Endlich frei!
Von Ingo Hoppe
Zwei Ex-Anthroposophen feiern öffentlich mit strahlendem Lächeln ihren »Ausstieg aus der Anthroposophie«. Endlich der Schwere des dogmatischen Muffs entkommen, endlich sich selbst wieder gefunden, endlich zurückgekehrt zu wahrer Wissenschaftlichkeit, Freiheit, Kreativität und Modernität! So etwa der Grundtenor des kürzlich erschienenen Buches der ehemaligen Eurythmisten Lydie und Andreas Baumann-Bay: Achtung Anthroposophie! - ein Fest, das selbstverständlich auch von Radio- und Fernsehsendungen brüderlich mitgefeiert wird.
Aber mit der reinen Freude des persönlichen Befreiungsaktes ist das Fest längst nicht zu Ende, es muss erst noch verantwortungsbewusst mit jenem Ungeheuer öffentlich abgerechnet werden, unter dessen Fuchtel L. und A. Baumann-Bay so lange haben leiden müssen, und das sie jetzt endlich besiegt haben: mit der Anthroposophie selbst. Nun wäre ja das kritische Hinterfragen der Anthroposophie an sich eine sehr interessante und wichtige Diskussion - entscheidend ist aber, auf welchem Niveau diese Diskussion stattfindet.
Die wesentliche Behauptung des Buches besteht in der Aberkennung sowohl des freiheitlichen als auch des wissenschaftlichen Charakters der Anthroposophie. Aber wie wird das begründet? Explizit gar nicht, zwischen den Zeilen aber wie folgt: Lydie und Andreas Baumann fragen: »Aber ist Anthroposophie wirklich so liberal? Verdient Steiners Geisteswissenschaft zu Recht das Prädikat 'wissenschaftlich'?«, um einen Satz später zu antworten: »Nun, wir behaupten: Nein! Die Begriffe 'Freiheit' und 'Wissenschaft' spielen in der anthroposophischen Praxis eine untergeordnete Rolle«, woraufhin in dem ganzen Buch hauptsächlich eine Kritik der anthroposophischen Praxis geliefert wird. Dadurch wird dem Leser eine versteckte Logik untergejubelt, die nicht klar ausgesprochen wird, sondern als rethorisches Mittel weitgehend im Hintergrund schwebt. Klar ausgesprochen heißt sie: Da die anthroposophische Praxis vielfach unwissenschaftlich und unfrei ist, so folgt daraus: also ist auch die Anthroposophie selbst (und natürlich auch Rudolf Steiner) freiheitsfeindlich und unwissenschaftlich.
Zwei völlig verschiedene Dinge: die Anthroposophie selbst und das, was viele Anthroposophen aus ihr machen, wird undifferenziert zusammengeworfen, um das eine durch die kritische Betrachtung des anderen angreifen zu können. Dieser sophistische Kunstgriff befreit dann natürlich auch davon, sich auf eine inhaltlich, sachliche Auseinandersetzung mit der Anthroposophie selbst einlassen zu müssen. Diese schon oft erfolgreich angewendete, bequeme Verurteilungs-Gewohnheit, kann dann natürlich mit Leichtigkeit durch einige ungewöhnliche - und teilweise sehr entstellte - Ausführungen Steiners über spirituelle Zusammenhänge gestützt werden; denn derart ungewohnte Ideen müssen ja auf den ersten Blick unwissenschaftlich und völlig unprüfbar erscheinen. Respekt allerdings kann einflößen, dass Lydie und Andreas Baumann-Bay offenbar selbst jahrelang eifrige Verfechter der »anthroposophischen Sache« waren, sich nun aber vollkommen von ihr abgewandt und emanzipiert haben. »Respekt« deswegen, weil die Art wie Baumann-Bay in der Anthroposophie lebten offenbar eine ganz und gar nicht gesunde, nämlich sehr dogmatische und autoritätsgläubige Art war, so dass es nur gut ist, dass sie sich von dieser Art von »Anthroposophie« nun befreit haben. Und insofern ist auch ihr Buch für Anthroposophen und solche, die es werden wollen, empfehlenswert. Die positive Wirkung des Buches könnte in folgendem bestehen: 1. Steinergläubig-dogmatische Anthroposophen können von dieser ihrer »Anthroposophie« ähnlich wie die Autoren selbst befreit und zum Ausstieg bewogen werden. Das wäre gut, weil es dann ein paar dogmatische Anthroposophen weniger gäbe.
2. Dogmatische Anthroposophen (oder solche, die es werden wollen) könnten durch das Buch angeregt werden, sich darüber klar zu werden, dass die individuelle Freiheit und selbständiges Denken zentrale Elemente der Anthroposophie sind, und infolgedessen aufhören, das Gegenteil davon zu praktizieren - dann hätten wir ein paar angenehm-anarchische Anthroposophen mehr, was auch erfrischend wäre.
Baumann-Bay erklären, sie hätten sich (nach langer Entfremdung durch die »Anthroposophie«) wieder auf ihre »ursprünglichen Ideale« besonnen und wieder gelernt, Freiheit, Kreativiät und Wissenschaftlichkeit hochzuschätzen; wieder gelernt, mehr aufgrund der eigenen Erfahrung zu denken, als nur nachzuplappern, was Steiner gesagt hat. Nun, ich würde sagen: Wenn das wirklich zutrifft, dann sind L. und A. Baumann-Bay eigentlich jetzt echte »Anthroposophen« geworden - herzlich willkommen! Sie wollten der Anthroposophie entrinnen und sind gerade dadurch erst richtig in sie eingetreten. Schade ist nur, dass sie sich dieser wunderbaren akrobatischen Leistung ihres Geistes, dieses Saltos aus der Anthroposophie hinaus und wieder in sie hinein, nicht bewusst sind, sondern meinen, nun die »Anthroposophie« niedermachen zu müssen; und zwar genau die »Anthroposophie«, von der gerade glücklich entsprungen zu sein sie so froh macht, obwohl sie doch, wie ich meine, gerade dadurch in die wahre Anthroposophie erst hinein gesprungen sind - ein Umstand, den Baumann-Bay wahrscheinlich mit Entsetzen als die unentrinnbare »Venusfliegenfalle« der Anthroposophie entlarven würde.
Die Tatsache, dass sie selbst in eine »seelische Abhängigkeit« von Steiners Ideen gekommen sind, die Tatsache, dass sie selbst eine »Umpolung des eigenen Denkens« in »einen kritiklosen Anhänger Steiners« erfahren haben, die Tatsache, dass sie selbst sich von ihren »ursprünglichen Zielen und Idealen« entfernt haben, und vieles mehr, bewirkt in ihnen nicht Selbstkritik und Selbsterkenntnis solchen unfreien Verhaltens, sondern alles wird Steiner in die Schuhe geschoben. Er ist Schuld daran, dass sie Jahre ihres Lebens in einem inneren Abhängigkeitsverhältnis verloren haben.
Es kann letztlich nur einen sicheren Weg geben, autoritätsgläubiges Denken restlos zu überwinden: ich muss es als solches in mir entlarven, enttarnen. Dies aber kann ich nur, wenn ich anfange, meine eigene Art zu denken mal konkret anzuschauen, mal zu prüfen, wie ich eigentlich innerlich vorgehe, wenn ich so meine Urteile über die Welt fälle. So kann ich mir der autoritätsgläubigen Eigenart meines Denkens bewusst werden, um es dann ändern zu können. Also durch die Beobachtung des eigenen Denkens, wie Steiner das zum Beispiel in seiner Philosophie der Freiheit vorschlägt. Aber in den Genuss dieser »Philosophie«, die eigentlich eine Selbsterfahrung ist, oder auch des Aufsatzes Der Egoismus in der Philosophie, wo das freie, individuell-kreative Handeln aus nichts als aus sich heraus mit einer regelrecht anarchistisch anmutenden und befreienden Kraft vertreten wird, sind L. und A. Baumann-Bay in ihrer »Anthroposophen-Zeit« offenbar nicht gekommen. Ebenso wenig hatten sie vermutlich die Bekanntschaft mit kreativen und selbständig denkenden Anthroposophen, deren es ja auch viele gibt, wie etwa Joseph Beuys, Herbert Witzmann oder Frieder Nögge.
Und so ist es denn auch kein Wunder, dass L. und A. Baumann-Bay kaum ein Wort über die vielen erkenntniswissenschaftlichen und freiheitlich-individualistischen Schriften und Taten verlieren, die in den bisher hundert Jahren Anthroposophie entstanden sind. Der Angriff des Buches richtet sich zwar so gut wie ausschließlich gegen die angebliche Unwissenschaftlichkeit und Unfreiheit der Anthroposophie, aber ausgerechnet mit jenen Werken, in denen Steiner Wissenschafts- und Freiheitsbegriff entwickelt, findet eine Auseinandersetzung - geschweige denn eine sachlich wissenschaftliche Auseinandersetzung - überhaupt nicht statt. Alles wird an der »anthroposophischen Praxis« festgemacht (bzw. an ein paar einseitigen und teilweise völlig falsch dargestellten Ideen Steiners), aber auch nur an derjenigen »anthroposophischen Praxis«, die auch viele Anthroposophen unerträglich finden und genauso anprangern wie sie selbst.
Es stimmt deswegen nicht, wenn L. und A. Baumann-Bay in der Einleitung behaupten, in ihrem Buch würde die »Anthroposophie als Ganzes hinterfragt und auf ihre Wirkung hin untersucht«. Hätten sie es nämlich getan, so würden sie wissen, dass diese Philosophie der Freiheit eben so wirkt, dass man fast allen Punkten ihrer Kritik an der dogmatischen Praxis vieler Anthroposophen zustimmen kann. Und durch diese Zustimmung wird in der Tat klar, dass sich ein großer Teil der anthroposophischen Praxis von den eigentlichen Impulsen der Anthroposophie deutlich entfernt hat. Dies zeigt sich zum Beispiel in den »anthroposophischen« Ausbildungsstätten. L. und A. Baumann-Bay berichten darüber (wahrscheinlich aus ihrer eigenen Erfahrung in einer Dornacher Eurythmieschule): »Wurde man als Neuling (der Anthroposophie) noch mit freundlichem Interesse empfangen, so wird einem jetzt gezeigt, dass man im Grunde ein Nichts ist. In anthroposophischen Erwachsenenausbildungsstätten (Eurythmieschulen, pädagogische Kurse, Kunstschulen etc.) wird man nämlich wie ein Volksschüler behandelt... Für Leute, die tätig im Kulturleben gestanden haben, ist es manchmal hart, alles liebgewordene ablegen zu müssen. Aber ein anthroposophisches Studium hat nun mal den Charakter einer Klosterschule. Hier gelten andere Gesetze als in der Welt. Wer weiterkommen will, muss sich anpassen... Studenten, die kritische Fragen stellen, werden zwar nicht gleich eliminiert, aber sie werden auch nicht ernst genommen. Kritik wird als ein Aufbäumen des Intellekts abgetan, und dieser soll sich doch langsam in ein Geistesbewusstsein à la Steiner wandeln. Wenn eine Aufgabe nicht einleuchtet, wird man darauf vertröstet, dass man sie später schon verstehen werde... Gedrückt wird man als Student allerdings auch, wenn man sich zu eifrig mit den Quellen beschäftigt. Wer selber bei Steiner nachliest, wie dies oder jenes zu verstehen sei, wird mit Argwohn bestraft. Anthroposophische Lehrer haben diese Art Konkurrenz nicht gern. Studenten, die 'freies Geistesleben' in diesem Sinne interpretieren, werden besonders stark korrigiert. Man lässt sie spüren, dass Hochmut zum Fall führt und dass sie besser daran täten, sich der Führung des Lehrers zu unterwerfen.« Dies gilt zwar nicht für alle anthroposophischen Ausbildungsstätten, und auch nicht immer in eben dieser Weise, aber für viele und oft genug für die Etabliertesten gilt es in der Tat. Steiner bezeichnet eine Ausbildungspraxis dieser Art übrigens schlicht als eine »barbarische Niedertretung des Individuums«, als fesselnde Zwangsreglementierung nach dem Muster der Grundschule, durch die der Student daran gehindert wird, seinen eigenen Weg zu gehen.
Es ist ja wahr, dass das Ideengebäude Steiners zur Aufgabe des eigenständigen Denkens führen kann. Deswegen hat Steiner ja auch immer wieder auf diese Gefahr hingewiesen (was materialistische Universitätsprofessoren übrigens meist unterlassen, obwohl diese Gefahr für ihre nicht selten sehr metaphysischen Ideengebäude ganz genauso gilt). Wie es aber der Einzelne damit hält, liegt letztlich doch an ihm selbst, liegt in seiner eigenen Verantwortung. Andernfalls müsste man jeden, der viel zu sagen hat, einfach zum Schweigen verurteilen - auf dass kein Mensch mehr in Versuchung komme, autoritätsgläubig zu werden. Dem Leser des Buches von L. und A. Baumann-Bay würde ich also empfehlen, auch dieses Buch kritisch zu prüfen - eine autoritätsgläubige Anti-Anthroposophie wäre auch »nichts wert«.
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