Im Gespräch mit der Reformpädagogin Enja Riegel
Ich glaube an eine andere Schule
Von Interview
Enja Riegel hat 19 Jahre lang eine integrierte Gesamtschule in Wiesbaden geleitet und dabei maßgeblich zu einem über die regionalen Grenzen beachteten Modell geformt. Gegenwärtig ist die Pädagogin mit der Gründung einer privaten Schule befasst, die vom Kindergarten bis zur Lehrerbildung alle Bereiche des Lernens umfassen soll. Ihre langjährigen Erfahrungen hat Enja Riegel, die in Fachkreisen längst ein Begriff ist, jetzt in ihrem Buch Schule kann gelingen auch einem breiteren Publikum vorgelegt. Wer dieses Buch liest, darf jedoch kein trockenes Reden über Bildungsinhalte und -Konzepte erwarten, sondern wird mit einer Sammlung von Wundern überrascht: wir lesen da etwa die Geschichte, wie trotz allen Widerstands an der Schule ein Raum der Stille eingerichtet wird; die Geschichte von dem Gospel-Sänger Beppo, der mit Schülern singt und ihnen zu einem Erlebnis von Gott verhilft; oder die Geschichte der beiden Todfeinde Alex und Jonathan, die nach der Schule zu Freunden werden; und nicht zuletzt die Geschichte, wo die Schulleiterin persönlich sogar eine Mitteilung an die Eltern unterschlägt, damit ein Schüler seinen Theaterkurs bis zum Ende besuchen kann. Im Interview mit Jens Heisterkamp spricht Enja Riegel, die auch Verbindungen zum Wiesbadener Schloss Freudenberg pflegt, über die spirituellen Hintergründe ihrer Arbeit, über Parallelen zur Waldorfpädagogik und ihre pädagogischen Visionen.
Frau Riegel, aus Ihrem Buch "Schule kann gelingen", das ja keine Programmschrift, sondern eine Sammlung von Erfahrungen ist, spricht ein enormer Glaube an das Positive, an das Verwandelbare und auch an das Wunderbare. Woher beziehen Sie diesen Glauben, dass außergewöhnliche Dinge im Alltag einer Schule möglich sind? Ich bin nicht in der Kirche engagiert, aber ich habe eine bestimmte Vorstellung von Spiritualität. Von daher beziehe ich meine Kraft. Und wenn mich jemand fragt, wie ich all das geschafft habe, sage ich manchmal auch: ich bin geführt worden. Sicher bin ich beharrlich und kann Menschen auch begeistern, aber so einen Prozess der Umgestaltung einer Schule, das kann man sich nicht ausdenken und sagen: so soll das nun werden. Deshalb muss man auch ein wenig demütig sein.
Haben Sie diese innere Haltung schon in Ihre Schullaufbahn mit hineingebracht? Ich bin eine typische Achtundsechszigerin: aus der Kirche ausgetreten, stand ich irgendwann vor der Frage: das kann doch nicht alles gewesen sein. Dann habe ich mich auf die Suche gemacht, war in Indien, in buddhistischen Einrichtungen, und bin wieder in die Kirche eingetreten, weil ich finde, dass dort meine kulturellen Wurzeln sind, meine Bildersprache kommt aus dem Christentum. Andererseits sind die spirituellen Vorstellungen im Buddhismus, Hinduismus oder Christentum doch sehr verwandt.
Gibt es bestimmte Leitfiguren in Ihrem Leben? Früher vielleicht Rosa Luxemburg, heute eher Tich Nath Han, ein vietnamesischer Mönch, der jetzt in Frankreich lebt.
Hat Ihnen diese spirituelle Einstellung auch Schwierigkeiten mit Kollegen bereitet? Überhaupt nicht. Ich bin ja nicht dogmatisch aufgetreten.
Und Sie konnten das einfließen lassen? Ich habe selbst auch Religion unterrichtet und dabei dafür gesorgt, dass alle Kinder im Religionsunterricht waren und es keine Trennung gab zwischen den Konfessionen. Außerdem haben wir an der Helene Lange-Schule einen "Raum der Stille" eingerichtet. Es hat in all den Jahren, in denen ich Schulleiterin war, nicht einen einzigen Austritt aus dem Religionsunterricht gegeben.
Sie sprechen ja in Ihrem Buch von dem verbreiteten "religiösen Analphabetismus", dem Verschwinden jeden religiösen Wissens, und andererseits vom Aufkommen von spirituellen Sehnsüchten der Jugendlichen. Die sind bei vielen vorhanden. Es kommt darauf an, einen Zugang dazu zu finden. Das geht nicht über Glaubensbekenntnisse und Bibellesen, wohl aber über Stilleübungen und die eigenen Erfahrungen der Jugendlichen.
Was haben Sie gemacht, wenn bestimmte Kollegen Ihr Menschenbild nicht geteilt haben und sich eher in einer staatlichen Beauftragung gesehen haben, Schüler mit Abschlüssen zu produzieren? Über Spiritualität habe ich im Kollegium keine Diskussionen geführt, sondern ich habe einfach vieles gemacht und Freiräume geschaffen, damit sich solche Kräfte entfalten konnten. Und wer in diese Richtung arbeiten wollte, den habe ich unterstützt. Mein Bild von den Kindern war immer getragen von der Überzeugung dass in jedem ein göttlicher Kern verborgen ist. Daraus resultiert ein großes Vertrauen in Kinder - und übrigens auch in Lehrer.
Und was ist mit Kollegen, die da überhaupt nicht anknüpfen können oder wollen? Wer kleinlich und bürokratisch als Lehrer hantiert hat - was ja oft die Normalität in Deutschland ist, dass Lehrer meinen, sie hätten die falschen Schüler, um richtigen Unterricht zu machen - der hat sich bei uns nicht lange gehalten.
Wird die Bedeutung des Menschenbildes in der Pädagogik - also was ist der Mensch und welches Ziel verfolgt Bildung überhaupt - nicht insgesamt zu sehr vernachlässigt? Ein unausgesprochener Konsens in der ganzen heutigen Bildungsdebatte scheint doch zu lauten: Aufgabe der Schule ist es, funktionsfähige Jugendliche in das Wirtschaftsleben zu entlassen, damit sie sich dort gut verkaufen können. Was dazu führt, dass man auf rein quantifizierbare Abschlüsse hinarbeitet... ... sicher, die jüngste Diskussion um Standards, zentrale Tests und Abschlussprüfungen halte ich für den falschen Weg. Davon werden die Schüler nicht besser, sondern das Klima an der Schule wird durch Angst und Pauken vergiftet. Die Schüler der Helene-Lange-Schule können hervorragende Leistungen erbringen, das haben unsere PISA-Ergebnisse gezeigt, aber wichtiger ist in meinen Augen, dass die öffentlichen Schulen sich als Bürgerschulen verstehen, das heißt: Kinder sollen in der Schule zu allererst Demokratie lernen, das Leben miteinander, den Respekt voreinander, aber auch das Äußern von eigenen Interessen und das Aushandeln von Kompromissen. Wenn man all das in der Schule nicht lernt, dann lernt man es wahrscheinlich nie.
Wie sieht für Sie die ideale Schule aus? Schulen sollten sehr viel eigenständiger sein, sich z.B. ihr eigenes Personal aussuchen können. Eltern müssen die Wahl haben zwischen verschiedenen Ausformungen von Schule. Und: die Lehrer, die die Kinder übernehmen, sind auch verantwortlich für diese Kinder, sie können sie nicht einfach nach zwei Jahren abgeben oder durch Sitzenbleiben oder Schulverweise loswerden - das ist eine ganz unmenschliche Weise, mit jungen Menschen umzugehen. Und wenn man das will, dass Kinder mit all ihren Schwierigkeiten und Begabungen miteinander lernen, dann braucht man eine bestimmte Art des Unterrichts. Dann geht das nicht so wie auf einem normalen Gymnasium oder auf der Realschule, da gehört eine Lehrkunst dazu - die, bisher nur selten wirklich gelehrt wird. Die Lehrerausbildung müsste sich total ändern, die Universitäten müssten sich ändern - ach! das ist ein sehr weites Feld! Doch kleine Schritte in die richtige Richtung sind auch schon viel.
Wie sähe das in politischen Zielen formuliert aus? Ich wünsche mir "finnische Verhältnisse", für alle Schüler bis zur 9. Klasse die gleiche Schule und keine Noten - das will ich.
Viele Elemente, die Sie fordern und auch schon umgesetzt haben, erinnern stark an die Waldorfpädagogik: die Selbstverantwortung von Schule und Lehrern, die Freiheit von Noten, die Rolle des Künstlerischen. In Ihrem Buch schildern Sie außerdem, wie an Ihrer Schule der Klassenbetreuer über sechs Jahre der gleiche geblieben ist. Sind Ihnen diese Parallelen auch aufgefallen? Ich kenne die Waldorfpädagogik aus Berichten von Freunden und aus der Literatur - man tut sich dort offenbar etwas schwer, Leute zuschauen zu lassen - ja, da gibt es Verwandtschaften. Denken Sie nur an all das, was ich in meinem Buch über die Rolle von Ritualen ausführe oder den Epochenunterricht. Es gibt auch Dinge, die würde ich nicht übernehmen, z.B. den strengen Frontalunterricht und dass es keinen Schulleiter gibt.
Obwohl das doch eigentlich zur Idee der Teamarbeit passt, die Sie vertreten. Das ist ein grundsätzliches Missverständnis. Ohne eine verantwortliche Leitung gibt es zu viel Gemauschel, weil natürlich trotzdem Lehrer da sind, die das Sagen haben. So etwas setzt sich dann irgendwie, meist ganz undurchsichtig, doch durch. Und niemand übernimmt wirklich die Verantwortung. Das finde ich ein großes Manko.
Aber aus eigener Anschauung kennen Sie diese Schulform nicht? Dabei möchte man Ihnen gerade da, wo Sie in Ihrem Buch über Ihre Versuche schreiben, die Notenzeugnisse abzuschaffen, zurufen: das wird doch an der Waldorfschule schon erfolgreich praktiziert. Ja, aber diese Idee habe ich nicht von der Waldorfschule.
Das wollte ich auch nicht sagen. Aber es las sich da so ein wenig so, als müsste diese Idee neu erfunden werden. Nein, den Eindruck wollte ich nicht erwecken, natürlich gibt es das schon, auch außerhalb der Waldorfschule, an der Laborschule Bielefeld beispielsweise oder auch an Montessori-Schulen. Also, ich fühle mich der Waldorfschule durchaus verwandt, aber meine eigentliche Wurzel ist die Freinet-Pädagogik, die auf einen französischen Reformpädagogen der 20er Jahre zurückgeht und vor allem durch den Einsatz der kleinen "Klassendruckerei" bekannt geworden ist. "Den Kindern das Wort geben" war sein Motto.
Warum wird im Rahmen der PISA-Debatte so viel über Noten und Abschlüsse und so wenig über solche grundlegenden pädagogische Konzepte gesprochen? Weil in Deutschland das Tabu besteht: über die Sekundarstufe I und die scharfe Selektion der Kinder nach dem 4. Schuljahr darf nicht diskutiert werden Da hat sich die Kultusministerkonferenz selbst ein Redeverbot auferlegt. Dabei wissen alle, dass Deutschland im internationalen Vergleich mit am schlechtesten abschneidet, was die soziale Schere angeht. Kinder aus Arbeiterfamilien und Migrantenkinder haben bei uns per se keine Chance. Die schlechten Ergebnisse bei PISA haben eben zu tun mit der Selektion am Ende der 4. Klasse, damit, dass der große Teil der Hauptschüler in eine Art Ghetto gerät, mit dem Bewusstsein: wir sind Müll, wir sind die Letzten und werden keinen Arbeitsplatz finden. Das ist furchtbar.
Frau Riegel, Sie haben vieles Wunderbare erreicht in Ihrer Schullaufbahn. Gibt es auch etwas, was Sie unfertig hinterlassen haben, was Ihnen nicht gelungen ist? Ja, die Sache mit den Noten, das ließ sich nicht für die gesamte Sek I verwirklichen. Aber ich bin gerade dabei, eine Privatschule in Wiesbaden zu gründen, und da wird es keine Noten geben. Eine andere Lieblingsidee von mir war, dass Schüler einmal im 8. oder 9. Schuljahr ein halbes oder auch ganzes Jahr nicht in der Schule sind; dass sie dafür etwas anderes, wirklich Herausforderndes machen: dass sie im Ausland sind oder auf einem Segelschiff oder auf einem Bauernhof oder einer Alm, jedenfalls in einem Bereich, wo sie mit allen Sinnen ganz stark gefordert sind, gerade in einer Phase, in der sie biographisch im Umbruch und im Zweifel mit sich selbst sind. Aber das geht nicht in diesem System. Ich hatte dann gehofft, dass jeder Schüler wenigstens vier Wochen lang einmal in der Fremde ganz auf sich gestellt sein könnte, sich durchschlagen müsste - vom Schulgesetz her unmöglich!
Und wenn man da, was die Überwindung der starren Schulformen angeht, noch einen Schritt weiterginge: meine Tochter hat mich einmal gefragt, woher die Schule eigentlich das Recht nimmt, so lange über ihr Leben zu bestimmen. Da ist doch was dran - diese Selbstverständlichkeit, dass es die Schule als Institution gibt, die eine ganze Lebensepoche der Kinder entscheidend bestimmt - muss es das denn für alle Zeiten geben? Nach meiner Ansicht ist es ein großer Fortschritt, dass heute alle Kinder eine Schule besuchen können. Es gab Zeiten, in denen das nicht so war, und das war durchaus nicht gut für die Kinder.
Aber wir wissen aus eigener Erfahrung doch, wie groß das Missverhältnis ist zwischen der Zeit, die wir in der Schule verbracht haben und dem Gewinn, den wir daraus gezogen haben. Ein unglaublich großer Teil des vermittelten Stoffes ist später einfach weg. Das unhinterfragte Axiom: es muss eine Einrichtung geben mit soundsovielen Stunden am Tag, die bestimmte Inhalte vermittelt - können Sie sich vorstellen, dass das als solches einmal überlebt sein wird? Das kann ich mir schon vorstellen. Es sind andere Formen denkbar. Alles im Rahmen der für alle verbindlichen gemeinsamen Schule.
Und wenn an der Basis mehr und mehr Verhältnisse eintreten, die einen Unterricht gar nicht mehr möglich machen? Das hat Ursachen, die man ändern kann, wenn man wirklich will.
Sie glauben trotz all dieser Schwierigkeiten doch an die Einrichtung Schule? Ich glaube an eine andere Schule, ja!
|