Versuch einer Positionsbestimmung
Anthroposophie in geänderter Zeitlage
Von János Darvas
Auch in der Sommerausgabe der Infoseiten Anthroposophie geht unser Schwerpunkt-Essay der Frage nach: Wo steht die Anthroposophie heute?
Wo stehen wir heute? Wo steht heute die Anthroposophie? Wie stehen wir zu ihr? Die drei Fragen gehören zusammen. Das hat einen einfachen Grund. Wir sind Zeitgenossen. Und Anthroposophie hat sich selbst von Anfang an als Instrument und Impuls innerhalb dieser Zeitgenossenschaft, für diese Zeitgenossenschaft und aus dieser Zeitgenossenschaft heraus verstanden. Ihr Ausgangspunkt ist die volle Anerkennung des auf-sich-gestellt-seins des modernen Menschen, der den Bindungen an autoritative Traditionen entwachsen ist. Ihr Ausgangspunkt ist zweitens das Ernstnehmen neuzeitlicher Wissenschaftsorientierung mit allen Konsequenzen bis hinein in die gesellschaftlichen und technologischen Umgestaltungen der Moderne. Und ihr Ausgangspunkt ist nicht zuletzt der Wille zu Kultur gestaltender Wirksamkeit im Großen, um den Durchgang durch diese anspruchsvolle und kritische Situation menschengemäß zu bewältigen.
Sie pflanzte bedeutende Beiträge im praktischen Leben ein, die aus Mitteleuropa hinüber in alle Weltteile ausstrahlten - sei es in die Pädagogik oder die Landwirtschaft, sei es künstlerisch oder in sozialen Reformen. Weil sich in Anthroposophie das wissenschaftlich Selbstverständnis der eigenen inneren Tätigkeit als Geist bewusst wird, ist sie zugleich voraussetzungslose, nicht traditionell gebundene Weisheitslehre: das Gegenwartsbewusstsein findet selbstständig Zugang zu spirituellen Seinsdimensionen - und kann von da her zugleich einen neuartigen Anschluss an das Weltkulturerbe von Religion und Esoterik finden. Damit trägt Anthroposophie die Fähigkeiten in sich, auch in solchen Kulturzusammenhängen fruchtbar zu werden, wo die Kollision von Moderne und traditioneller, noch aus alten spirituellen Quellen gespeister Kultur, schwierige, ja kritische und konfliktreiche Situationen erzeugt hat.
Und doch ist die unbestrittene Erfolgsgeschichte der Anthroposophie - ihre Leistungen und Realisationen - keineswegs ungetrübt und unverschattet. Hat sie die Hürde zum 21.Jahrhundert wirklich nehmen können? Ist sie tatsächlich zu jenem heilenden Kulturfaktor geworden, der zu sein sie beansprucht? Ist die quantitativ vergleichsweise bescheidene Ausdehnung und Aufnahme ihrer Impulse nicht doch im Ganzen zu wenig wirksam geblieben? Darf man dennoch auf die homöopathische Wirkungen der kleinen und mittleren Initiativ-Inseln weltweit - Schulen, Heime, Höfe, Kliniken, Publizistik, Sozialinitiativen, Forschungsinstitute und Akademien - hoffen, wo durch mengenmäßig Kleines qualitativ Großes bewirkt wird? Oder muss eingestanden werden, dass sich die globalen Krankheitsformen, die es zu heilen galt und gilt, so verhärtet haben, dass die kleine Zahl der Träger und Freunde anthroposophischer Aktivität bislang zu wenig auszurichten vermochte? Diese Fragen können gestellt werden. Besser wäre es aber, sich eine andere ganz lapidar vorzulegen: sind die Potentialitäten dieser zu Beginn des 20.Jahrhunderts aufgetretenen Bewegung eigentlich ausgeschöpft worden? Birgt diese eigenartige Kulturerneuerungsbewegung nicht noch etwas in sich, was bislang nicht oder zu wenig ergriffen worden ist, weil mitten im Taumel einer galoppierenden Zivilisationsentwicklung - hinein in die globale elektronische Vernetzung der Welt, hinein die Allgegenwart medialer Illusionistik, hinein in die wirksam werdenden Tendenzen eines demokratisch legitimierten Überwachungsstaates, hinein in neue geopolitische Polarisierungen, hinein in rückwärtsgewandte Nationalismen oder religiöse Fundamentalismen, hinein in die ökologischen Katastrophen - etwas übersehen, vernachlässigt, verkannt worden ist: die Korrespondenz zwischen dem, was da "draußen" läuft und der inneren Bewusstseinssituation unseres individuellen Daseins? Will man eine "Positionsbestimmung" von Anthroposophie vornehmen, und nicht bloß an der Vergangenheit haften bleiben, nicht bloß historische Bilanzen ziehen, nicht bloß resignieren oder appellieren, dann bleibt gar kein anderer Weg als dieser: sich selbst zu befragen. Anthroposophie, als Impuls innerhalb dieser Zeitgenossenschaft, für diese Zeitgenossenschaft und aus dieser Zeitgenossenschaft heraus heißt dann, jenes Einbezogensein des Ich in das Drama der Zeit zu sehen, und aus diesem Sehen schöpferische Antworten zu finden. Um das zu tun gibt es sehr viele Ansatzpunkte in den alleraktuellsten Zeiterscheinungen. Ich greife im Folgenden drei große Felder stellvertretend heraus.
Verstellte Wirklichkeit: Medienzerrbilder versus Seinserfahrung Medien bestimmen in einer nie da gewesenen Weise das seelische, gesellschaftliche, sogar das wirtschaftliche Leben unserer Zeit. Bilder und Botschaften kommen heute technologisch vermittelt bis hinein in Hütten der Buschmänner Südafrikas oder in sibirische Jurten. Das sind tief greifende Wirkungen, vom suggestiven Reiz bis hin zur gelenkten Verformung von Wahrheit und Wirklichkeit. Man sollte dabei nicht allein die Oberflächlichkeiten der Unterhaltungsindustrie im Auge haben. "Leichte Muse" ist auch früher schon zu Kitsch, Glamour und Klamauk verkommen. Schwerwiegender ist, dass seriöse Information oder Wissensvermittlung selbst durch mediale, digitale, computersimulierte Vermittlung verändernd ins Bewusstsein eingreift. Die schnelle Nachrichtenmeldung aus Politik, Wirtschaft und Kultur bis hin zu Naturereignissen öffnet zwar einen ungeheuren Spielraum für die Bildung eigener Urteile. Wer damit einigermaßen umzugehen weiß, kann nur dankbar sein, dass uns diese Möglichkeiten heute zur Verfügung stehen. Wenn aber selektive Bilder und oberflächliche Kommentierung in rasendem Staccato die Bildschirme und Schlagzeilen besetzen, wird, statt Material für aktives, selbständiges Urteilen zu liefern, Passivität produziert: ein Zuschauerbewusstsein, das abzustumpfen droht, ganz abgesehen vom Phänomen des "Infotainments", wo Nachrichtenübermittlung und Hintergrundkommentierung sich dem Unterhaltungswesen symbiotisch angepasst haben.
Von der Problematik technologisch-medialer Vermittlung sind auch Bildung und Unterricht, populäre wie akademische, betroffen. Was in Fernsehprogrammen, auf CDs und DVDs oder im Internet visuell und auditiv angeboten wird, ist didaktisch und inhaltlich zum Teil handwerklich solide. Und doch: filmische Inszenierungen geschichtlicher Ereignisse, animierte Rekonstruktionen antiker Ruinen, räumlich-visuell Darstellungen aus dem mikrobiologischen, molekularen oder interstellaren Bereich leisten einen in Bild und Bewegung geronnen Modelldenken Vorschub, wo nicht die Tätigkeit des Ich zum Erkennen erwacht, sondern vorfabrizierte Vorstellungen im Zauber graphischer Animationen erträumt werden. Oft wird zwischen Fotos oder Filmaufnahmen (die ja selber auch nicht das originäre Phänomen sind) und graphischen, dreidimensionalen Computersimulationen nicht einmal mehr unterschieden. Hinweise, um welche Technik es sich handelt, werden zunehmend weggelassen. Bildschaffende Simulationen haben nicht nur den populär-medialen Bildungs-, sondern den professionellen Wissenschaftsbetrieb selber ergriffen. Veranschaulichung, deren Nützlichkeit bis etwa in den medizinischen Bereich hinein außer Frage steht, fördert aber zusätzliche Ferne zum originären Phänomen. Diese Widersprüche sind nicht durch ein oberflächliches Pro und Contra zu überwinden. Sogar die bloß analysierende Kritik der Medienwissenschaft birgt eine Dialektik. Sie deckt die Verschränkung von materieller mit psychosozialer und politischer Technologie zwar scharfsinnig auf. Von Medientechnikern werden solche Erkenntnisse aber sogleich zu immer raffinierterer Manipulation instrumentalisiert. Ungenügend bleibt daher die bloße Diagnose der Wirkungen von Medien auf das Bewusstsein von außen. Aufzudecken wären umgekehrt die Wurzeln der Weltanschauung, welche die Selbstentfremdung des Bewussteins erst hervorbringt, und zwar im Menschen selbst. Nicht allein "Weltanschauung" als illusionistische und reduktionistische Ideologie ist zu hinterfragen, sondern das "Anschauen der Welt" selber, so wie es sich im Einzelnen konkret vollzieht. Das ist keine bloße Theorie, sondern erkennende und selbsterkennende Praxis des Bewusstseins. Die Medialisierung der Welt besteht ja nicht bloß und vor allem aus fatalen Einflüsterungen und Suggestionen außer uns liegender Mächte. Sie ist im Bewusstsein selbst veranlagt. Wie wären sonst die Anziehungskraft und der Zuspruch zu erklären, jene tendenzielle oder akute Süchtigkeit nach Dubletten der Wirklichkeit, mit denen wir uns zunehmend umstellen? Wirklichkeitsverlust entpuppt sich in der seelischen Beobachtung als Wirklichkeitsvergessenheit. Sie hat ihre Ursache in einer latenten Schwäche, die dazu führt, Wirklichkeit als fertig und objektartig zu vorzustellen. Nicht beobachtet wird der Prozess, in dem Wirklichkeit erst zustande kommt, ein Prozess, an dem das Bewusstsein selber mitbeteiligt ist. Die realitätstiftende Leistung des Bewusstseins wird in defizienter Weise abgekoppelt und hinausprojiziert. Die nicht durchschaute Beteiligung des Bewusstseins an der Entstehung von Realität meldet sich entstellt zurück, lässt seine Produktionen immer ungehemmter zu Formen gerinnen, die ihm als technisch-mediale Scheinwelten entfremdet entgegentreten.
Damit aber sind wir zugleich bei der Urwurzel von Anthroposophie, bei ihrem Erkenntnisquell als individuelle Praxis angekommen. Rudolf Steiner hat den Umgang mit Wirklichkeit im aktiven Selbsterfassen des Bewusstseins in seinem philosophischen Frühwerk nicht als bloße Vorstufe verstanden, sondern als Konstante auf dem Weg zum Geist. Der Wirklichkeitsgrund, auf dem das Individuum und die Gemeinschaften menschengemäß leben kann, ist nur durch Vollzüge des Bewusstseins offen zu legen, die über bloßes kritisches Reflektieren hinausgehen. Die Süchtigkeit nach virtueller Verstellung der Welt kann durch geistige Aktivität nachhaltig überwunden werden. Die Hinführung zu dieser Wirklichkeitssphäre - zu ihrer kräftigenden, befreienden Lebendigkeit - ist und bleibt eine sozialpädagogische Aufgabe ersten Ranges, eine Aufgabe, die im Grunde eine neue Meditationskultur intendiert.
Neue Spiritualität - sinnvoller Austausch Und gerade hier liegt eine Potentialität, welche die Frage nach einer wirklich kulturverändernden Anthroposophie betrifft. Denn meditative Praxis ist heute tatsächlich ein Kulturfaktor, der in stetem Wachsen ist. Längst ist Meditation, vornehmlich von östlichen Schulen angeregt, keine Angelegenheit kleiner marginaler Gruppen mehr. Sie ist beim Mittelstand, in den Kirchen, sogar in Managerseminaren angekommen. Sie wird als Bedürfnis empfunden, um dem zweckrationalen Druck der Moderne und dem zerstückelnden Relativismus der Postmoderne ein Gegengewicht zu setzen. Darüber hinaus finden sich allenthalben Bestrebungen, auch einen Konnex zur Wissenschaft - Hirnforschung und Psychologie vor allem - zu schaffen. In der Anthroposophie, deren Wissenschaftsanspruch auf Grundlage der oben angedeuteten Bewusstseinsphänomenologie samt und sonders auf Meditation beruht, liegt diesbezüglich etwas ungeheuer Radikales vor. Sie geht als Meditationswissenschaft hinein in die Grundlagenforschung von Wissenschaftlichkeit überhaupt, nicht nur von Psychologie und Psychophysiologie. Sie legt darüber hinaus konkrete Ergebnisse einer "Geistesforschung" vor, die alle anerkannten Wissenschaftsdisziplinen betreffen: Naturwissenschaften, Kultur- und Sozialwissenschaften bis hin zur Mathematik und Theologie. Auf der anderen Seite macht sie - hier für die Öffentlichkeit am sichtbarsten und erfolgreichsten - praktischen Anwendungen im Bereich des sozialen Lebens möglich. Das konnte bisher in dieser Weise keine andere Bewegung leisten. Weder die Bestrebungen das Dalai Lama, moderne Naturwissenschaft und buddhistische Erkenntnislehre einander näher zu bringe, noch die großen Synthesen der Integralen Spiritualität eines Ken Wilber reichen an die Erträge der geisteswissenschaftlichen Forschungsergebnisse heran, von den Anwendungsbereichen in Pädagogik, Medizin, Landwirtschaft ganz zu schweigen. Das ist zunächst eine bloße Feststellung, die den Wert dieser Bestrebungen in keiner Weise herabmindern möchte. Und sie gibt auch zu keinerlei Überheblichkeit Anlass. Im Gegenteil: gerade diese Stärke der Anthroposophie entpuppt sich bei genauerem Hinsehen nämlich zugleich als ihre fundamentale Schwäche. Denn sowohl die Fülle an Anregungen und Inhalte, die sie so ungeheuer weit, tief und intensiv in verborgene Seinsdimensionen ausgreifen, als die Handlungskonsequenzen für die konkrete, weltverändernde Kulturpraxis, fußt heute noch in erheblichem Ausmaß auf den einmaligen Leistungen ihres Begründers Rudolf Steiner. Zwar ist der gelegentlich erhobene Vorwurf, Anthroposophen beriefen sich durchgehend auf die Autorität des großen Lehrers ohne selbst zureichend Einsichten und Fähigkeiten einzubringen, überzogen. Und doch springt die Diskrepanz zwischen den Vorgaben und Zielsetzungen einerseits, und den zwar soliden und kreativen, aber demgegenüber doch letztlich begrenzten Leistungen anthroposophischer Forscher und Praktiker ins Auge. Manchmal wird melancholisch darauf hingehofft, dass eine neue große Lehrergestalt nun endlich aktualisierte Durchbrüche bringe. Gerade um neue "Offenbarungen" dürfte es aber im Kern nicht gehen. Denn Anthroposophie zeichnet sich eben dadurch aus, dass sie Anregung und kreatives Milieu sein will, um die autonome spirituelle Fähigkeitsbildung Vieler zu fördern. Ein neuer oder wiederkehrender Weltlehrer würde sich mit Sicherheit hüten, sein Können und Erkennen noch einmal den ohnehin großen Missverständnissen einer bloß enzyklopädischen Wissens-Anthroposophie und einer weiterhin existierenden latenten Autoritätsgläubigkeit auszuliefern.
Gerade in diesem Zusammenhang aber wird die Frage brennend, wie es nun wirklich um die anthroposophische Meditationspraxis bestellt ist, und wie sich eine solche Praxis innerhalb der längst angebrochenen, weiter wachsenden Meditationskultur unserer Zeit positionieren will und wird.
Die Stärke der Anthroposophie und der Meditationskultur, die mit ihr intendiert ist, fokussiert sich an einem ganz bestimmten, verborgenen und doch effizienten Ort: dem Angelpunkt zwischen individueller Entwicklung, Erweiterung von Wissenschaft und sozialer Praxis. Ist dieser Ort am Ende allzu lange und all zu sehr verborgen geblieben? Privilegiert wurden Inhalte und Ergebnisse. Über Meditation wurde viel geschwiegen, höchstens auf die Meditationsbücher Rudolf Steiners verwiesen. Erst in den letzten Jahren hat Meditation als Herzstück von Anthroposophie wieder begonnen, sich stärker im zwischenmenschlichen Raum zu artikulieren, nachdem eine ältere Generation sie wohl praktiziert, aber allzu sehr im Intimbereich zurückgehalten hat. Überwindet man diese Zurückhaltung - nicht plakativ, nicht appellativ, sondern durch die Praxis selbst - so ist zu erwarten, dass die spirituellen Erfahrungen, die allenthalben da sind, an Kohärenz, Lebensnähe und kreativer Kraft zunehmen werden. Unumgänglich ist dann auch, dass es dann mehr und mehr zum Gespräch nicht nur im inneranthroposophischen Raum, sondern auch mit seriösen Methoden und Schulen kommt, die längst gesellschaftlich wirksam geworden sind. Heute genügt es nicht mehr, den anthroposophischen Schulungsweg schützend gegenüber traditionsgebundenen Wegen geistiger Entwicklung bloß abzugrenzen. Es ist unumgänglich, diesen Schulungsweg - bei aller Kohärenz und Unabhängigkeit, der ihm eigen sein muss - in den Raum einer allgemeinen Meditationskultur hineinzustellen: Erstens, weil die Ortung von moderner Meditationspraxis am Angelpunkt von individueller Lebensbewältigung, Wissenschaftskultur und sozialer Praxis auch für Andere von Bedeutung sein kann, zweitens, weil es Universalien des Meditierens gibt, die jenseits von Schulen, Methoden und Weltanschauungen heute zum Tragen kommen wollen, und last but not least, weil im Kommunizieren Lernprozesse angeregt werden können, nicht nur für Andere, sondern auch für Freunde der Anthroposophie selber. Diese interspirituelle Aufgabe ist groß, und sie geht über das rein "Technische" des Meditierens weit hinaus. Denn sie kommt unausweichlich in Kontakt mit dem Mutterboden, auf dem Spiritualität und Meditation bisher weltgeschichtlich gebettet waren: den religiösen Traditionen.
Religion - Fundamentalismus versus spirituell Kreative Religion ist heute wieder ein Politikum. Konservative Kreise unterschiedlicher Konfessionen - Christen, Juden, Moslems, Hindus - greifen in die Gestaltung der Staaten ein, in denen sie traditionell beheimatet sind. Im Fahrwasser konservativ-religiöser Bestrebungen schwimmen auch kleine radikale Gruppen mit, und nehmen zunehmend Einfluss, sei es auf einem "langen Marsch durch die Institutionen", sei es durch Terror und Gewalt. In den letzten Jahren verzeichnen Beobachter sogar eine grenzübergreifende Vernetzung: Un-Kommissionen und internationale Kongresse zu Fragen der Frauenemanzipation oder anderer Menschenrechte werden von konservativen christlichen Aktivisten systematisch vereinnahmt, es finden auch Zusammenschlüsse mit verwandten islamischen, gelegentlich jüdischen Organisationen statt. Sie stellen sich dezidiert dem a-religiösen Säkularismus entgegen, der bisher Hauptträger der neuzeitlichen Emanzipationsbewegung war. Dieser reagiert nervös, und verschanzt sich in alten Abwehrmechanismen, indem er Religion überhaupt in Frage stellt. Offenbar ist der seit der Aufklärung laufende Kampf zwischen radikalem Laizismus und autoritär gebundener Religion noch nicht ausgestanden. Ob es zu einem "Zusammenprall der Zivilisationen" kommt - jetzt nicht zwischen Regionen oder Territorien, sondern quer durch diese hindurch zwischen einem konservativ-religiösen und einem antireligiös-progressiven Lager weltweit -, oder ob sich Brückenschläge realisieren lassen, hängt von den Wirkmöglichkeiten einer dritten Gruppe ab: den "spirituell Kreativen", wie sie gelegentlich genannt werden. Für sie ist Religion und Freiheit nicht nur kompatibel. Sie gehören in den tieferen Schichten wahrer Zeitgenossenschaft zusammen. Sie können für die Abwehrreaktionen der Konservativen gegen Irrläufe zügelloser Entmenschlichungstendenzen der Moderne Verständnis aufbringen, müssen aber die Rückbindung an autoritäre Gesinnungs- und Gemeinschaftsnormen ablehnen. Sie teilen die Grundsätze der Freiheit, die von Progressiven vertreten werden, durchschauen aber deren antispirituellen, reduktionistischen Tendenzen als Widerspruch zu eben jener Freiheit. Diese dritte Kraft kann sich aber nicht ohne weiteres in einer festen Begriffssprache oder gezielten Aktionsstrategie artikulieren. Vieles scheint da noch in der Zukunft zu liegen, die Keime dazu sind aber eindeutig da. Und Anthroposophie hat zweifellos mit dieser dritten Kraft viel zu tun.
Anthroposophie ist keine Religion. Das wird oft wiederholt, aber nicht immer verstanden. Manchmal mischt sich ein sonderbar konfessioneller Zug in ihre Praxis. Und doch dringt anthroposophische Erkenntnispraxis naturgemäß zum Religiösen vor. Weil durch Anthroposophie als Wissenschaft vom Geist ein realer Kontakt zu den Quellen spiritueller Wirklichkeit entstehen kann, werden zugleich lebendige Kräfte im Menschen freigesetzt: in Gefühl und Wollen. Es sind genau diejenigen Kräfte, zu denen einst die Menschen durch Autorität hingeführt wurden, als die großen traditionellen Religionen entstanden. Jetzt aber werden sie, unter der Ägide individueller spiritueller Erkenntnispraxis, im freien Vollzug und in rückhaltloser Verantwortlichkeit des Einzelnen erschlossen und gepflegt. Ob der Einzelne dabei nun völlig abseits von jeder äußeren Religionsgemeinschaft bleibt, ob er die ererbte Religion - welche auch immer - weiterpflegt ; ob er aus schicksalhafter Affinität, oder freier Initiative Zugang zu anderen Traditionen findet: all dies bleibt für die anthroposophische Praxis völlig außerhalb jeder Determination durch Normen oder Handlungsanweisungen. Das ist die eine Seite.
Die andere aber ist die: werden jene Kräfte des Fühlens und Wollens freigesetzt und in freier, spiritueller Erkenntnispraxis gepflegt, so entsteht potentiell ein Milieu, das sich der Aufgabe widmen kann, den Ort von Religion im Leben des Einzelnen und der Gesellschaft kreativ zu interpretieren, und zwar jenseits der Rückzugsgefechte von Links und Rechts. Das ist ein weites Feld, es reicht von der Erziehung über politische Fragen bis hin in zum interreligiösen Dialog. Besonders die großen, noch weitgehend unbewältigten ethischen Kontroversen, die das Menschsein im Kern unmittelbar betreffen - Schwangerschaftsverhütung und -abbruch, Sterbehilfe und Euthanasie, Organtransplantationen und Genmanipulation - werden von a-religiös Progressiven wie von autoritativ gebundenen Religiösen unzulänglich beantwortet. Weder die eine noch die andere Seite berücksichtigt jene Erfahrungsbereiche, denen in der anthroposophischen Forschung ein zentrales Gewicht zukommt: die Dimensionen der vorgeburtlichen und nachtodlichen Existenz des Menschen, bis hin zu den Perspektiven individueller Wiedergeburt und selbst verursachter Schicksalsbildung. Im Licht solcher Gesichtspunkte könnten die ungeheuer großen ethischen Fragen unserer Zeit völlig anders gewichtet werden als bisher, was zweifellos zu neuen Lösungsansätzen in der Gesetzgebung und für die individuelle Entscheidungsfindung führen kann. Es kann nicht darum gehen kann, diese Gesichtspunkte als Gedankenmodell per Agitation mehrheitsfähig zu machen. Und doch dürfte viel davon abhängen, ob sie von genügend Menschen aufgenommen werden, die sich darin wiedererkennen können. Das lässt viele Fragen hinsichtlich des Wie offen. Wer könnte sagen, was zu tun wäre? Oder kommt es gar nicht so sehr auf "Aktionsfahrpläne" an? Sicher ist: Gesucht werden müsste eine Sprache, die sich nicht im Jargon einer geschlossenen Insidergruppe erschöpft. Gesucht werden müssten Aktionsformen und Zusammenschlüsse jenseits des Hergebrachten. Gesucht werden muss vor allem der Weg hin zu den Menschen im gesteigerten Interesse und Mitgefühl: Eine Anthroposophie, die sich auf dem Experimentierfeld der Zeitgenossenschaft selbst auf die Probe stellt. Keine Anthroposophie, die fertige Antworten parat hält, sondern eine, und die das Wagnis eingeht, mit ihren eigenen Potentialitäten am Ende vielleicht doch ernst zu machen.
János Darvas wurde 1948 in Budapest geboren und studierte Philosophie in Wien und Paris. Seit 1973 Tätigkeit als Waldorflehrer mit den Schwerpunkten Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur und Religion sowie in der Lehrerbildung in Frankreich, Deutschland und der Schweiz. Seit 1993 an der Freien Waldorfschule Eckernförde. 1995-2003: Fachlicher Leiter des Instituts für Waldorfpädagogik in Solymár/ Ungarn. Darvas ist Korrespondent der Wochenschrift Das Goetheanum. Kommentare und Essays zu zeitgeschichtlichen, spirituellen und religiösen Fragen in verschiedenen deutsch- und französischsprachigen Zeitschriften, unter anderem in der Zeitschrift info3.
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