Prochnows Stichwort Anthroposophie
Was ist ein Seelenkalender?
Von Jens Roland Prochnow
Hält man sich einige Zeit in anthroposophischen Zusammenhängen auf, taucht früher oder später ein netter, harmloser älterer Herr mit einem seltsamen Miniatur-Buch auf und trägt daraus nahezu unverständliche Verse vor. Keine Angst, das sind keine Zauberformeln, sondern Sprüche aus dem Anthroposophischen Seelenkalender. Seelenkalender? Braucht meine Seele denn auch einen Kalender? Die Antwort lautet: Ja.
Ein Jahr hat 52 Wochen. Das weiß jeder. Und jede Woche ist anders. Das weiß auch jeder, aber manchmal bringt einen bloßes Wissen nicht weiter. Die Wochen unterscheiden sich nicht nur in den Menschen und Situationen, die mir begegnen, oder in den Erfahrungen, die ich sammele. Nehme ich ein Jahr als Ganzes, finden sich in ihm spezifische Rhythmen - die Jahreszeiten. Herbst und Winter brechen aber nicht zufällig über mich herein, sie sind der natürliche Ausdruck von Kräften, die schon nicht mehr allein von der Erde kommen. Obschon ich auf der Erde lebe: die Richtkräfte meines Erlebens stammen nicht von ihr.
Ich kann diese Richtkräfte weitestgehend ignorieren. Ich kann den Sommer zum Winter machen und den Frühling zum Herbst: Heutzutage kann ich an Winterabenden so lange lesen, wie ich will, und an Sommertagen in Hallen Schlittschuh fahren oder Eis laufen. Das war noch vor einigen Jahren nicht möglich. Vielleicht kann es deswegen gerade interessant sein, mich anhand der kurzen Verse Steiners wieder in das Empfinden des Jahreslaufs einzugliedern. Vielleicht brauche ich sie nur als Krückstock, um etwas zu empfinden, dem-gegenüber ich mich schon entfremdet habe.
52 Sprüche, für jede Woche einen, los geht's mit dem ersten Spruch zu Ostern: Wenn aus den Weltenweiten die Sonne spricht zum Menschensinn... Ein Problem: Die Sonne spricht nicht, zumindest nicht zu mir. Da können mir noch so viele Damen oder Herren den Spruch vortragen: Ich höre nichts. Wenn ich mich mit Steiner beschäftige, muss ich mir in jeder Minute vor Augen halten, in welcher Ebene der Realität ich mich gerade aufhalte. Und sollte ich eine Realität auffinden können, in der Sonnen sprechen können, sollte ich mich nun schnellstmöglich in diese begeben.
In 26 Sprüchen wird nun ein Weg der irdischen Ent-Äußerung ins Kosmische und der gleichzeitigen kosmischen Er-Innerung ins Irdische vollzogen. Dieses Motiv schlägt genau zwischen dem 26. und 27. Spruch wieder um. Im 52. und letzten Spruch wird somit wieder der Bogen vom ersten zum letzten Spruch gespannt: Wenn aus den Seelentiefen der Geist sich wendet zu dem Weltensein... So hat jeder Wochenspruch des Seelenkalenders seinen "Spiegelspruch". Zwischen Spruch und Spiegelspruch trifft sich Inneres und Äußeres - Inneres wird zu Äußerem und umgekehrt - Empfinden entsteht.
Das ist die erste Zumutung des Seelenkalenders: Jede Bewegung hat eine Gegenbewegung. Jeder der 52 Sprüche hat einen Spiegelspruch. Das ist eine Zumutung, weil es mich herausfordert. Gerne würde ich morgens nach dem Aufstehen gedankenfrei meine Verse herunterleiern, um mich "eins mit dem All" zu empfinden. Ich merke: So einfach geht das doch nicht. Der Seelenkalender gibt mir nur einen kräftigen Stoß in eine bestimmte Richtung. Gehen muss ich alleine.
Aber es gibt noch eine zweite Zumutung: Diese Sprüche gelten nur für die nördliche Hemisphäre des Erdballs. Während ich im tiefsten Winter lebe, ich selbst mich ebenso wie die Erde ganz tief in sich selber zurückziehe, ist es auf der südlichen Hemisphäre Hochsommer - Ausströmung. Auf dem genau entgegengesetzten Pol meines Daseins gilt der "Gegenspruch", will ich nicht nur zeitlich, sondern auch räumlich die Gegenwart erleben. Nähme ich diesen Anspruch wirklich mit aller Konsequenz ernst, müsste ich jeden Tag alle 52 Sprüche lesen. Jeder gilt gerade auf irgendeinem Punkt der Erde.
Spruch, Spiegelspruch, Gegenspruch - das klingt ungeheuer kompliziert und theoretisch. Ist es aber nicht. Alles reden über etwas ist kompliziert und theoretisch. Die Praxis des Seelenkalenders besteht nicht darin, dass man über sie lange philosophiert, sondern in der Beschäftigung mit den Sprüchen selber. Ich kann sie mir in steifen Veranstaltungen vorlesen lassen, aber auch mich selber mir ihnen auf die Reise begeben.
Die Verse sind nun über 90 Jahre alt, leicht zugänglich sind sie nicht. Warum nicht selber etwas dazu schreiben? Ich habe jedes Recht der Welt, meine Gedanken, Empfindungen und Bemerkungen in den Seelenkalender zu notieren. Ich gehe alleine, aber andere gehen mit mir. Viele tausend Menschen beschäftigen sich regelmäßig mit den Versen des anthroposophischen Seelenkalenders. Sie kann ich auffinden, und sie gehen mit mir - vielleicht nur ein kurzes Stück, vielleicht aber auch ein Leben lang.
Zur Verschönerung des Alltags bieten gleich zwei Internetforen praktische Textausgaben des Seelenkalenders auf Deutsch: Von der Seite http://www.anthroposophy.net/ aus auf "Calendar Of The Soul" klicken, schon steht der aktuelle deutsche Spruch auf dem Computermonitor. Noch komfortabler: Von http://www.anthrovista.com aus auf "Extra" klicken (rechts) und dann auf "Weekspreuken" (links)1: Hier lässt sich Software für Windows, Mac und Linux herunterladen, die automatisch den richtigen Spruch auf dem Computer öffnet.
Der Seelenkalender ist nicht nur ein Buch, das hübsch anzuschauen ist. Will er wirklich zu einem Jahr der Seele werden, muss ich mit ihm arbeiten - seelisch. Seelisch heißt: Wut, Ekstase, Freude, Schmerz, Trauer, Liebe, Hass, Zorn, Geiz. Wenn ich mich diesen Zuständen nicht aussetzen mag, kann ich mich mit allem möglichen beschäftigen. Aber bitte nicht mit Rudolf Steiner... Das hat er nicht verdient.
Literatur: Rudolf Steiner - Die Wochensprüche des anthroposophischen Seelenkalenders im Doppelstrom der Zeit beider Hemisphären. Rudolf Steiner Verlag. 144 Seiten, 20 Euro.
Rudolf Steiner - Der Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde und die vier großen Festzeiten. Rudolf Steiner Verlag. 174 Seiten, Taschenbuch Tb 719 (9 Euro) oder in violettes Leinen gebunden GA 223 (26 Euro). Fußnote: 1. Oder direkt über www.calendarofthesoul.net. Installation ist auf niederländisch (Immer auf "Ja" klicken), der Seelenkalender selber auf Deutsch.
|