magazin info3/archiv/April 2005

Erklärendes zu Wilbers 4 Quadranten

Was hält Leib und Seele zusammen?

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Zentrale Bedeutung für den Ansatz Ken Wilbers kommt dem Instrument der "Vier Quadranten" zu, mit dessen Hilfe sich die umfassende, ganzheitliche Wirklichkeit eines jeden Phänomens erschließen lässt. Der folgende Beitrag demonstriert diesen neuen Ansatz im Blick auf ein altes Problem - das Rätsel des Leib-Seele-Geist-Verhältnisses im Menschen.

Der integrale Ansatz Ken Wilbers, den er erstmals in dem 1995 erschienenen Buch Eros, Kosmos, Logos (EKL) vorstellte, hat zu einer explosionsartigen Zunahme von anwendungsorientierten Lösungsansätzen für praktisch alle Lebensbereiche geführt, von Politik zu Wirtschaft, von Psychologie zu Naturwissenschaft, von Ökologie zu Pädagogik, von Religion zu Kunst. Vorher hatte Wilber hauptsächlich entwicklungsorientiert geschrieben, über ein "Spektrum des Bewusstseins", welches sich im Verlauf der individuellen wie auch der sozialen Entwicklung entfaltet. Doch mit EKL und der Veröffentlichung des Modells der Vier Quadranten (siehe Kasten) als Perspektiven des In-der-Welt-Seins - innerlich, äußerlich, individuell und sozial - wurde schlagartig die Anwendbarkeit und Nutzbarkeit dieses Ansatzes offensichtlich, und viele Menschen weltweit begannen damit, dieses Modell in die Praxis umzusetzen.


Gegenstand dieses Beitrags ist ein in der gesellschaftlichen Diskussion (von philosophischen Kreisen abgesehen) weniger beachtetes Thema, und zwar das so genannte Leib/Seele-Problem, oder, wie wir es im Folgenden nennen wollen, das Geist/Körper-Problem - ein seit den Anfängen der sich selbst reflektierenden Menschheit ungelöster gordischer Knoten. Kann der integrale Ansatz zur Lösung dieses Problems etwas beitragen - soweit sich eine Lösung überhaupt sprachlich darstellen lässt? Diese Frage hat sich Wilber gestellt, und seiner Antwort darauf wollen wir uns jetzt zuwenden.1


Das Geist/Körper-Problem selbst und dessen bisher formulierte Lösungsansätze werden in der Internet-Enzyklopädie Wikipedia beispielsweise wie folgt zusammengefasst:2


Das Leib-Seele-Problem stellt die Frage nach dem Zusammenhang zwischen körperlichen (Leib) und geistigen Vorgängen (Denken, Seele, Bewusstsein). Die Grundfragen sind dabei etwa: Wie kommt die Welt in unseren Kopf? Wie wird ein Gedanke zur Tat? Existiert unser Geist (oder unsere Seele) auch unabhängig von unserem Gehirn? Gibt es eine eigenständige mentale Substanz (= Geist?) Ist Geist nur die Information, die in unserem Gehirn aufgenommen, gespeichert, verarbeitet und ausgegeben wird?

Im Laufe der Debatte haben sich drei Grundpositionen herausgebildet, die vereinfacht folgendermaßen lauten:

- Der Idealismus meint, die physikalische Welt um uns herum sei nur eine geistige Vorstellung und existiere nur in unseren Köpfen.

- Der Dualismus meint, Geist und Materie seien zwei verschiedene Substanzen, die an bestimmten Stellen miteinander kommunizieren können.

- Der Materialismus (oder auch Physikalismus, Monismus) meint, es gebe nur Materie und Energie. Geist sei keine eigenständige Substanz, sondern nur eine Eigenschaft von Materie und Energie.


Um es vorweg zu sagen: Alle diese Ansätze (Idealismus, Dualismus, Materialismus...) haben Recht - aber nur teilweise. Sie alle tragen ein wichtiges Teil zum Gesamtbild bei, ihre Verabsolutierung jedoch führt zu keiner Lösung.


Wenn ich - in Wilbers Modell der Quadranten - nur die linke Seite betrachte und deren Perspektive einnehme, also nach innen schaue, dann ist dort nur Innerliches und Geist - und die Materie wird leicht zu einem Nebenprodukt, zu etwas Untergeordnetem, über welches sich der Geist "meta"-physisch erhebt. Schaue ich hingegen nur auf die rechte Seite, also nach außen, dann sehe ich ausschließlich materielle Objekte in Zeit und Raum, und das Bewusstsein verschwindet. Der Dualismus erkennt beides an - doch die spannende Frage bleibt: Wie hängen Geist und Materie zusammen?


Die Probleme - und deren Lösung - beginnen schon bei unserer Sprache: Was meinen wir mit "Körper" und "Geist"? Dazu Wilber:


"Der Körper kann den biologischen Organismus als ein Ganzes bezeichnen, einschließlich des Gehirns, (dem Neokortex, dem limbischen System, dem Hirnstamm usw.) - mit anderen Worten, 'Körper' kann die Bedeutung des oberen rechten Quadranten haben, was ich als 'den Organismus' bezeichnen werde. Der Begriff 'Körper' kann jedoch auch, und das ist für den Normalbürger der Fall - die Bedeutung subjektiver Gefühle und Körperempfindungen haben. So sagt jemand beispielsweise: 'Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper', und er meint damit, dass sein Wille gegen seine körperlichen Neigungen kämpft (wie z.B. Sex- oder Nahrungsgelüste). In dieser allgemein gebräuchlichen Bedeutung bezieht sich 'Körper' auf die unteren Ebenen der eigenen Innerlichkeit."


Wir blicken also von zwei unterschiedlichen Perspektiven auf etwas, was wir mit "Körper" bezeichnen. Zum einen sehen wir dabei - wenn wir uns von außen her betrachten - unsere eigene Anatomie, d.h. unseren physischen Körper, und zum anderen können wir - wenn wir uns betrachtend nach innen wenden - unsere Körperlichkeit empfindend von innen her erfahren. Ersteres entspräche dem rechten oberen Quadranten, Letzteres dem linken oberen Quadranten, und zwar dort der Ebene des Körperempfindens - und beides ist nicht das Gleiche.

Ähnliches gilt für den Begriff "Geist":


"Wechselt man nun vom Körper zum Geist", so Ken Wilber, "dann setzen viele wissenschaftliche Forscher 'Geist' einfach nur mit "Gehirn" gleich, und sie sprechen dann nur noch von Gehirnzuständen, Neurotransmittern, kognitiver Wissenschaft usw... Andererseits meint jedoch ein Mensch mit der Aussage: 'Mein Geist/Verstand kämpft gegen meinen Körper' nicht, dass sein Neokortex sein limbisches System bekämpft. Mit 'Geist' meint er hier die oberen Ebenen seiner eigenen Innerlichkeit, die oberen Ebenen des oberen linken Quadranten (wenngleich er nicht genau diese Worte verwenden würde) - mit anderen Worten, sein rationaler Wille kämpft gegen seine Gefühle oder sein Verlangen. Der Geist wird in einer phänomenologischen Darstellung der ersten Person unter Verwendung der Ich-Sprache beschrieben, wohingegen das Gehirn aus der Perspektive der dritten Person heraus objektiv in Es-Sprache beschrieben wird."


Und hier liegt - so Wilber - das Problem: der Körper (als gefühltes Empfinden) ist im Geist (d.h. im eigenen Bewusstsein), aber das Gehirn ist ein Teil des äußeren Körpers. Das Auseinanderhalten dieser verschiedenen Perspektiven ist ein erster Schritt zur Entwirrung des Knotens.


In praktisch allen Sprachen der Welt haben sich die unterschiedlichen Perspektiven als Pronomen niedergeschlagen - Ich, Du, Er/Sie/Es, Wir, Ihr, Sie. All diese Erfahrungsräume sind zu berücksichtigen. Die subjektiven Merkmale des Bewusstseins, das subjektiv gefühlte Erleben (der linke obere Quadrant), die objektiven Aspekte des Organismus, speziell die des Gehirns und der Informationsübertragung (der obere rechte Quadrant), die Untersuchung der kulturellen Hintergründe, welche die Erschaffung von Sinn und Bedeutung überhaupt erst ermöglichen (der untere linke Quadrant), und die entsprechenden sozialen Institutionen, in denen Kulturen materiell verankert sind (der untere rechte Quadrant). Alle diese Untersuchungen mit ihren unterschiedlichen Ergebnissen tragen zur Lösung dieses (und eines jeden) Problems bei, und keine sollte vernachlässigt werden - der gesamte Erfahrungsschatz der Menschheit geht in eine integrale Betrachtung mit ein. Was ist (subjektiver) Geist - unzählige Menschen sind bereits den kontemplativen, inneren Weg gegangen, und haben uns ihre Erfahrungsberichte hinterlassen, was ist (intersubjektive) Kultur, was ist ein "wir" - zur Beantwortung dieser Frage hat insbesondere die Postmoderne wichtige Beiträge geliefert; was sind äußere Objekte und wie verhalten sie sich - hier liegt die hohe Kompetenz der klassischen Naturwissenschaften; und was sind äußere Systeme - hierzu gibt es Antworten u. a. der Systemwissenschaften und der Ökologie. Und daran anschließend die Frage: wie hängt dies alles miteinander zusammen? Wie beeinflusst die Körperchemie das Bewusstsein - von einer Tasse Kaffee über einen Spaziergang an der frischen Luft bis hin zu bewusstseinsverändernden Drogen (Quadrant RO zu LO)? Wie beeinflusst eine bestimmte meditative Praxis oder bestimmte Emotionen die Gehirnphysiologie (Quadrant LO zu RO)? Wie steuern kulturelle Hintergründe - wie z.B. ein unbewusster Zeitgeist - unser Ich-Bewusstsein (Quadrant LU zu LO)? Wie entstehen aus zwei oder mehr "Ichs" ein "Wir" (Quadrant LO zu LU) - ist es nicht überhaupt ein Wunder, dass wir uns verstehen? Inwieweit bestimmt das materiell techno-ökonomische Sein das Bewusstsein - die große Marx'sche Fragestellung (Quadrant RU zu LU bzw. Quadrant RU zu LO) und so weiter und so weiter, in einem wechselseitigen Dialog der verschiedenen Perspektiven des In-der-Welt-Seins, sich zu immer höheren Ebenen des Seins und der Erkenntnis entwickelnd.


Zusätzlich zu den Quadranten beziehungsweise Perspektiven des In-der-Welt-Seins spielen die Ebenen des Bewusstseins eine bedeutende Rolle - in der Terminologie Jean Gebsers beispielsweise archaisch, magisch, mythisch, rational und aperspektivisch/integral. Auf jeder dieser Ebenen sieht die Welt anders aus - und damit auch die Lösung zum Beispiel des Geist/Körper-Problems. Und sie alle haben uns etwas Bedeutendes zu sagen.


Gesetzt den Fall, wir fänden eines Tages eine befriedigende logische und in sich stimmende Lösung dieser Frage - wäre das dann die Lösung? Wäre eine rational-philosophische Aussage das Ende allen Wissens und aller Erkenntnis? Wie weit können Sprache und Logik überhaupt gehen, und wo liegen ihre Grenzen? Was wissen wir, wenn wir die relative Welt mit allen ihren Manifestationen (materieller und geistiger Art) beschreiben und erklären können? Sind nicht Worte, insbesondere Worte, die auf die geistige Welt Bezug nehmen, letztendlich auch nur Symbole für etwas, was sich einer gedanklichen Erfahrung entzieht, Fingerzeige, die auf den Mond zeigen, aber nicht mit demselben verwechselt werden sollten?


Praktisch alle spirituellen Traditionen sind sich einig darin, dass es neben dem - wichtigen - relativen Wissen auch ein absolutes Wissen gibt, eine "Erfahrung" des Seinsgrundes3, des Unmanifesten, Ungeborenen und Unaussprechlichen - und dass die nicht-duale Erkenntnis in der Vereinigung des Unmanifesten und des Manifesten liegt, in der Vereinigung von Form und Leere. Wie könnte eine derartige "Lösung" des Geist/Körper-Problems aussehen, und wie kann man sie erlangen? Dazu Wilber im Vorwort zum Band 3 der Collected Works:4


"Die Antwort liegt nicht im Mehr-Reden; die Antwort ist satori, oder wie immer auch wir ein authentisches kontemplatives Bewusstsein benennen wollen. Auch diese Antwort kann natürlich in Worte gefasst werden - Zen Meister sprechen unablässig darüber - und dennoch ergibt sich für jemanden, der sich dieser Praxis nicht unterzogen hat, daraus kein Sinn, ebenso wenig wie mathematische Symbole für jemanden, der sich mit Mathematik nicht beschäftigt hat, einen Sinn ergeben.


Öffnet man jedoch das Auge der Kontemplation, dann ist die Antwort ganz offensichtlich, so vollständig und unmissverständlich wie die Reflektionen des Sonnenlichtes über einem kristallklaren Teich. Kannst du es sehen? Das war die Antwort."





Die Vier Quadranten/Perspektiven
Die vier Quadranten Ken Wilbers können als vier - miteinander in Beziehung stehende - Perspektiven des In-der-Welt-Seins betrachtet werden, von denen jede ihre eigene Gültigkeit, Wertigkeit und Sprache hat. Der obere linke Quadrant steht für die subjektive Betrachtung von innen (durch ein subjektives "Ich", einen Menschen), z.B. durch Methodiken der Meditation und Introspektion. Ich schaue nach innen und sehe dann meine unterschiedlichen Gefühle, Hoffnungen, Ängste, Empfindungen und Wahrnehmungen, welche in jedem Augenblick erscheinen. Der obere rechte Quadrant repräsentiert die Außenansicht eines Betrachtungsgegenstandes (als ein objektives "Es"), typischerweise repräsentiert durch Wissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie, aber auch Verhaltensforschung. Bewusstsein wird - aus dieser Perspektive heraus - als ein Ergebnis objektiver Gehirnmechanismen und neurophysiologischer Systeme verstanden. Da jedoch nichts isoliert für sich existiert, repräsentiert der untere linke Quadrant die Sicht von innerhalb einer Gemeinschaft (als ein "wir" bzw. als eine intersubjektive Kultur, eine Gemeinschaft, mit den verschiedenen gemeinschaftlich geteilten Weltsichten, Ethiken, Gebräuchen, Werten usw.), welche z.B. durch die Methodik der Hermeneutik erforscht wird, mit der Frage, wie intersubjektive Bedeutung und gegenseitiges Verstehen überhaupt möglich sind. Der untere rechte Quadrant repräsentiert eine systemische Sicht von außen (als ein "Sie" oder "Es" plural bzw. als eine interobjektive Gemeinschaft), mit Ansätzen wie z.B. der Systemtheorie und Ökologie. Im Beitrag kürzen wir die Quadranten wie folgt ab:

LO: links oben

RO: rechts oben

LU: links unten

RU: rechts unten

Der Autor ist Mitglied im Vorstand des Ken Wilber-Arbeitskreises in Deutschland, langjähriger Kenner und Übersetzer von Ken Wilber.

1. Siehe dazu Integrale Psychologie, S. 195f, Arbor Verlag 2001 und Sex, Ecology, Spirituality 2nd revised edition, Collected Works Vol. 6, p 451, Shambhala 2000.
Eine Zusammenfassung der Darstellung in Integrale Psychologie findet sich in Brad Reynolds, Embracing Reality, The Integral Vision of Ken Wilber, p 356, Tarcher/Penguin 2005

2. Aus: Wikipedia, einer Internet Enzyklopädie, http://de.wikipedia.org/wiki/Leib-Seele-Problem

3. Welche keine Erfahrung neben anderen Erfahrungen ist, sondern der Grund aller Erfahrungen, das "Einfach Das" eines jeden Augenblicks, von Augenblick zu Augenblick

4. p 144