magazin info3/archiv/Januar 2004

Begegnung mit dem Doppelgänger

Mein Schatten und ich

Von Sebastian Gronbach

Neulich haben sie sich getroffen: Info3-Redakteur Sebastian Gronbach und sein Doppelgänger. Zuerst hat der Redakteur ungläubig gelacht, dann war er schockiert. Nach dem Schock lagen die beiden sich in den Armen und jetzt hat er einen neuen Freund. Das alles kam so:

Was ich echt nicht leiden kann ist Unpünktlichkeit. Ist es denn wirklich so schwer um acht Uhr vor dem Kino zu sein, wenn man sich für diese Zeit verabredet hat? Ich will den Film ganz sehen, vorher noch Popcorn kaufen und weder die Werbung noch die Trailer verpassen. Acht Uhr ist acht Uhr. Punkt. Alles über fünfzehn Minuten Verspätung ist für mich eine unerträgliche Zumutung. Ich bin nie zu spät und Zu-Spät-Kommer mag ich nicht. Ich bin bei meinen Verabredungen immer pünktlich. Wegen mir mussten wir uns noch nie von einer mickrigen Taschenlampe den Weg zum Kinostuhl leuchten lassen. Ich bin pünktlich und rege mich über Unpünktlichkeit auf!

Das alles war bevor ich meinen Doppelgänger getroffen hatte. Dann standen wir uns gegenüber und er sagte zu mir: "Sebastian, du bist unpünktlich”. Zuerst las ich die Worte in einer E-mail an mich. Ich hatte versprochen einen Artikel für eine Schulzeitschrift zu schreiben und den zugesagten Termin nicht eingehalten. Natürlich war der Termin von mir überschritten worden, schon zum dritten Mal, aber immerhin gibt es noch andere Dinge, die ich zu tun habe Für die Verspätung gab es gute Gründe und ich wusste auch, dass ich den Artikel fertig schreiben würde - nur eben nicht pünktlich.


Von oben herab betrachtet
Es gab kein Geräusch, kein Rauch stieg auf. Er stand einfach so da, sah genauso aus wie ich, nur mit langen Haaren und sagte ganz ruhig: "Sebastian, du bist unpünktlich”. Ich musste lachen, weil das völlig abwegig war und überhaupt nicht stimmte. Schließlich musste niemand im Regen vor einem Kino stehen und auf mich warten. Gut, ich hatte einmal einen Abgabetermin nicht eingehalten, das passiert anderen Menschen ständig und noch hab ich’s immer irgendwie geschafft. Außerdem hatte ich doch wirklich gute Gründe für meine Verspätung. Das Ganze war lächerlich. Ich bin immer pünktlich. "Sebastian, du bist unpünktlich”, wiederholte die Stimme zurückhaltend und beließ es diesmal nicht bei diesem einen Satz: "Genau genommen hast du noch nie irgendeinen Abgabetermin eingehalten. Kein Schulheft war pünktlich beim Lehrer, kein Artikel rechtzeitig in der Redaktion, Rechnungen zahlst du immer erst nach Mahnungen und in deinem neuen Wohnort hast du dich noch immer nicht angemeldet. Dabei wohnst du dort jetzt schon seit vier Monaten”.

Mir stand der Mund offen. Die Gestalt, die so ähnlich aussah wie ich, hatte - Recht. Ich konnte die Worte zwar nicht denken, geschweige denn aussprechen, aber sie schwebten im Raum und senkten sich nun langsam in mich ein. In meinem Inneren formierten sie sich neu, stiegen auf und krochen aus meinem Mund: "Ich bin unpünktlich”, stotterte der Mann, der sich bis dahin für "Mr. Oberpünktlich” gehalten hatte.

Ich war wirklich geschockt. Das, was ich für einen Teil meiner Persönlichkeit gehalten hatte, worauf ich sogar ein wenig stolz war, schmolz dahin. Ich war nicht nur das Gegenteil von dem, für was ich mich immer hielt, ich verkörperte auch noch den Typ Mensch, den ich bisher arrogant und von oben herab betrachtet hatte.

Ungläubig wiederholte ich diese Worte, bis ich nach Stunden begriff, dass ich jahrelang ein Bild von mir kultiviert und ins Licht gerückt hatte, welches einen Teil des Ego-Ideals des "guten Sebastians” darstellen sollte. Je mehr ich mich bemühte diese Eigenschaft ins Licht zu rücken, desto mehr verdichtete sich der Schatten um mich, je dunkler der Schatten wurde, desto greller versuchte ich das Licht anzudrehen. Während ich z.B. in meinen Vorträgen einen Pogrammpunkt exklusiv für die "ganz Pünktlichen” einführte, blieben von mir zugesagte andere Dinge bis heute liegen. Meine Unzuverlässigkeit war mir aus dem verantwortlichen Bewusstsein entglitten und hatte sich zu einer eigenen dunklen Persönlichkeit geformt.

Die stand nun lässig triumphierend vor mir: Die dunkle Seite, der Doppelgänger, mein niederes Selbst, der andere, der dunkle Zwilling, der Schatten. Ich hatte jahrelang eine beachtliche Energie aufgewandt, um einen mir unangenehmen Teil meiner Persönlichkeit zu verstecken. Ich wollte nicht, dass dieser Teil Bestandteil meiner Individualität ist, wollte nicht, dass er ins Licht gerückt wird. Parallel zu meinem Ego-Ideal konnte sich der Schatten von dieser Energie ernähren und dabei wachsen. Meine unbewusste Gewohnheit, meine verleugnete, aber regelmäßig gelebte Unpünktlichkeit war die Substanz, aus der mein Doppelgänger nun bestand. Jetzt stand er vor mir und ich wusste nicht, ob ich ihn oder er mich enttarnt hatte.


"Lieb mich und benutz mich”
Was sollte ich nun mit dieser Gestalt anfangen, die in ihrer Art etwas verkörperte, was ich doch wirklich nicht sein wollte. Sie war da und sie war nicht mehr wegzulügen. Ich machte noch einen kläglichen Versuch diesen dunklen Zwilling zu leugnen, versuchte seine Blicke abzuwehren, wiederholte noch einmal mein einstudiertes Mantram: "Ich bin pünktlich, ich bin zuverlässig”. Es half nichts. Je mehr ich mich wehrte gegen dieses Ding, je mehr ich mich weigerte, es als einen Teil von mir anzunehmen, je mehr nahm es Besitz von mir.

Also ein Strategiewechsel. Nicht wehren, nicht verleugnen, nicht wegschauen. Ich trat einen Schritt auf den Schattenbruder zu und schaute diesen aus unzähligen geleugneten Unpünktlichkeiten bestehenden Gesellen genauer an. Irgendwie hatte er auch was Sympathisches. Er wirkte lässig und aufgeschlossen. Und was mich besonders faszinierte: er war der Typ, der nicht sklavisch an theoretisch vereinbarten Uhrzeiten hing, sondern im Augenblick lebte. Bisher dachte ich, Pünktlichkeit geht vor, jetzt hätte ich auch gerne etwas von der Spontaneität und Augenblickswachheit meines Doppelgängers. Aber andererseits - wenn ich wäre wie der Doppelgänger, würde ich ja nie mehr irgendeinen Abgabetermin einhalten.

"Lieb mich und benutz mich”. Der Doppelgänger hatte wieder angefangen zu sprechen. Dieses Mal hatte seine Stimme eine flüsternde, verschwörerische Färbung: "Lieb mich und benutz mich - lass‘ mich bei dir wohnen und wenn du mich brauchst, klopfst du an meine Tür. Für dich werde ich auch pünktlich sein.” Die letzten Worte klangen liebevoll und ein wenig neckisch.

Seitdem sind nun ein paar Wochen vergangen Am Ende des Gesprächs hatten wir uns umarmt und seitdem wohnt "Ulla, die Unpünktlichkeit” in mir. Sie hatte darauf bestanden einen Namen zu bekommen.

Ein merkwürdiges Geheimnis verbindet sich mit dieser Namenstaufe. Eigentlich mag ich es ja nicht, unpünktlich zu sein, aber seltsamer Weise ist mir dieser Charakterzug mit dem Namen "Ulla, die Unpünktlichkeit” sympathischer geworden. Ich kann diesen Teil von mir nun objektiv von außen betrachten. Die bisher anonyme und für mich als beschämend empfundene Eigenschaft verliert durch die Taufe ihre heimliche Macht über mich.

Sie ist nun bewusst in mir, diese Ulla, ein willkommener Teil meines Wesens. Seitdem sie sich in dem Zimmer ausgebreitet hat fühle ich mich ganzheitlicher. Ich habe mir meine Unpünktlichkeit vergeben und wenn andere unpünktlich sind, fühle ich mich nicht im Geringsten angegriffen. Bin ich unpünktlich? Ja, ein Teil meiner Identität ist unpünktlich und unzuverlässig und ich bin froh, diese Ulla bewusst nutzen zu können. Ich habe nun die freie Wahl mich zwischen starrer Uhrzeithörigkeit und strukturloser Zeitlosigkeit zu bewegen. Einmal hatte ich bei Ulla angefragt, ob sie mal kommen könne -: und tatsächlich, flott und fröhlich stand sie da und wir gingen fast eine halbe Stunde später, als ich geplant hatte aus dem Haus. Mein Sohn durfte sein Spiel zu Ende spielen und ich noch einmal durchatmen.


Jung und Steiner
Viele kluge Köpfe haben sich mit dem Phänomen des menschlichen Doppelgängers beschäftigt. Auf eine einfache Frageformel brachte es der Schattenforscher C.G. Jung: "Willst du lieber gut sein oder ganz?”. Für Jung konnte es nur eine Antwort geben, wenn man nicht an Körper und Seele krank werden wollte: Sei lieber ganz als gut. Verstecke nichts von deinem Schatten. Vergeude keine Energie damit, so zu tun als wärst du etwas, was du nicht bist. Geh in deine Dunkelheit, damit du leuchten kannst. Wenn du das dunkle in dir verleugnest, verleugnest du auch das Licht. Wenn du tust als wärst du niemals ein kleiner, knauseriger Geizkragen, wirst du niemals ein großer, freigebiger Spender sein. Tu nicht so als hättest du nie Angst, du schwächst nur deinen Mut dadurch. C.G. Jung wusste, dass die Verleugnung und Nicht-Bewusstmachung der dunklen Eigenschaften in einem Menschen eine wesenhafte Nebenpersönlichkeit erschafft, welche mit jeder weiteren Leugnung mächtiger wird.

Von Rudolf Steiner ist der Begriff "Doppelgänger” in mehreren, teils mehrdeutigen Variationen gebraucht worden. In seinem Buch mit dem für mich immer etwas an die Hobbythek von Jean Pütz erinnernden Titel Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten? beschreibt er ihn auch als den "Kleinen Hüter der Schwelle”. Eine gar nicht so kleine Gestalt, welche die Aufgabe hat, die Grenze zum Reich der wahrhaftigen geistigen Wahrheiten und Erkenntnisse zu bewachen.. In anschaulichen Schilderungen berichtet Steiner über Aussehen und Wirkung dieses Doppelgängers. Ein Wesen, welches sich aus sämtlichen vergangenen guten, aber eben auch bösen menschlichen Eigenschaft konstruiert hat. Besonders gruselig wird diese Erscheinung, wenn man bedenkt, dass sich in ihr nicht nur die Charaktere eines, sondern aller bisherigen gelebten Leben einer Individualität wieder finden. Es kann schon schockieren, wenn man sieht, was für ein Wüstling man einmal gewesen ist. Steiner warnt vor der Gefahr, dem Wahnsinn zu verfallen, wenn man diese Gestalt unvorbereitet trifft.


Großmutter Weisheit
Meine "Ulla, die Unpünktliche” soll so ein ungeheuerliches Wachpersonal sein? Und: werde ich jetzt gleich wahnsinnig? Weder noch. Ulla ist eine Facette, eine Farbe im Mantel dieses "Kleinen Hüters”. Sie könnte allerdings ganz schnell zur "Ulla Ungeheuer” werden, wenn ich sie nicht liebevoll und bewusst als Schatten in meinem heiligen Selbst leben lassen würde. Nur wenn ich sie und alle anderen traurigen, böswilligen und schattenhaften Erscheinungen vollzählig in meinem Haus mit eigenem Namen begrüße, erhalte ich als "Geheimschüler” vom "Kleinen Hüter der Schwelle” die Eintrittskarte in das strahlende Land der geistigen Eindeutigkeit.

Und was, wenn ich gar keine Eintrittskarte will, wenn mir die Waldorfschule völlig reicht und ich nicht jetzt auch noch die "Geheimschule” besuchen will - wozu das ganze integrieren von fragwürdigen Gestalten? Die Antwort ist einfach: Weil es heilt, weil es zufrieden und ausgeglichen und weil es mich ganz macht.

Versuchen Sie sich einmal vorzustellen, Sie bemerkten eines Tages, wie Sie sich allmählich als etwas Ganzes wahrnehmen, als runde Persönlichkeit, die transparent, authentisch und mit sich im reinen ist. Stellen Sie sich vor, wie es wäre, nicht mehr nach moralisch guten und schlechten Eigenschaften unterscheiden zu müssen. Wie bekömmlich wäre es, wenn die alte Großmutter Weisheit "Alles hat zwei Seiten” in uns klingen würde und dieser Ton die schattenhaften Disharmonien im alltäglichen Leben in Einklang brächte. Wie wäre es, wenn wir nicht mehr vorgeben müssten etwas zu sein, was wir nicht sind, nur um geliebt zu werden. Was, wenn wir feststellten, dass unsere Fehler und schlechten Eigenschaften, unsere dunklen Seiten und bösartigen Züge sogar hilfreich, heilsam und nützlich sein könnten. Für uns selbst und für andere.

Manchmal laufen einem kalte Schauer über den Rücken, wenn man mal wieder in einer dunklen Ecke seines Hauses so eine Gestalt sitzen sieht. Aber dieses dunkle Geschöpf zu erlösen bringt Erlösung für einen selber.

Mit der Energie, die ich bisher verbraucht habe um meine von Inkarnation zu Inkarnation angehäuften scheußlichen Sonderbarkeiten, meine durch Elternhaus, Schule, Beruf und Gesellschaft verachteten oder tabuisierten Anteile meiner eignen Person zu maskieren, könnte ich leicht ein Fußballstadion in grelles Flutlicht tauchen.


Herrlich heilig und fantastisch verstörend
Wie aber soll ich meine Doppelgänger demaskieren? Wie herausbekommen, welche Aspekte in mir schlummern, vor denen ich so sehr Angst habe, dass ich so tue, als hätte ich keine Angst davor? Wie soll ich hinter die dicken Türen mit ihren schweren Schlössern blicken können, um die Trauergestalten zu befreien deren Modergeruch mein Leben schon zu lange begleitet. Der überaus kluge Kopf Ken Wilber - der übrigens Steiner kennt und schätzt - hat die Sache für uns verblüffend einfach neu vorgedacht: Das, was dich an anderen Menschen aufregt, das ist dein eigener Doppelgänger. Jeder weiß, dass er seine Wünsche und eigenen Unzufriedenheiten auf andere Menschen projiziert. Wilber und andere nutzen nun dieses offene Geheimnis der Selbsterkenntnis als sicheres Mittel, um den Doppelgänger in sich aufzuspüren.

Fast scheint es zu einfach, um wahr zu sein: Wenn wir Worte, Gesten oder Taten eines Menschen erleben und sie interessiert, aber ohne emotionale Regung annehmen, dann informiert uns dieser Mensch nur. Wenn wir uns dagegen über das Gesagte, die Taten oder Umstände aufregen, sie emotional bewerten oder sogar verurteilen (Wilber benutzt den Begriff "Affirmation”), dann sind wir nicht nur Opfer unserer eigenen Projektion, sondern können unseren Doppelgänger mit ein wenig Übung am Rockzipfel festhalten und ins Licht zerren. Was wir dann ins Licht gestellt haben ist ein Teil von uns. Wenn wir nicht wegschauen, sehen wir im Gegenüber auch immer uns. Das Sakrament der Begegnung ist so immer auch Selbstbegegnung.

Herrlich heilig kann es sein, wenn die reinen individuellen menschlichen Geister sich gegenseitig hinter der physischen Fassade erblicken, fantastisch verstörend, wenn wir in die um Erlösung flehenden Augen unserer verdrängten Wesen sehen. Vor was wir uns auch ekeln, was wir auch ablehnen: das, was nicht Teil unserer Seele ist, können wir nicht in der Seele eines anderen erkennen. Der Geist, der wir nicht sind, den sehen wir auch nicht.


"Das, was diese beiden erwartet, ist schlimmer als der Tod.”
Es ist simpel und kann zunächst die Hölle sein. Wenn man erst einmal anfängt eine Liste anzulegen mit Dingen oder Menschen, die man aus vollstem Herzen ablehnt, verurteilt und verabscheut um dann zu sagen: "Das alles bin ich, das alles hat mit mir zu tun”, dann werden die Treppenstufen ins eigene Innere, zu den eigenen Wunden und Abgründen rutschiger und das Licht verliert an Strahlkraft. Hier geht es längst nicht mehr nur um "Ulla, die Unpünktlichkeit”, hier leiden andere Dämonen.

Auf meiner Liste standen auch diese zwei Namen: Wirtz und Levendel. Die Träger der Namen sind Kinderschänder und Kinderdoppelmörder, vor kurzem verurteilt zu lebenslänglicher Freiheitsstrafe mit besonders schwerer Schuld. Verurteilt im Namen des Volkes, also auch in meinem Namen. Und Sie und ich, wir sind uns doch einig: Gibt es etwas Ekelhafteres, etwas Widerwärtigeres als diese "Bestien”? So nannte die BILD-Zeitung die Kinderschänder und Mörder von Tom und Sonja, die mit besonderer Bosheit und durchtriebenheit umgebracht wurden.

Der Richter gab an, bis zur Urteilsbegründung überlegt zu haben, ob er das Urteil "im Namen des Volkes” verkünden solle. Die Forderungen des "Volkes" auf der Straße nach drastischen Strafen habe ihn an dieser Formulierung zweifeln lassen. Aber er sagte auch über die Täter: "Bislang habe ich in keinem meiner Verfahren etwas Gefühlloseres, Brutaleres oder Menschenverachtenderes gehört.” Nach dem Urteilsspruch antwortete er auf die laut gewordenen Forderungen nach der Todesstrafe für Wirtz und Levendel: "Das, was diese beiden in den nächsten Jahren erwartet, ist schlimmer als der Tod.” Denn so geht es Kinderschändern und Kindermördern: in der Knasthierarchie stehen sie auf der untersten Stufe. Ständig werden sie seelischen und körperlichen Gewalttätigkeiten ausgesetzt sein. Niemand verachtet verurteilte Kinderschänder mehr als Knackis und niemand lässt dieser Verachtung so konsequent Taten folgen wie die künftigen Zellennachbarn in Block B. Das wissen die Wärter. Das wissen die Richter. Wir wissen das auch. Und alle billigen diese tradierte Praxis. Niemand will die "Bestien” schützen. Ich auch nicht. Es ist nicht nur das Mitleid mit den beiden kleinen Menschenkindern, die auch meine Kinder sind. Es ist die Empörung über die Täter, über schwanzgesteuerte, machtgeile und gefühllose Brutalität. Diese ernste Empörung, dieser ehrlich Hass wird die Zellennachbarn von Wirtz und Levendel nicht eher ruhig schlafen lassen, als bis sie als "Racheengel" unter dem Applaus der Öffentlichkeit für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt haben. Die inhaftierten Racheengel selbst, die mit tiefer Überzeugung gegen diese schwanzgesteuerten, machtgeilen und gefühllosen Kinderkiller herfallen werden, sind vielleicht verurteilt wegen Vergewaltigung einer drogenabhängigen Hure, wegen schweren Raubes an einem Bankier oder Trickbetrügerei an Senioren. Natürlich, die Taten unterscheiden sich. Was sich nicht unterscheidet sind die Triebgründe für ihre Taten, die sie in den Knast gebracht haben: schwanzgesteuert, machtgeil und gefühllos.


Bin ich ein Kinderschänder?
Und ich? Was habe ich mit diesen Kinderschändern zu tun? Stellen Sie sich selbst diese Frage. Suchen Sie sich Eigenschaften, die Sie an Wirtz und Levendel besonders abstoßend finden. Suchen Sie nach Wörtern, die Ihnen nahe gehen. Und dann fragen Sie sich: "Was hat das mit mir zu tun?” Ich habe mir die Frage gestellt. Meine Schlüssel-Wörter waren: schwanzgesteuert, machtgeil und gefühllos. Sind Sie über dieses Outing empört? Sie wissen, was jetzt zu tun ist. Das, was nicht Teil unserer Seele ist, können wir nicht in der Seele eines anderen erkennen. Der Geist, der wir nicht sind, den sehen wir auch nicht.

Wenn Sie sich erkannt haben, wenn Sie unter Schmerzen Ihren Schattenbruder oder ihre Schattenschwester ins Licht geboren haben, dann ist der erste Schritt zur Erlösung dieses Doppelgängers getan. "Lieb mich und benutz mich”. Das ist erneut die unglaubliche Überschrift für den zweiten Schritt, ohne den der erste nur ein Schritt ohne Ankommen ist.

Wieder brauchen wir Taufwasser: dein Name sei: "Schwanzgesteuerter Schwarz”. "Schwarz” Er verfügt über einen natürlichen Instinkt. Er ist triebhaft. Er kennt die Lust, er will an sein Ziel und überwindet jede Angst vor Zurückweisung durch sein Verlangen nach Befriedigung. "Schwarz” kennt seine Grenzen nicht. Aber ich kenne diese Grenzen. Ich kann dann an seine Tür in meinem Inneren klopfen, wenn "Schwarz” einen Job zu erledigen hat, wenn ich will, heißt es: "Schwarz greift ein”. Wenn ich will, gibt’s Stubenarrest. Der "Schwanzgesteuerte Schwarz” ist nicht böse, er wird sogar geliebt. Er verhilft einem Mann dazu, sich als ganzheitliches, eben auch körperlich-männliches Wesen zu erleben. Er ist nur manchmal zur falschen Zeit, mit falscher Kraft am falschen Ort. Das ist alles. Gut, dass es "Schwarz” gibt.

"Mike Machtgeil” ist auch nicht böse. Er ist zielstrebig, er weiß, was er will. Er kann mit bedingungslosem Einsatz seine Lebensentwürfe so verfolgen, dass er seinem Hausbesitzer zu einer Position verhilft, in der dieser seine Kraft zum Wohle anderer nutzen kann. Mike ist taktisch klug und verfügt über den Willen, die Welt zu verändern. "Gut, dass es Mike gibt.”

"Gernot Gefühllos” hat schon Leben gerettet. Er lässt sich nicht von Blut, nicht von Erbrochenem und nicht von der Angst abhalten. "Gernot” ist dann willkommen, wenn schnell und ohne zu zögern gehandelt werden muss. "Gernot Gefühllos” ist kein guter Kinderpsychologe, aber er hat die Rationalität mit der man Kindern nach einem Unfall das Leben retten kann. "Gut, dass es Gernot gibt.”

Reicht das Geschriebene aus, um voll und ganz zu erklären, warum ich voller Wut und Abscheu auf diese Kinderschänder schaue? Kann ich mich auf meine karmische Vergangenheit berufen, wenn ich diese Typen nur widerwärtig finde? Woher kommt meine Abneigung genau gegen diese Form der Kriminalität? Ist sie nur Mitleid mit den Opfern? Hier begegnen wir einem Doppelgänger, der es uns ganz besonders schwierig macht. Es ist die sprichwörtliche Leiche im Keller. Es handelt sich um einen längst verstorbenen, fast verwesten, aber eben nicht begrabenen Doppelgänger. Ich war ungefähr zwölf Jahre alt, als ich bei einem Freund übernachtete. Dieser hatte eine kleine, deutlich jüngere Schwester, die ebenfalls in unserem Bett lag, weil die Eltern unterwegs waren. Wir Jungs hatten uns an der Hausbar der Familie heimlich alles gemixt was nicht zusammen passt - und dann war da im Bett dieser Gefühlsüberfall. Der aufkommende Trieb des Geschlechts sah plötzlich etwas vor sich, was ihn zum Kochen brachte. Es waren nur Sekunden, Bilder, Triebe. Nichts Gewalttätiges im eigentlichen Sinne und trotzdem reichten diese Sekunden, um mich bis ins Zentrum zu verunsichern. Das, was sich an dem kleinen Mädchen abreagieren wollte, das war doch nicht ich, oder doch? Mir graute vor diesem Widerling ich schlug ihm die schwere Eisentür direkt ins Gesicht, ließ das Schloss zuschnappen. Die Tür mauerte ich zu. Sicher ist sicher. Bis Wirtz und Levendel kamen, hatten Spinnweben die Mauer verdeckt. Der Hass auf diese Menschen hatte mich nun in meinen Kellergewölben nach dem eingeschlossenen Dämon suchen lassen. Und ich war fündig geworden. Stein für Stein entfernte ich die Mauer, brach das verrostete Schloss auf und erwartete kreidebleich, dass sich aus der Dunkelheit eine monströse Gestalt lösen würde. Nichts war in dem Raum. Fast nichts. Ein kleines Häuflein Erde lag in einer Ecke. Es war vorbei. Ich bedeckte das Häufchen mit Steinen. Alles was jetzt noch in mir ist, liegt bewusst begraben. Kein Monster, nur ein Häuflein Erde unter schönen Steinen. Jetzt habe ich nicht nur verschiedene Zimmer, jetzt habe ich auch den Anfang eines Friedhofes in mir. Diese verstorbenen Doppelgänger sind nur mit Mühe und manchmal nicht ohne Hilfe aufzufinden. Die Suche lohnt sich immer. Auch Doppelgänger wollen beerdigt werden. Auch das Grab ist Teil meiner Selbst.


Im Keller von Petrosilius Zwackelmann
Wenn wir die Schönheit unseres authentischen Selbst erkennen und schätzen, dann kommen wir besser zurecht. Wenn wir lernen, alle unsere Charaktereigenschaften liebend anzuerkennen, dann können wir diese im richtigen Maß und zum passenden Zeitpunkt so einsetzen, dass sie uns und anderen zum Glück verhelfen. Wenn wir unsere Doppelgänger enttarnen, sie aufnehmen und benutzen, sind wir bewusste Besitzer ihrer Fähigkeiten und Gaben und nicht länger verlogene Besessene. Was wir nicht bei wachem Verstand in Besitz nehmen, besitzt uns. Was wir verleugnend ablehnen, das bleibt bestehen und wird unheilvoll wachsen.

Der Doppelgänger, dem wir nicht in die Augen sehen können, der lässt uns nicht hinter die Tür der Erkenntnisse der höheren Welten schauen. Er bleibt trauernd und ohne Erlösung an seiner Pforte stehen. Auch der Dämon des Doppelgängers ist nur eine Maske, hinter der sich eine Not verbirgt. Auch hier gibt es wieder Kniffe und Tricks, wie man die Not eines Dämons erkennen und heilen kann. In mir. lebt beispielsweise ein Angeber-Dämon. Eine nach Applaus und Huldigung heischende Kröte. Wenn ich diese Kröte auf meine Hand nehme und küsse, dann sitzt vor mir ein kleiner Junge, der sich als Schüler unverstanden gefühlt hat. Seine frechen Sprüche wurden von seinen Lehrern nicht als ernster Beitrag gewertet, sondern als vorlautes Gequake. Der kleine Junge wollte erzählen, dass er ahnte wovon die großen Leute so ehrfurchtsvoll sprachen, wenn sie sich über Engel und Dämonen unterhielten. Immer lauter und verzerrter wurden seine Einschübe und immer undeutlicher war zu erkennen, worum es ihm eigentlich ging. Er war eben auch nur ein kleiner Junge. Jetzt ist er ein großer Mann und die vielen kleinen Enttäuschungen in ihm sind zu einer fetten, dämonischen Angeberkröte gewachsen.

Jeder hat solche kleinen unverstandenen Kinder in sich. Jeder hat auch die hässlichen, traurigen Kröten in seinen Kellern sitzen. Jeder Mensch hat aber auch die Erlöserfähigkeiten in sich. Er braucht nur wie Kaspar und Seppel im Räuber Hotzenplotz in den Keller von Petrosilius Zwackelmann zu steigen, die Verbotsschilder missachtend, und dort eine Kröte in eine Fee zu verwandeln. Wenn wir nicht mehr Kinderkasper sind, sondern seriöse Erwachsene, dann entzaubern wir die Kröte in ein kleines Kind, wie wir es einmal waren.

Zwar liegen die Nöte nicht immer im Kindheitskeller, aber der Trick, die Kröte in ein kleines Kind umzugestalten und es dann zu fragen, was es sich wünscht und wonach es sich sehnt, dieser Trick funktioniert doch immer.

Manchmal ist es eben nur ein kleiner Unterschied zwischen Magie und Trick. Und mancher Fluch lässt sich durch einen magischen Trick aufheben: Nehmen Sie sich ein sympathisches Foto aus Ihrer Kindheit, halten Sie es sich vor die Augen und an das Herz und dann fragen Sie dieses Kind: "Was kann ich für dich tun - was wünschst du dir?”. Sie werden eine Antwort bekommen.


Anerkennung und Erlösung halten gesund
Die karikaturhafte Bösartigkeit der Dämonen in der Gestalt des Doppelgängers täuschen nicht darüber hinweg, dass hinter den Fratzen Wesen stecken, die sich nach lichter Liebe sehnen.

Einen bleibenden Eindruck dieser karikaturhaften Dämonenfratzen liefert das Bild des Isenheimer Altars. Jeder der hier von Grünewald gebannten Quälgeister quält auch sich selbst und will durch die milde Liebe des Menschen besiegt und überwunden werden. Alle diese im eigenen Doppelgänger und im menschlichen Gegenüber erlebten "bösen” Eigenschaften sind gute Eigenschaften im falschen Augenblick. Diese von Steiner dem Manichäismus zugeordnete Sicht auf das Böse ist nicht nur etwas für launige Zweigabende. Die Anerkennung und Erlösung unserer Doppelgänger lässt uns zu verzeihenden, gesünderen Menschen werden. Umgekehrt fällt jedes Urteil, welches wir über andere Menschen fällen - und sei es noch so treffend - auf uns selbst zurück. Das klingt zunächst theoretisch und etwas abgehoben philosophisch. In der Realität von Reinkarnation und Karma wird jedoch klar, was es bedeutet, wenn die Verurteilung zur Selbstverurteilung wird. Weil ich nur das, was ich selber bin, an einem anderen erkennen kann, kann ich auch nur das verurteilen, was Teil meines Selbst ist. Der Schuldspruch und das Schuldmaß, welches ich über jemanden spreche, werden zu meinem zukünftigen Schicksal. "Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet” (Matthäus 7.1) ist die schlichte aber dramatische Erkenntnis, die jeder erfahren kann, der sich dem Phänomen des Doppelgängers stellt. Aber auch diese Wahrheit ist nur ein notwendiger Schritt auf dem Weg zur Erlösung des Bösen. Erst dann, wenn ich die Scheußlichkeiten, die Lügengestalten und schattenhaften Kreaturen der anderen Menschen anerkenne und annehme, im letzten Schritt gar liebe, erst dann finden die Dämonen den Weg in das Licht.

Verwehrt man seinem Doppelgänger den Blick in die Sonne und hält ihn krampfhaft unter Verschluss, dann können sich die unglaublichsten Geschichten ereignen. Dann bekriegen sich plötzlich die Doppelgänger gegenseitig: Aneinander gekettet zerfleischen sich Ehepaare über Jahre in sadomasochistischer Manier, Parteimitglieder spinnen Intrigen um die ideologische Gegenseite zu entblößen (und stünden ohne ihren Lieblingsfeind doch hilflos da wie Tom ohne Jerry). Mit erstaunlicher Präzision entlarven wir charakteristische Einzelmerkmale von Individuen, Gruppen oder ganzen Völkern und blähen diese zu riesigen "Vorurteilsdoppelgängern” auf. Diese verstellen uns nicht nur die Sicht auf die anderen Eigenschaften, sondern ketten uns auch aneinander. Die historischen Feindschaften von Völkern, die vererbten Familienfehden oder tradierten Gegnerschaften in Weltanschauungsgemeinschaften sind Kriege zwischen "Vorurteilsdoppelgängern”, die von Generation zu Generation weiter getragen werden. Die karmisch verfestigten Fesseln können erst dann abgestreift werden, wenn auch in Gemeinschaften die gleichen Erlösungswege begangen werden wie zwischen einzelnen Individuen. Auch hier, zwischen Gruppen, Gemeinschaften und Völkern wird nur der mutige Blick auf das Eigene im Fremden Erlösung bringen.


Nur wer den Geruch von Schwefel kennt, weiß Weihrauch zu schätzen
Die Begegnungen mit den Kinderschändern in uns macht Angst. Wer diese eitrigen Wunden betrachtet, für den ist Schluss mit esoterischer Romantik, auch Schluss mit verschleiernden, nett anzuschauenden anthroposophischen Büchern über das Böse. Dann ist aber auch der Augenblick erreicht, ohne den alle modernen Einweihungswege zu Larifari-Veranstaltungen verkommen.

Erst wer diese Höllenfahrt leibhaftig erlebt hat, kann sich an den Schalter mit der Aufschrift: "Auferstehung” anstellen. Der Weg nach ganz oben, führt durch das Kellergeschoss. Einweihungswege, die durch die Dunkelheit ins Licht führen, sind heute in allen Biografien zu finden. Fast scheint es, als suchten Menschen heute überall genau das, was Steiner als die wichtigste Aufgabe des neuen Menschen erkannt hat: Die Begegnung mit dem Bösen. Steiner redet zunächst nicht von der Verfolgung, der Zerstörung oder der Beherrschung des Bösen. Er will, dass die Menschheit sich dem Bösen gegenüber stellt. Das was auch manche Anthroposophen etwa als "ahrimanisierung" der Welt beklagen ist nichts anderes als der Anfang eines Initiationsritus, der Versuch, diesen Einweihungsweg zu gehen. Alles das, was gemeinhin als "Niedergang der Sitten und Werte” betrachtet wird, ist die verkappte Sehnsucht, endlich das Böse aus der Verdrängung zu holen. Wer nach wie vor das "Böse auf die Zinnen der Stadt” ausrangiert, wie Steiner dies in seinem "Fünften Evangelium” beschrieben hat, wer also weiterhin Gewaltfilme, Piercing, Pornovideos, Drogenkonsum, Killerspiele, Aggressionen und Destruktivität als zu bekämpfende Ausgeburt der Hölle betrachtet, der hat die Zeichen der Zeit verschlafen. Vor allem junge Menschen sind heute bereit, sich dem Bösen unmittelbar zu stellen. Nicht in betulichen Seminaren, sondern live und in Farbe vor Ort. Immer da, wo es weh tut, ist es echt - und nur echtes zählt.. Niemand muss zum Mörder werden um sich dem Bösen zu stellen. Aber er muss bereit sein, seine hässlichen Seiten anzuschauen, darf die Augen nicht vor den Abgründen verschließen. Wenn wir uns bewusst sind, dass unsere guten Seiten auch den guten Lebensumständen zu danken sind, wenn wir spüren, dass wir in einem ständig vom Einsturz bedrohten labilen Gleichgewicht leben, dann sind wir schon nah dran am Bösen. Nicht Verdrängen - Anerkennen.

Wenn wir aus unserem durch Inkarnationen hindurch selbst gebauten Gefängnis ausbrechen wollen, dann wird uns das nicht gelingen, wenn wir versuchen im Gefängnishof eine Leiter zu basteln, um die Mauern flinken Fußes zu übersteigen. Ehe wir nur eine Sprosse angebracht haben, wird unser Wärter die Leiter fortnehmen. Machen wir es den geduldigen Ausbrecherkönigen nach: Graben wir einen Tunnel durch die Unterwelt, wühlen wir uns durch die Kanalisation, nehmen wir uns die Zeit unserer vielen neuen Leben. Denn wenn wir dann auftauchen, sind wir zwar dreckig und stinken, aber unser Gefängnis ist weit weg und wir können die erkämpfte Frische der Freiheit endlich schätzen. Der schwarze stinkende Dreck, welcher an uns klebt, wird sich dann verwandeln in leuchtendes Gold.

Jetzt noch einmal: Niemand muss zum Mörder werden, um dem Bösen zu begegnen. Oder etwa doch? Was man aus den Beurteilungen Rudolf Steiners über diese Fragestellung ableiten kann, ist nur zu begreifen, wenn die herkömmlichen psychologischen, philosophischen und soziologische Erklärungsmuster zur Doppelgängerproblematik überschritten werden.

Unter Auslassung der üblichen anthroposophischen Begrifflichkeiten führt der moderne Weg zur alles durchstrahlenden Sonne mitten durch die ätzende Nacht. Aber diese Nacht ist nicht mehr stockdunkel wie in anderen frühen Zeiten, sondern eine Mut machende Lichtspur führt durch diese Nacht. Diese Spur hat einer gelegt, der diesen Weg bereits vor uns gegangen ist. Wenn uns der Mut verlässt, um in dieser peinvollen Dunkelwelt weiterzugehen, dann hat dieser Eine überall kleine gelbe Aufkleber hinterlassen: "Weil ich es geschafft habe, wirst du es auch können" steht darauf. Wenn wir dann dort sind, wo "die Liebe wohnen mag" wie es Frieder Nögge sagt, dann ist alles anders. Wir haben dann den Irrtum erlebt und zur gemachten Wahrheit umgestaltet; wir haben uns von der Illusion täuschen lassen und sie zur erneuerten Wirklichkeit verzaubert und haben aus dem Bösen etwas Gutes geschaffen. Diesen Gedanke der Wandlung und Überwindung aus dem echten Erleben mit der Dunkelheit hat der 1991 verstorbene Naturwissenschaftler und Pfarrer der Christengemeinschaft Friedrich Benesch noch weiter gefasst: "Das gilt für das ganze Weltall, auch für Götter. Denn auf dem Wege, auf dem ein Böses umgewandelt wird, kann sich etwas entwickeln, was ursprünglich gar nicht in dem Guten enthalten war. Dadurch, dass Gott sich die Widersacher geschaffen hat, hat er sich gezwungen, sein tiefstes Wesen noch anders zu offenbaren, als er es ohne sie hätte tun können." Zum dritten Mal: Muss ich zum Mörder werden, um das Böse zu erleben? Die Antwort ist so eindeutig und lautet: Nein. Aber wenn ich sicher sein will, niemals zum Mörder zu werden, dann muss ich mein mörderisches Potenzial, meine mörderischen Qualitäten wirklich erleben. Nur dann kann ich sie erlösen.

Wer seinen Kindern griesgrämig vorwirft, mit TV und Video nur "Leben aus der Konserve” zu konsumieren und am selben Abend im Lesekreis über alten Vorträgen brütet anstatt seine eigenen Wunden und Abgründe zu betrachten, der ist nicht unbedingt ein glaubwürdiger Helfer für seine Kinder. Nur wer den Geruch von Schwefel kennt, weiß Weihrauch zu schätzen.


"Ich bin Ahriman”
Alles wird anders, wenn man die Spiegelbrille der Projektion wenn nicht ablegt, so doch als solche erkennt. Wer bereit zur Schattenarbeit ist, kann seine missbrauchten Energien wieder aufbauend nutzten. Dann fühlen wir uns nicht mehr als ein verlorener Teil irgendwo in der Welt, sondern wir werden gewahr, dass die Welt in uns ist. "Nichts ist innen, nichts ist außen, denn was drinnen ist, ist draußen”. Das Böse, Ahriman, Luzifer, die geistige Welt, Christus - das ist nicht irgendwo weit weg. Das ist ganz nah. In uns. Das sind auch wir. Es braucht Mut, diesen Satz zu sagen: "Ich bin Ahriman”. Erst im praktischen, täglichen Leben wird schmerzvoll spürbar, wie viel Tapferkeit dazu nötig ist. Auch die Biografie Steiners z.B. ist voller Höllenfahrten zu menschlichen Enttäuschungen und dunklen Begegnungen mit erbitterten Feinden. Die Beschreibungen von Zeitzeugen, wie Rudolf Steiner vor dem brennenden ersten Goetheanum stand, lassen das Bild eines Menschen entstehen, der vor der Zerstörungskraft des Bösen menschlich in die Knie gegangen ist, um dann wieder aufzuerstehen.


"Ich bin Christus”
Das Bekenntnis zur Dunkelheit erfordert Mut. Noch mehr Mut braucht es aber zu sagen: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben”. Der Satz, dass wir nur das sehen können, was Teil von uns ist, dass wir nur den Geist sehen können, der wir sind, dieser Satz hält weitere köstliche Erkenntnisse verborgen.

Wenn wir die Kreativität eines Künstlers bewundern und verehren, bewundern wir nur das, was in uns selbst verborgen lebt. Nur wer schematisch nach derselben Form sucht, wird enttäuscht. Wer die Kreativität eines Malers bewundert und über seine eigene Unfähigkeit auf diesem Gebiet jammert, hat nur noch nicht bemerkt, mit welcher schier endlosen kreativen Phantasie er Job, Familie und freie Lebenszeit mühelos unter einen Hut bekommt. Wer in einem Penner nur einen dreckigen Haufen sieht, der sieht nicht mehr oder weniger als einen Teil seiner selbst. Wer ehrfürchtig in seinem geringsten Bruder das Antlitz des Höchsten erkennt, der erkennt etwas, was er selber ist.

Begegnung ist immer Selbstbegegnung, das gilt eben nicht nur im Schatten, sondern auch für die geweihten und lichten Erfahrungen. Auch hier ist die Bewusstwerdung des eigenen schöpferischen, leuchtenden Anteils nur der erste Schritt. Auch hier ist die Anerkennung der Lichtgestalt nur dann vollendet, wenn wir diese herzlich zur Mitarbeit an unserem "Kunstwerk Biografie” (Archiati) einladen. Ein herzhaftes "Ja” zu unseren göttlichen Eigenschaften, ein kräftiges Bekenntnis zur eigenen Herrlichkeit und die heiße Liebe zu uns selbst, genau so wie wir sind, das macht uns nicht stumpf gegenüber anderen Menschen, sondern weckt erst die Kräfte, um auch im Gegenüber den unsterblichen, heiligen Geist lustvoll zu erleben. Dann erleben wir uns gegenüber im Menschen und das Gegenüber in uns. Wir lieben unseren Nächsten wie uns selbst und haben die schmerzenden Wunden in wohltuende Weisheit verwandelt. Doppelgänger sei dank.

Ach ja, eigentlich sollten Sie, verehrte LeserInnen diesen Artikel schon im November lesen, dann im Dezember, nun ist es Januar 2004. Sie kennen ja jetzt meine charmante Freundin "Ulla, die Unpünktlichkeit”. Ich hoffe, Sie verzeihen uns diese Verspätung... Ach, Sie sind pünktlich und können Unpünktlichkeit echt nicht leiden? Frohes neues Jahr - und liebe Grüße an Ihren Doppelgänger.