NOKIA realisiert Vision von Joseph Beuys - Das Jenseits ist nicht mehr im Jenseits, sondern im Diesseits...
Von Sebastian Gronbach
12.3.2004
NOKIA realisiert Vision von Joseph Beuys Das Jenseits ist nicht mehr im Jenseits, sondern im Diesseits...
Bereits vor einigen Jahren veröffentlichte Jens R. Prochnow einen Text auf seiner Homepage, den der Düsseldorfer Kunstprofessor Joseph Beuys knapp ein Jahr vor seinem Tod bei einer Ansprache ausgeführt hatte. Beuys sprach damals vom „Projekt einer autonomen Zeitschrift“ und sagte: „Ich möchte sogar noch einen Schritt weitergehen und jeden Menschen dieses Planeten dazu aufrufen, eine eigene Zeitschrift zu gründen, dort seine Gedanken, Empfindungen - aber auch Freuden und Ängste zu äußern und sie anderen Menschen zur Beurteilung zu überlassen. Ein solches Projekt der permanenten Konferenz erfordert den Mut des Einzelnen und den unbedingten Respekt der Gemeinschaft. Jeder Mensch verfügt über Träume, Phantasien und Erfahrungen, die mitteilungswürdig sind. Fiktiv bleiben sie nur dann, wenn man sie für sich behält. Im Prozess der Entäußerung wird der Mensch zum Bildner einer neuen, niemals da gewesenen Realität, zum Schöpfer seiner eigenen Welt und somit auch zum Erkenntnisorgan des gesamten menschlichen und sozialen Organismus. Schreiben Sie Artikel, gründen Sie Zeitschriften! Gestalten Sie Ihr Bewusstsein zum Platz der Völker, zur totalen Inkarnation, zum Sinnesorgan des Weltgeistes! Und zwar jetzt und sofort!“
Nun, Zeitungen sind es nicht geworden, aber es kam noch besser: Durch das Internet wurde es möglich sich dieser Vision zu nähern. Webblogs, private Tagebücher im Internet, erfreuen sich großer Beliebtheit. Die anthroposophischen Blogs hat Prochnow bereits kommentierend zusammengefasst.
Vergangenes Jahr wurden „Photoblogs“ populär, mit denen der Alltag durch Schnappschüsse von Digitalkameras und Fotohandys auch von unterwegs dokumentiert werden kann. Der finnische Handy-Hersteller Nokia geht noch weiter: Eine PC- und Handy-Software soll ab Sommer aus Mobiltelefonen automatisierte elektronische Tagebücher erstellen, in denen durch die Sammlung von gelesenen Nachrichten, SMS, geknipsten und erhaltenen Fotos oder auch Gesprächmitschnitten, das Leben des Telefonbesitzers dokumentiert wird. Somit wird die Forderung von Beuys nach autonomen Zeitschriften und permanenten Konferenzen technisch ermöglicht und potenziert.
Authentischer Eindruck Die „Lifeblog“-Software soll Handybesitzern helfen die Informationen, die auf ihrem Mobiltelefon gespeichert sind, so zu organisieren, dass daraus ein authentischer Eindruck vom Tagesablauf des Users entsteht. Schließlich kommt einiges zusammen, wenn das Handy als Allzweckkommunikations-, Unterhaltungs- und Geschäftsinstrument benutzt wird, wenn man mit Mobiltelefonen Fotos und kurze Filme aufzeichnen kann, Töne aufnimmt, SMS, E-Mail, Text- und Multimedianachrichten verschickt und empfängt. „Das Mobiltelefon wird praktisch zum Protokollanten des Lebens seines Halters“, sagt Christian Lindholm, Leiter des „Lifeblog“-Projekts. „Die Menschen sind Sammler, es muss in unseren Genen angelegt sein, Dinge aufzuheben“, so Lindholm. Für ihn hat sich durch das Fotografieren und Nachrichtenschreiben mit einer Hand eine eigene Kultur entwickelt, die so genannte Snapping-Kultur. „Man dokumentiert praktisch so nebenbei, mit einer Hand, sein Leben. «Lifeblog» Version 1.0 soll nächste Woche auf der Cebit vorgestellt werden und Ende Juni auf den Markt kommen.
Das Jenseits ist nicht mehr im Jenseits, sondern im Diesseits. Was würde Rudolf Steiner dazu sagen? Vielleicht das: „In Zukunft wird jeder Mensch haben, zu jeder Zeit, Einblicke in das Leben seiner Mitmenschen. Er wird sehen können die täglichen Entwickelungen, Gedanken, Taten und Gefühle, seiner Mitmenschen. Dazu wird nicht nötig sein, das tatsächliche Danebenstehen in Raum und Zeit. Die Menschen werden sich über unsichtbare Schwingungen von einander in Berichten erzählen und im Erleben des Anderen ihr eigenes Erleben neu begreifen. Es wird sein ein Erwachen am Anderen. Man wird sein Ich immer mehr dadurch erleben, dass man erlebt, was der andere denkt, fühlt oder in Taten wirkt. Mein Ich wird im Gegenüber erlebt. Nicht erst im Nachtodlichen wird sich diese Entwickelung hervortun, sondern bereits auf dem Erdenplan. Diese Dinge werden sein; aber als solches Bemerken, werden sie nur diejenigen, die bereits heute sich darauf vorbereitend auf den Weg gemacht haben.“
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