magazin info3/archiv/Oktober 2003

Wer ist Ken Wilber?

Ein Focus heutiger Spiritualität

Von Jens Heisterkamp

Der Schriftsteller mit dem Markenzeichen des kahlrasierten Schädels wirkt wie das transpersonale Bewusstsein in Person: Ken Wilber praktiziert und reflektiert moderne Spiritualität gleichermaßen; er lebt, was er schreibt und schreibt, was er lebt. Seine fast mönchische Lebensführung verbindet er mit einer Anteilnahme an allen Problemen des modernen Lebens. In Schriften wie seinen Tagebüchern Einfach Das legt er aber auch persönlich-biographische Erlebnisse sowie meditative Erfahrungen in großer persönlicher Offenheit seinem Publikum offen.


1949 in den USA geboren, studierte Wilber Biochemie und gab ein Promotionsvorhaben auf, um sein erstes Buch zu schreiben, das 1977 unter dem Titel Spektrum des Bewusstseins erschien. Es folgten Das Atman-Projekt (1980) und Halbzeit der Evolution (1981) sowie weitere Titel, während er sich seinen Lebensunterhalt mit Aushilfsjobs verdiente.


1983 schloss er seine zweite Ehe mit Terry Killam, eine "Liebe auf die erste Berührung", wie Wilber später schrieb. Noch vor Antritt der Hochzeitsreise wird bei Terry Brustkrebs diag-nostiziert. Fünf Jahre lang kämpfen Ken und Terry, die sich später Treya nennt, gegen die Krankheit. Die bewegende Geschichte des Paares mit all ihren Höhen und Tiefen hat Wilber in seinem vielleicht bekanntesten Buch Mut und Gnade verarbeitet. Von Mitte der 90er Jahre an veröffentlicht Wilber regelmäßig umfangreiche Grundwerke, in denen er nicht nur eigene Ideen entwickelt, sondern sich auch intensiv mit maßgeblichen wissenschaftlichen Strömungen auseinander setzt.


Wilbers Werk wurzelt dabei in einer spirituellen Grunderfahrung, die der seit 25 Jahren praktizierende Meditant offenbar souverän beherrscht. Bei der von ihm so genannten "Standardtechnik der Selbsterforschung" macht sich der Übende schrittweise klar, welche Objekte sein Bewusstsein vorfindet: die Wolken, die am Himmel vorüberziehen, die Gefühle, Erinnerungen, Gedanken: all dies kann ich haben, ich kann mich davon unterscheiden, also "bin" ich es nicht. Sogar die Vorstellung meines eigenen Subjektes, mein alltägliches Ich, habe ich - als eine Vorstellung unter anderen - und "bin" es nicht. Durch dieses Bewusstmachen wird dem Übenden klar, dass bei all dem, was kommt und geht, etwas anderes im Spiel ist, das angesichts der wechselnden Objekte immer konstant bleibt: dieses Konstante ist das Beobachten selbst. Dieses absichtslose Gewahren konstituiert eine Sphäre "oberhalb" des Dualismus von Subjekt und Objekt. Auf dieser trans-dualistischen Ebene gilt: "Ich bin kein Objekt. Ich bin der reine Zeuge all dieser Objekte. Ich bin Bewusstsein als solches" (Das Wahre, Schöne, Gute S. 410). Dieses wahre Sein des Ich als reines Bewusstsein ist wesensgleich mit dem wahren Grund der Welt und der Dinge; in Wirklichkeit gibt es keine Unterscheidung. Unser gewohntes, isoliert und begrenzt erfahrenes Ich-Bewusstsein ist nur die Folge einer leiblich und seelisch bedingten "Kontraktion" (Wilber).


Jenes Erwachen zum transdualistischen wahren Selbst hat in den verschiedenen Kulturen unterschiedlichsten Ausdruck gefunden. So ordnet Wilber im christlichen Kontext dieser Erfahrung das berühmte Pauluswort "nicht Ich, sondern der Christus in mir" zu (Einfach Das, S. 104). Ausdruck dieses Grundkonsenses aller großen Weisheitstraditionen, Religionen und Philosophien der Welt ist die Idee einer "philosophia perennis" (der ewigen Philosophie). Ihr verbindendes Motiv bildet die Möglichkeit eines Durchdringens zur wahren Wirklichkeit, zum GEIST durch meditative Übungen. Mitwirkende an diesem Strom sind für Wilber etwa die indische Philosophie des Vedanta, der Daoismus, der Shintuismus, der Buddhismus in seinen verschiedensten Spielarten, Religion und Spiritualität des Judentums, der Sufismus im Islam, die Philosophien von Plato und Aristoteles, die christliche Gnosis, die Kirchenväter - besonders Origines, die christlichen Mystiker, die deutschen Idealisten von Fichte bis Hegel. Als wichtigste persönliche Quellen nennt Wilber die indischen Weisen Krishnamurti, Sri Ramana Maharshi sowie Plotin.


Mit diesem Aspekt der Synchronizität unterschiedlichster spiritueller Ansätze verbindet Wilbers Denken eine historische Dimension. Dabei unterscheidet er typische Abfolgestufen eines Welt und Mensch durchziehenden Entwicklungsfortschritts in der Evolution des Bewusstseins. Die damit einhergehende Hierarchisierung niederer und höherer Bewusstseinsstufen sowie sein Plädoyer für ein kritisch-rationales Element des transpersonalen Bewusstseins hebt Wilber polemisch gegen die von ihm so genannte "Flachlandspiritualität" sowie gegen archaische Formen von Esoterik und des New Age ab. Ken Wilber ist heute einer der meistgelesenen Sachbuchautoren in den USA. Eine Übersicht zu Ken Wilber und Kontakte in Deutschland unter: www.ak-kenwilber.de