magazin info3/archiv/Dezember 2004

Eitelkeit trifft Individualität

Von einem der auszog, öffentlich zu werden

Von Sebastian Gronbach

Sollte Gott existieren, so hätte er sich dadurch,
dass er vor 2000 Jahren angeblich Mensch wurde, auf eine umfassende Art preisgegeben.
Zugleich hätte er sich damit gut in uns verborgen.
Andreas Laudert

Neulich nach einem Vortrag wurde ich von einer freundlichen Dame mit liebe- und sorgenvollem Gesicht gefragt, wie es mir denn gehe, nach der Trennung, der neuen Beziehung und wie mein Kind damit lebe. Woher wusste die Dame, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte, von diesen Dingen? Ich war kurze Zeit verwirrt, dann fiel es mir wieder ein: Ich hatte es ihr erzählt, und mit ihr gleichzeitig vielen Tausend anderen LeserInnen dieser Zeitschrift.


Wenn ich mit dem Laptop auf dem Schoß auf meinem blauen IKEA-Sofa sitzend schreibe, dann vergesse ich, dass dieser Text wenige Wochen später auf dem Wohnzimmertisch, neben dem Klo oder auf den Betten von mindestens 15.000 Menschen liegt. Das ist, wie meine holländischen Freunde sagen würden, "nicht nichts"; zu wenig, um eine kleine TV-Show länger als vierzehn Tage am Leben zu erhalten, aber ein paar Festzelte, Aulen und Mehrzweckhallen kann man mit dieser Zahl schon füllen - und das ist nur die Auflagenzahl. Nicht mitgerechnet ist die doppelte oder dreifache Zahl der MitleserInnen und die ZuhörerInnen in Vorträgen oder Seminaren.


Es gibt also schon ein paar Menschen, die einige durchaus intime Dinge über mich wissen. Ich habe keinen Grund, irgend etwas aus meinem Leben zu verschweigen - in dieser Beziehung bin ich reichlich schamlos. Ich lebe weniger öffentlich als Thomas Gottschalk, aber öffentlicher als die meisten anderen Menschen, die ich kenne. Dass Sie als LeserInnen nicht alles von mir erfahren, liegt u.a. daran, dass mein Chefredakteur meint, dass es bestimmte Grenzen gebe, die ich einhalten müsse, um nicht "publizistisch erledigt" zu sein. Wahrscheinlich hat er recht, aber wahrscheinlich werde ich immer wieder etwas von mir zeigen. Warum eigentlich? Bin ich eitel? Ja. Mache ich das alles nur, um eitle Aufmerksamkeit zu erlangen? Nein - aber auch.


Quit pro Quo
Steve Biddulph ist ein wundervoller Autor. Er schreibt Bücher mit Titeln wie: Das Geheimnis glücklicher Kinder und erklärt darin auf einfache und anschauliche Weise wie man die Grundlage dafür schaffen kann, dass Eltern und Kinder weniger Stress und mehr Freude miteinander haben. Biddulph zählt nicht nur die bekannten Dinge auf, die Kinder brauchen, nämlich jede erdenkliche Form von Zärtlichkeit und Zuneigung, sondern er sagt auch, was Erwachsene brauchen: Nämlich jede erdenkliche Form von Zärtlichkeit und Zuneigung. Auch das ist keine wirklich neue Erkenntnis und wurde von vielen Psychologen beschrieben; aber dann bietet der Australier seinen LeserInnen etwas an, was außergewöhnlich ist. Ich will Ihnen kurz die Stelle zitieren: "Jeder braucht Anerkennung, Beachtung und - am besten echt gemeintes Lob. Jeder möchte in Gespräche mit einbezogen werden, möchte, dass man seinen Ideen lauscht, am liebsten sogar, die Bewunderung der anderen erregen. Dreijährige sagen es geradeaus: 'Schau her zu mir!' Das gefüllte Bankkonto alleine bereitet nur wenigen reichen Leuten Vergnügen, erst das Herzeigen und die Wahrnehmung der anderen macht ihnen Spaß. Die Vorstellung, dass die Erwachsenenwelt sich zum Großteil wie ein Dreijähriger verhält und immerzu ruft: 'Schau her Papi!', ist zu komisch." Und jetzt kommt der entscheidende Satz des Psychologen und Verhaltenstherapeuten: "Ich bin natürlich eine Ausnahme - ich halte Vorträge und schreibe Bücher alleine wegen meiner reifen und erwachsenen Berufung".


Die Ironie dieses Satzes hat mich mit meinem "inneren Kind" versöhnt. Wo immer ich jetzt öffentlich auftrete, nehme ich dieses Kind mit. Ich muss es weder verleugnen, noch mir von Kritikern vorhalten lassen, dass alles, was ich tue, nur aus einem Geltungsbedürfnis heraus geschieht. Ja sicher, auch dieses Motiv gibt es. Es steht neben mir, lächelt und ist zufrieden.


Wer heute, vor allem auf dem Gebiet der Spiritualität und Lebensberatung öffentlich arbeitet, muss auch öffentlich sein. Wer Zugang zu den Herzen haben will, muss sein Herz öffnen, und wer die Schmerzen und Wunden der anderen Menschen sehen will, darf seine Schmerzen und Wunden nicht verbergen. Der filmische Eingeweihte des Bösen, Hannibal Lecter, öffnet der Kriminalbeamtin die Tür zu seiner dunklen Seele und somit zur Lösung des Falls, wenn sie ihm etwas über ihren Seelenschmerz über das "Schweigen der Lämmer" in ihrem Herzen offenbart. "Quit pro Quo - etwas für etwas".


Wenn ich über die innere Not einen Vortrag halte und so tue, als hätte ich selbst keine Not, dann hört mir keiner zu. Zu Recht. Ich will keine Vorträge über den Sinn und das höhere Glück des Lebens hören, wenn die Vortragende nicht vor Sinnhaftigkeit und Glück zu platzen droht. Man nennt die Übereinstimmung von Reden und Sein heute Authentizität. Wer den Schritt in die Öffentlichkeit machen will, der muss heute glaubwürdig sein. Dieser Trend treibt bisweilen seltsame Blüten. So hat eine aktuelle Umfrage ergeben, dass Politiker, die Macht- und Karrierestreben als Motiv angeben, größere Erfolgschancen haben, als Politiker, die nur uneigennützige Beweggründe anführen. Ganz offensichtlich misstraut man den altruistischen Antrieben deshalb, weil die egoistischen Motive verleugnet werden und man hinter jedem noch so wohlgesetzten Wort das nach Zärtlichkeit schreiende Kind hört. Das TV-geschulte Publikum lässt sich nicht täuschen und glaubt immer die "dunklen Gründe" hinter allen vorgegebenen, edlen Motiven zu erkennen. An dieser Stelle zeigt sich ein echtes Drama. Denn wer auch immer in der Öffentlichkeit steht, hat auch edle, reine und aufopfernde Motive für seine Taten. Aber diese hellen Gründe verschwinden hinter den scheinbar dunklen Motiven. Je mehr man sich als öffentlicher Mensch für seine Eitelkeit schämt, seinen Exhibitionismus für einen unverzeihlichen Fehler hält und das kleine Kind verleugnet, je mehr man dabei seine selbstlose Berufung betont, desto weniger kann das Publikum diese Behauptungen als wahr annehmen.


Witzfiguren am Goetheanum
Der Grund ist einfach: Alles, was in uns lebt und was wir ablehnen entwickelt sich zu einem Schattenwesen, zu unserem Doppelgänger. Je mehr wir diesen Doppelgänger vor den öffentlichen Blicken zu verstecken suchen, desto heftiger drängt sich dieses Wesen nach vorne und verstellt die Sicht auf das andere Wesen. Je mehr Menschen versuchen, ihre Doppelgänger durch Übungen, Meditationen oder Selbstkasteiung jeglicher Art aufzulösen, einzusperren, oder von sich zu weisen, desto mehr werden sie in der Öffentlichkeit zur Witzfigur. Ich kenne viele Menschen, für die zum Beispiel der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach ein Witzfigurenkollegium ist. Das öffentliche Auge hat einen Blick für die äußere Erscheinung dieser Doppelgänger und so einseitig das Urteil auch ausfällt, es ist immer etwas Wahres dran. Von Plato, Glöckler und Co. sind Witzfiguren. Aber nicht mehr als ich selbst eine Witzfigur bin, und auch nicht mehr oder weniger als alle ihre Kritiker. Diese Witzfigur ist ein Wesen, man kann es einen Dämon nennen, welches sich in den Vordergrund drängelt, je heller das Licht, desto größer will das Schattenwesen sein, um ebenfalls Beachtung zu finden. Wir erinnern uns: "Schau her Papi!"


Es ist ein großer Schmerz für diese so betrachteten Menschen, wenn ihr anderes, ihr helles Wesen hinter diesem Schatten verschwindet. Je dunkler dieser von der Öffentlichkeit wahrgenommene Schatten, desto heftiger werden die Abwehrhaltungen und umso größer das Bedürfnis, nun ganz besonders seriös und bedeutungsvoll zu erscheinen. Die zunehmende Fähigkeit einer großen Öffentlichkeit, die Doppelgänger zu erkennen, lässt die so einseitig betrachteten Menschen an der Welt verzweifeln.


Nicht nur die Anthroposophische Gesellschaft, sondern auch große Teile der Kirche, der politischen Szene, der spirituellen und esoterischen Bewegungen sind heute gelähmt und gefesselt, weil nur noch ihr Schatten sichtbar ist. Wer, wie zum Beispiel die katholische Kirche, für Teile seiner Lehre das Wort "unfehlbar" in Anspruch nimmt, gebiert in diesem Augenblick ein monströses Schattenwesen.


Es ist kein Zufall, dass hier Beispiele von sozialen oder besser gesagt "non-profit"- Organisationen genannt werden, also von Vereinigungen, in denen Menschen sich freiwillig, aus Sorge um das Allgemeinwohl und aus Nächstenliebe heraus engagieren. "Überall, wo in der Welt aus Liebe gehandelt wird, heften sich Dämonen an diese guten Absichten. Denn Dämonen sind hungrig, weil sie einsam sind. Gierig stürzen sie sich in diesem Fall nicht auf das Ich des Menschen, sondern auf die Schwachstellen im Charakter, die vor der Geburt eine Ausrichtung auf ihren Ausgleich erhalten haben."1 Wenn die Anthroposophische Gesellschaft vom Goetheanum bis in die Zweige zum Schlachtfeld der Doppelgänger geworden ist, dann auch deshalb, weil hier im Grunde besonders starke Liebes- und Lichtimpulse leben.


Diese Schattenwesen leben auch gut und gerne in der Politik, die ja vom Ursprung her ein Bereich ist, der dienenden Charakter hat. Ein Politiker ist heute chancenlos den Millionen Fingern ausgeliefert, die auf seine dunkle Seite zeigen. Welche guten Absichten er auch immer hatte oder immer noch hat, die Entfaltung dieser Vorhaben scheitert daran, dass in einer beispiellosen medialen Hetze von allen fruchtbaren und ehrlichen Anliegen immer nur die Schattenseiten transportiert und kommuniziert werden. Der Teufelskreis schließt sich, wenn Politiker dem grundsätzlichen Misstrauen dadurch begegnen, dass sie sich als ganz besonders ehrlich, menschlich und tadellos präsentieren. Jedesmal, wenn ein Politiker heute die Wörter "ehrlich", "Vertrauen" oder "Verantwortung" ausspricht, hören die Wähler "Lüge", "Misstrauen", oder "Machtgier". Immer wahrhaftiger wollen öffentliche Menschen und Institutionen wirken. Imageberater, also Menschen, die ein besonders attraktives Bild ihres Auftraggebers zeichnen sollen, werden geboren. Aber Wahrhaftigkeit lässt sich nicht mit Strategien und diplomatischen Winkelzügen verkaufen. Das griechische Wort für Wahrheit lautet aletheia und bedeutet Unverborgenheit des Seins. Wenn ich nichts krampfhaft verberge, wenn ich öffentlich zu dem stehe, was ich bin, wenn ich in mir und vor anderen zeige, dass alles, was in mir ist auch in mir sein darf, dann fühle ich mich frei. Dazu braucht es Mut, den ich nicht immer habe, den ich mir aber immer mehr wünsche. Unfrei sind die, die ihrer eigenen Wahrheit aus dem Weg gehen; die Energie, die nötig ist, um so zu tun als gäbe es keine Dunkelheit, brauche ich selbst für andere Dinge. Die Wahrheit macht wirklich frei und stark. Das haben bisher nur wenige öffentliche Menschen verstanden. Die permanente Anwesenheit von TV-Kameras hat den Gespenstern der Lüge, des Scheins und der Unaufrichtigkeit zunächst die Regie übergeben.


Aber diese Lügengespenster verheddern sich immer mehr in ihren Lügen und Intrigen. Der Zuschauer geht dazu über, erst einmal nichts zu glauben, grundsätzlich von Schwindel auszugehen. Die Lügengespenster schnüren sich gerade selbst die Luft ab, selbst die kleinste Flunkerei, selbst der leiseste Schatten, das unechte Lächeln eines Politikers oder eines anderen Funktionärs bleibt uns nicht mehr verborgen. Je unschuldiger der Blick eines Politikers, erinnern wir uns an den geneigten Kopf und die blinzelnden Augen Helmut Kohls, desto heftiger das Lachen der Fernsehzuschauer. Diese Lektion in Wahrhaftigkeit lernen wir gerade gründlich. Danke, ihr Gespenster.


Verantwortung für die Unterwelt
Wer lacht eigentlich am lautesten? Wer verspottet, misstraut und erkennt jeden Doppelgänger auf den ersten Blick und brüllt laut "haltet den Dieb"? Der Doppelgänger selbst. Er zeigt mit Vergnügen auf den anderen Doppelgänger und lenkt so auf todsichere Weise von seiner eigenen Existenz ab. Lügner, Aufschneider, Karrieristen, Eitle, Machtgeile und Betrüger, das sind immer die anderen. Das Treiben der Doppelgänger, das gegenseitige Verurteilen, das eigene Verleugnen, das ewige Hin und Her der Schattenwesen ist der Tod jeder echten Begegnung, das Ende eines Sakramentes, das so viel heilen könnte.


Der Doppelgänger, ein Wesen, welches man sich gar nicht real genug vorstellen kann, drängelt sich nur aus einem Grund nach vorn: Es will geliebt und anerkannt werden. Je mehr die anderen mit dem Finger auf dieses hässliche und dunkle Ding zeigen, je mehr das Lichte sich für das Dunkle schämt, desto lauter schreit es, desto unglücklicher wird es und desto ungebührlicher macht es sich breit. Diese Wesen sind aus der Unterwelt geflüchtet, sind heimatlos geworden. Seitdem man von Christus sagen kann, er ist "hinabgestiegen in das Reich des Todes", seitdem er dort drei Tage und Nächte auch noch im letzten stinkenden Winkel sein duftendes Licht hinterlassen hat, seit dieser Zeit ist diese Unterwelt für Dämonen keine Heimat mehr, denn "Licht fiel auf uns alle, und wir sahen einander".2 Was der Sündenfall für den Menschen war, nämlich die Vertreibung aus dem Paradies, oder man könnte auch sagen aus der Oberwelt, ist für die Dämonen die Reise des Christus durch die Welt des Todes: Die Vertreibung aus der Hölle, oder man könnte auch sagen aus der Unterwelt.


Der Mensch fand auf der Erde eine neue Heimat. Die Dämonen fanden eine neue Heimat in den Seelen der Menschen. Beide, Mensch und Dämon leben zwischen Himmel und Hölle. In einer Zwischenwelt mit sonnigen Tagen und mondigen Nächten, mit Freude und Schmerz, mit Gut und Böse. Auf seltsame Weise sind Engel und Dämonen, ist das Gute mit dem Bösen im Menschen vereint. Man kann sagen: Wieder vereint. Denn im Paradies wuchsen Gut und Böse an einem Stamm, waren ein Gemeinsames. Der Mensch aß vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen und konnte schlagartig unterscheiden. Er erkannte und schied das Böse vom Guten. Er war es, der das Böse vom Guten trennte, er war die Ursache dafür, dass eine Hölle entstehen musste, er kreierte mit seiner Unterscheidung eine Ober- und eine Unterwelt.


In einem echten moralischen Sinne ist der Mensch nicht nur verantwortlich für die Trennung von Gut und Böse, sondern auch für deren Wiedervereinigung. Es liegt in der Verantwortung des Menschen, diese Dämonen aus der Unterwelt mit den Engeln aus der Oberwelt auf bisher kaum denkbare Weise zu vereinen und zu versöhnen. Dies kann nur hier auf der Erde, nur im Menschen und zwischen den Menschen geschehen.


Engel und Dämon
Es gibt heute Menschen, die haben die Gabe, einen Dämon zu durchschauen, durch ihn hindurch zu schauen, und sie bewirken damit ein Versöhnungswunder. Diese Menschen haben einen besonderen Liebesblick: Der Blick geht auf die Erscheinung des Menschen, wie er sich im sozialen Kontext zeigt. Zum Beispiel als jemand, der in einer Schulgemeinschaft als ewiger Nörgler und Spaltpilz auftritt. Nichts entgeht diesem Blick. Nichts wird schön geredet. Dann fasst dieser Blick den Dämon ins Auge, der sich diesem "Seher" zeigt. Der "Seher" schaut durch das Schattenwesen hindurch und sieht dahinter das Lichtwesen, welches hinter dem Schatten verborgen war - er kann sozusagen hell sehen. In dem Moment kann der Schatten auf dem Liebesblick sanft nach hinten in das Licht rutschen und vermischt sich, ausatmend, mit dem Licht. Dieses Licht wird dadurch nicht grauer, sondern variiert etwas vom leuchtenden Gelb ins Gelb-Orange. Es ist weniger hell, aber dafür wärmer.


Das Durchschauen des Doppelgängers und die Versöhnung der Oberwelt mit der Unterwelt werden helfen, das Sakrament der Begegnung zwischen Menschen zu ermöglichen, ohne Schattenkrieg, Zerrbilder oder störende Masken. Die Engel in uns sind grundsätzlich bereit, ihren gefallenen Brüdern und Schwestern einen Platz einzuräumen, auch sie haben eine Sehnsucht nach ihrer abgetrennten Hälfte.


Der Engel der Versöhnung hat seinen Namen aus dem Mittelhochdeutschen Wort "süene".3 Das bedeutet Kuss, Schlichtung, Friede. Der Engel der Versöhnung will die Kluft zwischen unseren abgespaltenen Teilen überbrücken. Der Engel der Versöhnung will keinen Mantel über Konflikte ausbreiten, im Gegenteil. Er will helfen, die Spannungen zu offenbaren, die Angst vor den Konflikten auszuhalten und die aufgebrachte Seele beruhigen, die sich immer wieder gegen einen Teil der Wirklichkeit auflehnt. Der Engel der Versöhnung will nicht, dass wir bei anderen mit der Versöhnung anfangen, er will, dass wir bei uns selber beginnen - dann, wenn wir mit uns versöhnt sind, werden wir zum Anziehungspunkt für andere Versöhnungswillige. Der Engel will auch den Dämon küssen.


Jeder, der einmal verliebt war, kennt etwas von dieser Fähigkeit. Dann ist er nämlich blind für das Dunkle und Hässliche und kann nur das Lichte und Schöne erkennen. Diese Art der Hellsichtigkeit kann man mit dem alten, dem so genannten "atavistischen" Hellsehen vergleichen. Erst später erkennt man auch die dunklen Seiten, und was sich dann jeder wünscht ist, "so geliebt zu werden wie man ist", was nichts anderes heißt als: eben auch mit den dämonischen Anteilen. Nicht selten passiert es im Laufe solch einer Liebe, dass diese Dämonen sich im Licht auflösen, so wie es der "Seher" auch bewirkt.


Eine andere einschneidende Erfahrung ist es immer wieder, wenn Menschen gestorben sind und wir nur noch gut von ihnen sprechen, selbst wenn wir die negativen Aspekte nicht vergessen. Diese Menschen erscheinen uns nun, nachdem sich der Doppelgänger vom Sterbenden entfernen musste, in einem "anderen Licht". Diese Erfahrungen kann jeder erleben, es gibt aber auch vielfältige Methoden, die Doppelgänger aus ihrem Leid zu erlösen.4 Ich war einmal sehr verblüfft zu erleben, wie sich durch Rudolf Steiners Übungen zur Unbefangenheit und zur Positivität ein Professor von einem wirklich blöden und gemeinen Kerl in einen freundlichen und zugeneigten Kollegen verwandelte.


Wie eine kalte Cola im Sommer
Ich bin in bescheidenem Umfang jemand, der "öffentlich arbeitet". Ich tu das mit Spaß und Begeisterung. Aber je mehr ich öffentlich wurde und werde, desto mehr sind es auch meine Doppelgänger, die wahrgenommen werden. Das ist eine erschreckende und beängstigende Erkenntnis. Ich kenne meine edlen und ehrenvollen Handlungsmotive und meine Lichtseite. Ich kenne auch meine Abgründe und Schatten. Ich sehe nur eine Möglichkeit, die Sicht auf mein Licht frei zu machen, nämlich indem ich auch über die unbeliebten Aspekte meiner Persönlichkeit rede. Sie zu verschweigen hieße, ihnen einen Raum zuzugestehen, den ich ihnen nicht zugestehen will.


Wenn ich öffentlich über mich, meine Stärken, Wunden und Schatten spreche, dann auch, weil ich sogar meine Schwächen in eitlem Licht sehe und auf milde Reaktionen hoffe. Aber auch, weil ich dies als einzige Möglichkeit sehe, wie ich als öffentliche Person überleben und das verwirklichen kann, was ich will. Meine heilenden und lichten Kräfte sind chancenlos, wenn ich nicht auch über die Kräfte aus Schatten reden würde. Meine Doppelgänger würden auch ohne mein Zutun thematisiert - dann aber nicht von mir, sondern von anderen Doppelgängern.


Ich habe auf diesen Kampf der Zerrbilder und Doppelgängerdämonen keine Lust. Ich finde ihn nicht schrecklich, aber schrecklich langweilig und nervend. In diesen Scheingefechten verlieren alle Beteiligten den klaren Blick auf die Schicksalszusammenhänge und starren nur noch auf den nächsten Fehler ihrer scheinbaren Gegner. In diesem Chaos erlebe ich Anthroposophie wie eine erfrischende, kalte Cola im Sommer5: sie ermöglicht mir ein Erleben meines Schicksals, in dem ich mich nicht selbst verliere - ich erlebe mich als frisch, kühl und klar in einer hitzigen und lauten Stadt. Ich kann mich auch im Schicksal noch selbst als wirksam erleben. Ich liebe nach einem Schluck dieses köstlichen Getränks nicht nur mein eigenes Dasein, sondern die Welt. Ich muss nicht nur in eine Welt hineinstarren, in der mein Ich zwischen Glück und Unglück hin und her geworfen wird und indem ich zwischen Fans und Feinden zerrieben werde. Ich kann selbst mein Schicksal gestalten, so wie ich es will.


Meine Dämonen, mein Kind in mir und meine Wunden, die ich mir und anderen zugefügt habe, sind Teil meines Schicksals und ich will gerne mit ihnen leben. Sie sind, vor allem, wenn ich öffentlich arbeite, auch Teil meiner Mitmenschen und meiner Umwelt. Menschen, die sich veröffentlichen, verbinden sich auf abenteuerliche Weise mit Menschen, die ihnen in diesem Leben niemals alle begegnen werden. Sie sind oft genug eine Projektionsfläche für Tausende von Schatten. Die Doppelgänger von öffentlichen Personen lassen sich hervorragend dazu benutzen, von eigenen Doppelgängern abzulenken. Und nichts ist so einfach wie einen Menschen zu kritisieren, der sich öffentlich aus dem Fenster lehnt, sich präsentiert und teilweise auch prostituiert. Wer das nicht aushalten kann, soll die Fenster wieder schließen. Öffentlich zu sein kann gleichzeitig ein Genuss und ein Schmerz sein. Als Autor und Vortragsredner gibt man immer mehr von sich preis als man will - es ist, wie mein Freund und Kollege Andreas Laudert6 sagt, "wie ein Zwang. Andererseits kann man sich hinter dem Preisgegebenen verstecken, was eine Form von Freiheit ist. Man befördert schreibend oft Dinge zutage, von denen man nicht wusste, dass sie in einem leben." Für Andreas Laudert ist Authentizität und Wahrheit längst nicht dasselbe. Denn, "woher soll ich denn wissen, ob das Schlechte oder das Gute an mir "wahr" ist? Wenn es ein Wesen gibt, das alles über mich weiß, dann will ich dieses Wesen provozieren. Nur dann finde ich heraus, ob es mich liebt".


Für mich funktioniert glaubhaftes Öffentlich-Sein heute nur, wenn ich so viel wie möglich preisgebe: Helles, Blutendes und Dunkles. Mein "Abenteuer Öffentlichkeit" hat etwas mit einem stillen Traum zu tun: für alles geliebt zu werden. Von der Oberwelt für meine Dunkelheit, von der Unterwelt für mein Licht. Von Menschen für mein Menschsein.


Der sorgenvollen, freundlichen Dame nach dem Vortrag habe ich gesagt, dass es allen gut geht, soweit es gut gehen kann. Danke der Nachfrage ... Dieser Moment der Nachfrage war ein sakramentaler Moment der Begegnung. Ach, was soll's, ja, er hat auch meine Eitelkeit befriedigt und mein kleines Kind gestreichelt. Auch dafür: Danke der Nachfrage.

1. Johannes W. Schneider: Der Doppelgänger. Die Schattenseite unserer selbst. Verlag am Goetheanum 2002.
2. Nikodemus-Evangelium, Apokryphe Evangelium. In: Alfred Schinkler: Apokryphen zum alten und neuen Testament. Manesse 1993.
3. Vgl. Anselm Grün: 50 Engel für das Jahr. Herder 2002.
4. Vgl. info3 01/2004: Mein Schatten und ich.
5. Vgl. das Folgende auch mit Rudolf Steiner: Etwas vom Geist-Verstehen und Schicksals-Erleben. In: Anthroposophische Leitsätze.
6. Andreas Laudert: Immer Ich. In: Immer - Monolog für zwei Stimmen. Texte und Materialien. LTT 02/03, Buch Nr. 3, 2003.