magazin info3/archiv/Februar 2004

Kampkunst

Mit Kampfkunst gegen ungute Aggressionen

Ein Gespräch mit dem zweifachen Europameister in Tang Soo Do – Moo Duk Kwan, Manuel Tysarzik.


Manuel, was ist das Wichtigste, das man über "Tang Soo Do - Moo Duk Kwan" wissen muss?
Manuel Tysarzik: Das Ursprungsland dieser Kampfkunst ist Korea. Wörtlich übersetzt bedeutet Tang Soo Do "Philosophie der Chinesischen Hand". Tang steht für eine Dynastie in China, Soo bedeutet Hand, Faust, Schlag oder Block und Do steht für "Weg" oder "Philosophie". Diese Kampfkunst hat einen rein defensiven Charakter.

Es ist eine Selbstverteidigung, die in dieser Reihenfolge aus Fuß-, Hand-, und aus Falltechniken besteht. Sie ist weniger Sport, als viel mehr eine Lebensweise, die in jede Region des Lebens hineinreicht.


Was bedeutet das konkret für dein Leben?
Manuel Tysarzik: Seit meinem achten Lebensjahr übe ich mich nun in dieser Kampfkunst. Heute, zehn Jahre später, habe ich den ersten Rang eines Meisters. Das vergangene Jahrzehnt war geprägt von wohltuender Disziplin, Selbstkontrolle und körperlichem Kampftraining. Trotz Lustlosigkeit Schularbeiten machen, Umgang - oder besser Nichtumgang - mit Drogen aller Art oder die Kontrolle meiner Gefühlswelt - überall waren die Spuren des "Tang Soo Do - Moo Duk Kwan" erlebbar.


Du bist jetzt Träger des schwarzen Gürtels...
Manuel Tysarzik:...wobei der Gürtel nicht schwarz ist, sondern sehr dunkelblau. Ein Hinweis auf die unerreichbare Farbe des Universums, darauf, dass man Perfektion - das absolut schwarze - niemals erreicht...


...und darfst selber SchülerInnen ausbilden. Was antwortest du Menschen, die der Ansicht sind, es gäbe bereits genug Aggression und Gewalt unter Kindern und Jugendlichen und man bräuchte da nicht auch noch Kampftraining für Kinder?
Manuel Tysarzik: Denen gebe ich meine Erfahrungen weiter: Ich erlebe durch diese Kampfkunst ein Gleichgewicht von Körper, Seele und Geist. Mein Zorn, meine unguten Aggressionen lösen sich durch das regelmäßige Training auf. In meinem sozialen Umfeld gab es, wie bei vielen, Chaos und Zusammenbrüche. Dass dieses äußere Chaos nicht auch zu innerem Chaos geführt hat, verdanke ich ebenso meiner Kampfkunst wie die Fähigkeit, meine Aggressionen zunächst zu beherrschen und letztlich aufzulösen.


Aber benötigt man nicht Aggression, um ein guter Kämpfer zu sein?
Manuel Tysarzik: Wenn du Aggression als eine wirksame, konzentrierte Form von Energie auffasst, dann ja. Aber Aggression, wie sie tausendmal auf den Schulhöfen und auf der Straße stattfindet, ist geprägt von Formlosigkeit, von Wut und überschäumender unkontrollierter Seelenenergie. Das führt aber stets zur Niederlage. Wer wütend ist, verliert. Wer sich selbst beherrscht, siegt. Vor allem Jungs erleben es als eine Stärkung ihrer Persönlichkeit, wenn sie lernen, mit ihren Kräften zielsicher umzugehen.


Trotzdem bringst du den Kindern und Jugendlichen bei, wie man Gewalt ausübt, wie man verletzen und letztlich auch töten kann.
Manuel Tysarzik: Schau dir doch einmal an, wer in Gewalt auf Schulhöfen verwickelt ist und warum - sind das die innerlich starken, die in sich ruhenden und selbstbewussten Jungen? Nein. Gewalt entsteht doch dort aus einer Unsicherheit und Verletztheit. Diese Gewalt will Schwäche kompensieren.

Wer Kampfkünstler ist, weiß um sein Können und das macht die Umsetzung dieses Könnens überflüssig. Der beste Kampf ist der vermiedene Kampf.

Durch "Tang Soo Do - Moo Duk Kwan" lerne ich Ruhe zu bewahren, auch in aufgeregten Situationen. Meine Kraft kommt aus dieser Ruhe. Der Kampf dient nur der Selbstverteidigung im Notfall. Das Wissen um meine Stärke, die Kontrolle der Angst strahlt so kraftvoll und klar, dass potentielle Gewalttäter sich verziehen.


Berühmt ist bei den asiatischen Kampfsportarten ja der Bruchtest. Man kennt das aus Filmen und Schauvorführungen, wenn bis zu einer Tonne Steine in wenigen Sekunden mit einer Hand zertrümmert oder dicke Holzplatten durchstoßen werden. Was ist das Geheimnis hinter dieser gewaltigen Kraft?
Manuel Tysarzik: Obwohl ich nur über relativ geringe Erfahrung in dieser Prüfung verfüge, kann ich doch sagen, dass hier der Körper dem Geist folgt. In dem Moment, wo der physische Schlag oder Stoß erfolgt, hat der Geist des Kämpfers bereits das Material durchstoßen. In dem Moment, wo ich weiß, dass mein Geist durch das Brett durch ist, muss ich meinen Körper nur noch hinterher schicken. Das ist jetzt etwas vereinfacht, aber im Prinzip richtig. Ungeübte schlagen auf das Brett; Könner zielen auf den Punkt hinter dem Brett und erreichen so das Ziel.


Kann man das auch auf das alltägliche Leben übertragen? Das anvisieren der Ziele durch die Hindernisse hindurch?
Manuel Tysarzik: Natürlich. Es ist aber eben nicht nur eine theoretische, philosophische Spielerei, dass ich meine Energie durch Hindernisse hindurchschicken muss. Wer diese und andere Kampfkünste übt, der erfährt am eigenen Leib, dass es der Geist ist, der zuerst durch das Ziel muss. Man erlebt, was es bedeutet, Materie bis zu einem gewissen grad durch den Geist zu beherrschen. Kampfkunst ist somit auch immer Kampf mit sich selbst - mit seinem Selbst.

Eine weitere Technik ist es, die Schläge des Gegners so umzuleiten, dass sich ihre Kraft wieder gegen den Angreifer richtet. Man kann lange darüber reden, was es bedeutet, von seinen Taten eingeholt zu werden. Zu spüren, wie sich die Energie, die ich gegen jemanden richte, unmittelbar gegen mich wendet, das ist wirklich ein elementares Erlebnis.


Der berühmte Bruce-Lee beherrschte ja den so genannten "One-Inch-Punch". Er konnte seine ganze körperliche Energie ohne Ansatz auf wenigen Millimetern herausschleudern und damit z. B. Steine zertrümmern. Wie funktioniert das?
Manuel Tysarzik: Zunächst genauso wie bei allen konzentrierten Schlägen. Der Geist geht voran und der trainierte Körper vollendet den Weg. Je kraftvoller und machtvoller ein Schlag oder Stoß ist, desto mehr Energie wird ja benötigt. Diese Energie ist in jedem Menschen vorhanden. Kampfkünstler lernen, diese Energie in einem Punkt zu binden, und nutzen die Kraft des ganzen Körpers. Auch die energetischen Kräfte der Umwelt können abgesaugt werden, um die Schlagkraft zu stärken.


Warst du schon einmal in der Situation, wo du deine Kampfkünste gegen einen Menschen einsetzen musstest?
Manuel Tysarzik: Nicht wirklich. Bisher konnte ich kritische Begegnungen durch pure Anwesenheit entschärfen. Menschen spüren mit großer Präzision, ob jemand ein starker Gegner oder ein schwaches Opfer ist. Mein Geist ist durch die Kampfkunst so geschult, dass er meinen Körper und meine Seele besser kontrolliert als bei ungeübten Menschen. Diese Kontrolle durch das eigene Selbst erzeugt bei anderen Menschen Respekt und vermeidet so Gewalt.


Manuel, du bist jetzt achtzehn Jahre alt und gehst aufs Abitur zu - was dann?
Manuel Tysarzik: In jedem Fall werde ich für ein knappes Jahr nach Asien reisen, um mich auf die Kultur dieser Menschen einzulassen. Ich bin noch nicht sicher wohin. Ich hoffe dort die philosophisch-spirituellen Hintergründe meiner Kampfkunst von einer neuen Seite kennen zu lernen. Außerdem will ich meine Fähigkeiten im Thai-Boxen verbessern, welches ich nun seit einiger Zeit zusätzlich intensiver trainiere. Ich werde irgendwo in einem asiatischen Land einfach einen Flughafen anfliegen und von dort losmarschieren. Mein Ziel ist nicht ein bestimmter Ort, sondern der Weg mit seinen Erfahrungen.


Interview und Foto: Sebastian Gronbach