magazin info3/archiv/März 2004

Redaktionstagebuch

Von Jens Heisterkamp

31. Januar
Der Journalisten-Kollege Stefan Scheytt hat in der Schweizer Weltwoche eine umfassende Reportage zum Thema Anthroposophie vorgelegt. Vielschichtig und - was in den letzten Jahren nicht immer selbstverständlich war - durchgehend fair schildert er die Ergebnisse seiner ausführlichen Recherche in der anthroposophischen Szene (die ihn übrigens auch zu einem Besuch in die info3-Redaktion geführt hatte). Was mir auffällt: manche von Scheytt aufgeworfene Fragen wie die, ob es denn "undenkbar sei, dass der Radikalreformer (Steiner), lebte er noch, seine Eurythmie nicht selbst schon längst dreimal re-reformiert hätte", könnten genau so auch in info3 stehen. Schade finde ich eigentlich nur, dass Scheytt den Zugang zur Philosophie Steiners wohl nicht einmal gesucht hat. So scheint Steiners Spiritualität bei ihm kaum mehr als eine Anhäufung unverständlicher Wortgebilde zu sein, wo es um Absonderlichkeiten wie den "Ätherleib des Elefanten" geht. Dies wird der gegenwärtigen Aktualität transrationaler Ansätze, in die Steiner mitten hinein gehört, nicht gerecht und bleibt auch hinter publizistischen Standards zu diesem Thema zurück.


24. Februar
Zum Mittagessen trifft sich die Redaktion zunächst bei Amnon Reuveni in Basel, wo uns Ehefrau Nurit köstlich bewirtet. Bei strahlender Wintersonne spazieren wir wenig später den Dornacher Hügel hinauf zum "Haus Duldeck". Jens Prochnow, info3-Autor und derzeit noch freier Mitarbeiter bei der Verwaltung des Nachlasses von Rudolf Steiner in Dornach, hatte den Besuch initiiert. Nach einer Begrüßung durch Vera Koppehel führt uns Walter Kugler in das Tiefgeschoss von Haus Duldeck, wo der Nachlass Rudolf Steiners lagert. Wir dürfen uns in den Kellerräumen umsehen, in Manuskripten und Tagebüchern Rudolf Steiners blättern, Relikte eines einzigartigen Lebens auf uns wirken lassen. Für mich eine berührende Nähe, besonders beim Anblick der Totenmaske, und zugleich das nüchterne Empfinden: das alles war einmal, ist zu einem Abschluss gekommen, und aus dem Stoff, der archivierbar ist, wird kein lebendiger Geist mehr kommen. - Anschließend setzen sich die Redakteure zusammen und planen, flankiert von der ehemaligen Bibliothek Rudolf Steiners, die nächsten Ausgaben von info3. Gemeinsam mit den Freunden vom Unternehmen Mitte, einer anthroposophischen Kulturinitiative im Herzen von Basel, veranstaltet Jens Prochnow dort die Reihe "Prochnow und Gast" und interviewt an diesem Abend unseren Redakteur Sebastian Gronbach. Nach Talkshow-Manier, mit Sofa und Mikrophon, plaudern die beiden über Woll-Anthroposophen und Spider-Man und über die Schwierigkeit, ein Anthroposoph der dritten Generation zu sein. Mir geht es dabei ein bisschen wie dem Trainer, der von der Bank aus mitfiebernd seine Mannschaft spielen sieht. Hoch über den Köpfen, zwischen den Granitsäulen der ehemaligen Schalterhalle der "Mitte", prangen Wandtafelzeichnungen Rudolf Steiners, eine davon mit dem Motto: "Ich bin in Gott" - Menschen mögen es hören.

Über das "Unternehmen Mitte" schrieb Kollege Felix Hau in seinem Web-Tagebuch: "Warum gibt es 'in unseren Zusammenhängen' eigentlich nicht mehr fesche Unternehmungen des Typs Basler 'Mitte'? Wo so viel unterschiedlichst ausgerichtete Initiativkraft vorhanden ist, müsste doch etwas Ähnliches schon längst auch andernorts das Licht der Welt erblickt haben..."


29. Februar
Wieder einmal stehen wir fassungslos vor unserem Briefkasten, aus dem reihenweise zusätzliche Abbuchungserlaubnisse unserer Abonnentinnen und Abonennten hervorquellen. Das Echo auf unsere Bitte, eventuell den Abo-Betrag einmalig und freiwillig aufzustocken, ist so überwältigend ausgefallen, dass wir uns mit einem Extra-Brief an unser Publikum in dieser Ausgabe bedanken.