Das Ganze Denken (Teil II)
Ken Wilber und die Anthroposophie
Von Roland Benedikter
In der jüngsten Phase seines Werkes lehnt Ken Wilber ein traditionell-metaphysisches Reden von höheren Seinsbereichen ab, weil er die Aufmerksamkeit ganz auf die erkennend-konstruktive Rolle des Menschen bei den höheren Bewusstseinsstufen richtet. Damit formuliert er - ohne es zu wissen - genau jenen erkenntnis-kritischen Ansatz des "frühen" Rudolf Steiner, der - zum Schaden seines Impulses - heute in der Anthroposophie selbst weitgehend in Vergessenheit geraten ist. Der zweite Teil unseres Schwerpunktessays zeigt, wie das naive Reden von übersinnlichen Welten nicht weiterführt, sondern einer forschenden und dialogischen Haltung Platz machen muss.
Trotz seiner viele tausend Seiten umfassenden Schriften hat Ken Wilber bisher nur ein einziges Mal zu Rudolf Steiner und zur Anthroposophie schriftlich Stellung genommen. Alles, was Wilber, einmal abgesehen von einigen diplomatisch wohlwollenden Äußerungen in Nebensätzen, je über Steiner geschrieben hat, findet sich als kurze Fußnote im Anhang zu seinem Buch Integrale Psychologie (2001): "Ich werde oft gefragt, was ich von den Schriften Rudolf Steiners halte. Obwohl ich großen Respekt für seine Pionierbeiträge habe, fand ich die Details seiner Darstellung nicht besonders hilfreich. Ich glaube, dass die neuere orthodoxe Forschung (insbesondere auf dem Gebiet der Psychologie, R.B.) bessere und genauere Landkarten der Entwicklung von der prä-personalen zur personalen Ebene angeboten hat. Und ich glaube, dass die großen meditativen Traditionen genauere Landkarten der trans-personalen Entwicklung anbieten. Trotzdem kann man nur erstaunt sein über die Menge an visionärem Material, das Steiner hervorgebracht hat; und seine Gesamtvision ist so bewegend, wie man es sich nur vorstellen kann."1
Zwar finden sich im selben Werk einige weitere positive Hinweise Wilbers auf Steiner, "einen Pionier der neuen Zeit". Doch das unausgesprochene Gesamtbild Wilbers von Steiner scheint ähnlich dem Urteil zu sein, das er seit längerem über die ihm ursprünglich nahe stehenden "Traditionalisten" der "ewigen Philosophie" fällt: "Mein stärkster Kritikpunkt ist vielleicht, dass wir 'Ebenen der Realität' nicht länger in einem getrennten ontologischen Sinn betrachten können. Ich lehne ein Verständnis von (höheren) Realitätsebenen (außerhalb des Menschen), das heißt als getrennt ontologisch vollständig ab. Alle Ebenen der Realität müssen vielmehr in einem post-kantianischen, post-metaphysischen Sinn verstanden werden, das heißt: als untrennbar mit dem Bewusstsein verbunden, das sie wahrnimmt. Das Bewusstsein aber wird nicht durch metaphysische Spekulationen erforscht, sondern durch eine empirische und phänomenologische Forschung."2
Wilber sieht also die meisten Formen des traditionellen Substantialismus, die von höheren Welten außerhalb des Menschen ausgehen, als stark von Wunschdenken bestimmt. Dasselbe gilt für die meisten New-Age-Ansätze, einen Großteil des Denkens seines Freundes, des gebürtigen Innsbruckers Fritjof Capra, für die Bücher von James Redfield, aber auch für die bisherigen Beobachtungen einer "kulturell kreativen" Bevölkerungsschicht in Europa und den USA durch Paul Ray und Sheryll Anderson. Es handelt sich bei all dem für Wilber zwar für berechtigte Beobachtungen, die aber zu weitgehend und zu euphorisch interpretiert werden. Nicht um die höheren Welten außerhalb des menschlichen Bewusstseins geht es seiner Ansicht nach, sondern um die transzendentalen Zustände, die der Mensch in seinem eigenen Bewusstsein empirisch auffinden kann. Die meisten anderen Ansätze sieht Wilber letztlich als im Prinzip "retro-romantische" Formen von spirituellem Aufbruch an. Ihr Wille zum Geist führt trotz bester Absichten in nicht wenigen Fällen tendenziell nach rückwärts. Sie sehnen sich seiner Ansicht nach in eine heile Welt des Ursprungs und der Unberührtheit - nicht, wie es heute notwendig ist, nach vorne: in die ihrem Wesen nach stets gefahrvolle und zweischneidige, weil noch unentschiedene Welt des Neuen. Genau darin besteht aber die Aufgabe einer wissenschaftlich abgestützten neuen Spiritualität. Diese muss den Geist eher im Bewusstsein des Forschenden selbst, nicht in äußeren Stufenreichen der Welt finden.
Diese Haltung begründet offenbar Wilbers heutige kritische Einstellung zur Theosophie und auch zur Anthroposophie (siehe dazu näher das Gespräch mit Artur Zajonc im letzten Heft.) Zwar hat Wilber ehedem sein erstes Buch: Das Spektrum des Bewusstseins in einem theosophischen Verlag der USA publiziert, und danach auch noch einige weitere. Eine biographische Affinität zu einem bestimmten Strom des abendländischen Geisteslebens, zu dem auch die Anthroposophie gehört, ist also durchaus gegeben. Auch war er in seinen ersten Stadien als Denker selbst ein Vertreter der "ewigen Philosophie" und ging von äußeren Stufenreichen aus. Doch inzwischen hat er die Wissenschaft des Geistes weitestgehend ins menschliche Bewusstsein hinein verlagert - offenbar, weil er sich dort eher eine empirische Begründbarkeit und Argumentierbarkeit geistiger Forschung erwartet. Demgegenüber hält er, wenn man seine zum Teil sybillinischen Worte und vor allem sein Schweigen zu diesen beiden Strömungen deuten kann, bereits seit längerem beide, Theosophie wie Anthroposophie, in ihrem geistigen Schwerpunkt für mittlerweile zurückgebliebene - und von ihm selbst in seiner eigenen Entwicklung überwundene - "Pionier"-Teile des neueren abendländischen Substantialismus.
Eine Hauptschwierigkeit, die Anthroposophie Rudolf Steiners in diesem Zusammenhang zutreffend einzuschätzen, liegt dabei sicher auch in der Tatsache, dass diese Anthroposophie selbst keineswegs eine in sich homogene Weltanschauung darstellt und ihr Begründer Rudolf Steiner durch unterschiedlichste Phasen, Schichten und Ansätze geschritten ist. In der "Anthroposophie" wurde der Mensch zum Fokus der Aufmerksamkeit, während es in der mehr traditionalistischen "Theosophie", bei ansonsten ähnlichen Grundstrukturen, Gott ist. Das bedeutet eine folgenreiche Verlagerung des Aufmerksamkeitszentrums: Gott im Menschen und durch die Erforschung des Menschen hindurch zu finden. Es ist ein anderer Gesichtspunkt, als wenn man stattdessen Gott in den äußeren Seinsstufen finden will. Steiners eigene Entwicklung zeigt das. Der frühe Steiner wollte nicht "Theosophie", sondern eine "Philosophie der Freiheit". Er richtete seinen metaphysischen Fokus auf das spirituelle Zentralmotiv einer Bewusstseinshaltung der Selbstbeobachtung des Denkens während seines Geschehens, und zwar auf die im Denken erscheinenden, objektiven geistigen und moralischen Gehalte hin. Steiner nannte die geforderte Haltung: "Sich der Idee erlebend gegenüberstellen". Damit ist eine Bewusstseins-Haltung beschrieben, nicht eine Ontologie von äußeren geistigen Hierarchien. Also etwas, dem der heutige Wilber durchaus zustimmen könnte.
Natürlich schaut auch der junge Steiner dabei letztlich auf Gott hin, aber durch das individuelle Bewusstsein des Einzelnen hindurch, (noch) nicht mittels Ontologien äußerer Seinsstufen der Welt oder mittels Hierarchien geistiger Wesenheiten.
Daraus folgt, dass heute der junge Steiner (vor 1901) gegenüber dem älteren neu zu entdecken und aufzuwerten ist, wenn der Dialog mit dem heutigen Wilber auf eine gemeinsame Basis gestellt werden soll, die der empirischen Erforschung des eigenen Bewusstseins aus wissenschaftlichem Gesichtspunkt den Vorrang gibt. Es bedeutet weiterhin, dass auch die Elemente der nach 1901 von Steiner entwickelten "Anthroposophie" in der Perspektive eines erkenntnis-kritischen Bewusstseins neu gesichtet und verstanden werden müssten - wie dies wohl Steiner selbst auch gewollt hat. Dies gilt jedenfalls dann, wenn man die philosophisch-wissenschaftliche Herausforderung, die durch Wilber an die Anthroposophie herangetragen wird, positiv aufnehmen und zur Grundlage eines Dialogs machen will. Es heißt freilich nicht einfach: vom Steiner der Theosophie und Anthroposophie zurückgehen auf den philosophischen Steiner. Und es heißt auch nicht, den jungen Steiner einfach zum "eigentlichen" Steiner für die Gegenwart zu erklären. Sondern es heißt ganz einfach, den Philosophen und Erkenntnistheoretiker Steiner aufzuwerten. Es heißt, dass wir Anthroposophen uns darum bemühen sollten, seine bahnbrechenden Ideen, die ganz auf die Selbstbeobachtung des Denkens ausgerichtet sind, mit mehr Anstrengung in die Diskussion einfließen zu lassen. Denn der junge Steiner war kein Traditionalist - alles andere, eher ein Anarchist! - und auch noch kein Theosoph. Vielmehr zeigt sein Ansatz des Durchbruchs zu einem höheren Bewusstsein im individuellen Denken viele Ähnlichkeiten mit dem aktuellen, seinem Wesen nach bewusstseins-anthropologischen Ansatz Wilbers. Zu diesem Zweck wären nicht nur seine philosophisch-erkenntniskritischen Werke neu aufzugreifen und in Bezug zu Wilber und zu den Errungenschaften der "Postmoderne" (Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard, Julia Kristeva, Gilles Deleuze, Paul Feyerabend) zu setzen, sondern auch seine Beschreibung der höheren Bewusstseinszustände der Imagination, Inspiration und Intuition sowie seine Typologisierung von zwölf möglichen Weltanschauungen für das moderne Bewusstsein. Hier liegen allesamt noch weitgehend unausgearbeitete - und von Steiner nur skizzenhaft hinterlassene - Ansätze zum Dialog mit der gegenwärtigen Wissenschaft und Philosophie vor, die enormes Potential auch für den Dialog mit der integralen Bewegung bergen. Um dieses Potential freizusetzen, wären Forschungsprojekte sowie eine anthroposophische Akademie notwendig, in der der Wissenschaftsimpuls von einer neueren Generation von anthroposophischen Geisteswissenschaftlern konzentriert ausgearbeitet und in Bezug zur Zeit gesetzt wird. Wilber hat gerade, eben um den wissenschaftlich geprägten Geist unserer Zeit zu erreichen, seine "Integrale Universität" gegründet. Und die Anthroposophie?3
Die Anforderung heute: "Nach-metaphysisches" Geist-Denken? Zugleich ist zu sehen, dass das Geist-Verständnis bei Steiner mehrdimensionaler und komplexer ist, als Wilber bisher vielleicht annimmt. In Wirklichkeit bestehen für die Anthroposophie Rudolf Steiners zwei Dimensionen der Geist-Suche neben- und ineinander: Stufen-Metaphysik und nach-metaphysisches Denken, ontologisch-äußerlicher Geist (zum Beispiel im Begriff der "höheren Welten") und Geist innerhalb des Bewusstseins (zum Beispiel im zeitgemäßen Begriff der "Inspiration", der der heutigen "postmodernen" Geistes-Verfassung wohl am kongenialsten ist). Für Steiner galt hier ganz ausdrücklich kein Entweder-oder, sondern eben genau eine komplexe und multi-dimensionale Einheit, wie seine lebenslangen Hinweise auf die philosophisch-wissenschaftliche Zentralstellung der Philosophie der Freiheit bezeugen. Eine solche Mehrdimensionalität lässt sich auch im vierdimensionalen Ansatz Ken Wilbers finden: Geist außen und Geist innen sind in seinem 4-Quadranten-Ansatz nur verschiedene Manifestationsweisen ein und desselben Prinzips in verschiedenen Kontexten. Ontologische Seinsstufen oder geistige Hierarchien und innere Bewusstseinszustände des individuellen Bewusstseins sind in Wahrheit für Steiner nur zwei Seiten einer Medaille. Das Entscheidende ist für Steiner gerade, dass sich Geist in beiden gleichermaßen äußert, und dass zwischen den Manifestationsweisen ein unmittelbarer Zusammenhang, eine Durchlässigkeit besteht. Denn sonst wären ja die objektiven moralischen Intuitionen, die Steiner einfordert und die für ihn den Einzelmenschen mit dem kosmischen Willen in Bezug setzen, gar nicht denkbar. Sonst wäre das Finden von objektiven geistigen Regungen im subjektiven Denken, das "subjektive Allgemeine" (Kant), oder die Erfahrung: "das Individuellste ist das Allgemeinste" (Goethe) nicht möglich.
Zweifellos ist auch Wilber, wie nicht nur sein Tagebuch Einfach Das aus dem Jahr 1997 zeigt, dieser Auffassung. Auch er vertritt einen vergleichbar multi-dimensionalen Ansatz. Doch hat er sich offenbar aus "strategischen Gründen" sowie aus Gründen der Fokussierung auf das größte Rätsel im Kosmos, an dem alle anderen Rätsel wie an einem Zipfel zu erfassen sind: das Rätsel des menschlichen Ich-Bewusstseins, von der Arbeit und der wissenschaftlichen Identifikation mit äußeren - von der individuellen Wahrnehmung normalerweise getrennten und unterschiedenen - ontologischen Seinsebenen mittlerweile weitgehend verabschiedet, obwohl sie das Zentrum seiner frühen und mittleren Schaffensphase darstellen. Ein weiterer Grund liegt wohl darin, dass es Wilber seit einigen Jahren immer mehr um - im weitesten, also auch geistigen Sinn - empirische Tatsachenforschung geht. Er rückt das wahrnehmende Individuum in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, von innen und von außen - individuell und kollektiv. Ein Individuum, das sich in unterschiedlicher Weise zum Ausdruck bringt, und sich deshalb auch in geistiger Hinsicht in unterschiedlicher Weise erforschen kann: als Ich, als Wir, in seinem Bezug zur äußeren Welt, dem Es usw. Der Kósmos (von Wilber stets bewusst mit Akzent, also griechisch im Sinn von "beseelte, schöne Ordnung" geschrieben) ist, wie wir ähnlich auch von Rudolf Steiner wissen, nichts anderes als der ausgebreitete Mensch. Diese Intuition, die Wilber unmittelbar mit dem Kern der Anthroposophie verbindet, ist für ihn letztlich die wichtigste Grundlage für seinen Rückzug auf ein "post-metaphysisches" Denken. Und genau an diesem Punkt gibt es keinen Gegensatz zwischen Wilber und der Anthroposophie, sondern eine gemeinsame Sichtweise und ein gemeinsames Anliegen.
Integrale Politik und Dreigliederung Aber nicht nur die Erforschung des Bewusstseins ist Wilber ein Hauptanliegen. Er arbeitet gegenwärtig auch an der Entwicklung einer konkreten gesellschaftlichen Wirkung seiner integralen Ideen. So widmet er sich seit einigen Jahren intensiv der Fertigstellung einer Theorie "integraler Politik". Darüber steht Wilber, wie er selbst hervorhebt, in Kontakt zu maßgeblichen politischen Kreisen der USA sowohl des republikanischen wie des demokratischen Spektrums und in Beziehung mit wichtigen Persönlichkeiten wie zum Beispiel Bill und Hillary Clinton.
Sein großes Ziel für die kommenden Jahrzehnte sei, so sagt er, die Vereinigung von republikanischen und demokratischen politischen Ansätzen zu einer "dritten", "integralen" Position. Es geht um die Vereinigung der besten Teile von konservativen und liberalen Weltsichten, die beide ihre Vor- und Nachteile haben. In dieser Vereinigung von "rechts" und "links" meint Wilber die Zukunft des Politischen nicht nur in den USA, sondern auf Weltebene zu erkennen. Das hat er zuletzt etwa in seinen mehrfachen Stellungnahmen zur Irak-Krise deutlich zu verstehen gegeben.
Das deutet auf ein starkes gesellschaftliches Engagement. Aus meiner Sicht handelt es sich bei seinen konkreten sozialen und politischen Positionen jedoch erst um Ansätze. Wilber bezieht sein Grundmuster: die "Vereinigung" von links und rechts, vor allem aus seinen Erfahrungen der US-Gesellschaft. Dort aber gibt es, zum Schaden des Landes und, wie zuletzt Jeremy Rifkin zu Recht hervorgehoben hat4, als Relikt einer inzwischen zum Teil überholten gesellschaftlichen Interpretation von Demokratie, nur zwei Parteien: Republikaner und Demokraten. Alle anderen Ansätze, zum Beispiel die zu einer "grünen" Partei, spielen in den USA nur eine unbedeutende Rolle.
Obwohl Wilber Recht damit hat, dass das polare Gesellschaftsmodell der USA nicht nur ein Problem für das Land selbst, sondern zunehmend auch ein Welt-Problem darstellt, und dass eine Weiterentwicklung dieser Polarität dringend notwendig ist, scheint mir seine anvisierte "Lösung" der Polarität durch "Integration" von links und rechts problematisch. Und zwar erstens, weil Wilber sie mehr oder weniger offen als Lösung für die politische Entwicklung der ganzen Welt propagiert. Doch die Welt, vor allem Europa, hat inzwischen ganz andere, zum Teil struktural weiter ausdifferenzierte demokratisch-politische Bedingungen entwickelt als die USA.
Problematisch ist diese Lösung zweitens aber auch für die USA selbst. Denn in den USA herrscht traditionell, und heute wachsend, ein konservativer gesellschaftlicher Unitarismus. Dieser bewirkt seit dem 11. September 2001 eine immer stärkere Durchmischung von Wirtschaft, Politik und Kultur mittels des Bindeglieds einer regressiven, mythologischen Glaubens-Spiritualität. Diese Entwicklung der Ent-Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur wird nicht zuletzt durch die Bush-Regierung repräsentiert. Daraus stammen, wie ich an anderer Stelle vielfach näher dargestellt habe,5 gerade die meisten Probleme der heutigen US-Demokratie. Die "Integration" von Wirtschaft, Politik und Kultur in den USA, aber auch die ihr zugrunde liegende pseudo-"integrale" Verfilzung innerhalb dieser drei Bereiche mittels rückwärtsgewandter, kollektivierender Glaubens-Spiritualität ist das strukturale Grundproblem, das den meisten anderen Problemen der USA in der Makro-Konstellation zugrunde liegt. Ihr korrespondiert die faktische parteipolitische Verflechtung von Republikanern und Demokraten, die ihre Polarität ja nicht zuletzt deshalb pflegen, damit keine dritte Kraft aufkommen kann - obwohl es in Wirklichkeit zwischen ihnen nur graduelle Unterschiede gibt. Im Gegensatz dazu pflegt Europa strukturell eher die wechselseitige Entflechtung und Unabhängigkeit von Wirtschaft, Politik und Kultur. Es pflegt einen Ansatz der gesellschaftlichen Ausdifferenzierungen. Hier ist, um nur ein Beispiel zu nennen, Kultur und Politik weit weniger als in den USA Ausdruck von Wirtschaftslogik. Die Sphären sind unabhängiger voneinander. Und sie sind auch nicht mittels einer unitarischen, konfessionellen Glaubensspiritualität miteinander verwoben. Wer das in Europa versuchen würde, würde sicher keine Wahlen gewinnen. Dieser ihrem Grundmuster nach "trinitarisch" zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur ausdifferenzierenden Tendenz der europäischen Gesellschaften entspricht eine parteien- und demokratiepolitische Betonung des Pluralismus und der Partikularität ohne einfache Polarisierungen, sondern in einem Netz von sehr verschiedenartigen Möglichkeiten. Wenn Jeremy Rifkin darauf hinweist, dass gerade in dieser netzartigen gesellschaftspolitischen Grundstruktur der europäischen Art von Demokratie: trinitarische Differenzierung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur zu pflegen und Differenzen eher zu fördern als zu vereinheitlichen, der "Neue Europäische Traum" liegt, dann trifft er eine der entscheidenden Anforderungen des angehenden 21. Jahrhunderts, die nun für das Zusammenleben der ganzen Welt in einer ersten Weltgesellschaft wichtig wird, deren Geburt wir heute erleben. Geht es in dieser Weltgesellschaft eher um das produktive Nebeneinander von Diversität - oder um ein integrales Modell der Vereinigung zwischen links und rechts, wie Wilber meint? Mit anderen Worten: Geht es um Dreigliederung zwischen Wirtschaft, Politik und Kultur - oder um deren "Integration", wie sie Wilber offenbar mittels integraler Bildung anstrebt?
Wenn Wilber sein Ansatz der integralen Vereinigung von Demokraten und Republikanern gelingen würde - bliebe dann nicht nur mehr eine einzige Partei übrig? Und wäre das dann die Lösung der Probleme? Oder liegt diese Lösung eher in der Vervielfältigung der gesellschaftlichen Positionen und Parteien, aber auch der sozialen Netzwerke, sowie in ihrem durchaus auch kontroversen, doch demokratischen Dialog, wie es die "Postmoderne" vertritt?
Hier stellt sich aus anthroposophischer Sicht die grundlegende, epochale Frage unserer Zeit, ob das, was für das Denken und die innere Handlungsgrundlage des Menschen richtig ist: nämlich integraler zu werden, einfach auch nach außen projeziert werden kann und also auch als äußere Lösung für die äußere Strukturierung der Gesellschaft und der Demokratie taugt.6
Wie Wilber dieses Problem mit seinem integralen Ansatz lösen wird, ist eine spannende Frage. Wie immer man es auch beantworten mag: Hier, im Bereich des konkreten Sozialen und Politischen, liegt wohl einer der wichtigsten Gesprächs- und Komplementaritätspunkte zwischen integraler Bewegung und Anthroposophie für die kommenden Jahre. Anthroposophie hat seit rund 100 Jahren Erfahrung in praktischer sozial-evolutorischer Tätigkeit: man denke nur an die Waldorfschulen, an die ökologisch-dynamische Landwirtschaft, an die Medizin, die organische Architektur, den demokratiepolitischen Impuls der Dreigliederung! Auch sie sind einer neuen Integration des Geistes in die Gesellschaft verpflichtet, auch sie wirken integral - aber auf der Basis einer makro-gesellschaftlichen Differenzierung! Das ist Erfahrung durch tausende von Biographien hindurch, und darin liegt heute die größte Stärke und spirituelle Kraft der Anthroposophie. Diese Erfahrung fehlt Wilber (noch) weitestgehend, auch wenn seine integrale Universität die Arbeit ganz bewusst auch auf praktischen Feldern impulsieren will. Wilber könnte die anthroposophische Erfahrung im eigenen Interesse einbeziehen und nutzen. Umgekehrt hat die Anthroposophie seit Herbert Witzenmann7, der im Wesentlichen ein Einzelkämpfer war, die wissenschaftliche Grundlegung und den wissenschaftlichen Ausbau ihrer von Steiner gegebenen Grundlagen sträflich vernachlässigt. Hier kommt von Wilber ein gewaltiger Impuls, der eine wichtige, ja meines Erachtens epochale Herausforderung darstellt.
Ausblick Fazit? Wilbers Fußnoten-Kritik an der bisherigen anthroposophischen Geisteswissenschaft sollte gerade im Hinblick auf die "Anschlussfähigkeit" der Anthroposophie an die heutige Zeitlage ernst genommen werden. Sie kann eine Art Selbstbesinnung über Defizite und Chancen auslösen. Dafür sollten wir Wilber dankbar sein.
Anthroposophie muss zweifellos heute in gewissen Teilen neu gefasst werden; zugleich ist sie in mancherlei Hinsicht der weit reichendste geistige Impuls Europas der neueren Zeit, wie nicht zuletzt ihr praktischer Erfolg auf vielen Feldern zeigt. Auf Grund ihrer Vernachlässigung von Wissenschaft kommt sie jedoch immer schwerer an das Zentrum der Gegenwart, an den eigentlichen archimedischen Punkt der heutigen Verwandlung heran: an den Grundcharakter unserer Zeit als Wissenschaftskultur. Hier liegt der Impuls zum Aufwachen, den Ken Wilber an die heutige Anthroposophie heranträgt.
Umgekehrt kann es für Wilber lohnend sein, die zeitgemäß und undogmatisch aus der praktischen sozialen Arbeit neu geschöpfte Anthroposophie als erfolgreiche Sozial- und Gesellschafts-Praxis genauer kennen zu lernen. Die Fähigkeit zum wechselseitigen Anschluss in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung um eine zeitgemäße Spiritualität und eine wirksame soziale Praxis ist der entscheidende Schritt, zu dem wir uns in den kommenden Jahren auf beiden Seiten: sowohl in der Anthroposophie wie in der integralen Bewegung, fähig machen müssen.
1. K. Wilber, Integrale Psychologie. Geist, Bewusstsein, Psychologie, Therapie, Arbor Verlag 2001, S. 228, Fußnote 11. Übersetzung: R.B. 2. K. Wilber, Eros, Kosmos, Logos, Frankfurt am Main 2001, zit. nach F. Visser, Ken Wilber - Denker aus Passion, Via Nova 2002, S. 230f. 3. Weitere Übereinstimmungen und Berührungspunkte zwischen Wilber und Steiner für ein progressives, das heißt: für ein Gott im Gegensatz zu Habermas nicht verlierendes "nachmetaphysisches" Metaphysik-Denken kann ich hier nicht weiter ausführen. Siehe dazu näher R. Benedikter, Ken Wilber und die Anthroposophie. Demnächst in der Reihe Kontext. 4. J. Rifkin, Der Europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht, Frankfurt am Main und New York 2004. Siehe dazu näher meine ausführliche Besprechung: Für eine eigenständige Demokratie-Vision Europas. Wie weit trägt Jeremy Rifkins "Neuer Europäischer Traum"? Jeremy Rifkin: Der europäische Traum. Die Vision einer leisen Supermacht (Campus Verlag, Frankfurt am Main / New York), in: Das Goetheanum, 83. Jahrgang, Nr. 45/2004, 07.11.2004, Dornach 2004, S. 6-7. Erweiterte Vollfassung in: M. Lorenzen (Hg.), Marburger Forum. Beiträge zur geistigen Situation der Gegenwart, Jahrgang 5 (2004), Heft 6, www.philosophia-online.de (ab 10.12.2004). 5 Roland Benedikter, Demokratie für den Irak? Sozio-kulturelle und demokratiepolitische Perspektiven, Passagen Verlag Wien 2005 6 Vgl. dazu näher N. Perlas, Die Globalisierung gestalten. Zivilgesellschaft, Kulturkraft und Dreigliederung, Reihe Kontext Band 3, info3-Verlag Frankfurt am Main. 3. Auflage 2004; und I. Abouleish, Die Sekem-Vision, Mayer Verlag, Stuttgart 2004. 7 Werke von Herbert Witzenmann: z.B. Verstandesblindheit und Ideenschau, Strukturphänomenologie, Sinn und Sein und zahlreiche andere
|