magazin info3/archiv/Februar 2005

Vom Kern der Anthroposophie

Was Rudolf Steiner wollte

Von Jens Heisterkamp

Wer wissen möchte, welches Weltbild ein Sri Aurobindo, ein C.G. Jung, ein Martin Buber oder ein Ken Wilber vertritt, kann dazu nicht nur Gesamtwerke durcharbeiten, sondern sich auch an Hand verschiedener kurzer Einführungen einen ersten Überblick verschaffen. Ist das bei Rudolf Steiner unmöglich? Im Folgenden wird es versucht.

Wäre Rudolf Steiner ein Zeitgenosse, dann würde man ihn vielleicht mitten unter spirituell arbeitenden Therapeuten, Zen-orientierten Physikern und transpersonalen Praktikern finden. Anspruchsvolle Spiritualität ist heute - oft über Umwege wie die wiederentdeckte traditionelle Medizin oder die Weisheit der Religionen - dabei, diskutabler und vor allem wirkungsvoller Teil des Mainstreams zu werden. Steiners "Anthroposophie" kam jedoch an der Wende zum 20. Jahrhundert zur Welt, als in Europa gerade die letzten Reste von Klassik, Romantik und idealistischer Philosophie im Bürgertum verstaubten, der naturwissenschaftliche Materialismus seine größten Triumphe feierte und Spiritualität kein Thema war, das man öffentlich verhandelte.


Dennoch wuchs Steiners Bewegung noch zu seinen Lebzeiten zu erstaunlichen Formen an. Und lange bevor der Begriff der "integralen Kultur" aufkam, praktizierten bereits die Erben Steiners - wenn auch mitunter in weltanschaulicher Isoliertheit und einseitiger Fixierung auf das Werk ihres Begründers - Lebensformen, in der innere spirituelle Praxis, soziales Engagement und ganzheitliche Ausrichtung verbunden werden sollten. Dass auch die dahinter stehende Weltsicht einen immer noch pionierhaften Charme hat, könnte gerade in unserer für Spiritualität offenen Gegenwart neu entdeckt werden.


Spirituelle Erweckung - Steiners Kindheit

Wie bei vielen anderen spirituellen Lehrern gibt es im Leben Rudolf Steiners (geboren 1861) ein "Erweckungserlebnis". Von diesem einschneidenden Ereignis während seiner in einfachsten Verhältnissen verlebten Kindheit hat Steiner selbst in einem Vortrag erzählt: Im Warteraum einer Eisenbahnstation spielend, wo sein Vater im österreichischen Burgenland als Vorsteher Dienst tat, erscheint dem damals etwa sieben Jahre alten Jungen die Gestalt einer Frau, die ihm zuruft: "Versuche jetzt und später, so viel du kannst, für mich zu tun!" Dann verschwindet die Erscheinung - man stelle sich die Situation für den Jungen vor! - in einen Ofen hinein. Kurz darauf wird ihm klar, dass es sich bei dieser visionsartig aufgetretenen Szene um die Erscheinung seiner Tante gehandelt haben musste, die unmittelbar zuvor Suizid begangen hatte. Ein außergewöhnlicher Augenblick voller Erschütterung und Erstaunen, der eine neue Welt frei setzt.


Für die Entwicklung Rudolf Steiners war dieses Erlebnis ein Fanal aufbrechender spiritueller Erfahrung: der Geist, ob im Menschen oder in der Natur verkörpert, war also etwas, das auch unabhängig von der stofflich sichtbaren Welt existierte. Steiner sagt dazu später, von sich in der dritten Person sprechend, "dass von jenem Ereignisse ab für den Knaben ein Leben in der Seele anfing, welchem sich durchaus diejenigen Welten offenbarten, aus denen nicht nur die äußeren Bäume, die äußeren Berge zu der Seele des Menschen sprechen, sondern auch jene Welten, die hinter diesen sind. Der Knabe lebte etwa von jenem Zeitpunkt ab mit den Geistern der Natur .... mit den schaffenden Wesenheiten hinter den Dingen in derselben Weise, wie er die äußere Welt auf sich wirken ließ (nach: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe Nr.83/84, Dornach 1984).


Erwachen zur Wirklichkeit und Freiheit - die ideelle Basis

Energisch will Rudolf Steiner schon als Schüler - mit Kants Werken unter der Bank - und später als Student und als Goetheforscher mit den Mitteln der Philosophie zeigen, dass ein Erwachen zur wahren Wirklichkeit, zu einem trans-dualistischen Zustand spiritueller Einheit mit der Welt, möglich ist, weil es die Trennung in Subjekt und Objekt, in Innen- und Außenwelt, nicht wirklich gibt. Um diese Gewissheit gedanklich zu untermauern und in der intellektuellen Öffentlichkeit seiner Zeit diskutierbar zu machen, setzte sich Steiner insbesondere mit dem damals virulenten Neukantianismus auseinander, der behauptete dass der Mensch, eingeschlossen in das System seiner Sinne und die Verschaltungen seines Gehirns, niemals die "wahre Wirklichkeit" erkennen könnte.


Steiner beginnt seinen Befreiungsweg deshalb mit einer Selbstvergewisserung des Denkens als desjenigen Elementes der Welt, das keine außerhalb seiner selbst gelegene Erklärung benötigt, sondern sich als einziges Element innerhalb der vorgefundenen Tatsachen in denkender Selbsterschließung selbst erklärt. Auf diese Weise zeigt sich der begrifflich-ideelle Faktor der Dinge als Element, das zwar auf dem Bewusstseinsschauplatz des Menschen auftritt, seinem Wesen nach aber zu den Dingen gehört. Im Bewusstwerden der Tatsache, dass die Geistigkeit der Welt in das menschliche Innere nicht nur hineinragt, sondern in ihm sogar neu zu Bewusstsein kommt, geht Steiner der Sinn des Menschseins auf: "Solange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfasst, sieht er sich als diesen besonderen Menschen an; sobald er auf die in ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt, sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig aufleuchten", so Steiner in der 1894 erschienenen Philosophie der Freiheit (Kapitel Die letzten Fragen).


Hier und im Folgenden ist zu berücksichtigen, dass Steiner mit seiner platonisch anmutenden Rede von der Ideenwelt nicht das intellektuelle Denken des Verstandes meint, dessen kombinatorisches Vor-sich-hin-Laufen ja jede spirituelle Entwicklung hemmt, sondern die bewusst gemachte Anwesenheit des Einen spirituellen Urgrundes in allen Menschen, der sich im Erkenntnisprozess als dessen ideeller Anteil abspiegelt. Vielsagend ist in diesem Zusammenhang, dass Steiner selbst Wert darauf legte, sein Grundlagenwerk solle bei der Übersetzung ins Englische nicht den Titel "Philosophy of Freedom", sondern "Philosophy of Spiritual Activity" tragen.


Aber welche Konsequenzen hat dies nun für das praktische Leben, für das Handeln? Gibt es - über die zweifellos immer auch vorhandenen, unseren Alltag überlagernden Verstrickungen, Illusionen und Selbst-Täuschungen hinaus - so etwas wie Freiheit? Steiners Antwort: Ebenso wie das Erwachen zur Wirklichkeit mit dem Bewusstmachen der "allumspannenden Ideenwelt" in mir einher geht, ist ein nicht-determiniertes Handeln genau dann möglich, wenn wir ein (nicht durch unsere subjektive Organisation bedingtes) rein ideelles Motiv eben dieser universellen Welt mit dem Antrieb verbinden, es um seiner selbst willen ausführen zu wollen. Dann ist es nicht unsere Egoität, die handelt, sondern unser Verhalten strömt aus dem Urgrund selbst. So ist "das freie Handeln das aus dem All-Ich fließende." (Steiner, Die Mystik, S. 36) Man sieht: Obwohl Steiner selbst seinen Ansatz mitunter auch als einen "ethischen Individualismus" bezeichnet, ist der "Ort" der Freiheit in mir gerade nicht im üblichen Sinne ein nur individueller: "Das Individuelle in mir ist nicht mein Organismus mit seinen Trieben und Gefühlen, sondern das ist die einige Ideenwelt, die in diesem Organismus aufleuchtet", präzisiert Steiner in der Philosophie der Freiheit.


Dass ein Verhalten, das nur die Befriedigung der eigenen Bedarfsnatur im Blick hat, ethisch nicht gerade den höchsten Entwicklungsstand ausmacht, mag zwar auf Anhieb deutlich sein; egozentrisch kann aber ebenso gut die Bedürfnisfixierung auf bestimmte, mein Selbstbild bestätigende moralische Muster wirken. Im Einklang mit dem Ursprung, also frei, verhält man sich erst dann, wenn man sich nicht vorab auf ein bestimmtes ethisches Programm oder ein festes moralisches Ziel festlegt, sondern im Einzelfall kraft eigener Intuition erfassen kann, welches der in Frage kommenden moralischen Motive einer bestimmten Situation tatsächlich angemessen ist: deshalb kann es laut Steiner "vorkommen, dass jemand unter gegebenen Verhältnissen die Förderung des Kulturfortschritts, unter anderen die des Gesamtwohles, im dritten Falle die Förderung des eigenen Wohles für das Richtige ansieht" (Philosophie der Freiheit).


Entscheidend ist immer: erst im Trans-Individuellen, also dem "ideellen Teil meines individuellen Wesens" (Steiner), verwirklichen wir unser wahres Selbst, das identisch mit der höheren geistigen Sphäre ist, die für alle Menschen die gleiche ist. Nochmals einfacher ausgedrückt: Freiheit, hier endlich einmal nicht als Gegen-, sondern als Inbegriff von Ethik begriffen, resultiert aus der Umsetzung unseres bewusst gemachten, immer schon latent vorhandenen universellen Selbstes in individuelles Verhalten.


Schulungsweg und höhere Welten

Um die Wende zum 20. Jahrhundert begann Steiner, die Befreiung aus der Befangenheit des isolierten Ego-Bewusstseins zum vorrangigen Thema zu machen. Bald darauf wird er im Rahmen einer "esoterischen Schule" auch für einen wachsenden Kreis von Menschen zum persönlichen spirituellen Lehrer. Da von seinen immer zahlreicher werdenden Vorträgen bald unautorisierte Mitschriften zu kursieren beginnen, organisiert Steiner schon bald professionelle Stenographen und seine Frau Marie Steiner übernimmt die Herausgabe seiner Werke. Aus Steiners Tätigkeit als spiritueller Lehrer ist auch eine Fülle von Mantren und Meditationsformeln überliefert, die er an persönliche Schüler gab. Indem sich Steiner, ausgelöst durch das Interesse theosophischer Kreise in Berlin, als Redner, Autor und Lehrer ganz dieser indisch geprägten Bewegung zuwandte, suchte er für seinen Weg zugleich originär abendländische Anknüpfungspunkte. Diese fand er vor allem in Goethe und der mittelalterlichen Mystik.


Nun beginnt sich zu zeigen, wie Steiner vor einem spirituell aufgeschlossenen Publikum den Erweckungscharakter seiner Freiheitsphilosophie ausbreiten kann: "Das Verständnis für die Aufhebung des Individuellen, des einzelnen Ich zum All-Ich in der Persönlichkeit betrachten tiefere Naturen als das im Innern des Menschen sich offenbarende Geheimnis, das Ur-Mysterium des Lebens", führt Steiner nun aus (Die Mystik S.34). Meister Eckart, Johannes Tauler, Nicolaus von Kues, Paracelsus oder Jakob Böhme werden ihm zu herausragenden Zeugen des erleuchteten Selbstes im Abendland. Und dieses stellt sich, wie Steiner schreibt, nicht mehr als die Einzelpersönlichkeit dar, sondern als "die allgemeine Weltwesenheit, welche die Schranke niedergerissen hat zwischen Innenwelt und Außenwelt, und die nunmehr beide umspannt." (Die Mystik, S. 54)


Noch einen Schritt weiter geht Steiner 1902 mit seiner Interpretation des Christentums als "mystischer Tatsache", indem er Tod und Auferstehung des "Gottmenschen" als geschichtlich manifestierten Appell einer von nun an allgemein möglichen "Einweihung" in das All-Ich darstellt. Was bis dahin nur in der Verborgenheit der antiken Mysterien für wenige Auserwählte vorgesehen gewesen sei, könne seither allgemein zugängliches, persönliches Entwicklungsziel werden. "Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann", beginnt denn auch programmatisch das folgende, zu seinen wichtigsten Werken überhaupt zählende Buch Steiners mit dem Titel Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten (1904). Es ist der Frage gewidmet, wie sich das ganze Leben des Menschen - dabei die weltlichen Verpflichtungen keineswegs aufgebend - auf das Ziel von Erleuchtung und Einweihung orientieren lässt - : das wohl erste öffentliche spirituelle Praxisbuch des 20. Jahrhunderts erscheint. Steiner, mittlerweile Vorsitzender der Theosophen in Deutschland, knüpft in seiner Diktion nunmehr auch an östliches Weisheitsgut an - das Ziel einer Verbindung von westlicher und östlicher Spiritualität wird virulent.


Dazu gehört für ihn etwa eine sehr differenzierte Darstellung der Veränderung der Chakren, die durch moralisch-spirituelle Entwicklung zu einem differenzierten Wahrnehmungsapparat ausgebildet werden sollen. Ausdrücklich integriert Steiner auch den "achtgliedrigen Pfad" des Buddhismus. Voraussetzung für ein Leben als "Geistesschüler" sind elementare Achtsamkeitsübungen etwa im Umgang mit der Natur oder im sozialen Zusammenleben. Nicht zuletzt enthält dieses Buch wesentliche von Steiner entwickelte Meditationsanweisungen wie jene, durch die Betrachtung eines Samenkorns die übersinnlichen Bildekräfte der pflanzlichen Welt (Jahrzehnte später von Rupert Sheldrake als "morphische Felder" bezeichnet) konkret "anschauen" zu lernen. In diesem Werk wird also die Überkreuzung von Selbst und Weltgeist, die trans-duale Offenbarung des Wesens der Dinge im überpersönlichen Bewusstsein, konkret ausgeführt.


Ebenfalls 1904 legt Steiner in dem Grundlagenwerk Theosophie die Kernbegriffe einer spirituellen Anschauung des Menschen vor, die dem Muster einer "Dreigliederung" unterliegt: Hier geht es nun darum, die Unterschiede der körperlichen, seelischen und geistigen Anteile des Menschen in klare Begriffe zu fassen. Dann wird gezeigt, wie sich das Selbst als meta-biographischer Kern des Menschen in einer Reihe von Verkörperungen und in der Auseinandersetzung mit den Folgen seines Verhaltens immer weiter entwickeln soll. Wie verändert sich das Leben, das Verhältnis zu sich selbst und seinen Mitmenschen, wenn man diese Perspektive einbezieht? Wiederverkörperung und Karma bleiben für Steiners gesamtes weiteres Werk - als Rahmengesetz der biographieübergreifenden Befreiung zum Wahren Selbst verstanden - essenziell.


Ein weiterer, grundlegender Teil des Werks Theosophie erläutert darüber hinaus - in detaillierter Vorwegnahme der erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts populär werdenden Berichte über Jenseits-Erfahrungen -, was das Selbst des Menschen in der Zeit nach dem Tode bis zu einer neuen Geburt in der rein seelischen und geistigen Umgebung durchmacht. Bei all diesen Schilderungen beruft sich Steiner ausschließlich auf eigene außerkörperliche Erfahrungen als Quelle. Er dokumentiert damit einen Anspruch, der nicht allein auf das Erreichen eines körperlosen Bewusstseins und Erleuchtungserlebnisse hinaus will, sondern dem es darum geht, in Art von "kontrollierten Eingebungen" detaillierte Aufschlüsse über die übersinnlichen Zusammenhänge bestimmter Welterscheinungen zu erlangen.


Evolutionäre Spiritualität: das Ich im Kosmos

Bereits in Steiners Frühschrift Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886) wurde das Ich als Fortsetzung des Weltengrundes gesehen. "Der Weltengrund hat sich in die Welt vollständig ausgegossen .... er treibt sie von innen", hieß es da. Dieser evolutionäre Horizont, den Steiner vor der Jahrhundertwende schon durch Unterstützung des (damals umstrittenen) Evolutionsbiologen Haeckel philosophisch verfolgt hatte, konkretisiert sich nun zu einer spirituellen Kosmologie. Sein 1909 erscheinendes Buch Geheimwissenschaft , gleichzeitig vom Titel her die bis dahin als theosophisches Standardwerk geltende Geheimlehre von Blavatsky ablösend, ist zu weiten Teilen eine Ausführung dieses Grundgedankens: zu zeigen, wie die sich aus einem ursprünglichen Wärmezustand entwickelnde Erde von Beginn an über verschiedene Entwicklungsstadien hinweg den Keim des Menschen in sich trägt; und wie mit der zunehmenden Verfestigung der Erde auch die äußeren Lebensmöglichkeiten des Menschen immer deutlicher hervortreten.


Sich selbst in seinem freien Teil und seinem befreiten Verhalten als Fortsetzung der in der Schöpfung bis hinunter zum Menschen wirkenden göttlichen Evolution zu sehen -: das ist die Formel, um Steiners Sicht der Bedeutung der menschlichen Freiheit im Kosmos zu verstehen. Die kosmische geht in eine terrestrische Evolution über: wiederholt verändert die Erde, von Katastrophen begleitet, massiv ihr Antlitz. Die Anfänge der Geschichte dämmern auf: die Evolution von Erde und Natur führt bis zur Bereitstellung einer leiblichen Gestalt, die der Mensch in der frühesten Zeit seiner kulturellen Entwicklung durch ihren Gebrauch weiter formt: Gliedmaßen und Gehirn als Träger des Geistes entwickeln sich weiter. Geschichte beginnt, zunächst als Ereignisfolge kollektiver Größen, als Entwicklung ganzer Ethnien und Stämme, aus denen nur einzelne überpersönliche "Eingeweihte" herausragen. "Atlantis" ist für Steiner die Mutter aller Zivilisation. Aber erst nach dem Untergang dieses rätselhaften Kontinentes beginnt die eigentliche Kulturentwicklung, in der sich der Geist durch Schrift, Aufzeichnung und Erinnerung allmählich seiner selbst bewusst wird. Die Abfolge der Hochkulturen charakterisiert Steiner - dabei die späteren Typologisierungen etwa von Jean Gebser oder Ken Wilber auf ähnliche Weise vorwegnehmend - als eine in sich gegenläufige Bewegung, in der die ehemalige spirituelle Substanz des kollektiv-magischen und mythischen Bewusstseins zunehmend einem individualistischen und zugleich isolierten Verstandesbewusstsein Platz macht.


Es ist, wie wir heute in Anknüpfung an Wilber sagen könnten, der lange Weg vom Prä-Personalen über das Personale zum Trans-Personalen. In der Gegenwart steht die Menschheit als Ganze für Steiner vor der Herausforderung, die Sackgasse des einseitigen Individualismus zu durchbrechen und zu einer neuen Spiritualität durchzudringen; der Mensch selbst muss sich zum bewussten Träger und Motor der Evolution machen: "Was gegenwärtig sich schon in den Anfängen entwickeln kann," so Steiner 1909, "ist das Auffinden des Fadens, welcher die zwei Seiten in der Menschenbrust verbindet, die materielle Kultur und das Leben in der geistigen Welt." Auch über die Zukunft der Evolution hat Steiner teilweise frappierend konkrete Hinweise gegeben: eine ferne Zukunft, für die die Menschheit mit-verantwortlich sein wird, in der nach langen Wirrnissen ein Kosmos der Liebe entstehen soll, der einst aus der umgewandelten Weisheit des Menschen entsteht.


1912 brach Steiner mit der theosophischen Bewegung, als deren damalige Leitung sich der in seinen Augen skandalösen "Inthronisation" eines indischen Jungen als neuer Verkörperung des Christus verschrieben hatte (es handelte sich um Krishnamurti, der sich später selbst klar von den an ihn herangetragenen Zumutungen distanzierte). Fast die gesamte Mitgliedschaft der damaligen theosophischen Gesellschaft in Deutschland folgte ihm in die dann neu gegründete anthroposophische Gesellschaft. Dabei verdeutlichte dieser programmatische Wechsel nur den ohnehin schon immer verfolgten Weg Steiners, die Grenze zwischen göttlicher Weisheit (Theosophie) und menschlicher Weisheit (Anthroposophie) aufzuheben. Etwa von diesem Zeitpunkt an betont Steiner stark das abendländische, "christliche" Element seines eigenen Ansatzes und entwickelt eine eigene "Christologie". Was er damit - jenseits der seither faktisch eingetretenen "Konfessionalisierung" weiter Teile der anthroposophischen Ausdrucksformen - eigentlich gemeint hat, ist eine der wichtigen Fragen für die Gegenwart und Zukunft seines Impulses, an der sich auch erweisen muss, inwiefern diese Orientierung sich nicht als Hindernis für den Dialog mit anderen modernen, auch östlich orientierten Religionen und Traditionen auswirkt.


Fast gleichzeitig beginnt Steiner 1913 auf einem Grundstück bei Basel mit dem Bau des avantgardistischen Goetheanum-Gebäudes, eines Kulturzentrums mit internationalem Publikum, das zum Ort ambitionierter Bühnenkunst werden sollte. Steiner bleibt bei all dem weiterhin für zahlreiche Interessierte ein direkter spiritueller Lehrer; er stellt aber zunehmend auch Überlegungen für den Bestand seines Impulses über sein direktes Wirken hinaus an. Dabei ist die Frage für ihn leitend, wie durch die gemeinsame Bewusstseinsbildung einer spirituell zusammenarbeitenden Kommunität das lebendig Geistige, die Präsenz realer geistiger Wesen, evoziert werden kann. Dieses Motiv hat er 1923 unter dem Motto eines "umgekehrten Kultus" formuliert und nach dem tragischen Brand des Goetheanum-Baus 1924 in der Neugründung der Anthroposophischen Gesellschaft weiter verfolgt, die durch den Aufbau einer regelrechten spirituellen "Hochschule" den Zustrom geistigen Lebens auch ohne seine physische Mitwirkung gewährleisten sollte - ein revolutionäres Ziel, um das später selbstzerfleischende Auseinandersetzungen seiner Schüler entbrannten.


Praktische Spiritualität

In seiner immer umfangreicher werdenden Vortragstätigkeit vor allem in Deutschland und der Schweiz betont Steiner immer wieder das unmittelbar Praktische seiner Anthroposophie für die Bewältigung von Lebenskrisen, ihre Relevanz für die "seelische Not der Gegenwart" und ihren Beitrag für die geistigen und auch sozialen Bedürfnisse seiner Zeit. All dies steht im Zeichen des gravierenden Drängens nach Veränderung, das sich in den europäischen Gesellschaften vor dem 1. Weltkrieg regt, aber keine wirkliche Befriedigung findet. Die Zeit unmittelbar nach dem Ende der von Steiner oft so genannten "Weltkriegskatastrophe" ist eine Zeit des totalen Zusammenbruchs und Wiederaufbaus in Deutschland und Europa. Steiner stellt sich jetzt mit seinem Wirken ganz in die Reformbemühungen auf den verschiedensten Feldern hinein.


Erst in dieser nun beginnenden, letzten Phase seines Lebens - Steiner starb 1925 - entstanden dann auch jene Ansätze, durch die seine Anthroposophie bis heute eine gewisse gesellschaftliche Wirkung erreichen konnte: vor allem sind hier zu nennen die Waldorfschulbewegung als heute wohl meist verbreiteter Reformschultyp (1919), die anthroposophisch erweiterte Medizin (1922) mit ihren speziellen Therapien oder die biologisch-dynamische Landwirtschaft (1924) als erste ökologische Anbauweise in Europa. In der unmittelbaren Nachkriegszeit versuchte sich Steiner auch auf politisch-sozialem Feld mit der so genannten "Dreigliederungsbewegung" für eine Stärkung des - wie wir heute sagen würden - zivilgesellschaftlichen Charakters des Gemeinwesens im Gegensatz zu einem zentralistischen Staatsverständnis einzubringen - : ein Impuls, der als gesamtgesellschaftlicher Entwurf scheiterte, sich später aber in zahlreichen anthroposophischen Unternehmensgründungen und einer Vielzahl sozialer Projekte weiterentwickelte. In allen genannten Bereichen entwickelte sich im Laufe der Jahre auch ein differenziertes Aus- und Weiterbildungswesen mit eigenen, teilweise auch staatlich anerkannten Fach- und Hochschulen.


Die enzyklopädische Vielfalt der Lebensgebiete, die Steiner impulsierte, ist beeindruckend: mit seinen konkreten spirituellen Anweisungen an denen sich heute z.B. Waldorflehrer, Landwirte oder Mediziner orientieren, hat er sich seit der Wende zum 20. Jahrhundert nicht nur als philosophischer Autor, sondern auch als personifizierte Quelle einer neuen "geisteswissenschaftlichen Verkündigung" präsentiert, die nach seinem Verständnis auf ein willentlich handhabbares Hellsehen zurückgeht. Die so zu Tage geförderte Fülle von Themen (sein gedrucktes Werk umfasst heute mehr als 350 Bände) ist aber auch der Grund dafür, dass in der Folge seine spirituelle Kernbotschaft leicht übersehen wurde: Dichter und Politiker, Künstler und Naturwissenschaftler, Sozialarbeiter und Unternehmer, Bürgerliche und Anarchisten, esoterische und philosophische Naturen beanspruchen Steiner gleichermaßen für sich und ihr jeweils als zentral angesehenes Lebensfeld. Dass es bei Steiner einen geistigen Angelpunkt des Ganzen gibt, ist dann oft nur noch schwer zu erkennen. Denn nicht die Erleuchtung um ihrer selbst willen steht bei Steiner im Mittelpunkt, sondern das höhere Bewusstsein, das als Instrument eines universell ausgerichteten Erkennens eingesetzt wird. So soll das universelle Selbst nicht nur Aufgabe der Meditation bleiben, sondern im Verhalten des Einzelnen exemplarisch zum Ausdruck kommen, beispielsweise im Umsetzen von pädagogischen oder sozialen Intuitionen, in der Bemühung um die Veredelung und Verwandlung von Landschaften, von Technik, von alltäglichen Verrichtungen. Ganz in Übereinstimmung mit seinem "philosophischen" Werk ist auch hier das Aufgehen der Egoität im Höheren Selbst, Freiheit als Einheit von Individuellem und Universellem Weg weisend, nur von einer anderen Seite aus angeschaut. Ethisches Verhalten ist so gesehen nicht etwas, was als praktische "Übung" zur "inneren" geistigen Arbeit erst hinzukommt, sondern selbst eine Verwirklichung des Geistes. Das ist wohl der Grund, warum man im Vortragswerk Steiners vergleichsweise wenige explizite Anleitungen für die spirituelle Schulung, dafür umso mehr an detaillierten Erkenntnissen vieler Wissens- und Lebensgebiete findet - ein mitunter "erschlagend" wirkender Fundus an Hinweisen z.B. über Geheimnisse der Bienen, geistige Hintergründe vieler Naturphänomene, religiöse Dokumente der Menschheit, die Engel-Hierarchien, physikalische Phänomene, Musik, Ernährung - es gibt fast kein Thema, zu dem Steiner keine erweiterten Gesichtspunkte hinterlassen hätte. Sein Werk fungiert deshalb mitunter auch wie ein Steinbruch, aus dem sich die unterschiedlichsten Interessen bedienen. Das ist legitim, sofern man sich dabei - gerade im Abstand von mittlerweile 80 Jahren nach Steiners Tod - auch immer wieder klar machen kann, dass es nicht um eine rezeptartige Übernahme seiner "Forschungsergebnisse" gehen kann.


"Wesentliches von Unwesentlichem unterscheiden" - diese von Steiner formulierte Regel gilt auch im Blick auf sein eigenes Werk. Immer neu muss sich zeigen, was genau davon aktualisiert werden will. Manches davon ist zeitlich überholt - : insbesondere gewisse, heute diskriminierend wirkende Aussagen Steiners über Menschen mit anderer Hautfarbe haben unter Anthroposophen eine kritische Selbstprüfung veranlasst, die den zeitlichen Abstand ihrer Gründerfigur aus der Zeit des 1. Weltkrieges und einer pluralistischen Weltzivilisation am Beginn des 21. Jahrhunderts deutlich ins Bewusstsein gerufen hat; vieles andere aus Steiners Werk ist jedoch gerade heute "angesagt", und für manches andere ist die Zeit noch nicht gekommen, weshalb es so lange wie ein kryptisches Zeichen wirkt, über das man sogar den Kopf schütteln mag. Entscheidend bei allem, was auf Steiner zurückgeht, ob nun vertiefte spirituelle Praxis oder höhere Erkenntnis, ist es, den Kontext im Blick zu behalten, um den es ihm ging -: und der ist immer die große spirituell-evolutionäre Entwicklungslinie des Menschen vom Geschöpf zum Schöpfer, zum Träger des universellen Geistes, der in der menschlichen Freiheit in neuer Weise zu sich selbst kommt.