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9.7.2006 - 12:00
Glückwunsch, Deutschland! Weiter so!
Ich bin restlos begeistert.
Bei jedem einzelnen Deutschlandspiel dieser WM war ich zwar vorher immer noch misstrauisch - überflüssigerweise, wie sich jeweils herausstellte -, aber jetzt bin ich wirklich überzeugt; das gestrige Fußballdeutschland-Erlebnis war untoppbar super. Und ich will noch eins draufsetzen auf die landesweite Euphorie: Es ist nicht nur einfach so, dass Normalität im Verhältnis zum eigenen "Land" einzukehren scheint. Wer auf diese Art und Weise einen dritten Platz feiern kann, wie das gestern geschehen ist (und heute geschieht) - und eben nicht den ersten -, wer als Fan den Altstar der gegnerischen Mannschaft bei seiner Einwechslung mit Applaus begrüßt und wem es gelingt, die geschlagene Mannschaft samt Trainer und gegnerischer Fans unmittelbar nach Spielgewinn in die friedliche Freude einzubeziehen, der strahlt ganz offensichtlich etwas aus, was man nur noch bedenkenlos sympathisch finden kann: arglose Souveränität und Lebensfreude --- und das sogar noch nahezu geschlossen von der gesamten internationalen Presse bescheinigt.
Ich sag's ganz ehrlich: Was in deutschen Landen in den vergangenen Wochen passiert ist, habe ich vor der WM in den nächsten zwanzig Jahren für unmöglich gehalten. Das geht wohl vielen so, die ähnliche Vorbehalte hatten. Ein nettes Dokument des Glaubenswandels findet sich hier: Flagge zeigen? Und Reinhard Mohr bringt bei Spiegel-online die Wandlung auf den Punkt: Wir können auch anders:
"Wahnsinn. Am Ende ist es doch noch ein Märchen geworden. Der dritte Platz wird wie der Titel gefeiert. Ein Sieg ohne den absoluten Triumph, der alle Trauer weggespült hat. Auch etwas Neues in Deutschland: Man muss nicht immer Allererster sein, um sich glücklich zu fühlen. Auch der Weg ist das Ziel. Wie oft war Deutschland "Exportweltmeister" und doch so schlecht drauf? Wie oft waren wir mit allem Möglichen ganz vorne dran, "Weltspitze", und konnten es doch nicht genießen, weil es abstrakt blieb, eine selbst auferlegte Pflicht, die "ohne Murren" zu erfüllen war? Wie oft haben wir brav unsere "Hausaufgaben" gemacht und zogen doch kein Gefühl der Befriedigung, gar Befreiung daraus? - Jetzt merken wir: Es geht auch anders. Es gibt sie eben doch, die gefühlten Siege, die weder Einbildung noch Anmaßung sind, sondern unvergessliche Augenblicke des Lebens."
Geradezu bizarr weltfremd muten vor dem Hintergrund der fußballbegeisterten vergangenen WM-Tage einige Leserbriefe an, die die info3-Redaktion zum Beitrag WM für die Seele meines Kollegen Sebastian Gronbach in der Juni-Ausgabe erreicht haben. Da schrieb eine Einwohnerin der Hauptstadt beispielsweise "… mit herzlichen Grüßen aus dem bereits vor WM-Start Fußball-müden Berlin". Heißa, fragt man sich da interessiert, aber vollständig neidlos: Wo gibt's denn nur diese realitätsverzerrenden Drogen zu kaufen?
Glückwunsch, Deutschland. Weiter so!
Zu obigem Blogeintrag erreichte mich am Abend des WM-Finales ein Kommentar, der einmal mehr den Umstand illustriert, wie eine vermeintlich notwendige Lösungssuche der massivste Teil des Problems ist. Ich gebe Kommentar nebst Antwort hier ausnahmsweise wieder:
xxx wrote: Begeisterungswahn allerorten! Grenzend an Massenhysterie! Deutschland im Schwarzrotgoldtaumel. Woher dieser pötzliche "positive" Patriotismus? Patriotismus kann nicht positiv sein, da er ein Anachronismus ist. Wir wollen nach Europa und machen die Rolle rückwärts in den Nationalismus, der mit Hilfe des harmlosen Fußballs schon mal geübt wird. Das Volk spielt mit. Brot und Spiele. In Belin wird "durchregiert", wir habenn uns narkotiseren lassen. Neue deutsche Weltoffenheit? Eher der Anfang eines neuen ( positiven?) Nationalismus. Was wird hier schon mal geprobt? Ich befürchte Schlimmes durch die Schleusenöffnung, die dieses Fahnengeschwenke symolisiert. An Deutschland fand ich es immer sympathisch, dass alles national überschwängliche doch kritisch begleitet wurde. Dies ist nun vorbei. Man wird geächtet, wenn man offenbart, dass man mit diesen ganzen Symbolen nichts anfangen kann. Kotzende, grölende, halbnackte, tätowierte und alkoholisierte Volltrottel werden als fröhlich feiernde Menschen dargestellt. Die Medien "feiern" mit. Es gibt keine Differenzierungen mehr. Was sagte der Maler Liebermann auf dem Dach seines Hauses am Brandenburger Tor am Tag der Machtübernahme durch Hitler beim Anblick des Brimboriums unter ihm: "Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte!" Dem bleibt erstmal nichts mehr hinzuzufügen.
Lieber xxx, Wer zu spät kommt, den bestraft die Straßenbahn. Entspannen Sie sich, gehen Sie mal um die Ecke zu Ihrem Lieblings-Italiener, klopfen Sie ihm gratulativ auf die Schulter und Sie werden einen vorzüglichen Grappa bekommen, den sogar Sie vertragen, ohne kotzen zu müssen. Herzlich, Felix Hau
fh
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31.5.2006 - 09:45
Ein Einblick ins wunderbare info3-Leben
Mittwoch, 31. Mai - 00:05 Uhr: Ich als alte Nachteule sitze in unserem entzückenden Redaktionshäuchen und schreibe noch ein bisschen in der berühmt-berüchtigten RSL (Rudolf Steiner-mailing-Liste). Da klingelt das Telefon. Ich hebe ab und es entspinnt sich folgender, leicht verkürzt wiedergegebener Dialog:
Ich: info3-Redaktion, Felix Hau ...?!
Das andere Ende: Spreche ich denn mit jemandem?
Ich: Ja. Mit mir.
Das andere Ende: Hm. --- Ich hatte nicht gedacht, dass um diese Zeit bei Ihnen noch jemand da ist.
Ich: Warum rufen Sie dann an?
Das andere Ende: Ich wollte auf den Apparat sprechen. Aber wenn noch jemand da ist: umso besser.
Ich: Was kann ich denn für Sie tun?
Das andere Ende: Ich habe ein Probeabo bestellt.
Ich: Das haben Sie gut gemacht.
Das andere Ende: Wann kommt das denn?
Ich: Wann haben Sie's denn bestellt?
Das andere Ende: Ich hatte da mit Frau Gehlen gesprochen.
Ich: Sehr gut. Und wann?
Das andere Ende: Naja --- so vor etwa 10 bis 12 Tagen.
Ich: Dann müssten Sie das aktuelle Heft eigentlich schon bekommen; es wird ab morgen ausgeliefert.
Das andere Ende: Ja - weil: sonst kauf ich es einfach.
Ich: ??? - Nee - lassen Se mal; das müsste schon passen. Die Hefte sind heute in den Versand gegangen und werden in den nächsten Tagen zugestellt.
Das andere Ende: Ja - weil: Ob ich da jetzt so ein Probeabo bekomme oder das Heft kaufe, ist mir ja egal.
Ich: Warten Sie mal noch bis Freitag; ich bin ziemlich sicher, dass Sie's bis dahin im Briefkasten haben. Wie war noch mal Ihr ...
Das andere Ende: Ja - weil: Also ich brauch’ das ja gar nicht. Ich hab das nur mal bestellt ...
Ich: ... Name? Dann kann ich gleich morgen früh mal bei uns im System nachschauen, ob Sie da bereits berücksichtigt sind; sonst schick' ich Ihnen das Heft noch schnell nach.
Das andere Ende: Also ich brauch das nicht. Ich bin nämlich ein bisschen begnadet, wissen Sie. Ich weiß sowieso, was da drin steht. Ich weiß das alles schon. Ich hab das hier für unsere Gemeinschaft XXX bestellt. Wenn da mal was Neues - also ich brauch’ das nicht; mir ist das egal. Ich kann das ja auch kaufen. Ob ich das nun im Briefkasten habe oder schnell zum Bahnhof fahre, ist ja egal ...
Was man alles verpassen würde, wenn man schon um 10 ins Bett ginge!
fh
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26.5.2006 - 11:30
Ein Lämmlein namens Ahmadinejad
Auf Seite 4 der aktuellen Wochenschrift "Das Goetheanum" (Nr. 22/06) "regt" Christine Gruwez dazu "an", einmal einen anderen Blick auf den Brief Ahmadinejads an "seinen US-Amtskollegen" zu werfen.
Die Anregung läuft darauf hinaus, dass dieser Brief dann die "Kraft eines sich steigernden Drängens [vermittelt] - wie Wellen, die leise erst, aber dann stärker auf Felsen schlagen. Auch die vielen Fragen und ihre direkte Formulierung verleihen dem Brief eine einzigartige Stimmung, die in der letzten Frage kulminiert: 'Möchten Sie nicht dabeisein?'"
Viel Spaß mit der wellengleichen Scharia, Frau Gruwez!
fh
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21.2.2006 - 13:15
Wie Rudolf Steiner es tat
Radio Anthroposophie meldet heute die interessante, weil völlig objektive Interpretation einer Begebenheit aus dem Lebensgang Rudolf Steiners. Dieser schreibt in seiner gleichnamigen Autobiographie:
Bei Kleinhäusler-Leuten machte ich jedes Jahr die Weinlese und einmal eine Dorfhochzeit mit. (GA 28, p.24)
Brigitte Schreckenbach, heißt es auf Radio Anthroposophie weiter, interpretiere diese Kindheitsschilderung folgendermaßen:
Wie Rudolf Steiner es tat, weist uns bis auf die Wort- und Bildzusammenstellung von Wein und Hochzeit auf christliche Motive hin, die des Knaben damalige Lebensstimmung in uns lebendig werden lässt. (Tatiana Kisseleff. Ein Leben für die Eurythmie, S.13)
Nun könnte man natürlich denken, dass Steiner möglicherweise einfach jedes Jahr bei der Weinlese half und einmal auch eine Hochzeit besucht hat und ebendies an der entsprechenden Stelle seiner Erinnerungen mitzuteilen gedachte, ganz ohne auf christliche Motive zu deuten. Aber sofort weiß man: das kann nicht sein. Niemals. NEIN! Im Leben nicht!!!! Denn dann wäre ja jener völlig subjektivistischen Interpretation Tür und Tor geöffnet, derzufolge Steiner tatsächlich individualistischer Anarchist gewesen wäre, tatsächlich Stirner, Nietzsche und Mackay toll fand, tatsächlich Haeckel unterstützt hat, tatsächlich Würtschen und Cognac liebte, tatsächlich die Straußsche Position zum historischen Jesus vertrat, tatsächlich Anthroposophie für eine Weltanschauung hielt, durch die man etwas werden müsse, tatsächlich permanent eine Didaktik betrieben hat, der es kaum um Inhalte, aber grundlegend um Horizonterweiterung ging, tatsächlich deshalb seinen Namen nicht von seinem Werk getrennt wissen wollte, weil es sich bei dessen Inhalten um seine ureigene Ideengestaltung (und nichts sonst) handelt, tatsächlich abendländisch-christliche Menschen durch einen abendländisch-christlichen Einweihungsweg dort abholen wollte, wo sie stehen und tatsächlich sein gesamtes Leben lang im Ich das Wesen aller Dinge sah (auch und vor allem des Dings "Christus").
Dann wäre ja womöglich Steiner tatsächlich freiheitsliebend und Mensch gewesen. Das darf nicht sein. Wie sollte man sich dann noch ein Bildnis machen?
fh
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18.2.2006 - 03:15
Entrückte Zugegenweisung
Im Dornacher Nachrichtenblatt vom 17. Februar 2006 ist ein Artikel von AAG-Vorstandmitglied Sergej Prokofieff mit dem Titel "Zurückweisung" erschienen. Dort werden von dessen Verfasser Behauptungen zur Akzeptanz aufgestellt, die völlig unakzeptabel sind und hiermit auf das aber allerentschiedenste derartig weit zurückgewiesen werden, dass es eine wahre Freude ist.
fh
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