Eingeweihter, Lebemann, Priester:
Rudolf Steiner integral
Von Felix Hau
Ein zentrales Erlebnis von "Erleuchtung" beschreibt der 19-jährige Rudolf Steiner in einem Brief an einen Freund. info3-Redakteur Felix Hau entwickelt aus diesem Angelpunkt eine überraschende Arbeitshypothese zu der bis heute ungeklärten Frage von Steiners "Einweihung" und kontrovers diskutierten Aspekten seiner Werk-Entwicklung.
Viel ist schon geschrieben worden über die Biographie Rudolf Steiners. Verschiedene Ansätze haben versucht, die Widersprüche, die auf den ersten und auch noch auf den zweiten Blick in dieser Biographie zu Tage treten, aufzulösen. Die beiden gängigsten Theorien gehen davon aus, dass Steiner vor der Jahrhundertwende - die in seiner äußerlichen Biographie einen deutlichen Änderungspunkt markiert - entweder ein Saulus gewesen ist, der dann durch eine Christusbegegnung zum Paulus wurde, oder dass er auch schon vor der Jahrhundertwende ein Paulus war, der sich lediglich aus bestimmten Gründen bewusst bis zu seinem vierzigsten Lebensjahr in das Gewand eines Saulus kleidete.
Ich halte sowohl die eine wie auch die andere Vorstellung für absurd und ihre Annahmen für viel zu weit hergeholt. Ich glaube nicht, dass man sich die Sache nicht anders erklären kann; allein: man will nicht. Und man will vor allem deshalb nicht, weil dann probeweise eine einzige Annahme gemacht werden müsste, die bislang nicht gemacht wurde und die offenkundig so schwer fällt und so absurd erscheint wie sonst gar nichts. Diese Annahme lautet in ihrer schlichten "Anmaßung": Rudolf Steiners Einweihung hat mit dem Christentum überhaupt nichts zu tun.
Als Zweites müsste man, um die hier dargestellte Arbeitshypothese ernsthaft in Erwägung zu ziehen, noch etwas aufgeben; und zwar die Ansicht, Eingeweihte würden sich irgendwie "ordnungsgemäß" verhalten oder zumindest "eigentlich" verhalten wollen; man könne gar am Verhalten erkennen, ob jemand eingeweiht sei oder nicht. Es wäre ein interessantes eigenes Thema, einmal dieser merkwürdigen Vorstellung nachzugehen, die offenbar mit einer Art Automatismus ausgerechnet im Einweihungsfall rechnet, der zu einem vorhersehbaren und - sagen wir es ruhig, wie's ist - in seiner anti-individuellen, trostlosen Spießigkeit wohl dann kaum zu überbietenden Lebenswandel führt.
Aber gehen wir in medias res:
Ein Märchen In der Neuausgabe desjenigen Bandes der Rudolf Steiner-Gesamtausgabe, der den Briefwechsel zwischen Rudolf Steiner und Marie von Sivers enthält (GA 262), ist ein Text des französischen Schriftstellers und "Okkultismus-Experten" Edouard Schuré eingefügt worden. Schuré hatte seinerzeit diesen Text seiner in Frankreich veröffentlichten Übersetzung des Steiner-Buches Das Christentum als mystische Tatsache beigestellt, um dem Lesepublikum etwas über den Autor des Werkes mitzuteilen. Der Schuré'schen Nachzeichnung der Biographie und Entwicklung Steiners zum Eingeweihten, die Gegenstand dieses Textes ist, liegt einerseits eine (in GA 262 als Documents de Barr schon immer enthaltene) schriftliche Aufzeichnung von Steiner selbst zu Grunde, andererseits Informationen, die entweder Steiner gegenüber Schuré anlässlich einiger weniger Treffen mündlich geäußert haben muss oder die Marie von Sivers, die auch den Kontakt hergestellt hatte, Schuré zur Kenntnis brachte.
"Mit neunzehn Jahren begegnete der junge Neophyte seinem Führer - dem Meister -; eine Begegnung, die er seit langem vorausgeahnt hatte. (…) Rudolf Steiners Meister war einer von diesen mächtigen Menschen, die der Welt unbekannt unter der Maske irgendeines bürgerlichen Berufes leben, um eine Mission zu erfüllen, die nur die Gleichgestellten in der Bruderschaft der "Meister des Verzichts" kennen. Sie üben keine sichtbare Wirkung aus auf die menschlichen Ereignisse. Das Inkognito ist die Bedingung ihrer Wirksamkeit, die dadurch eine umso größere Kraft gewinnt. Denn sie erwecken, bereiten vor und leiten solche, die vor aller Augen handeln. Bei Rudolf Steiner war es für den Meister nicht schwer, die erste, spontane Einweihung seines Schülers zu vervollständigen. Er brauchte ihm eigentlich nur zu zeigen, wie er sich seiner eigenen Natur zu bedienen habe, um ihm alles Erforderliche an die Hand zu geben. In lichtvoller Weise zeigte er ihm die Verbindung zwischen den äußeren und den geheimen Wissenschaften, den Religionen und den geistigen Kräften, welche sich gegenwärtig die Führung der Menschheit streitig machen, sowie das Alter der okkulten Tradition, welche die Fäden der Geschichte in der Hand hält, sie verknüpft, auftrennt und im Laufe der Jahrhunderte wieder zusammenknüpft. Rasch ließ er ihn durch die verschiedenen Etappen der inneren Disziplin hindurchgehen, um das bewusste und vernunftgetragene Hellsehen zu erreichen. In wenigen Monaten war der Schüler durch mündlichen Unterricht mit der unvergleichlichen Tiefe und Schönheit der esoterischen Zusammenschau bekannt geworden. (…) 'Wenn du den Feind bekämpfen willst, musst du ihn zuerst verstehen. Den Drachen kannst du nur besiegen, wenn du seine Haut anziehst. Den Stier muss man bei den Hörnern nehmen. Im größten Missgeschick wirst du deine Waffen und deine Kampfgenossen finden. Ich habe dir gezeigt, wer du bist; jetzt gehe - und bleibe du selbst!' - Rudolf Steiner kannte die Sprache der Meister genügend, um den schweren Weg vorauszuahnen, welchen dieser Befehl ihm auferlegte; er begriff jedoch auch, dass es das einzige Mittel war, um zum Ziele zu gelangen. Er gehorchte und machte sich auf den Weg."
Soweit Edouard Schurés Erzählung der Meisterbegegnung Rudolf Steiners - von der ich allerdings kein Wort glaube.
Schuré kann die dargestellten Details, die über die schriftlichen Ausführungen in den bekannten und für Schuré verfassten Documents de Barr hinausgehen, eigentlich, wie schon erwähnt, nur mündlich von Steiner selbst oder von Marie von Sivers erfahren haben; oder er hat sie zusammenphantasiert, was ich Schuré einerseits aber nicht zutraue und was andererseits sehr unwahrscheinlich ist, denn der Text erschien zu Steiners Lebzeiten und Steiner hat ihm nie widersprochen.
Ich glaube aber nicht nur die Details nicht - ich glaube die gesamte Geschichte nicht. Insbesondere glaube ich nicht, dass Rudolf Steiner jemals jenem "Meister" begegnet ist, von dem er selbst laut den Documents de Barr lediglich kurz, Schuré in seiner Einführung dann schon wesentlich umfassender schreibt. Und zwar glaube ich diese Sache vor allem aus zwei Gründen nicht:
1. Es gibt - mit der einzigen Ausnahme der Documents de Barr - keine einzige Erwähnung dieser Meisterbegegnung durch Steiner selbst (auch in seiner Autobiographie nicht) und auch sonst nichts, das sie belegen oder aufklären würde.
2. Diese Begebenheit passt in keiner Weise - oder zumindest nur unter ausgesprochen fragwürdigen Annahmen; dass es solche gibt und dass sie sogar der üblichen Interpretation zu Grunde liegen, ist mir durchaus bekannt - weder in den biographischen Rahmen noch in die Ideenentwicklung Rudolf Steiners. Auf diese angebliche und bereits explizit ins "Esoterische" führende Meisterbegegnung nach Schuré'scher Beschreibung folgte in Steiners Biographie de facto und unmittelbar eine zwanzigjährige Fortführung und Intensivierung seines Lebenswandels als "junger Wilder" und außerdem eine Fortführung und Intensivierung seiner Ideengestaltung - ebenfalls als "junger Wilder", der er zu jener Zeit (und eben auch noch lange darüber hinaus) in mehrerlei Hinsicht - und dankenswerterweise, im Übrigen - war.
Jene "Meister", die Rudolf Steiner ansonsten erwähnt, haben meiner Ansicht nach mit der hier verhandelten Angelegenheit nichts zu tun, außer, dass sie auf die kontextuelle Herkunft auch jener "Meister-Idee", die Schuré ausführt, aus der theosophischen Tradition verweisen. Steiner hat diese Tradition zunächst mitsamt der enthaltenen Persönlichkeiten übernommen, später dann - zum Beispiel im Hinblick auf Christian Rosenkreutz -, wie alles andere auch, sie fortführend individuell gestaltet.
Tatsächlich: Einweihung mit 19 Was mich an dieser Geschichte aber dennoch aufmerken ließ, war die relativ präzise Zeitangabe Schurés: "Mit neunzehn Jahren begegnete der junge Neophyte seinem Führer …". Es gibt jenen Brief Steiners an seinen Freund Josef Köck, in dem er von einem ihn stark bewegenden, revolutionären Erlebnis berichtet, dessen er eines Nachts teilhaftig geworden ist - ein Erlebnis, das meiner schon länger bestehenden Ansicht nach das Einweihungserlebnis Steiners gewesen ist. Ich schaute noch einmal nach - und tatsächlich: Diesen Brief hat Steiner mit 19 Jahren geschrieben, was mich nun noch mehr in der Vermutung bestärkt, dass Steiner Schuré gegenüber schlicht und ergreifend ein tatsächlich stattgehabtes Ereignis in die frei erfundene, nette Geschichte von der Meisterbegegnung kleidete.
Die Kernpassage des Briefes - der eine oder die andere wird sie kennen - lautet:
"Es war die Nacht vom 10. auf den 11. Januar, in der ich keinen Augenblick schlief. Ich hatte mich bis halb ein Uhr Mitternacht mit einzelnen philosophischen Problemen beschäftigt, und da warf ich mich endlich auf mein Lager; mein Bestreben war voriges Jahr, zu erforschen, ob es denn wahr wäre, was Schelling sagt: 'Uns allen wohnt ein geheimes, wunderbares Vermögen bei, uns aus dem Wechsel der Zeit in unser innerstes, von allem, was von außen hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen, und da unter der Form der Unwandelbarkeit das Ewige in uns anzuschauen.' - Ich glaubte und glaube nun noch, jenes innerste Vermögen ganz klar an mir entdeckt zu haben geahnt habe ich es ja schon längst -; die ganze idealistische Philosophie steht nun in einer wesentlich modifizierten Gestalt vor mir; was ist eine schlaflose Nacht gegen einen solchen Fund!"
Eines der wesentlichen Elemente liegt hier in dem Hinweis auf die "Modifikation" der idealistischen Philosophie. Der 19-jährige Steiner hat also an diesem Punkt seines Lebens etwas erlebt, das seine Ansichten - und das waren, wie er hier selbst bemerkt, vor allem solche, die um die Ideen der deutschen "Ich-Philosophen" kreisten - modifizierte, da es die Gestalt der Ideen modifizierte, mit denen er sich beschäftigt hat. Wenn man sich anschaut, was da wohl - soweit der Brief Auskunft gibt - Erlebnisinhalt gewesen sein mag, dann geht es offenbar um das Verhältnis zwischen "Ewigem" und "in Zeit und Raum Ausgedehntem" in Bezug auf "das Ich".
Kommt uns das nicht eigentlich - außer natürlich als explizites Steiner'sches Dauerthema - auch aus "anderen Zusammenhängen" irgendwie bekannt vor?
An dieser Stelle eine ganz gewagte Idee: Könnte es nicht sein, dass Steiner dieses Erlebnis und kein anderes später das "Gestandenhaben vor dem Mysterium von Golgatha" (so sein eigener Ausdruck in seiner Autobiographie) nannte und als dasjenige Erlebnis angab, auf das es bei seiner Seelenentwicklung ankam? Soweit ich weiß, macht er zu diesem "Gestandenhaben" nirgends eine eindeutige Zeitangabe, auch, wenn er es in seinen autobiographischen Erinnerungen - und allein schon im Ausdruck - in einen christlichen und das heißt: "nach-jahrhundertwendlichen" Kontext stellt. Diese Frage ist übrigens vollkommen unabhängig von dem Umstand stellbar, dass Sinn und Zweck des Christentums - dessen "wahre Gestalt" in Steiners Worten - ihm tatsächlich erst später aufging.
In seinem Lebensgang schreibt er ja außerdem interessanterweise mit Blick auf seine "wilde" Zeit vor Ende des Jahrhunderts nicht etwa, dass er in jener Zeit (oder davor) irgendwelche Auffassungen hatte, die er dann zu Gunsten anderer Auffassungen aufgegeben hat, sondern das gerade Gegenteil: dass er sich seine Geist-Anschauung damals in inneren Stürmen retten musste - und ihm dies auch gelang.
Lebenswandel ist das eine ... Gänzlich überzeugt bin ich übrigens davon, dass Steiners Ansichten auch vor der Jahrhundertwende in oft krassem Gegensatz zu denjenigen seiner damaligen Literaten-, Philosophen- und Künstler-Kumpanei standen. Das lag aber nicht etwa daran, dass er "schon damals" Engelhierarchien, zwei Jesusknaben, Ätherleiber und soratische Mächte als Anschauungen in sich trug - meiner Ansicht nach trug er solche Anschauungen zu keinem Zeitpunkt in sich, sondern drückte dasjenige, was er auch damals schon an Ideen in sich trug, einerseits lediglich später auf diese bestimmte Art aus und fand andererseits neue Gebiete (vor allem dasjenige der christlichen Esoterik), die er auf der Grundlage seiner Auffassungen dann bearbeitete -, sondern schlicht daran, dass er weiter dachte, als die meisten anderen, dass er in den "Dingen" wirksamen, "verkörperten" Geist "sah" und "im Ich" den Zugang zur Ewigkeit gefunden hatte, aus der, schöpferisch, jederzeit die gesamte Welt fließt.
All das hat aber nun gerade überhaupt nichts mit seinem Lebenswandel zu tun, wie man unter dieser Voraussetzung unschwer erkennen kann. Und zwar nicht nur bei Steiner nicht, sondern überhaupt niemals und nirgendwo, weshalb es so ein nachgerade absurdes Theater ist, was hinsichtlich eben jenes Lebenswandels zwar längst nicht nur von anthroposophischer Seite (sondern von nahezu allen spirituellen Suchern), aber von dieser in besonders merkwürdiger und typisierender Weise veranstaltet wird. Meint man denn, man könne sich in die geistige Welt hineinessen oder ins Nirwana hineinwollweben?
Die Frage, ab wann Steiner ein "echter Eingeweihter" war (und darüber hinaus diejenige, woran man überhaupt erkennen kann, dass jemand ein Eingeweihter ist), wird ja eben vor allem auch an solchen Äußerlichkeiten festgemacht, woraus dann regelmäßig der größte Nonsens entsteht, weil "man" ja eigentlich der Ansicht ist, Steiner war "schon immer" Eingeweihter, andererseits aber weiß, dass er erst nach der Jahrhundertwende "den Christus gebracht", kein Fleisch mehr gegessen, kaum noch geschlafen, keinen Alkohol mehr getrunken und sich keinen neuen Anzug mehr gekauft hat. Und nun meint man, irgendwie "esoterisch" erklären zu müssen, warum er vor der Jahrhundertwende keinen "Christus gebracht", Fleisch gegessen und Alkohol - viel Alkohol - getrunken hat, obwohl er doch da bereits ein Eingeweihter gewesen ist. Das muss man aber nicht; es gibt dafür überhaupt keinen in der Sache liegenden Anlass und meine Antwort darauf ist deshalb - und zwar ganz absichtsvoll polemisch: Er hat vor der Jahrhundertwende keinen "Christus gebracht", er hat Fleisch gegessen und Alkohol getrunken, weil er da bereits ein Eingeweihter gewesen ist.
... Auffassungen sind das andere ... Ich bin im Übrigen nicht der Ansicht - und war es nie -, dass Steiner bei seiner Verbindung mit der Theosophie seine Ideen aufgegeben, wesentlich modifiziert oder erst danach die ihn kennzeichnende Auffassung entwickelt hat; ganz im Gegenteil. Ich bin aber sehr wohl der Ansicht - und dieser Eindruck hat sich durch die "Zeugenberichte" in dem soeben im Pforte-Verlag erschienenen Buch Der andere Rudolf Steiner, das in der nächsten Ausgabe von info3 besprochen werden wird, noch einmal verstärkt -, dass sein Tätigwerden im Rahmen der theosophischen Gesellschaft anfänglich zu einem Großteil eine Art Verzweiflungstat war, beziehungsweise, um es freundlicher auszudrücken: Steiner hatte eine sich ihm bietende Gelegenheit, endlich zu einem regelmäßigen Einkommen zu gelangen, beim Schopfe gepackt - als "Zufallsanbeter", der er eigenen Angaben zufolge zu jener Zeit gewesen ist. Dass die Tätigkeit sich so gestaltete, dass sie außerdem noch seinen Neigungen (nach eigenen Angaben: einem bis zur Erschöpfung Tätig-sein-wollen) entgegenkam und ein Feld bot, auf dem er in aller Seelenruhe seine ureigenen Auffassungen zu Anschauungen entwickeln und ausarbeiten konnte - lediglich um den Preis, sie in eine bestimmte Ausdrucksform zu gießen -, kann man im Rückblick sogar einen verdammt glücklichen "Zufall" nennen; zumindest für Steiner selbst.
... und anschaulicher Ausdruck der Auffassungen ist ein Drittes - 10 Thesen 1. Dasjenige, was man als Steiners Einweihung bezeichnen kann, geschah mit 19 Jahren.
2. Diese Einweihung geschah "von selbst", ohne irgendeine "Meisterbegegnung".
3. Seine grundlegenden Ansichten sind lediglich an diesem Punkt seines Lebens einmal modifiziert worden.
4. Diese Modifikation war dennoch keine wirkliche Änderung, sondern eine unendliche Erweiterung und Klärung auch schon vorher bestehender Ansichten.
5. Steiners Einweihung hatte nichts - und zwar überhaupt nichts - mit dem Christentum zu tun.
6. Steiners Lebenswandel steht in keinerlei Widerspruch zu seiner Einweihung, weder vor noch nach der Jahrhundertwende. Insbesondere deutet seine "wilde Zeit" nicht auf einen Saulus hin, der später dann zum Paulus geworden ist; und man muss sie vor dem Hintergrund des Eingeweiht-Seins Steiners weder aus irgendeinem Grund leugnen, noch "erklären".
7. Steiner hat auch nach der Jahrhundertwende seine Auffassungen beibehalten.
8. Er hat diese seine Auffassungen, ganz gemäß seiner Überzeugung von dem Erkennen als Mitschöpfen der Welt, nicht nur bis zu seinem Lebensende durchgetragen, sondern nach der Jahrhundertwende auch praktisch umgesetzt, indem er sie lebte; er hat nicht nur die Ideenwelt seiner Auffassungen, sondern auch seine Biographie ab einem bestimmten Zeitpunkt gestaltet - sowohl in Richtung Zukunft als auch in Richtung Vergangenheit.
9. Die theosophische Zeit, die mit keinerlei Änderung seiner Auffassungen verbunden ist, begann aus rein äußerlichen Gründen.
10. Steiner hat vor diesem - äußerlichen - Hintergrund nicht nur seine Ideen anschaulich in religiöse Begriffe gekleidet und das Christentum als denjenigen kulturellen Rahmen gewählt, in dem er, um seinem Publikum gerecht zu werden, diese Anschauungen vortragen wollte, sondern auch begonnen, seine eigene Biographie zu mystifizieren und sein Frühwerk bzw. seine Lebensphasen vor der theosophischen Zeit entsprechend zu interpretieren. Daraus resultiert nicht nur die Geschichte, die er Schuré vermutlich über seine Einweihung erzählt hat, sondern auch die sattsam bekannten Änderungen und Zusätze, die er beispielsweise der Philosophie der Freiheit bei deren Neuauflage einverleibt hat und noch einiges anderes mehr (siehe oben; Mysterium von Golgatha), was es heute so schwer macht, gegenüber Steiner und der Anthroposophie ein freies Verhältnis zu gewinnen - oder ein solches gar öffentlich zu formulieren.
Die letzten Fragen Ich habe - unter der Annahme oben dargestellter Arbeitshypothese - eigentlich nur noch eine Frage, die sich verschiedentlich formulieren lässt: Inwieweit "kehrte" Steiner gegen Ende seines Lebens tatsächlich zu der Nüchternheit der Philosophie der Freiheit "zurück", wie Andrej Belyj das behauptet (während seine Anhänger sich weiterhin mit dem "Schnuppern an Engelslilien" beschäftigten). Hat er diese Nüchternheit überhaupt jemals - nicht im Ausdruck und vor Publikum, sondern wirklich - verlassen? War er tatsächlich der Überzeugung, wie er einmal an Marie von Sivers schrieb, dass seine Zeit die Theosophie trotz allem nötig habe oder ist das bereits Ausdruck der oben genannten Mystifizierung?
Ist also Steiner selbst nach der Jahrhundertwende das erste tatsächliche "Opfer" seiner Mystifizierungen geworden, indem er begann, die Ausdrucksformen, in die er seine Weltsicht nun kleidete, mit den Inhalten dieser Weltsicht absolut zu identifizieren - oder war er begeisterter Priester, der aus didaktischen Gründen die Menschen, die sich ihm zuwandten, im Sinne der kulturellen Identität, die ihnen nun einmal mehrheitlich eignete (und immer noch eignet), sanft und ohne sie einem radikalen Selbstzweifel aussetzen zu wollen, auf Pfade führte, auf denen sie ganz allmählich diese lediglich gegebene Identität zurücklassen und einen Hauch von Freiheit atmen konnten? - Ich meine: die Behauptung einer individuell erfahrbaren "Wiederkunft Christi im Ätherischen" nebst kategorischer Ablehnung jeder "Wiederkunft" im Physischen ist doch schon etwas ganz anderes als die Forderung des Glaubens an eine unbelegte historische Tatsächlichkeit, auch wenn letztere durch detaillierte Schilderungen noch so sehr ins Vorstellbare transferiert wird. Man kann wirklich nicht behaupten, Steiner habe nicht wenigstens versucht, sein Publikum "mitzunehmen".
Vor den Toren der Inquisition Zu beiden Optionen, die als Antwort auf obige Frage im Raum stehen, gäbe es noch viel zu fragen - und auch viel zu sagen. Davon sehe ich an dieser Stelle ab.
Was ich mit der Darlegung meiner Auffassung zur Biographie - und insbesondere zur Einweihung - Rudolf Steiners beanspruche, ist keineswegs die Wahrheit, auch wenn ich die dargelegte Art der Zusammenhänge bis auf Weiteres wesentlich überzeugender finde, als alles andere, was bislang zu diesem Thema publiziert oder mir auf anderen Wegen bekannt wurde. Ich habe diesen Text nicht umsonst als Arbeitshypothese kenntlich gemacht. Was ich beanspruche, ist aber eine gewisse Aufmerksamkeit. Diese wiederum nicht mir, sondern vor allem einem Umstand gegenüber, der an meinem Versuch deutlich werden könnte, denn ich bezwecke damit durchaus etwas, das den Inhalt selbst übersteigt. Mein Ansinnen ist es vor allem, an einem Beispiel die Möglichkeit aufzuzeigen, mit dem eigenen Erkennen auch vor dem Phänomen Rudolf Steiner nicht Halt machen zu müssen - und zwar ohne dass einem von der "weisen Weltenlenkung" ein Ziegelstein auf den Kopf geworfen wird, auch dann nicht, wenn sich durch weitere Prüfung herausstellen sollte, dass man etwas übersehen, etwas falsch eingeschätzt, kurz: dass man geirrt hat.
Außerdem will ich anfänglich zeigen, dass man bei einer auf Begreifen zielenden Befassung mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie weder auf intellektuelle Redlichkeit verzichten, noch zwangsweise das zu diesem Zweck in weiten Kreisen für unverzichtbar erachtete Christentum als solches an die Basis und ins Zentrum des Steiner'schen Wirkens stellen muss, um nicht irgendeiner Wesentlichkeit verlustig zu gehen; es geht auch sehr gut ohne, vielleicht sogar besser - bei Steiner selbst ging es ja immerhin auch lange Zeit ganz ausgezeichnet.
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