magazin info3/archiv/März 2005

Ken Wilber und die integrale Bewegung im Dialog mit der Anthroposophie

Der neue Weltgeist für das 21. Jahrhundert?

Von Roland Benedikter

Mitte der 90er Jahre stieß ich eines Tages beim Stöbern in einer Buchhandlung auf den Titel Eros, Kosmos, Logos. Eine Jahrtausend-Vision. Den Autor, Wilber, kannte ich nicht. Aber der Titel sprach mich an. Schon beim ersten Überfliegen des ziemlich dicken Wälzers imponierte mir, dass hier jemand sprach, der offenbar kein esoterischer Schönredner war. Im Gegenteil: jemand entwarf hier überaus ernsthaft, intensiv und intellektuell scharf eine echte Wissenschaft auf dem Gebiet des Geistes für unsere Zeit. Der Autor berief sich dabei erstaunlicherweise gleichermaßen auf Kernbegriffe der nicht-konfessionellen geistigen Traditionen Europas, wie auch des Ostens und der anglo-amerikanischen Welt. Scheinbar mühelos stellte er Parallelen zwischen ihnen her, und er arbeitete fast spielerisch, aber mit großer Sicherheit und Anschauungskraft den gemeinsamen Kern zwischen ihnen heraus - ja, er machte diesen gemeinsamen Kern als wahres Zentrum des vor uns liegenden Jahrtausends sichtbar. Dabei bezog er Natur- und Sozialwissenschaften ebenso ein wie die philosophischen Denkweisen der Moderne und der Postmoderne.


Ich nahm das Buch und ging mit ihm nach Hause. Es wurde ein unruhiger Abend und eine durchwachte Nacht. Aufgeregte Tage und Wochen folgten. Ich las nicht nur dieses Buch, sondern auch Eine kurze Geschichte des Kosmos (die Populärfassung von Eros, Kosmos, Logos), Das Spektrum des Bewusstseins, Mut und Gnade und Wege zum Selbst, alle in einem Zug. Die Qualität dieser Bücher und vor allem die Art ihres Sprechens erschütterten mich. Viele Passagen musste ich wieder und wieder lesen.


Einige Tage konnte ich kaum mehr schlafen. Denn beim genaueren Lesen wurde mir klar, dass sich hier messerscharf, klar und direkt, ganz aus unserer Zeit heraus gesprochen, jener gewaltige Horizont auftat, der mir bis dahin nur von Rudolf Steiner, Sri Aurobindo, Jean Gebser, Ramana Maharshi und ganz wenigen anderen Pionieren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bekannt war - der aber für die Gegenwart von niemandem, den ich bisher kannte, so auch nur annähernd erreicht wurde. Und je weiter ich in diesen Tagen und Nächten in das Denken Wilbers vordrang, desto mehr drängte sich mir eine unendlich weitreichende Frage auf, die ich vorerst gar nicht zu artikulieren wagte: Spricht hier der lange erwartete Shankara, Steiner oder Aurobindo des 21. Jahrhunderts? Dämmert hier die lange erwartete "große" Perspektive für einen neuen, umfassenden und integrativen Geistrealismus im 21. Jahrhundert? Haben wir hier jemanden vor uns, der die gewaltigen Perspektiven in unsere Zeit übersetzt, welche durch die großen Erneuerungsbewegungen am Ende des 19. und am Beginn des 20. Jahrhunderts in Theosophie, Anthroposophie, Integralem Yoga, Vichara und anderen geistigen Aufbrüchen in ausdrücklicher Verbindung zwischen Ost und West gelegt wurden - aber seitdem ohne Kontakt zueinander mehr oder weniger stagnierten und drohten, sich jede für sich allein langsam zu verlieren?


Jemanden, der sie nicht nur in die "Postmoderne" überführt, ohne dass sie an Kraft verlieren, sondern der sie noch dazu in einer völlig neuen und begeisternden Gesamtperspektive miteinander vereint, die vielleicht mittel- bis langfristig eine Art Einheit unter ihnen ohne Verlust ihrer produktiven Differenzen ermöglichen wird?

Mit anderen Worten: Haben wir in Ken Wilber den lange erwarteten "Anfangs-Denker" vor uns, der die Substanz der großen Welttraditionen zu einer glaubwürdigen Synthese zu bringen vermag - und damit der "ewigen Philosophie" ("Philosophia perennis") der großen Weisheitstraditionen der Welt endlich akademischen Stellenwert und universitäre Anerkennung in einer Welt zu geben vermag, die zwischen materialistischem McWorld und fundamentalistischem Jihad versinkt?


Wilber erschütterte mich deshalb so sehr, weil diese Fragen schon vor der Begegnung mit ihm in mir lebten, seit ich, woran ich mich genau erinnere, 1982 mit 17 Jahren zum ersten Mal Steiner, Hegel, Yogananda und Aurobindo las. Die geradezu schockierende Begegnung mit Wilber hatte mich mitten in ein Denken getragen, das all dies in die unmittelbare Gegenwart versetzte. Wilber hatte mich mit einem Mal in ein argumentierbares Denken versetzt, in dem sich erstmals das umrisshaft zu konkretisieren schien, was das 21. Jahrhundert voraussichtlich mehr als alles brauchen wird: eine wirkliche Welt-Geistes-Wissenschaft, die voll auf dem Boden der Zeit steht, aber auch die größten geistigen Traditionen von Ost, Mitte und West in sich aufnimmt und zu etwas Neuem synthetisiert. Eine erste Welt-Geistes-Wissenschaft, in der eine neue Einheit der Erkenntnis auf systematischer Grundlage ihren Anfang nehmen kann - ebenso erlebend-hingegeben wie distanziert-frei, ebenso substantiell wie pluralistisch, ebenso realistisch wie nominalistisch, ebenso präzise wie freilassend und weiträumig.


"Der Einstein der Bewusstseinsforschung"
Das alles schien mir zu bedeutsam, um keine Skepsis zu wecken. Es war zu schön, um wahr zu sein. Mir entging von Anfang an nicht, dass Wilber ebenso glühende Anhänger hatte, deren übertriebene Lobeshymnen mich eher befremdeten ("Einstein der Bewusstseinforschung" war noch eine der harmloseren Bezeichnungen), wie auch erbitterte Gegner, auch aus den eigenen Reihen der progressiven, wissenschaftlich orientierten Spirituellen, die wichtige Motive gegen sein Vorgehen und seine Anliegen ins Feld führten. Was also tun? Wie zu einem Urteil kommen?


Es gab nur eine Lösung: ich begann Wilber intensiv zu lesen. Ich wollte, bevor ich einem weiteren der vielen selbst ernannten "Universalisten" aufsaß, die mich zwar anfangs manchmal stark erotisierten, aber letztlich fast immer mehr versprachen, als sie halten konnten, die Sache auf Herz und Nieren prüfen. Das war insofern kein unangenehmes Unterfangen, als Wilber trotz vieler schwieriger Stellen in seinem sehr umfangreichen Werk (bisher liegen 19 Bücher von ihm vor, obwohl er im Januar gerade erst 56 Jahre alt geworden ist!) heute vielleicht der lesbarste und klarste Sachbuchautor ist, den ich kenne - mit vielen poetischen und literarischen Einsprengseln wie bei allen wirklichen Denkern, obwohl seine Themen höchste geistige Sphären und weiteste Gebiete umfassen. Manches lässt sich eben nur poetisch aussprechen - gerade die präzisesten und für ein Leben wichtigsten Gedanken gehören dazu.


Vielleicht sollte ich an dieser Stelle noch etwas genauer den Hintergrund ansprechen, vor dem diese Begegnung stattfand - die, wie sich zeigen sollte, für mich folgenreich sein sollte. Ich bin nicht Theosoph wie Fran Visser (siehe seinen Beitrag in diesem Heft), sondern seit langem Anthroposoph. Mir war schon lange bewusst, dass der nächste Schritt in der Entwicklung der Menschheit, wie Rudolf Steiner bereits in den 20er Jahren vorformuliert hatte, in einer "Spiritualisierung des menschlichen Intellekts" würde bestehen müssen - wohlgemerkt, (zumindest für die heutige Zeit) nicht in einer Abschaffung des Intellekts zugunsten anderer kognitiver Wesensteile des Menschen, sondern in seiner Spiritualisierung! Und mir war klar, dass dieser Schritt nicht nur für das europäisch-westliche Abendland, sondern für die ganze Welt bedeutend sein würde. Die Frage war nur, wie diese Spiritualisierung zu leisten war, ohne einerseits zu viel von der Wirklichkeit des Geistes an den progressiven und pluralistischen postmodernen Intellektualismus preiszugeben, und ohne andererseits in alte oder regressive mythologische Muster zurückzufallen, also ohne sich erneut den bekannten (und weitgehend berechtigten) Vorwürfen gegen die alte Metaphysik und den Geistrealismus "erzählenden" Stils auszusetzen. Gegen eine alte Metaphysik also, wie sie heute in der globalen "Renaissance der konfessionellen, kollektivierenden Glaubens-Religionen" seit 1989 weltweit in allen Kulturen triumphiert - eine rückwärtsgewandte Spiritualisierung, die noch zu oft mit neuer, individueller Erfahrungs-Spiritualität verwechselt wird und die es gerade zu vermeiden gilt!


Schwierige Fragen. Epochale Fragen für die kommenden Jahre. Aber letztlich nicht ganz so theoretisch, wie sie vielleicht klingen, sondern durchaus lebenspraktisch und im Grunde ganz einfach. Wie kann sich das Gegenwartsbewusstsein mit seinen spezifischen Vor- und Nachteilen weiterentwickeln und die nächst höhere Stufe auf dem Weg zum Geist erklimmen, ohne irgendetwas von den vielen unschätzbar wichtigen Errungenschaften von Moderne und Postmoderne zu verlieren? Mit anderen Worten: Wie kann sich das heutige pluralistische und nominalistische Freiheitsbewusstsein mit einem neuen, realistischen Substanzbewusstsein vereinen, ohne erneut den dabei stets lockenden, verabsolutierenden und vereinseitigenden Aporien zu verfallen, die zu Auschwitz geführt haben - und die bis heute nicht ohne Grund die radikale, pauschale Ablehnung jedes Geistes durch den entwickelten, progressiven "postmodernen" Gegenwartsinstinkt bedingen, der aus bestimmtem Entwicklungs-Gesichtspunkt zu Recht auf Gleichheit, Pluralität und Integration ausgerichtet ist? Wie kann zu diesem Zweck der objektive geistige Anteil der Welt wissenschaftlich und philosophisch gerechtfertigt werden - insbesondere vor dem radikal individuellen postmodernen Zeitgeist, der diesen Anteil ganz aus sich verdrängt hat?


Das ist die große Aufgabe unserer Generation: das Gesamtparadigma des Wissens und der Erkenntnis unserer Zeit progressiv und liberal in Richtung einer neuartigen Zusammenführung von Kritik und Spiritualität zu verwandeln. Es geht heute um nichts weniger als um die fundamentale Tiefen-Verwandlung unserer Vorstellungen von Erkenntnis. Denn wenn diese Verwandlung erfolgt, dann wird die Postmoderne nicht mehr dieselbe bleiben können, die sie bisher ist. Sie wird nicht länger subjektiv-egoistisches "Flachland" bleiben können, sondern ihren kritischen Ansatz um einen geistig-hingebungsvollen ergänzen und ausbalancieren müssen. Die Postmoderne wird das Objektive im subjektiven, selbstkritischen Denken wieder entdecken müssen, um an die großen Fragen unserer Zeit, die eine ganz neue Dimension der Denkanforderung an uns stellen, überhaupt noch heranzukommen: wie etwa die biotechnologische Neuerfindung des Menschen durch den Menschen, der "Kampf der Kulturen" oder die Entwicklung unserer Kultur in Richtung "Transhumanismus". An der wissenschaftlichen Grundlegung eines dafür notwendigen "integralen" Denkens müssen wir arbeiten. Darin besteht, daran kann es keinen Zweifel geben, ein Kernprozess heutiger Anthroposophie.


Doch viele Anthroposophen sind in dieser Hinsicht offenbar müde geworden. Sie beschäftigen sich nicht mehr mit Wissenschaft, Philosophie, Erkenntnis. Sie haben diese Prinzipien-Arbeit aufgegeben und engagieren sich lieber in praktischen Dingen. Dabei ist die Arbeit an der Umwertung des Erkenntnis-Paradigmas unserer Zeit ein ganz entscheidender Ansatzpunkt für eine positive Transformation in den kommenden Jahrzehnten! Das gilt vor allem für die neue Generation von Anthroposophinnen und Anthroposophen, in denen dieser Impuls auf natürliche Weise lebt. Vor allem: in denen dieser Impuls auf natürliche Weise "integral" sein will: nicht die Zeit ausschließt, sondern die Zeit gerade - kritisch und selbstkritisch! - einzuschließen sucht, soweit das eben möglich ist.


Das integrale Vorhaben - Skizze eines Jahrhundertplans
Wilbers Grundverfahren ist relativ einfach - aber mit gewaltigen Folgen. "Ich glaube nicht", so Wilber, "dass heute irgendein Mensch sich zu einhundert Prozent irren kann. Statt also zu fragen, welcher Ansatz richtig und welcher falsch ist, nehmen wir vielmehr an, dass jeder Ansatz wahr ist, aber nicht vollständig, und versuchen dann herauszufinden, wie viele Teilwahrheiten zusammenpassen und wie man sie integrieren kann, statt uns für eine von ihnen zu entscheiden und die anderen zu verwerfen."


Erkenntnisse erscheinen für Wilber immer in Kontexten. Diese Kontexte zeigen sowohl evolutive wie systematische Unterschiede. Es gibt vor allem vier Kontext-Arten, die vier Arten des Wissens entsprechen:


-die spirituelle Erkenntnis-Ebene, die sich im Kontext des Geistes bewegt und letztlich stets auf der "heiligen", sowohl schöpferischen wie empfangenden Ich-Ebene stattfindet (auch dann, wenn dieses Ich von Gruppen-Aktivitäten oder vom "umgekehrten Kultus" angeregt wird); Wilber nennt diese Ebene den Erfahrungsbereich des "individuellen Ich"; hier bewegen wir uns in Kunst, Ästhetik, Psychologie, Spiritualität, innerer Gottes-Erfahrung; sie sind der Hauptausdruck und Gegenstand der großen geistigen Traditionen in Ost und West wie auch der neueren psychologischen Forschungen seit dem 20. Jahrhundert im Westen, wobei die östlichen Traditionen der religiösen Praxis-Erkenntnis eher auf das Überbewusste, die westlichen der psychologischen Praxis-Erkenntnis eher auf das Unterbewusste hinzielen;


-
die kulturelle Erkenntnis-Ebene, die sich im Kontext der uns umgebenden, von der Zeit und ihrer Evolution abhängigen Kultur bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch Werte geprägten kollektiven Ebene statt, die die äußere Summe von zahllosen individuellen inneren Prozessen ist. Wilber nennt sie daher die Ebene des "kollektiven Ich". Hier bewegen wir uns im Bereich jener unausgesprochenen Haltungen, kulturellen Gesetze und Werte, die von unserer Zeit-Kultur meist unbewusst auf unser Bewusstsein und seine Erfahrungsmöglichkeiten einwirken; sie sind der Hauptgegenstand der Untersuchungen von Postmoderne und Konstruktivismus;


-die soziale und soziologische Ebene, die sich im Kontext von Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialbedingungen im engeren Sinn bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch im weitesten Sinn materielle Prozesse geprägten kollektiven Ebene statt. Diese Ebene entspricht etwa Marx "Unterbau"; Wilber nennt sie das "kollektive Wir", weil hier alles an Erfahrungs-Erkenntnis auf realem Austausch und gemeinsamer Produktion beruht; diese Ebene ist der Hauptgegenstand der Untersuchungen von Ökonomie, Soziologie und kollektiver Psychologie;


-
die physisch-(neuro)biologische Ebene, die sich im Kontext von Gehirnprozessen und physischen Erkenntnisvoraussetzungen bewegt. Sie findet letztlich auf einer durch im weitesten Sinn materielle Prozesse geprägten individuellen Ebene statt, die dem heutigen Ausgangspunkt der neuronalen Bewusstseinsforschung entspricht; Wilber nennt diese Ebene das "individuelle Wir", weil sie je nach Mensch verschieden ist, aber gattungshafte Züge trägt.


Entscheidend ist nun für Wilber zweierlei: Erstens, dass die vier Ebenen stets im Kontext einer universalen Evolution des Bewusstseins gelesen werden, die den letzten feststellbaren Zweck der Erde und des Kosmos im Sinn einer integralen Erkenntnishypothese darstellen. Zweitens, dass jedes Erkenntnis-Phänomen nie nur einem dieser vier "Quadranten" zuzuordnen ist, sondern nur jeweils in einem von ihnen erscheint; seine Wirklichkeit aber ist stets die Summe aller vier Quadranten, und diese Wirklichkeit ereignet sich bei genauerem Hinsehen stets im Kreuzungspunkt (Motiv des Kreuzes!) der vier Ebenen. So scheint zum Beispiel ein Gedanke, den ich jetzt denke, nur in meinem Ich zu erscheinen (erste Ebene); aber bei genauerem Hinsehen hat seine Wirklichkeit Anteile und Entsprechungen auf allen vier Ebenen: der Gedanke ist Teil meiner spirituell-schöpferischen und zugleich empfangenden geistigen Ich-Tätigkeit (erste Ebene), ist in zahlreichen mitschwingenden Grundannahmen, Vorstellungen und Erinnerungsbildern von der mich umgebenden Kultur geprägt, was ihn dazu prädestiniert, manches leichter zu erkennen, anderes schwerer (zweite Ebene), bewegt sich in dem konkreten sozialen und wirtschaftlichen Kontext, in dem ich stehe (neoliberaler Kapitalismus, Arbeitslosigkeit, es macht einen Unterschied in der Färbung meines Gedankens, ob ich ein physischer Arbeiter oder ein geistiger Arbeiter bin) (dritte Ebene), und er ist schließlich von der Funktionsfähigkeit meines Gehirns abhängig (elektrische Ströme, biochemische Prozesse).


Wenn ich also einen Gedanken denke, dann hat er umgekehrt auch stets vier verschiedene Auswirkungen: er wirkt auf mich und mein Ich ein, er trägt zur umgebenden Kultur bei, er verändert die sozialen und gesellschaftlichen Prozesse, deren Ausdruck er zugleich bis zu einem gewissen Grad ist, und er manifestiert sich als naturwissenschaftlich messbares Phänomen im Gehirn. Der Gedanke findet auf vier verschiedenen Ebenen statt, die allesamt je für sich untersucht werden können, aber in Wirklichkeit auf der Ebene der Realität eine untrennbare Einheit bilden. Daher ist dieser Gedanke dann zwar nicht ohne biophysiologische Gehirnprozesse zu denken; aber genauso sind diese nicht die einzige Dimension, die er als Wirklichkeit ausmacht, sondern sie sind nur eine Seite seiner spirituellen Ich-Dimension, seiner kulturellen und sozialen Dimensionen.


Entscheidend ist nun für Wilber, dass alle vier Ebenen gleichberechtigt und nicht reduktionistisch in jede wissenschaftliche Untersuchung einbezogen werden. Es kann nicht sein, wenn heute die Erkenntnis-Ströme auf den vier verschiedenen Gebieten: Spiritualität, Kulturwissenschaft, Sozialwissenschaft und neuronale Naturwissenschaft jede für sich davon ausgehen, dass ihre Wahrheit des Phänomens die ganze oder zumindest die wesentliche Wahrheit ist, von der die anderen drei Ebenen bestenfalls Epiphänomene darstellen. Wenn heute zum Beispiel die neuronale Gehirnwissenschaft (vierte Ebene) behauptet, den Schlüssel des Bewusstseins in Form von elektro-chemischen Prozessen in der Hand zu halten, und die spirituellen Erfahrungen (zum Beispiel die Erfahrung des Höheren Ich, des Engels, mystische Zustände oder Nahtodeserfahrungen) seien nur Epiphänomen - also kausal abhängige Folge - davon, das heißt: wenn sie Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen den vier Ebenen oder Dimensionen herstellt, die stets reduktionistisch sein müssen, weil sie ein erstes Phänomen voraussetzen, das dann in der Zeit verschoben ein zweites, drittes und viertes Phänomen nach sich zieht, dann verabsolutiert sie unzulässigerweise, was nur als untrennbare, wesenhafte Einheit immer schon unausweichlich auf allen vier Ebenen zugleich stattfindet. Wilbers Generalhypothese ist es deshalb, dass alles, was Gegenstand der Erkenntnis sein kann, immer auf allen vier Ebenen Entsprechungen hat und daher auch auf allen vier Ebenen gefunden werden kann - sei es nun, dass es sich um intimste innere Erfahrungen handelt wie auch um konkrete Taten in der äußeren sozialen und ökonomischen Welt. Beide manifestieren sich nur an diesen Orten in einem bestimmten Kontext, stehen aber immer schon im "Geviert der Welt" (Heidegger), das heißt in den oben geschilderten vier Seins- und Bewusstseinsdimensionen zugleich, die daher auch allesamt in Übereinstimmungen, evolutiven und systematischen Gesetzmäßigkeiten, Unterschieden und Parallelen untersucht und neu zueinander in Beziehung gesetzt werden müssen.


Wilber entwickelt für die Art und Weise dieser Inbeziehungsetzung wiederum zwei Ebenen: erstens die synchrone und zweitens die historisch-evolutive. Für die Erstere versucht er, verschiedenste Ansätze der Erklärung und Erkenntnis ein und desselben Phänomens - in unserem Beispiel ein Gedanke - heranzuziehen, auch wenn sie ganz unterschiedliche Gesichtspunkte und zum Teil widersprechende Deutungen liefern. Dann ordnet er sie ihrem Ausgangspunkt und Kontext einer der vier Ebenen oder Bereiche zu; und schließlich versucht er innerhalb der einzelnen Bereiche große Gemeinsamkeiten, "Orientierungs-Verallgemeinerungen" zu finden, innerhalb derer sich die Einzelerkenntnisse in eine große Gemeinsamkeit zusammenschauen lassen. Der darauf aufbauende Schritt ist dann, diese Suche nach "Orientierungs-Verallgemeinerungen" auch auf den Bereich zwischen den vier Ebenen, Dimensionen oder - wie Wilber sie nennt - "Quadranten" - zu erweitern. Letztes Ziel dieses Verfahrens ist es, die spirituell-physisch-kulturell-soziale Einheit jedes Phänomens in der Welt zu sehen: zu erkennen, dass es nichts gibt, was nicht multidimensional Anteil an allen vier Ebenen hat - woraus, in komplexer Interaktion zwischen ihnen, gerade sein wahres, "inkarniertes" Leben entsteht!


Damit lässt sich einerseits die Spiritualität wieder in das Wissenschaftssystem integrieren, das sie in Moderne und Postmoderne weitgehend aus sich herausgedrängt hat; andererseits lässt sich auf diese Weise das Wissenschaftssystem selbst re-integrieren, das im 19. und 20. Jahrhundert auf bedrohliche Weise zwischen Naturwissenschaft, Geisteswissenschaft, Psychologie, Kunst und sozialen Veränderungstheorien auseinander gefallen ist, die heute weitgehend ohne Bezug zueinander operieren und unsere Kultur in ihrem Wesen als eine gespaltene konstituieren. Weil diese Gespaltenheit unserer Kultur zwischen verschiedenen Erkenntnis-"Diskursen", die zugleich jede Art von Spiritualität aus sich verdrängt hat, zur realen Bedrohung für unsere Welt wird (Umweltzerstörung, Kriege, soziale Unfähigkeit), ist ihre Integration das zentrale Anliegen des 21. Jahrhunderts, das sein inneres Selbstverständnis entscheidend mit prägen wird.


Wilber hat in verschiedener Hinsicht konkrete - wenn auch riskante - Pionierarbeit verrichtet, um vor allem die Spiritualität wieder in das Wissenschafts- und Erkenntnissystem einzuführen. So hat er, der nach eigener Aussage innerhalb weniger Sekunden vom NormalBewusstsein auf den hohen mystischen Zustand des "Nirvikalpa-Samadhi" (Gotteserfahrung der reinen Leere, Ungeschiedenheit des Bewusstseins von Gott) "umschalten" kann, diese seine Fähigkeit mittels eines Elektrokardiogramms, also mit Hilfe naturwissenschaftlicher Messmethoden am Gehirn, überprüfen lassen. Die erstaunten Wissenschaftler stellten eine Veränderung der Gehirnwellen von "Wach" auf "Traumlosen Tiefschlaf" innerhalb weniger Sekunden bei völliger Wachheit Wilbers fest.1


Damit wollte Wilber natürlich nicht zeigen, wie sich das Eingeweihten-Bewusstsein anfühlt und was man dabei sieht; denn das lässt sich nur von innen, von der Ich-Ebene (erste Ebene) aus erfahren; dazu braucht es ein Ich. Sondern er wollte damit zeigen, dass jede Bewusstseinsveränderung ihre Entsprechung auch auf den anderen Ebenen hat, in diesem Fall auf der bio-physiologischen, messbaren Gehirnebene. Darüber hinaus hat er mit diesem auf Video aufgezeichneten Experiment auch gezeigt, dass die Wissenschaft, die der Spiritualität weiterhin skeptisch gegenübersteht, weil sie die Ich-Dimension der Welt nicht anerkennen kann, denn diese ist nicht im materiellen Sinn messbar, zumindest anerkennen muss, dass es objektiv Fähigkeiten der Kontrolle des eigenen Bewusstseins durch einen Ich-Willen gibt, die normalerweise für unmöglich gehalten werden. Also könnte es auch noch viel mehr geben…


Wilber hat diese großen Zusammenhänge in diesem Schema zusammengefasst:


OBEN LINKS

innerlich-individuell


OBEN RECHTS

äußerlich-individuell


UNTEN LINKS

innerlich-kollektiv


UNTEN RECHTS

äußerlich-kollektiv


Das Konzept der integralen Evolution muss zu diesem Ansatz gleichsam dazugedacht werden, um ihn erst vollgültig "lebendig" zu machen, das heißt in die reale Zeit hineinzustellen und Transformation zu erklären. Dazu schreibt Visser:

"Wilbers Schriften sind stark vom Konzept der Evolution und Entwicklung beeinflusst, jedoch nicht darauf beschränkt. Ein Bild, welches seine Ideen repräsentiert, ist das Leitermodell, obgleich er diese Idee inzwischen… sehr verfeinert hat, und nun von Wellen und Strömen spricht.


Nach Wilber hat Evolution auch eine innere Komponente, die von der konventionellen Wissenschaft nicht so leicht entdeckt wird. Wissenschaft im allgemeinen Verständnis studiert die äußeren Formen des Lebens, und versteht Evolution im Wesentlichen als eine Sache von zunehmender materieller Komplexität. Esoterische Philosophie fügt eine innere Dimension hinzu, und danach ist Evolution auch ein Vorgang zunehmender Tiefe und Qualität. Dies zeigt folgende tabellarische Grafik:


[Schema nur in der Printausgabe]


Alle Entwicklungsprinzipien, über die Wilber schreibt, können im Grunde durch dieses Diagramm der Bereiche des belebten Kosmos beschrieben werden. Pflanzen transzendieren Mineralien, Tiere transzendieren Pflanzen, Menschen transzendieren Tiere, und manche Menschen entwickeln sich zu Mystikern, und transzendieren so das durchschnittliche vorherrschende menschliche Bewusstsein. Doch Pflanzen beinhalten auch Mineralien (sie haben einen physischen Körper), ebenso wie Tiere Pflanzen beinhalten (biologische 'Vitalität'), ebenso wie Menschen Tiere beinhalten (und Gefühle haben), und die Mystiker das durchschnittliche mental-geprägte menschliche Bewusstsein beinhalten, das heißt zur Verfügung haben, auch wenn sie in ihrer Entwicklung darüber hinausgegangen sind (sie können denken). Dieses Diagramm legt in keiner Weise Vorstellungen von Unterdrückung oder Abwertung nahe, wie viele, die dem Gedanken einer hierarchischen Entwicklung ablehnend gegenüberstehen, oft unterstellen. Tatsächlich geht es um eine inspirierende Sicht des sich entfaltenden Lebens, biologisch und geistig. Jedoch kann das Denken die Gefühle unterdrücken, und so können Menschen Tiere und die Natur als Ganzes missbrauchen. Dies ist eine Gefahr auf jeder Stufe des Entwicklungsprozesses, die unbedingt vermieden werden sollte, jedoch kein Grund, diese Ansicht in Bausch und Bogen abzulehnen."2


Dieses Konzept ist im Übrigen nichts anderes als die zeitgemäße Fortführung der interdisziplinären, damals revolutionären integrativen Ansätze der "Philosophischen Anthropologie" des 20. Jahrhunderts, zu deren Hauptvertretern neben Teilhard de Chardin, Arnold Gehlen, Nikolai Hartmann und Helmuth Plessner vor allem auch der Steiner-Bekannte Max Scheler (1874-1928) mit seinem geistigen Testament Die Stellung des Menschen im Kosmos, 1928, gehört. (Siehe dazu näher Mein Lebensgang, GA 28). Visser weiter:

"Eine weniger bekannte Lehre in Wilbers Philosophie ist das Konzept der Involution. Aus Wilbers Sicht können höhere Stufen dabei nach den niedrigeren Stufen auftreten, was jedoch nicht bedeutet, dass sie vollständig von ihnen verursacht werden. Dies wäre nichts anderes als Materialismus. Die esoterische Philosophie ist der Auffassung, dass Involution der Evolution vorangeht, eine Bewegung vom GEIST zur Materie, genau umgekehrt zu der Bewegung der Evolution. Ohne Involution wäre die Evolution ein verwirrender Vorgang immer neuer 'emergierender' Wirklichkeiten; mit der Involution wird daraus ein nachvollziehbarer Vorgang der großartigen Bewegung des Lebens. In der esoterischen Sicht 'involviert' sich GEIST schrittweise abwärts in immer dichtere Schichten - dieser Gedanke wurde vom Neuplatonismus wunderschön ausgeführt - bis zum tiefsten Punkt der Existenz, dem materiellen Bereich. Von nun an aber bewegt sich der GEIST (in der historischen und individuellen Evolution, R.B.) wieder aufwärts, Schicht für Schicht transzendierend, bis hinauf zum Ausgangspunkt im Göttlichen. Diese Ansicht steht im Gegensatz zu derjenigen, dass wir den GEIST irgendwo in den frühen Jahren unseres Lebens im Verlauf des Erwachsenwerdens verlieren. Dies ist die romantische Sicht, welche ein Beispiel für eine Prä/trans-Verwechslung darstellt."3


Ein drittes - und in unserem Rahmen hier letztes - wichtiges Kern-Konzept und Gebrauchsinstrument im Hinblick auf Wilbers neue integrale Welt-Philosophie ist schließlich das so genannte Holon-Konzept:


"Die (philosophisch-wissenschaftlich erkenntnisleitende, R.B.) Vorstellung ist, dass alles, was es gibt, nicht nur ein Ganzes ist, sondern auch Teil eines größeren Ganzen, also ein 'Teil/Ganzes' oder Holon.

Dies trifft zu für Atome, Moleküle, Organismen, menschliche Wesen, und ebenso für die Buchstaben eines Wortes, die Wörter eines Satzes, die Sätze auf einer Seite, die Seiten in einem Buch, usw. - entsprechend der bekannten holistischen Sequenz.

Wie Wilber in seinem bisherigen Hauptwerk Eros, Kosmos, Logos (1995) demonstriert hat, kann das menschliche Bewusstsein als ein Holon betrachtet werden, mit vier Aspekten oder Quadranten:

1.innerlich-individuell: introspektives Bewusstsein

2.
äußerlich-individuell: beobachtbares Verhalten

3.innerlich-kollektiv: unsere kulturellen Überzeugungen

4.
äußerlich-kollektiv: die Gesellschaft, in der wir leben

Haben nun alle Holons vier Quadranten? Hat ein Wort in einem Buch zum Beispiel eine Art von Innerlichkeit? Und können wir vernünftigerweise von individuellen und sozialen Holons sprechen? Oder führt das zu einer Regression ohne Ende bezüglich dessen, was der soziale Aspekt eines sozialen Holons ist?"4


Vor allem Wilbers Holon-Konzept ist heute Gegenstand angeregter Diskussionen weltweit. "Sie führen uns zu Fragen wie: Haben alle Holons Bewusstsein, oder nur einige? Und wenn einige Bewusstsein haben, welches Prinzip ist dafür verantwortlich? Und wie können wir Gesellschaft verstehen: als eine Art Über-Organismus oberhalb des Individuellen, oder einfach als eine Gruppe gleichgesinnter Individuen?"5


Fazit und vorläufiger Ausblick
Vieles von Wilbers Denken konnte hier nur umrissen oder angedeutet werden. Dahinter verbirgt sich freilich ein ganzer Kontinent von großem Reichtum. Wilbers geistige Leistung gehört zweifellos bereits heute zu den bedeutendsten des ausgehenden 20. Jahrhunderts; sie übertrifft viele von dessen Großen in Atem, Horizont und Perspektive. Und sie ist darüber hinaus vielleicht die global bedeutendste am Beginn des 21. Jahrhunderts. Die wichtigsten Aspekte sind, im Ausblick auf die kommenden Jahre besehen:


1.In Wilbers Werk ist die erste echte Weltphilosophie für das 21. Jahrhundert auf der Grundlage der Vorarbeiten der großen Pioniere des 19. und 20. Jahrhunderts erstmals auf tragfähige Weise in Herausbildung begriffen - auch wenn Wilber auf seine Art, in fortgeschrittenem Stadium allerdings, selbst ebenfalls vielleicht nur ein großer Vorarbeiter ist. Heute dämmert in "Transhumanismus", "Neuerfindung des Menschen durch den Menschen" und Globalisierung eine völlig neue geistige Dimension, die nicht die Summe des Bisherigen oder aller ihrer Teilbereiche ist, sondern eben etwas Neues, das sich erst zu ergeben im Begriff ist. Die eigentliche geistige Revolution am Beginn des 21. Jahrhunderts, die der geistigen Revolution am Beginn des 20. Jahrhunderts entsprechen, wenn sie nicht sogar an Tiefe und Reichweite überschreiten wird, ist im Neuen ihrer bereits dämmernden Wirklichkeit aber noch nicht wirklich begriffen oder bemerkt. Wir fangen gerade erst damit an, aufgeschreckt durch die Symptome unserer Zeit - darunter der große, verborgene neue Kulturkampf auf globaler Ebene, der unsere Zeit hinter den Kulissen vielleicht mehr als vieles andere prägen wird: der Kampf zwischen globaler "Renaissance der konfessionellen Religionen" und dem bewusstseins-kritischen geistigen Erbe der europäischen Postmoderne. Zum Zweck dieses Begreifens, das kritisch-wissenschaftlich und spirituell, "postmodern"-dekonstruktiv und "post-postmodern"-aufbauend zugleich sein muss, gehört die integrale Bewegung zu den wichtigsten innovativen Strömungen am Beginn des 21. Jahrhunderts. Sie überschneidet sich zum Teil mit den "Kulturell Kreativen", überwirft sich zum Teil auch freundschaftlich-kritisch mit ihnen. Wilber hat unter anderem eine Grundsatzkritik an Paul Rays Ausarbeitung des Konzepts der "Kulturell Kreativen" vorgelegt, vor allem im Hinblick auf die darin vorliegende spirituelle Ganzheitlichkeit und Tiefe sowie auf die Geschwindigkeit der zu erwartenden Entwicklung.


2.
Wilbers Ansatz nimmt für die nötige Re-Integration des Wissenschaftssystems um eine zeitgemäße Erfahrungs-Spiritualität derzeit faktisch eine globale Zentralstellung in der Theorie ein. Sie kann das verbindende Mittelglied zwischen den verschiedensten Ansätzen und Bewegungen sein, die Ähnliches wollen, sich aber bisher gegenseitig nicht finden und daher jede für sich im Strom des neoliberalen, materialistischen und mechanistischen Zeitgeistes unterzugehen drohen. Und gerade "Theorie" (wörtlich: "Schau des Ganzen" im Sinne einer "Anschauung Gottes") ist für das notwendige, von der Zeit ersehnte Zusammenwachsen der global innovativen Strömungen unendlich wichtig - weit wichtiger, als man normalerweise unter dem nur allzu realen und wenig "theoretischen" Veränderungsdruck der Gegenwart anzunehmen geneigt ist. Sie ist in Wirklichkeit der entscheidende Kitt, und sie ist der Fels für den Aufbau einer gemeinsamen Praxis. Sie prägt diese Praxis zugleich in Selbstverständnis, Färbung und Vorgehen ganz entscheidend mit. Denn jeder Mensch hat eine philosophische Theorie der Welt, hat notwendigerweise immer schon eine Weltanschauung; ohne sie kann kein Mensch ein Mensch sein; nur machen die meisten Menschen sie sich nicht bewusst, sondern haben sie unterbewusst entwickelt und leben in ihr auch unterbewusst. Sie bewusst zu machen ("Sich der Idee im eigenen Denken erlebend gegenüberzustellen") und mehrdimensional bewusst zu entwickeln, gehört zu den dringendsten und weitreichendsten Aufgaben der Gegenwart.


3.\tWilbers Werk, vor allem seine "Kosmos-Trilogie" (seit 1995), aber auch seine "Integrale Psychologie" (2001), markiert den Beginn der zeitgemäßen Integration von Nominalismus und Realismus in Weltmaßstab. Seine Methode der Orientierungs-Verallgemeinerung macht ihn zum philosophischen und wissenschaftlichen Sprachrohr der heutigen Aufbruchsbewegung - wie einst Bob Dylan das Sprachrohr für die neo-idealistische Bewegung der 60er und 70er Jahre war, der "Prinz der Prinzen", ob zu Recht oder zu Unrecht. Vieles am Menschen Wilber ist zu kritisieren: er ist sozial problematisch, eitel, manchmal überheblich in Ton und Gestus, zum Teil überempfindlich gegen Kritiker, nicht selten zu hart und übereifrig in seinen Angriffen gegen vermeintliche und wirkliche Gegner. Und er hat natürlich viele andere Mängel und Fehler, wie jede und jeder von uns. Aber er präsentiert den unter den spiritualisierenden Ansätzen der Gegenwart vielleicht langfristig wichtigsten von denen, die sich auf die heute kulturell und ideengeschichtlich notwendige Spiritualisierung des Intellekts richten.


Fazit? Heute und in den kommenden Jahrzehnten gilt für jeden, der Philosophie und Wissenschaft in geistiger Perspektive betreiben will: Ohne die Bücher Ken Wilbers studiert zu haben, am besten seine gesamte Bibliothek zu Hause zu haben (es fehlt bis heute noch ein Register, was ein großer Nachteil ist, aber für die bereits in Erscheinung begriffene amerikanische Gesamtausgabe bei www.shambhala.com ist ein solches in Vorbereitung), ist man heute als "post-postmoderner" Geistrealist praktisch aufgeschmissen, auf verlorenem Posten. Ken Wilber gehört neben Rudolf Steiner und einigen anderen wie Sri Aurobindo, Ramana Maharshi und den großen östlichen Weisheitstraditionen - und vielleicht auch neben den Handbüchern der katholischen und evangelischen Dogmatik, die unsere Kultur weiterhin zumindest in den unbewussten Dimensionen massiv mitbestimmen, weshalb wir sie so genau studieren sollten, wie es Rudolf Steiner getan hat - ins Regal. Das gilt gerade für zeitgemäße Anthroposophen. Denn es könnte sein, dass es der neue Weltgeist des 21. Jahrhunderts ist, der heute dämmert, und dass Wilber derjenige ist, der ihn am zeitgemäßesten und zugleich wissenschaftlichsten zu erfassen, aufzunehmen, auszudrücken - und ihn zugleich mit wesentlichen, weit reichenden Impulsen zu versorgen beginnt.


Bei alledem gilt zugleich zu beachten, dass Wilber in seinem Schaffen noch nicht fertig vor uns liegt wie Steiner und andere, sondern noch im Werden begriffen ist. Andererseits braucht Ken Wilber aktive und zum Teil auch dialektisch gestimmte Gesprächspartner, heute mehr denn je, denn sonst könnte er in den kommenden Jahren, wie alle, die weitgehend allein bleiben, in Gefahr geraten, sich in der Selbstzitierung zu verlieren. Die Frage ist, ob er den Gesprächspartner Anthroposophie annehmen will (siehe dazu näher meinen Beitrag im nächsten Heft zum Verhältnis und zu möglichen Elementen des Dialogs zwischen integraler Bewegung und Anthroposophie), aber das hängt natürlich auch vom Beitrag dieses Gesprächspartners ab. Wo liegen die möglichen Gesprächspunkte, die die Anthroposophie einbringen kann? Das ist heute die große Frage. Dabei geht es nicht nur um Wilber, sondern auch um den endlich vertieften Austausch mit anderen geistigen Traditionen und Entwicklungen - wie zum Beispiel der Theosophie, dem integralen Yoga, Vichara, dem mystischen, erfahrungsorientierten Islam und anderen Bewegungen im Schnittpunkt zwischen Ost und West. Wilber ist meines Erachtens ein wichtiger geistiger Impuls, der heute am ehesten fähig ist, in alle möglichen Gebiete hineinzugehen und darin integrativ-ganzheitlich und durch Zusammenführung gesundend zu wirken. Das gilt nicht nur für die heute entstehende "post-postmoderne" Weltkultur insgesamt, sondern auch für die esoterische Szene im Besonderen.


Das Grundmotiv Ken Wilbers ist: Die Spiritualität auf die Ebene eines ganzheitlich aufgeklärten philosophisch-wissenschaftlichen Bewusstseins zu heben - und sie dabei mehrdimensional zu vertiefen und zu erweitern, statt sie zu vereinseitigen, zu rationalisieren und entwerten, wie es bei solchem Vorhaben meist direkt oder indirekt, gewollt oder ungewollt geschieht. Darum geht es heute. Das ist aber erstens nur in Weltperspektive zu machen, zweitens anknüpfend an den Idealismus, aber auch nur, wenn wir genau einen Schritt weiter gehen als er: von der Ideenwissenschaft Philosophie zur im eigentlichen Sinn selbstbewussten Realwissenschaft des Geistes. Ken Wilber macht in dieser Perspektive vor, was entwickeltes, exaktes, nicht-beliebiges und in authentischem Maß spirituelles Anschauungsdenken auf der Höhe der Zeit heißt: für die entwickelte Bewusstseinsseele, des Bewusstseins diesseits und jenseits des Durchbruchs in die geistige Welt zugleich.


Die Erfahrung dieser Ebene, um die letztlich alles geht, drückt Wilber oft in Gedichten aus, die in Schönheit, Klarheit und Kraft an die Mysteriendramen Rudolf Steiners oder an ähnliche Stellen im Werk Ramana Maharshis erinnert. In ihnen kommt nichts anderes zum Ausdruck als die "leere" Selbsterfahrung der reinen Aufmerksamkeit: des Geistes - oder reinen Denkens -, das sich während seines Geschehens seiner selbst in voller Wachheit inne ist, und in dem sich das wahre Ich hinter dem illusionären Normal-Ich erst in seiner vollen Präsenz offenbart:


Du kannst nicht nach diesem Geist Ausschau halten,

denn er selbst ist es, der dabei Ausschau hält.

Du kannst diesen Geist nicht sehen,

denn er selbst ist es, der sieht.

Du kannst diesen Geist nicht finden,

denn er selbst ist es, der findet.


Wenn Du das begreifst,

dann begreift das der Geist selbst.

Wenn Du das nicht begreifst,

Dann ist es auch in diesem Fall der Geist, der nicht begreift.

Begreif es oder nicht,

genau das ist der Geist.
6

1. Siehe dazu näher den Bericht in K. Wilber, Einfach Das. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres, Frankfurt am Main 2001.
2. Siehe dazu näher den Bericht in K. Wilber, Einfach Das. Tagebuch eines ereignisreichen Jahres, Frankfurt am Main 2001.
3. Visser, a.a.O.
4. Visser, a.a.O.
5. Visser, a.a.O.
6. Aus: K. Wilber, The simple feeling of being. Embracing your true nature. Poems, Boston 2004. Übersetzung: R.B.