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Vier Paradigmen am Ende des 20. Jahrhunderts
Von Frank Meyer
Maschine und Computer sind die bisher mächtigsten Paradigmen der westlichen Welt. Der Organismus und der Transporter könnten die Zukunft bestimmen. Die Maschine
Das Wesen der Maschine erschöpft sich in statischen physikalischen Rahmenbedingungen und vorbestimmten mechanischen Abläufen. Die Anordnung von Elektronen um einen Atomkern, der Aufbau eines Moleküls, die Struktur von Kristallen, Morphologie und Funktionsweise eines Gens, Anatomie und Physiologie von Zellen, Organen und Lebewesen, der Aufbau der Erde, des Sonnensystems, des Universums, die Strukturen und Abläufe in Wirtschafts- und Regierungssystemen werden nach ihrem Modell vorgestellt. Die Maschine ist ebenso unerbittlich wie präzise. Als Uhrwerk stellt sie ein autonomes System dar, das seine Zuverlässigkeit direkt vom großen Uhrwerk unseres Sonnensystems ableitet. In der arbeitsteiligen Wirtschaft wurde das Uhrwerk zum zentralen Orientierungspunkt und die Zeit zur Ware. Die Uhr am Werkseingang symbolisiert: Time is money. Das Modell des Menschen als Maschine hat seinen vorläufigen Höhepunkt in der modernen Organverpflanzungs- und Organersatzmedizin. Als Modell der staatlichen Machtausübung dient es der globalen und zentralistischen Steuerung des gesellschaftlichen Lebens in vormundschaftlichen Systemen. Ein führender GRÜNEN-Politiker hat jüngst geäußert, jetzt käme alles darauf an, die verschiedenen Ebenen der Parteiführung zu »verzahnen«. Die Schwäche der Zahnradmechanismen liegt in ihrer Anfälligkeit für Sand im Getriebe. Deshalb setzen sie auf Redundanz in der Machtausübung sowie auf strategisch ausgeklügelte Verteilungs- und Kontrollmechanismen, was sie letztlich obsolet, weil zu schwerfällig und zu teuer macht. Das Maschinenwesen ist unersättlich. In totalitären Staaten und Weltkriegen frißt es ganze Bevölkerungsgruppen. Ansonsten ist ihm das Energie- und Rohstoffproblem immanent. So wie die Maschinenwirtschaft in die Rohstoff- und Energiekrise führt, krankt der als Maschine geführte soziale Organismus an einer ins Unbezahlbare steigenden Abgaben- und Steuerlast. Die Erste Welt verdankt der Maschine ihren Wohlstand, die Dritte verdankt ihr das Elend. In der Zweiten ist die Maschine an sich selbst verreckt.
Der Computer
Während die Maschine in den letzten 300 Jahren das dominierende Modell war, wird es am Übergang von der Industrie- in die Informationsgesellschaft vom Computer abgelöst. Obwohl ebenfalls nur eine, wenngleich hochentwickelte Maschine, verfügt der Computer über einen höheren Grad an Autonomie als das Uhrwerk. Die Frage, ob Computer denken könnten, basiert zwar auf einem Denkirrtum, bringt jedoch zum Ausdruck, welche Erwartungen in dieses Modell gesetzt werden. Nicht nur das Gehirn, sondern die ganze Welt in ihrer Vielfalt wird als Computer vorgestellt, der sich auf der Grundlage kybernetischer Regelkreise nach dem Modell eines Thermostaten selbst steuert. Auf allen Ebenen der Erscheinungswelt werden Prozesse der Informationsübertragung und -interpretation beschrieben, die der essentielle Bestandteil des kybernetischen Welt- und Menschenbildes sind. Moderne vernetzte Stapelprozessoren sollen bald dazu dienen, das menschliche Gehirn in einem Rechner von der Größe einer Schuhschachtel zu simulieren. Daß, was auch immer in diese Box hineinprogrammiert wird, nur sinnlose elektrische Impulse sind, die erst mit der Interpretation durch einen menschlichen Beobachter zu einer Information werden, liegt außerhalb des Horizontes dieses Modells. Die Vorhaben führender Wissenschaftler auf den Gebieten der Künstlichen Intelligenz und der Robotik, den menschlichen Geist auf eine Maschine hochzuladen und die Evolution auf das neue Medium des Computers zu verlagern, sind Ausdruck eines allgegenwärtigen technologischen Faschismus, der die Endlösung für den Menschen im Verschwinden in der Maschine sucht. Biologie, Sozialwissenschaften, Psychologie und Verhaltensforschung orientieren sich am Modell des Menschen als Computer. Wo diese Modellvorstellung vom Menschen als Computer für die Wirklichkeit genommen wird, scheint nichts dagegen zu sprechen, Computer zukünftig nicht länger als untergeordnete Werkzeuge zu betrachten, sondern sie in die Rolle gleichberechtigter digitaler Assistenten und übergeordneter autonomer Handlungsträger zu versetzen. In der gentechnischen Medizin, wo die Vorstellung, der Mensch folge wie ein Computer einem vorprogrammierten Code, am tiefsten verankert ist, wird der Mythos genährt, Krankheiten und nicht konforme Verhaltensweisen seien gleichsam als Fehler im Betriebssystem zu verstehen. Geschäftig arbeitet man daher an der nächsten Version. Jeder Computernutzer hingegen weiß um die bösen Überraschungen, die ihm angeblich fehlerfreie Updates bereiten.
Der Organismus
Die Wende zum biologischen Paradigma wird vollzogen, wo komplexe Systeme, zum Beispiel durch den Zusammenschluß von mehreren Computern zu einem Netzwerk, entstehen, deren Verhalten nicht mehr vorherbestimmbar ist. Stetig wechselnden Rahmenbedingungen begegnen diese Netzwerke mit Strategien, die nicht nur Selbsterhaltungscharakter tragen, sondern schöpferische Lösungen darstellen. Die kreativen Eigenleistungen von Organismen sind weder aus ihren Einzelbestandteilen, noch durch außerhalb von ihnen liegenden Gesetzmäßigkeiten zu erklären. Der Typus eines Organismus verwirklicht sich in diesem von innen heraus und kann in seiner Eigen-Art als Individualität verstanden werden. Medizinische Richtungen, in denen man sich um eine solche Wesenserkenntnis bemüht, arbeiten vorwiegend intuitiv, und nicht rein analytisch: verschiedene Formen der Pflanzenheilkunde, Homöopathie, die von Rudolf Steiner angeregte anthroposophische Medizin. Die Tatsache, daß soziale Organismen über eine größere Weisheit verfügen als Einzelpersonen, liegt jeder wirklichen Demokratie zugrunde. Wo jedoch eine Wissenschaft vom Menschen als selbstschöpferischem Wesen fehlt, mündet Demokratie in Faschismus. Demagogische Zerrbilder des biologischen Denkens haben sich in unserem Jahrhundert in den vielfältigen Spielarten des Biologismus bis hin zum völkischen Rassismus gezeigt. Wenn schlechthin alles als Lebewesen angesehen wird, ohne die moralische Dimension des in ihm wirksamen Typus aufzusuchen, werden die Grenzen von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Maschine und zwischen den biologischen Arten der bloßen Beliebigkeit anheimgegeben, die ein Panoptikum von Cyborgs und Chimären eröffnet, das den Höllen eines Hieronymus Bosch würdig wäre.
Der Transporter
Teleportation, das heißt die Verschiebung physikalischer Eigenschaften über beliebige Entfernungen hinweg, ist bis jetzt zwar erst mit kleinsten Teilchen, deren Existenz kaum mehr als hypothetisch ist, gelungen, dennoch handelt es sich um mehr als ein bloßes Science-Fiction- Märchen. »Beam me up, Scottie« - der legendäre Transporter im Raumschiff Enterprise ist zum Symbol für einen ganzen Wissenschaftszweig geworden, der sich mit der sogenannten Quanten-Teleportation befaßt. Vor wenigen Tagen erst haben Physiker in Kalifornien das erste erfolgreiche Teleportations-Experiment mit einem Lichtstrahl abgeschlossen. Österreichischen Forschern war bereits 1997 die Teleportation eines Photons gelungen. Bei der Teleportation wird nicht das Teilchen selbst, sondern werden nur dessen Eigenschaften übertragen. Die Überwindung des Raumes wird somit zu einer Frage des Datendurchsatzes und der Schöpfung aus dem Nichts. Zeit spielt für Teleportationsreisen keine Rolle mehr, denn die Übertragung erfolgt mit Lichtgeschwindigkeit. An die Teleportation eines Menschen möchte man zwar noch nicht denken, aber immerhin wird bereits über einfache Bakterien geredet. Wenngleich Übertragung der Quanten-Eigenschaften eines größeren Körpers von einem Ort zum anderen mit Lichtgeschwindigkeit wohl erst in einer ferneren Zukunft technisch möglich sein wird, so sind doch viele Aspekte der sich daraus ergebenden Telepräsenz in Echtzeit im medialen Fleisch der modernen Kommunikationsnetzwerke bereits vorweg genommen. Geistheilung und Fernwirken spielen eine zunehmende Rolle in der alternativen Medizin. In den populären Systemen, wie sie heute mit Modellen aus der Quantenphysik beschrieben werden, werden räumliche und zeitliche Begrenzungen, aber auch festgeglaubte Grenzen zwischen Materie und Geist durchlässig. Zeitreisen und Paralleluniversen sind längst Bestandteile im wissenschaftlichen Diskurs. Weil diesen wissenschaftlichen Modellen nicht selten der konkrete anthropologische Bezug ebenso fehlt wie die technischen Möglichkeiten zu ihrer Überprüfung, bleibt ihr hauptsächlicher Einsatz dennoch vorerst den Dichtern und Künstlern vorbehalten. Ihre mythenbildenden Visionen von der Überwindung von Raum und Zeit kommen am Ende des finsteren Zeitalters des Materialismus einem tieferen Bedürfnis nach Transzendenz entgegen. Im Transporter der Enterprise löst sich der physische Leib in Geist auf. Damit dürfte das abendländische Streben nach Entkörperlichung und Überwindung des Fleisches an ein vorläufiges Ende gekommen sein. Zumindest im Fernsehen.
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