismus und Avantgarde; von Munch bis Mondrian 1900-1915, Edition Tertium, Ostfildern 1995, Schirn Kunsthalle, Frankfurt. zurück 5. Rudolf Steiner, Theosophie, S. 124, Dornach 1987. zurück 6. Annie Besant, Charles W. Leadbeater, Gedankenformen, Aquamarin Verlag, 1999; C.W. Leadbeater, Der sichtbare und der unsichtbare Mensch, Aquamarin Verlag, 1999. ; zurück 7. Temple Grandin, »Ich bin die Anthropologin auf dem Mars«. Mein Leben als Autistin, mit einem Vorwort von Oliver Sacks, Droemer, München 1997. zurück 8. Dt. Übersetzung aus: Kevin T. Dann, s. 2. zurück 9. Dt. Übersetzung aus: Ron Dunselman, In place of the self. How drugs work, Hawthorne Press, Lansdown 1995; deutscher Titel: An Stelle des Ich. Rauschdrogen und ihre Wirkung, Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 1996. zurück 10. Carol Yoon, Synesthesia: The taste of music, the sound of color, Journal of National Institutes of Health Research, 9, 1997. zurück
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